Wachsende Spannungen in Asien bedeuten Gefahr von Weltkrieg

Von Nick Beams
7. Dezember 2013

Es ist schon einigermaßen bemerkenswert, dass am Vorabend des hundertsten Jahrestags des Ersten Weltkriegs im August 2014 in herrschenden Kreisen und Medienkommentaren immer häufiger die Aussicht auf einen erneuten Weltkrieg thematisiert wird. Dahinter stehen die Spannungen aufgrund des Konflikts zwischen den USA, Japan und China.

Das jüngste Beispiel ist ein Artikel des Wirtschaftskorrespondenten der Financial Times, Martin Wolf, vom Mittwoch.

Wolf beginnt seinen Artikel mit dem Titel “China sollte nicht die Fehler des Kaisers wiederholen” mit den Worten: “Wird es uns gelingen, eine offene globale Wirtschaft zu retten und gleichzeitig die Spannungen zwischen einer aufsteigenden Autokratie und Demokratien in relativem wirtschaftlichem Niedergang zu managen? So stellte sich die Frage mit dem Aufstieg des kaiserlichen Deutschland zu Europas führender Wirtschafts- und Militärmacht Ende des 19. Jahrhunderts. So stellt sich die Frage heute durch den Aufstieg des kommunistischen China. Heute wie damals ist das Misstrauen groß und nimmt zu. Heute wie damals steigern Maßnahmen der aufsteigenden Macht das Risiko von Konflikten. Wir wissen, wie die Geschichte 1914 endete. Wie wird sie ein Jahrhundert später enden?“

Unter Hinweis auf die zunehmenden Spannungen im Ostchinesischen Meer erinnert Wolf daran, dass dem Ersten Weltkrieg eine ganze Reihe von Konflikten vorangingen, darunter der Streit zwischen Frankreich und Deutschland über den Status von Marokko in Nordafrika. Scheinbar kleinere Ereignisse wie jetzt der Zusammenstoß wegen der umstrittenen unbewohnten Felsengruppe Senkaku bzw. Diaoyu können „sich schnell zu Konflikten mit katastrophalen Folgen aufschaukeln.“

Das Risiko eines ruinösen Konflikts existiert, aber er ist keineswegs unvermeidlich, versichert Wolf seinen Lesern, und vielleicht nicht einmal wahrscheinlich. Aber er ist nicht auszuschließen und wahrscheinlicher als noch vor einem Monat.“

Wolf ist ein entschiedener Verteidiger der kapitalistischen Ordnung. Ihr Markt- und Profitsystem ist für ihn die höchste und daher einzig mögliche Form gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Organisation. Daher versucht er davon abzulenken, dass „der Krieg zur Abschaffung aller Kriege“ 1914 aus den Widersprüchen des kapitalistischen Systems selbst entsprang.

In der Tradition der Verteidiger des britischen Imperialismus schreibt Wolf die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg Deutschland zu. Die „Irrtümer des Kaisers“, behauptet er, bestanden darin, dass Deutschland versuchte, die Allianz zwischen Großbritannien und Frankreich zu stören. China sollte daher nicht den gleichen Fehler machen und versuchen, einen Keil zwischen Japan und die USA zu treiben.

Um dieses Argument zu stützen, zitiert Wolf das Buch des englischen Liberalen Norman Angell in dem dieser behauptete, der Krieg werde sich als sinnlos erweisen, selbst für die Sieger, und sollte deshalb nicht geführt werden. Trotzdem kam der Krieg mit allen seinen schrecklichen Folgen.

Wolfs Standpunkt ist, der Krieg könne abgewendet werden, wenn nur diese Lehren aus der Geschichte gezogen würden.

Der Zweck solcher Behauptungen besteht darin, die Tatsache zu verschleiern, dass der Erste Weltkrieg nicht deswegen ausgebrochen ist, weil Deutschland die Ratschläge der britischen Liberalen nicht beherzigt hat, das britische Empire nicht herauszufordern. Der Zusammenstoß wurde von der Expansion des kapitalistischen Systems und von den Konflikten vorangetrieben, die sich dadurch notwendigerweise zwischen den rivalisierenden Großmächten entwickelten.

