Das amerikanische Kidnapping in Libyen und der Betrug mit dem Krieg gegen den Terror

9. Oktober 2013

US-Verteidigungsminister Chuck Hagel gab am Sonntag bekannt, dass die beiden verdeckten Operationen, die amerikanische Spezialkräfte am Wochenende in Libyen und Somalia inszeniert hatten, „der Welt sehr deutlich gemacht haben, dass die Vereinigten Staaten keine Mühe scheuen, um Terroristen zur Verantwortung zu ziehen, egal wie lange sie es schaffen, der Justiz zu entkommen.“

Eine ernsthafte Untersuchung zeigt jedoch, dass die Botschaft, die diese Operationen ausgesandt haben, ausgesprochen undurchsichtig ist.

Die Entführung des angeblichen Al Qaida-Mitglieds Abu Anas al-Liby und der gescheiterte Überfall der Navy-Seals auf einen Führer der islamistischen Al Shabab-Miliz in Somalia – letzterer wurde angesichts von starkem Widerstand abgebrochen – werden von den amerikanischen Medien als monumentale neue Schlacht im nie endenden globalen Krieg gegen den Terror dargestellt.

Al-Liby, wurde vor einem amerikanischen Gericht wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit den Terroranschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi in Kenia und Daressalaam in Tansania angeklagt, bei denen 224 Menschen ums Leben kamen. Angeblich wird er auf einem amerikanischen Kriegsschiff im Mittelmeer gefangen gehalten – außer Reichweite der zivilen Gerichte und Gesetze – und wird dort unbekannten Verhörmethoden unterzogen.

Antiterror-Experten, ehemalige Agenten und ehemalige Kabinettsmitglieder stellen sich einer nach dem anderen vor die Fernsehkameras, um die amerikanische Bevölkerung für eine weitere kriminelle Operation Washingtons zu gewinnen.

Bei allem Gerede schweigen diese Experten über eine Sache völlig: die außergewöhnliche Geschichte von al-Liby, dem Opfer des amerikanischen Überfalls. Seine Karriere deutet nicht auf einen unerbittlichen Kampf zwischen Todfeinden hin, sondern eher auf ein Zerwürfnis zwischen intimen Partnern. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass al-Liby mit einigen der Verantwortlichen für seine Entführung per Du war. Seine Biographie bietet einen Einblick in die bizarre und erschreckende Welt der CIA, ihrer Geheimkriege, schmutzigen Tricks und weltweiten Morde.

Al-Liby schloss sich Al Qaida an, als die Terrorgruppe in den 1980er Jahren in Afghanistan die Bodentruppen für einen verdeckten Krieg der CIA für einen Regimewechsel gegen die pro-sowjetische Regierung in Kabul stellte. Damals feierte US-Präsident Ronald Reagan al-Liby und andere rechte Islamisten als das „moralische Äquivalent zu Amerikas Gründervätern“, während die US-Regierung den Krieg mit zehn Milliarden Dollar finanzierte.

Diese Beziehung war keine Erfindung Reagans. Der US-Imperialismus hatte seit Jahrzehnten reaktionäre islamistische Organisationen unterstützt, um die Interessen der USA zu stärken und sozialistische und linksnationalistische Einflüsse im Nahen Osten und anderen Teilen der Welt zu bekämpfen. Diese Schichten waren die Stoßtruppen für von der CIA unterstützte Putsche im Iran, in Indonesien und anderen Ländern.

Nach dem Krieg in Afghanistan folgte al-Liby angeblich Bin Laden in den Sudan, wo er weiterhin die Unterstützung der USA und des Westens genoss. In diesem Abschnitt der 1990er Jahre schickte Al Qaida islamistische Kämpfer nach Bosnien, um für das von den USA unterstützte muslimische Regime in Bosnien zu kämpfen. Im Jahr 1993 erhielt Bin Laden die bosnische Staatsbürgerschaft und einen bosnischen Pass. Al Qaida-Terroristen wurden auch in den Kosovo geschickt, wo sie sich der separatistischen Bewegung gegen Serbien anschlossen, die 1999 durch einen offenen Krieg der Nato unterstützt wurde.

Im Jahr 1995 zwang der Sudan Bin Laden, seine libyschen Gefolgsleute aus dem Land zu schicken, nachdem der libysche Staatschef Oberst Muammar Gaddafi Druck ausgeübt hatte. Kurze Zeit später musste auch Bin Laden selbst gehen, da der Sudan von Ägypten unter Druck gesetzt wurde, nachdem eine mit Al Qaida verbündete Gruppe versucht hatte, Präsident Hosni Mubarak zu ermorden.

Bin Laden ging nach Afghanistan, al-Liby fand in Großbritannien, Washingtons engstem Verbündeten, politisches Asyl, da ihm in Libyen Verfolgung gedroht hätte.

Im Jahr 2002 kam heraus, dass al-Liby sechs Jahre zuvor eine wichtige Figur in der Libyschen Islamischen Kampfgruppe war, die vom britischen Geheimdienst MI6 große Geldbeträge für einen letztlich gescheiterten Versuch erhielt, Gaddafi zu ermorden.

