Georg Büchner (1813-1837)

Ein zeitgemäßes Jubiläum – Teil 2

Von Sybille Fuchs
28. Dezember 2013

Georg Büchner - Revolutionär mit Feder und Skalpell, Ausstellung vom 13.10.2013 bis 16.02.2014. Darmstadtium, Schlossgraben 1, 64283 Darmstadt. Gleichnamiger Katalog, Verlag Hatje Cantz, 612 S., 58,– €

Seit Oktober 2013 erinnert eine Ausstellung in Darmstadt an den zweihundertjährigen Geburtstag Georg Büchners (1813-1837). Hier der zweite Teil einer Besprechung dieser sehenswerten Ausstellung über den revolutionären Dichter und Naturwissenschaftler, der nur 23 Jahre alt wurde (der erste Teil ist hier zu finden).

Portrait Georg Büchners von Philipp August Joseph Hoffmann, 1833. Das Portrait wurde erst vor kurzem wieder entdeckt.

Oberhessen gehörte damals zu den ärmsten und rückständigsten Gebieten Deutschlands. Die Kleinbauern mit ihren nur wenige Hektar großen Höfen konnten kaum überleben. Durch die Bauernbefreiung von 1811 hatte sich ihre Lage keineswegs gebessert, denn während sie früher Naturalien an den Grundherrn abgeben oder Hand- und Spanndienste leisten mussten, mussten sie diese jetzt in Geld ablösen. Dadurch verschuldeten sich viele so stark, dass sie ihre Höfe aufgeben mussten, um als Tagelöhner ihr Dasein zu fristen oder nach Amerika auszuwandern.

Nach der Aufhebung der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre drängten zudem englische Garne und Tuche auf den Markt, so dass auch der Nebenerwerb durch Spinnen und Weben keinen Ausgleich mehr schaffen konnte. Auch die preußischen Zollgesetze, die den Warenverkehr in frühere Absatzgebiete verhinderten, trugen zum Niedergang dieser Nebengewerbe bei. Reiche Bauern und Grundbesitzer privatisierten die Allmende, das im Allgemeinbesitz befindliche Land, und die Wälder. Damit wurde den Armen das Weiden ihres Viehs oder das Holzsammeln verboten oder stark eingeschränkt. Außerdem drückten immer höhere Steuerlasten. So kam es zu Nahrungskrisen, Hungerrevolten und ersten Aufständen der Landbevölkerung.

Im Jahr 1830 rebellierten aufständische Bauern. Rund zweitausend verarmte Bauern und mittellose Landarbeiter, Mägde und Knechte aus dem Gebiet des Vogelsberg marschierten mit Dreschflegeln, Mistgabeln, Sensen und Knüppeln über Büdingen in die Wetterau, plünderten adelige Güter, brannten deren Anwesen sowie Zollhäuser, Ämter und Polizeistationen nieder, vernichteten Akten und Grundbücher. Die Bewegung wurde mit äußerster Brutalität niedergeschlagen.

„Friede den Hütten - Krieg den Palästen“

In Gießen gründet Georg Büchner zusammen mit seinem Kampfgefährten August Becker und einigen anderen die geheime revolutionäre „Gesellschaft für Menschenrechte“. Er entwirft die politische Flugschrift Der Hessische Landbote.

Darin begnügt er sich keineswegs mit bloßer Agitation, sondern belegt seine Anklagen mit höchst anschaulichen Statistiken. Genaue Zahlen und Fakten belegen die schreiende soziale Ungleichheit, die Verschwendung und den Luxus des Hofes, der herrschenden Kreise, ihres Heeres und ihres Beamten- und Justizapparats auf Kosten der armen Landbevölkerung. Büchner rechnet vor, dass die 700.000 Einwohner jährlich über sechs Millionen Gulden aufbringen müssen, während sie selbst hungern. Die Flugschrift ist in weiten Passagen in höchst nüchternem und sachlichem Ton gehalten, umso drastischer wirken seine Anklagen.

„Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten. Jeden Schritt zu ihr müsst ihr mit Silber pflastern, und mit Armut und Erniedrigung erkauft ihr ihre Sprüche. (…). Ihr dürft euern Nachbarn verklagen, der euch eine Kartoffel stiehlt; aber klagt einmal über den Diebstahl, der von Staats wegen unter dem Namen von Abgabe und Steuern jeden Tag an eurem Eigentum begangen wird, damit eine Legion unnützer Beamten sich von eurem Schweiße mästen; klagt einmal, dass ihr der Willkür einiger Fettwänste überlassen seid, und dass diese Willkür Gesetz heißt; klagt, dass ihr die Ackergäule des Staates seid; klagt über eure verlornen Menschenrechte: Wo sind die Gerichtshöfe, die eure Klage annehmen, wo die Richter, die Recht sprächen? – Die Ketten eurer Vogelsberger Mitbürger, die man nach Rockenburg schleppte, werden euch Antwort geben.“ (i)

Der Hessische Landbote, Politische Flugschrift von 1834, Titelseite

Büchner hat aber keineswegs nur die Verhältnisse im Großherzogtum und die Lage der ländlichen Armut im Auge. Er schildert in wenigen Absätzen die historische Lage in Europa, angefangen von der Französischen Revolution, als „das Volk in Frankreich müde [war], länger die Schindmähre seines Königs zu sein“, und die Menschrechte erklärte:

„Keiner erbt vor dem andern mit der Geburt ein Recht oder einen Titel, keiner erwirbt mit dem Eigentum ein Recht vor dem andern. Die höchste Gewalt ist in dem Willen aller oder der Mehrzahl. Dieser Wille ist das Gesetz, er tut sich kund durch die Landstände oder die Vertreter des Volks, sie werden von allen gewählt, und jeder kann gewählt werden; diese Gewählten sprechen den Willen ihrer Wähler aus, und so entspricht der Wille der Mehrzahl unter ihnen dem Willen der Mehrzahl unter dem Volke.“

Der König habe auf die Verfassung geschworen „ er wurde aber meineidig an dem Volke, und das Volk richtete ihn, wie es einem Verräter geziemt. Dann schafften die Franzosen die erbliche Königswürde ab und wählten frei eine neue Obrigkeit, wozu jedes Volk nach der Vernunft und der Heiligen Schrift das Recht hat.“

Nach dem Sieg der Revolution über die Interventionsarmeen der europäischen Fürsten und Könige wuchs die „junge Freiheit (…) im Blut der Tyrannen, und vor ihrer Stimme bebten die Throne und jauchzten die Völker. Aber die Franzosen verkauften selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und erhoben ihn auf den Kaiserthron.“

Nach der Niederlage Napoleons, als die „dickwanstigen Bourbonen“ wieder herrschten, kam es 1830 wieder zur Erhebung des Volkes, und „als tapfere Männer im Julius 1830 den meineidigen König Karl den Zehnten aus dem Lande jagten, da wendete dennoch das befreite Frankreich sich abermals zur halberblichen Königsherrschaft und band sich in dem Heuchler Louis Philipp eine neue Zuchtrute auf.“

Dann schildert Büchner, wie die deutschen Fürsten – auch der hessische Großherzog – aus Angst, ihre Macht gänzlich zu verlieren, bereit waren, Verfassungen zu erlassen.

„Das Volk traute ihnen leider und legte sich zur Ruhe. – Und so ward Deutschland betrogen wie Frankreich. Denn was sind diese Verfassungen in Deutschland? Nichts als leeres Stroh, woraus die Fürsten die Körner für sich herausgeklopft haben.“

Er beschreibt den Betrug der Wahlgesetze, „wonach keiner gewählt werden kann, der nicht hochbegütert ist, wie rechtschaffen und gutgesinnt er auch sei“. (ii)

Durch Vermittlung des Butzbacher Theologen Friedrich Ludwig Weidig wird die Schrift geheim in Offenbach gedruckt und von den Mitverschwörern verbreitet. Weidig hat sie allerdings vorher überarbeitet und ihr nicht nur einen etwas christlicheren Anstrich verpasst, sondern sie auch in weiten Teilen in seinem Sinne umgemodelt und auf ein Bündnis mit den bürgerlichen Liberalen und burschenschaftlichen Intellektuellen ausgerichtet. Sein politisches Ideal ist eine Wiedergeburt des mittelalterlichen Wahlkaisertums.