1907 schrieb ein führender Beamter des britischen Außenministeriums unter Anleitung von Außenminister Lord Grey ein Memorandum, in dem er erklärte, dass es letztlich irrelevant sei, ob Deutschlands Absichten militaristisch oder friedlich seien. Die wachsende wirtschaftliche Stärke Deutschlands sei an und für sich schon eine Bedrohung des britischen Empires und deswegen müsse man sich auf Krieg vorbereiten.

In einem seltenen Moment der Offenheit wies Winston Churchill in einer Haushaltsdebatte über die Ausgaben für die britische Marine in der Periode vor dem Krieg auf diese Gegensätze hin: „Wir haben Territorien, so viel wir wollen, und unser Wunsch, diese riesigen und großartigen Besitzungen, die wir weitgehend mit Gewalt erobert und überwiegend mit Gewalt verteidigt haben, zu behalten, erscheint uns oftmals vernünftiger als anderen.“

Die gegenwärtige Situation ist nicht mit der vor dem Ersten Weltkrieg völlig gleichzusetzen.

China ist anders als Deutschland kein imperialistisches Land, sondern agiert im Rahmen einer globalen politischen und wirtschaftlichen Struktur, die vom US-Imperialismus und seinen Verbündeten dominiert wird. Aber die beispiellose wirtschaftliche Expansion, die sich aus der Rolle Chinas als Billiglohnland für die globalen Konzerne ergeben hat, erzeugt gefährliche Spannungen in den geopolitischen Verhältnisse, an deren Spitze die USA stehen.

Die weltweite Suche Chinas nach Rohstoffen und seine wirtschaftlichen und politischen Allianzen, die es mit anderen Ländern eingeht, um ihren kontinuierlichen Fluss sicherzustellen, bringt es in Konflikt mit den geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen des US-Imperialismus.

Das ist nicht das Ergebnis expansionistischer Absichten des chinesischen Regimes, sondern ergibt sich aus der Logik der kapitalistischen Entwicklung selbst. Die chinesische kapitalistische Oligarchie fürchtet die riesige chinesische Arbeiterklasse und versucht, das Wirtschaftswachstum als Grundlage für ihre weitere Herrschaft aufrechtzuerhalten.

Dieses schnelle Wachstum, besonders nach der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation, führte zu einer strategischen Umorientierung der USA durch die Obama-Regierung, den gegen China gerichteten sogenannten “Pivot to Asia“ (Schwerpunktverlagerung auf Asien).

Die zentrale Forderung der USA ist, dass China sich an die internationalen “Regeln” halten müsse, die in jeder Weltregion die politischen und wirtschaftlichen Interessen der USA widerspiegeln. Das beinhaltet auch die Anerkennung des ungehinderten Rechts des amerikanischen Militärs durch China, in den Gewässern und dem Luftraum unmittelbar vor seiner Küste zu operieren. Diese Operationen beinhalten auch Übungen für einen umfassenden militärischen Angriff auf das chinesische Festland, wenn die USA dies für angebracht halten.

Es gibt noch eine wichtige Parallele zur Vorkriegssituation von 1914. Trotzki bemerkte, dass der schwere Absturz der Weltwirtschaft 1913 starke Auswirkungen auf die schon bestehenden politischen Spannungen hatte. Es war nicht so sehr so, dass der Krieg das Wirtschaftswachstum zum Stillstand brachte, sondern dass der Abschwung „die Konkurrenz auf das Intensivste verschärfte“ und zu einer Situation führte, in der kapitalistische Länder „sich gegenseitig aus dem Markt zu drängen versuchten … mit mechanischen Mitteln.“

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 erlebt die Weltwirtschaft ein immer langsameres Wachstum. Investitionen, einer der Schlüsselindikatoren kapitalistischer Expansion, stehen sogar auf einem rekordverdächtig niedrigen Niveau.

Alle Widersprüche des kapitalistischen Systems, die zum Ersten Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen führten, machen sich wieder mit explosiver Macht geltend.

Die internationale Arbeiterklasse muss mit ihrem Programm eingreifen und sich mit der Krise des imperialistischen Systems und der wachsenden Kriegsgefahr konfrontieren. Sie muss den Kampf für die sozialistische Weltrevolution und den Sturz des verfaulenden kapitalistischen Profit- und Nationalstaatensystems aufnehmen.