Al-Liby konnte nach den Bombenanschlägen auf die afrikanischen Botschaften noch fast zwei Jahre lang in Großbritannien leben und floh erst im Mai 2000, als er und zwanzig andere Al Qaida-Mitglieder vor einem Bundesgericht in Manhattan als Mitangeklagte Bin Ladens wegen der Terroranschläge in Afrika angeklagt wurden. Er wurde auf die FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher gesetzt.

Nachdem zehn Jahre lang nach ihm gefahndet worden war, kehrte er 2011 nach Libyen zurück und wurde wieder zu einem von den USA unterstützten Freiheitskämpfer, nachdem er sich einer der islamistischen Brigaden angeschlossen hatte, die als Stellvertretertruppen der USA und der Nato für einen Regimewechsel kämpften.

Warum al-Liby zwei Jahre nach dem Sturz und der Ermordung von Gaddafi in Tripolis gefangen genommen wurde, ist keinesfalls klar. Seine Anwesenheit war Washington schon vor Beginn des Krieges bekannt. Es ist jedoch Teil eines Musters, dass der US-Geheimdienstapparat abwechselnd eng mit Al Qaida zusammenarbeitet, um sie dann fallen zu lassen. Dieses Muster erklärt gut, wie die Terroranschläge vom 11. September stattfinden konnten – d.h., wie Al Qaida-Mitglieder, die der CIA bekannt waren, einfach in die USA einreisen, Flugstunden nehmen und das Massaker vom 11. September vorbereiten konnten.

Das gleiche Phänomen zeigte sich auch bei dem Al Qaida-Anschlag am 11. September 2012 auf diplomatische- und CIA-Einrichtungen in der ostlibyschen Hafenstadt Bengasi, bei dem der amerikanische Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Amerikaner ums Leben kamen. Stevens hatte die Hauptrolle darin gespielt, die amerikanischen Militäraktionen mit Operationen von Islamisten wie al-Liby zu koordinieren.

Nach dem Krieg richtete die CIA eine große Geheimbasis in Bengasi ein, deren Zweck es war, Waffen an ähnliche Elemente zu liefern, die in dem Krieg gegen das Regime in Syrien kämpfen. Etwas hat diese Beziehung belastet, vermutlich Ressentiments unter den islamistischen Milizen, die der Ansicht waren, sie seien von ihren amerikanischen Geldgebern nicht ausreichend mit Geld oder Macht entschädigt worden.

Al-Libys Entführung durch Delta Force-Kommandos, über die die nahezu machtlose libysche Übergangsregierung angeblich nicht einmal informiert wurde, zeigt die wahren Ergebnisse des Krieges, den die Obama-Regierung als Kreuzzug für Menschenrechte, Demokratie und Freiheit dargestellt hat. Nachdem Tausende getötet und die Infrastruktur des Landes größtenteils zerstört wurde, liegt Libyen in Trümmern. Es wird von islamistischen Milizen und Warlords beherrscht, Entführungen, Folter und Morde sind an der Tagesordnung, und die Ölproduktion und andere wirtschaftlich wichtige Aktivitäten sind völlig zum Stillstand gekommen.

Eine der erstaunlichsten Facetten in diesem räuberischen Krieg ist, dass pseudolinke Organisationen, wie die International Socialist Organization in den USA, die Socialist Workers Party in Großbritannien und die Neue Antikapitalistische Partei (NPA) in Frankreich ihn als Revolution dargestellt und Beihilfe zu der völligen Zerstörung und Unterwerfung einer ehemaligen Kolonie geleistet haben.

In den letzten zwölf Jahren hat Washington militärische Aggressionen und die Einführung von Polizeistaatsmethoden im eigenen Land mit dem endlosen „Krieg gegen den Terror“ gerechtfertigt. In diesem Zeitraum war die größte Errungenschaft der Regierungen Bush und Obama, zwei säkulare arabische Regimes zu stürzen – das irakische und das libysche. In Syrien versuchen sie das gleiche zu tun. Jede dieser Interventionen hat die Gesellschaften dieser Länder zerstört.

Vor den amerikanischen Interventionen existierte Al Qaida in keinem dieser drei Länder, heute ist sie in allen dreien aktiv. Zehntausende Menschen in der ganzen Region wurden durch den religiös motivierten Krieg für den Regimewechsel in Syrien, den die USA finanzieren, unter ihrem Banner vereint.

In der Biographie von al-Liby wird der wahre Charakter des „Kriegs gegen den Terror“ noch klarer. Er ist das Nebenprodukt zahlreicher schmutziger Operationen der US-Geheimdienste, die Elemente wie Al Qaida benutzen und dann fallen lassen. Die Folge davon sind terroristische Aktivitäten, die als Vorwand für Kriege im Ausland und staatliche Unterdrückung im Inland benutzt werden.

Bill Van Auken

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