Büchner hingegen, der vermutlich von den ersten proletarischen Streiks in Frankreich und den Aufständen der Lyoner Textilarbeiter 1832 gehört hat, hat heftige Auseinandersetzungen mit Weidig über die politische Ausrichtung der Bewegung. Büchner lehnt ein Bündnis mit den reichen Bürgern ab, weil er weiß, dass eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft nur von den armen Massen ausgehen kann. In Hessen, wo eine kapitalistische Industrie erst in den allerersten Anfängen steckt, muss dies in seinen Augen die arme Landbevölkerung sein.

Ihm geht es darum, die armen und verelendeten Massen für einen politischen Umsturz zu gewinnen. So distanziert er sich nachträglich in Gesprächen und Briefen an seine Freunde heftig von Weidigs Änderungen. Besonders wütend ist er darüber, dass Weidig den Ausdruck die „Reichen“ durch die „Vornehmen“ ersetzte. Zwar ist Büchners Originalmanuskript nicht erhalten geblieben, aber aus seinen Äußerungen und auch aus den Gerichtsakten geht seine Position eindeutig hervor. Ihm ist klar, dass es nicht nur um Veränderung der politische n Strukturen geht, sondern um eine soziale Revolution, um die Verwirklichung sozialer Gleichheit. (iii)

Zahlreiche Exemplare des Landboten werden von den Behörden beschlagnahmt. Karl Minnigerode, ein Schulfreund Büchners, fällt mit 150 Exemplaren der Druckschrift durch Verrat eines Mitverschwörers der Polizei in die Hände und wird verhaftet. Auch gegen Büchner wird Haftbefehl erlassen. Nach einer Hausdurchsuchung bei ihm wird er von dem Universitätsrichter Georgi verhört. Allerdings wird der Haftbefehl gegen ihn aus taktischen Gründen zunächst nicht vollzogen, wohl weil man erst das gesamte Ausmaß der Verschwörung aufklären will. Aber Büchner ist klar, dass er von nun an unter Beobachtung steht und bespitzelt wird.

Die Darmstädter Ausstellung zeigt in Karten die Verbreitung der Flugschrift. Sie hat trotz Polizeiterror und Beschlagnahmungen relativ weite Teile Hessens erreicht. Aber nur wenige Empfänger der Schrift wagen es, sie weiterzureichen. Viele geben die Schrift, gelesen oder ungelesen, bei der Obrigkeit ab. Die gewaltsame Niederschlagung der Revolte von 1830 hat ihre Spuren hinterlassen. Zu einem Aufstand kommt es nicht. Weil eine Arbeiterklasse noch kaum vorhanden ist, sind weder in Hessen, noch im übrigen Deutschland die Bedingungen reif für eine soziale Revolution und die Enteignung der „Reichen“.

Um weiterer politischer Verfolgung zu entgehen, kehrt Büchner Gießen den Rücken und geht zunächst ins Elternhaus nach Darmstadt zurück. Dort gibt er seine revolutionären Aktivitäten aber keineswegs auf, sondern gründet eine Darmstädter Sektion der Geheimgesellschaft. In diesen Wochen sorgt er sich um seine verhafteten Freunde und Mitverschwörer.

Dantons Tod

Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder.“
(1. Akt, 5. Szene)

Kurz vor seiner Flucht nach Straßburg schreibt Büchner im Januar 1835 in Darmstadt in nur fünf Wochen sein erstes Drama „Danton's Tod“.

Der Stoff dieses Dramas hat seine Gedanken offenbar seit langem beherrscht. Nachdem sein eigener Versuch, eine revolutionäre Bewegung ins Leben zu rufen, gescheitert ist, wählt Büchner als Thema die Französische Revolution, und zwar gerade die Phase kurz vor dem Sieg des Thermidors.

Dieses Stück wird heute im Unterricht oder anlässlich von Aufführungen immer wieder als Beweis für Büchners vollständige Resignation und Abkehr von der Revolution angeführt. Es wird als Antirevolutionsdrama interpretiert und entsprechend aufgeführt. Aber dies ist zu einseitig.

