Dave Hyland und der Kampf für sozialistisches Bewusstsein

Von Ulrich Rippert
8. Februar 2014

Wir veröffentlichen hier den Redebeitrag von Ulrich Rippert, dem Nationalen Sekretär der Partei für Soziale Gleichheit, den er am 18. Januar auf der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Dave Hyland hielt, dem früheren Nationalen Sekretär der britischen Socialist Equality Party. Hyland ist am 8. Dezember 2013 gestorben und wurde am 18. Januar mit einer internationalen Gedenkveranstaltung in Sheffield gewürdigt.

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Genossen und Freunde,

Es macht mich stolz, an der Gedenkveranstaltung für Genossen Dave Hyland teilzunehmen und an sein Leben und seinen politischen Kampf zu erinnern.

Was Dave verkörperte, das wird im kommenden Aufschwung des internationalen Klassenkampfes von entscheidender Bedeutung sein: die Stärke, das Selbstvertrauen, die revolutionäre Energie und die Entschlossenheit der Arbeiterklasse. Dabei verstand Dave jedoch – und das ist die Schlüsselfrage – dass diese Eigenschaften in der Arbeiterklasse nur auf der Grundlage einer sozialistischen und internationalistischen Perspektive entwickelt werden können, und dass dies nur durch den Aufbau des Internationalen Komitees der Vierten Internationale geschehen kann.

Als ich mich mit Dave nur wenige Wochen vor seinem Tod traf, war seine Krankheit schon sehr weit fortgeschritten. Sein Optimismus und sein Vertrauen in die sozialistische Zukunft der Menschheit waren jedoch unerschütterlich. Und dass unsere Partei die bevorstehenden Kämpfe der Arbeiterklasse anführen wird, davon war er felsenfest überzeugt.

Wir erinnerten uns an die lebhaften Tage im Oktober 1985, zur Zeit der Spaltung von der Workers Revolutionary Party, und wie wichtig es gewesen war, dass Dave die Initiative ergriffen und Kontakt mit Genossen David North hergestellt hatte, und dass er sich damals dem Kampf der trotzkistischen Opposition gegen den nationalistischen Opportunismus der WRP anschloss.

Für uns beide war dieser Kampf eine politische Wiedergeburt und der Beginn einer sehr engen politischen Zusammenarbeit und persönlichen Freundschaft.

Eine Frage, die wir dabei immer wieder aufwarfen, lautet: Wie kann man sozialistisches Bewusstsein in der Arbeiterklasse entwickeln?

Die Führung der WRP kämpfte unaufhörlich gegen Lenins und Trotzkis Auffassung, dass sich sozialistisches Bewusstsein nicht automatisch aus dem Klassenkampf entwickelt. Dieses Bewusstsein muss durch die Funktionsweise der revolutionären Partei von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden, da es sich aus den unmittelbaren Formen des Klassenkampfs wie etwa Streiks nicht unmittelbar ergibt.

In seinem berühmten Werk Was tun? erklärt Lenin, dass allseitige Analysen, Enthüllungen und politische Bildung unerlässlich sind. Für Dave und mich war diese Frage von entscheidender Bedeutung.

Wir waren beide Fabrikarbeiter und wir wussten, dass Arbeiter im Verlauf eines Streiks sehr radikale Positionen entwickeln können. Sie sind fähig, den kapitalistischen Staat herauszufordern, und manchmal entwickelt sich bei Arbeitern, die im Arbeitskampf stehen, eine richtige Aufstandsstimmung. Dave erzählte mir von seiner Erfahrung aus dem Bergarbeiterstreik von 1984, der hier stattgefunden und über ein Jahr gedauert hatte. Er war damals Parteiorganisator in Yorkshire.

Doch selbst die radikalsten Formen der Militanz bleiben im Rahmen des bürgerlichen Bewusstseins gefangen. Sozialistisches Verständnis und sozialistisches Bewusstsein verlangen allseitige politische Informationen auf der ganzen Welt, sowie die Einsicht in sehr tiefgehende historische Fragen. Nur auf dieser Grundlage kann jene kulturelle Entwicklung innerhalb der Arbeiterklasse stattfinden, die von solch entscheidender Bedeutung für die sozialistische Revolution ist. Dave verstand diese Fragen, und wir hatten viele Diskussionen über die Bedeutung der politischen Erziehung der Arbeiterklasse.

Das ist wichtig, denn ich habe oft den Eindruck, dass hier in Großbritannien die Klassenunterschiede direkter, deutlicher hervortreten und bewusster sind als in vielen anderen Ländern. Die Arroganz der britischen Mittelklasse, ihre herablassende Haltung, zeigt sich offen. Gleichzeitig wird hier die Aussage „Ich bin ein Arbeiter“ von einem gewissen proletarischen Stolz und direkten und herausfordernden Tenor getragen. Dave repräsentierte dieses Selbstbewusstsein der Arbeiter. Aber er verstand auch, dass Gewerkschaftsbürokraten und kleinbürgerliche Intellektuelle diesen Klassenstandpunkt gerne dazu missbrauchen, einen gewissen Workerism, eine Arbeiter-Selbstbezogenheit zu kultivieren, die darauf abzielt, Arbeiter von politischer Bildung und Kultur fernzuhalten.

Wir sprachen oft davon, dass es notwendig ist, auch sehr tiefgründige theoretische Fragen zu studieren und zu verstehen, was nur auf der Grundlage eines konkreten Studiums der Geschichte der trotzkistischen Bewegung möglich ist. Gerade deshalb ist der Kampf, den das Internationale Komitee zur Wiedererrichtung sozialistischen Bewusstseins aufgenommen hat, von absolut entscheidender Bedeutung.

