Dave Hyland und die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte

Von Nick Beams
5. Februar 2014

Wir veröffentlichen hier die Mitschrift einer aufgezeichneten Videobotschaft von Nick Beams, dem Nationalen Sekretär der Socialist Equality Party in Australien, die am 18. Januar auf der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Dave Hyland, dem früheren Nationalen Sekretär der Partei, der am 8. Dezember 2013 verstorben ist (vgl. „Gedenkveranstaltung würdigt Dave Hylands politischen Kampf“), ausgestrahlt wurde.

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Genossen und Freunde,

auch wenn ich physisch nicht anwesend sein kann, so möchte ich mich doch mit meiner Stimme denen anschließen, die ihre Dankbarkeit und Wertschätzung des Kampfes ausdrücken, den Genosse Dave Hyland zur Verteidigung des Programms und der Prinzipien des Internationalen Komitees der Vierten Internationale geführt hat.

Ich spreche hier nicht allein für mich, sondern für die gesamte Führung und Mitgliedschaft der australischen Sektion unserer Weltbewegung.

Ich begegnete Dave das erste Mal bei einer internationalen Schulung im September 1984 am College für marxistische Bildung in Derbyshire, das von der Führung der Workers Revolutionary Party geleitet wurde. Wir gingen aufeinander zu und fanden sofort zu einem freundschaftlichen politischen und persönlichen Verhältnis. In späteren Jahren scherzten wir, dass wir gemeinsam die Schulbank gedrückt hätten.

Der Bergarbeiterstreik erreichte gerade einen kritischen Punkt und die Schulungsteilnehmer nahmen an einer von der WRP geleiteten Lobby-Veranstaltung beim Trades Union Congress (TUC – britischer Gewerkschaftsbund) in Brighton teil, deren Zweck es war, Unterstützung für die Bergarbeiter zu fordern. Wir ahnten damals nicht, dass Arthur Scargill, der Führer der Nationalen Bergarbeitergewerkschaft (NUM), den TUC überhaupt nicht um Unterstützung ersucht hatte, geschweige denn diese forderte.

Folgerichtig bot der TUC auch keine Unterstützung an. Er veröffentlichte lediglich eine bedeutungslose Stellungnahme, mit der er das Existenzrecht der NUM anerkannte, während er keinen Finger dagegen krümmte, dass die volle Macht des Staates gegen sie mobilisiert wurde.

Am Morgen nach der Lobby-Veranstaltung beim TUC trafen wir uns zur Schulung und zur Besprechung der Ergebnisse und Beschlüsse des TUC. Ich saß direkt neben Dave.

Er kochte vor Wut. Aber es war schwer auszumachen, was ihn mehr aufbrachte: der Verrat des TUC selbst oder seine Vertuschung durch den Leitartikel „This Morning“ in der News Line, der Tageszeitung der WRP.

Die Leitung der Schulung versuchte, eine den Sektionen des Internationalen Komitees gegenüber feindselige Atmosphäre zu erzeugen. Wie wir heute wissen, war dies die logische Konsequenz der fortschreitenden nationalistisch-opportunistischen Degeneration, die in den vorhergehenden Jahren stattgefunden hatte.

Dave Hyland zeigte hingegen ein vollkommen anderes Verhalten. Er versuchte, ernstgemeinte politische Zusammenarbeit zu erreichen und gemeinsame politische Erfahrungen zu besprechen. Wir beiden konnten nicht wissen, dass wir nur zwölf Monate später vereint in der politischen Schlacht unseres Lebens stehen und kämpfen würden.

Wir entdeckten außerdem, dass wir auch auf persönlicher Ebene vieles gemeinsam hatten, insbesondere unsere Liebe für die Popmusik der 1960er Jahre, unserer Jugendzeit. Besonders liebten wir das Lied, nach welchem Daves Tochter Julie ihren Namen erhielt.

Nachdem ich Dave bei der Schulung kennen und seine Eigenschaften schätzen gelernt hatte, war ich überhaupt nicht überrascht, als ich mitten in der Implosion der WRP im Oktober 1985 nach Großbritannien kam, ihn als Führer derjenigen Tendenz anzutreffen, die für das Programm des Internationalen Komitees kämpfte.

Ich erinnere mich gut an die Versammlung vom 25. Oktober 1985. Dem IK gelang es, zwei Resolutionen verabschiedet zu bekommen, in denen sowohl die Krise in der WRP als das Resultat von nationalistischem Opportunismus definiert, als auch die Perspektive des IK für die Lösung der Krise der trotzkistischen Bewegung in Großbritannien dargelegt wurde.