Zweifellos verarbeitet Büchner in diesem Drama auch seine eigenen gescheiterten revolutionären Erfahrungen. Er ist überzeugt, „dass nichts zu tun ist, und dass jeder, der im Augenblick sich opfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt“, wie er in einem Brief an seinen Bruder Wilhelm 1835 darlegt. Büchner leidet, aber er sucht gleichzeitig die äußeren Ursachen der Niederlage zu ergründen: Ihm geht es darum, nicht nur das Scheitern eines Revolutionärs zu verstehen, sondern zu begreifen, warum die Revolution gescheitert ist. Schon in einem Brief an seine Braut vom März 1834 hat er geschrieben:

„Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich. Es fällt mir nicht mehr ein, vor den Paradegäulen und Eckstehern der Geschichte mich zu bücken. Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser. Das muss ist eins von den Verdammungsworten, womit der Mensch getauft worden. Der Ausspruch: es muss ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Ich mag dem Gedanken nicht weiter nachgehen.“ (iv)

Die Sätze „Es muss ja Ärgernis kommen, aber wehe dem, durch den es kommt, – ist schauderhaft. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ kehren fast wörtlich in seinem Drama wieder. Sie geben Dantons resignativer Stimmung anlässlich der Aussichtslosigkeit der Schreckensherrschaft Ausdruck. Er selbst, Danton, hat den Auftakt dazu gegeben, als er zur Verteidigung der Revolution 1792 den Sturm auf die Tuilerien und die Verhaftung des Königs anführte.

Guillotine (zeitgenössische Darstellung)

Es greift zu kurz, Dantons Revolutionsmüdigkeit zum Kernpunkt des Dramas und zur alleinigen Aussage des Autors zu machen. Büchner hat die Geschichte gründlich studiert und zahlreiche Quellen zu Rate gezogen. Er geht gleichsam mit wissenschaftlicher Präzision gegen seine Depression und seine Skepsis in die Zukunft vor. Er sucht nach den „Umständen, die außer uns liegen“ (Brief an die Familie, Februar 1834).

In gewisser Hinsicht nimmt Büchner in seiner dramatischen Bearbeitung der Französischen Revolution eine materialistische Geschichtsauffassung des Klassenkampfs vorweg. Darin unterscheidet er sich von den utopischen Sozialisten des Saint-Simonismus, die er in seinen Briefen eher mit wohlwollendem Spott bedenkt, auch wenn er ihren Grundsatz der materiellen Gleichheit aller Menschen teilt.

Noch weniger vertraut er auf die Einsicht und Bereitschaft der Besitzenden, friedlich auf ihren Reichtum und ihre Privilegien zu verzichten. Abstrakte Ideale sind nicht sein Ding. Ihm ist klar, dass es um materielle Interessen geht.

Sehr bewusst siedelt er die Handlung seines Dramas gerade in einer Phase der Revolution an, in der deutlich wird, dass sie die Erwartungen der Schicht, die vor allem für ihre Ideale gekämpft haben, nicht erfüllen kann. Diese Schicht ist der vierte Stand: Er hat für die Revolution gekämpft und die größten Opfer gebracht.

Büchner ist vollkommen klar, dass eine Revolution nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie eine Gesellschaft hervorbringt, die die Bedürfnisse des einfachen Volks und der Ärmsten der Armen befriedigen kann. Er weiß, dass die Französische Revolution dies noch nicht erreichen konnte und daher gescheitert ist. In einer Volksszene zu Beginn seines Dramas kommen die Stimmung der Betrogenen und ihr Zorn auf die Profiteure der Revolution deutlich zum Ausdruck:

„Sie haben uns gesagt: schlagt die Aristokraten tot, das sind Wölfe! Wir haben die Aristokraten an die Laternen gehängt. Sie haben gesagt: das Veto [Der König] frisst euer Brot; wir haben das Veto totgeschlagen. Sie haben gesagt: die Girondisten hungern euch aus; wir haben die Girondisten guillotiniert. Aber sie haben die Toten ausgezogen, und wir laufen wie zuvor auf nackten Beinen und frieren. Wir wollen ihnen die Haut von den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen, wir wollen ihnen das Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen. Fort! Totgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat!“ (1. Akt, 2. Szene)