Genosse Dave kämpfte für die Annahme dieser sowie der darauffolgenden Resolutionen des Internationalen Komitees. Er war sich der provokativen und feindseligen Aktivitäten von Michael Banda und Cliff Slaughter bestens bewusst und sorgte bei dieser ersten Tagung dafür, dass einige Arbeitergenossen vor den Türen anwesend waren, sodass das Meeting ordnungsgemäß durchgeführt werden konnte.

Als sich die Krise in den nächsten Wochen offen zuspitzte, hielt ich mich gemeinsam mit Genossen Keerthi Balasuriya, dem Generalsekretär der srilankischen Sektion, in Großbritannien auf. Wir arbeiteten damals engstens mit Dave zusammen für das Programm des IK. Es waren schwierigste Bedingungen; täglich, sogar stündlich, gab es Provokationen der WRP-Führung.

Bei verschiedenen Gelegenheiten sprach Trotzki von der “physischen Kraft des Denkens.” Ich konnte die Fleischwerdung dieses Gedankens beobachten, als Genosse Dave seinen Kampf innerhalb der WRP führte.

Um eine Vorstellung von der damaligen Atmosphäre zu geben, bietet es sich an, einen Absatz aus der Erklärung des IK Wie die WRP den Trotzkismus verraten hat zu zitieren:

“Der Anblick, der sich den IK-Delegierten bot, als sie sich zu einem Dringlichkeits-Treffen Ende Oktober in London versammelt hatten, spottet jeder Beschreibung. Was wie eine gut geölte Maschine ausgesehen hatte, war explodiert und flog in alle Richtungen auseinander. Der alte Apparat, der Healys Despotismus als Fundament gedient hatte, zerbarst in tausend Stücke und löste das schauderhafteste aller gesellschaftlichen Schauspiele aus – die Panik wütender Kleinbürger. Die schreckliche politische Degeneration der WRP unter Healy spiegelte sich am klarsten in der Verwirrung und Fehlorientierung derer wider, die er angeblich ausgebildet hatte.“

Es ist wichtig, die Rolle die Dave spielte, nicht auf die britische Sektion zu beschränken, sondern in ihrer internationalen Bedeutung zu ermessen.

Wir in Australien standen einer Gruppe von Unterstützern von Michael Banda und Cliff Slaughter gegenüber, die bestrebt war, unsere Sektion zu liquidieren. Während wir um Klärung in der Bewegung rangen – und ich bin überzeugt, dass auch andere Sektion sich in der gleichen Situation befanden –, war Dave, der in England an vorderster Linie einen unnachgiebigen Kampf für unser gemeinsames Programm führte, eine unschätzbare Kraftquelle für uns.

Zu Recht stellt die Versammlung Daves Rolle in den Ereignissen von 1985-86 heraus. Aber auch seine anschließende Rolle sollte gewürdigt werden. Die langanhaltende Degeneration der WRP hinterließ eine große Menge Konfusion und Desorientierung. Die Kader waren falsch geschult worden und es dauerte seine Zeit, dieses Erbe wirklich zu überwinden. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass dies keine einfach zu bewältigende Aufgabe war, insbesondere in Großbritannien, wo so viel angerichteter Schaden behoben werden musste.

Abschließend möchte ich Eure Aufmerksamkeit auf zwei, wie mir scheint, wesentliche Lehren lenken, die aus unserer Würdigung von Genosse Daves Bedeutung gezogen werden sollten.

Die erste ist die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Der Marxismus gründet auf den objektiven Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft. Aber er hat nichts gemein mit Fatalismus oder Passivität und dergleichen.

Erreicht der historische Prozess einen ausschlaggebenden Wendepunkt, dann erweisen sich die Entscheidungen, die Individuen fällen, sowie die Kämpfe, die sie auf Grundlage dieser Entscheidungen ausfechten, als entscheidender Faktor. Daves Entscheidung, für das Programm des IK zu kämpfen, war eine solche Entscheidung.

Die zweite Lehre betrifft breitere Prozesse. Genosse Dave bezog unter den denkbar schwierigsten Umständen seine enorme Kraft aus dem Programm des Trotzkismus, für das er so unermüdlich kämpfte.

Sobald der Geist dieses Programms die Führung der Arbeiterklasse so durchdrungen hat, wie er Dave durchdrungen hatte, wird die Arbeiterklasse zu einer so gewaltigen Kraft werden, dass keine Macht auf Erden mehr imstande sein wird, sie aufzuhalten. Dies ist die fortlebende Lehre seines Lebens und Kampfes.