Büchners Danton ist widersprüchlich. Einerseits gibt er in seiner Verteidigungsrede vor dem Revolutionstribunal wörtlich die großartige Verteidigungsrede des historischen echten Revolutionärs wider, der sich durch die Erinnerung an seine entscheidende Rolle rechtfertigt und seinen Gegnern ein anderes politisches Programm zur Stabilisierung der Revolution und der Republik entgegenhält. Andererseits verkörpert er im gesamten Drama mit seinem Fatalismus und seinem Epikuräertum, seiner Hoffnungslosigkeit und Tatenlosigkeit das Scheitern der Revolution. Büchners Danton weiß von Anfang an, dass sein Schicksal besiegelt ist. Seinen Freunden, die ihn zum Widerstand auffordern, entgegnet er: „ich bin eine Reliquie, und Reliquien wirft man auf die Gasse“.

Ihm gegenüber steht Robespierre, der verzweifelt versucht, dieses Scheitern durch einen Strom von Blut aufzuhalten. In einer zentralen Szene antwortet er auf Dantons Einwand: „Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an; ich sehe keinen Grund, der uns länger zum Töten zwänge“, mit dem Satz: „Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft ist noch nicht tot, die gesunde Volkskraft muss sich an die Stelle dieser nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen.“ (1. Akt, 6. Szene) Aber auch er kann dem Volk kein Brot geben. Büchners Danton zeigt Robespierre als einen abstrakte Phrasen dreschenden Ideologen.

Das Ziel des historischen Danton, die Stabilisierung der Revolution, findet real statt. Die reiche städtische Bourgeoisie kann ihre ökonomische und letztlich ihre politische Macht auf Kosten des Kleinbürgertums und des Proletariats festigen. Dantons Vision von der Republik, die die Gegensätze versöhnen könnte, lässt sich nicht verwirklichen. Sein Tod besiegelt in Büchners Drama die Unmöglichkeit des Klassenkompromisses, wie der Literaturwissenschaftler Hans Mayer bemerkt. (v)

Büchner macht klar, dass beide Protagonisten, Danton so gut wie Robespierre, scheitern mussten. Das ist das Thema seines Dramas und die Tragik der Geschichte der Französischen Revolution, die ihm durch seine eigenen Erfahrungen bestätigt wurde. Büchner zeigt die Enttäuschung und Erbitterung der Massen, aber er zeigt auch, dass sie keinen Ausweg wissen. Er ist noch nicht in der Lage, die gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit hinter diesem Scheitern zu begreifen. Er sieht schon die Klassengegensätze zwischen der gerade zur Macht gelangten Bourgeoisie und dem entstehenden Proletariat, aber er kann noch keine Lösung des Konflikts erkennen.

Büchner lässt St. Just vor dem Nationalkonvent die Worte sprechen:

„Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein Auflodern des tellurischen Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat? Eine unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege lägen.

Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?“ (2. Akt. 7. Szene)

Danton muss geopfert werde, weil er sich dem Fortgang der Revolution widersetzt, Aber auch St. Just und Robespierre scheitern. Büchner ahnt, dass die Gründe für ihr Scheitern wie für sein eigenes als Revolutionär außerhalb ihres Wollens liegen. Er sucht sie in der menschlichen Natur und dem Gang der Natur überhaupt. Dem „Fatalismus der Geschichte“, ihrem „ehernen Gesetz“, wie er es im Brief an die Braut ausdrückte, kann er ebenso wenig entrinnen wie seine Helden. Ihm scheint, dass jeder Versuch, die sozialen Verhältnisse zu ändern, an der menschlichen Natur scheitern und im Sieg der Geldaristokratie enden müsse. Hier wird, wie Mayer schreibt, das „historisch Begrenzte seiner Sicht auf die Geschichte deutlich“ (vi)

Die Flucht

Büchner sendet das Manuskript an den Verleger Sauerländer in Frankfurt am Main. Auf Empfehlung des Vormärzliteraten und Verlagsmitarbeiters Karl Gutzkow wird das Drama angenommen, allerdings der Zensur wegen ziemlich stark überarbeitet. Auf diese Weise wird das Drama, präventiv zensiert und einigermaßen politisch entschärft, in der Zeitschrift Phönix abgedruckt. Später erscheint es als selbständiger Text unter dem Titel “Dramatische Bilder aus Frankreichs Schreckensherrschaft“, ein Titel, den Büchner„abgeschmackt“ findet.

Was die Änderungen Gutzkows betrifft, schreibt Büchner am 28. Juli 1835 an die Familie:

„Über mein Drama muss ich einige Worte sagen: erst muss ich bemerken, dass die Erlaubnis, einige Änderungen machen zu dürfen, allzusehr benutzt worden ist. Fast auf jeder Seite weggelassen, zugesetzt, und fast immer auf die dem Ganzen nachteiligste Weise. Manchmal ist der Sinn ganz entstellt oder ganz und gar weg, und fast platter Unsinn steht an der Stelle.“

Nicht weniger als 111 Änderungen Gutzkows hat er registriert. Der Zensur zuliebe hat Gutzkow nicht nur Büchners politische, sondern auch und vor allem die erotischen Ausdrücke und Anspielungen ausgemerzt oder abgeschwächt. Der Autor ist berechtigterweise empört, hat er doch zu Sexualität und Erotik ein für seine Zeit höchst unverkrampftes Verhältnis. Er wollte „der Geschichte treu bleiben und die Männer der Revolution geben (…), wie sie waren, blutig, liederlich, energisch und zynisch. Ich betrachte mein Drama wie ein geschichtliches Gemälde, dass seinem Original gleichen muss“.

Im gleichen Brief schreibt er:

„(…) der Dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtsschreiber. (…) Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen. Sein Buch darf weder sittlicher noch unsittlicher sein, als die Geschichte selbst; aber die Geschichte ist vom lieben Herrgott nicht zu einer Lektüre für junge Frauenzimmer geschaffen worden, und da ist es mir auch nicht übel zu nehmen, wenn mein Drama ebensowenig dazu geeignet ist. Ich kann doch aus meinem Danton und den Banditen der Revolution nicht Tugendhelden machen! (…) Der Dichter ist kein Lehrer der Moral, er erfindet und schafft Gestalten, er macht vergangene Zeiten wieder aufleben, und die Leute mögen dann daraus lernen, so gut, wie aus dem Studium der Geschichte und der Beobachtung dessen, was im menschlichen Leben um sie herum vorgeht. Wenn man so wollte, dürfte man keine Geschichte studieren, weil sehr viele unmoralische Dinge darin erzählt werden, müsste mit verbundenen Augen über die Gasse gehen, weil man sonst Unanständigkeiten sehen könnte, und müsste über einen Gott Zeter schreien, der eine Welt erschaffen, worauf so viele Liederlichkeiten vorfallen.“ (vii)

Da sich die Schlinge um ihn enger zieht und Verhaftung droht, muss Büchner aus Darmstadt nach Straßburg fliehen, wo er sich erneut an der Hochschule einschreibt. In Darmstädter und Frankfurter Zeitungen erscheint inzwischen ein Steckbrief Büchners.

Was ihn erwartet hätte, wäre er nicht geflohen, sondern verhaftet worden, wird an dem Schicksal Weidigs deutlich. Dieser wurde über zwei Jahre lang unter übelsten Bedingungen gefangen gehalten und misshandelt. Verzweifelt brachte er sich vier Tage nach Büchners Tod selbst um, indem er sich die Kehle durchschnitt.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

(i) http://gutenberg.spiegel.de/buch/416/1
Dieses und alle folgenden Zitat aus dem Landboten ebd.

(ii) http://gutenberg.spiegel.de/buch/416/1

(iii) Vergl. Hans Mayer: Büchner und seine Zeit, Wiesbaden 1946, S. 94ff

(iv) http://gutenberg.spiegel.de/buch/421/3

(v) H. Mayer: a.O., S. 195

(vi) ebd. S., 109

(vii) http://gutenberg.spiegel.de/buch/421/1