Der Fraktionskampf in unserer Bewegung spielte sich vor tiefgreifenden objektiven Veränderungen ab. Der Zusammenbruch der Gewerkschaften und der alten Arbeiterbewegung hatte katastrophale Konsequenzen. Es wurde offenkundig, dass die Krise der proletarischen Führung, die Trotzki im Übergangsprogramm als „Hauptproblem der Weltlage als Ganzer“ beschrieben hatte, nicht allein mittels taktischer Initiativen oder Militanz zu lösen war. Es war notwendig, sozialistisches Bewusstsein und eine sozialistische Kultur in der Arbeiterbewegung wiederaufzubauen. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten wurde die World Socialist Web Site zum wichtigsten Werkzeug, um dieses Ziel zu erreichen.

Trotz seiner fortschreitenden Krankheit und ihrer furchtbaren Auswirkungen war Dave ein begeisterter Mitarbeiter an der World Socialist Web Site. Ich war oft überrascht, wie gut er informiert war. Als ich ihn im November besuchte, begrüßte er mich mit den Worten, „Hast du den Bericht von der SEP-Demonstration in Detroit zur Verteidigung des Detroit Institute of Arts (DIA) gelesen?“

Er war tief beeindruckt darüber, dass unsere amerikanischen Genossen mehrere hundert Arbeiter zur Verteidigung des DIA versammeln konnten. Er fasste dies als einen wichtigen Schritt in der kulturellen und politischen Entwicklung der Arbeiterklasse auf.

Die Entscheidung, die Dave vor fast dreißig Jahren gefasst hatte, den Kampf von Genossen Dave North und der Workers League (und damit die internationale sozialistische Perspektive des IKVIs) zu unterstützen, war von historischer Bedeutung. Die gesamte Geschichte der Vierten Internationalen stand auf dem Spiel.

Für unsere Arbeit in Deutschland war das absolut ausschlaggebend. Auf dieser Grundlage entwickelten wir zwischen unseren Sektionen eine sehr, sehr enge Zusammenarbeit. In den zahlreichen gemeinsamen Sommerschulungen, Diskussionen und Konferenzen, die wir organisierten, haben wir die Lehren aus dieser Spaltung gezogen. Und es ist deutlich geworden, dass sie sehr tiefgehende Veränderungen in der objektiven Situation ausdrückte. Dies zeigte sich besonders am Zusammenbruch der stalinistischen Regime, der seinen höchsten Ausdruck in der Auflösung der Sowjetunion fand.

Ohne die Spaltung und den politischen wie theoretischen Kampf gegen den Opportunismus der WRP wären wir niemals in der Lage gewesen, in Deutschland politisch zu überleben. Der Zerfall der stalinistischen Regime in den Jahren 1989-90 und die vor fast 25 Jahren begonnene Wende leiteten eine gewaltige weltweite Offensive gegen die Arbeiterklasse ein. Die gegenwärtige Zerstörung der Sozialsysteme begann nicht mit der Wirtschaftskrise des Jahres 2008. Vielmehr haben jene, die jetzt die Offensive anführen, während der Zerfallsphase der Sowjetunion ihre Unterweisung und Ausformung erfahren. Anschließend machten sie sich daran, weltweit die sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse zu liquidieren.

Diese Offensive verlief nicht allein auf organisatorischer Ebene, sondern ebenso auf theoretischer und ideologischer. Gemeinsam mit den stalinistischen Organisationen, den Sozialdemokraten, der Labour Party und den Gewerkschaften verwandelten sich alle kleinbürgerlichen linken Organisationen in direkte Agenturen des Imperialismus.

Damals sprachen wir von dem Phänomen des „Zurückweisertums“, als diese Organisationen ihre politische Orientierung vollständig wandelten. Heute nimmt ihr Rechtsschwenk ganz offene Formen an. Diese Pseudolinken sind bei allen sozialen Angriffen, der Zerstörung demokratischer Rechte und der Errichtung von Polizeistaaten überall an vorderster Stelle.

In Ländern wie Griechenland, Portugal, Irland und Spanien wird diese Vernichtung der Sozialsysteme zu einem Modell, das bald in allen Ländern Schule machen wird.

Die Frage stellt sich: Warum können sie das tun, ohne dass sich eine Revolution entwickelt? Um dies beantworten zu können, muss man die Rolle der Gewerkschaften und pseudolinken Organisationen untersuchen, die die Gewerkschaften dabei unterstützen, jede unabhängige Bewegung der Arbeiterklasse zu unterdrücken.

Wir führten zahlreiche Diskussionen, in denen wir eins erklärten: Wer in der Arbeiterklasse eine revolutionäre Partei – unsere Partei – aufbauen will, der muss einen politischen und theoretischen Kampf gegen die pseudolinken Tendenzen führen.

Alle ungelösten Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts, die Fragen von Krise, Krieg und Revolution, kehren heute wieder zurück.

Ebenso wie in den 1930er Jahren entwickelt sich die Krise in Richtung eines Krieges. Seit Jahresbeginn gibt es in Deutschland eine Kampagne, die den Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren thematisiert. Zahleiche Bücher sind erschienen, darunter Christopher Clarks Die Schlafwandler, das zuerst hier in Großbritannien publiziert wurde.

Zugleich erschienen andere Bücher über den Ersten Weltkrieg, die aber alle ein Ziel verfolgen: Sie richten die Kanonen auf die wissenschaftliche und marxistische Erkenntnis der Beziehung zwischen Kapitalismus und Krieg. Die Autoren weisen die Position zurück, dass der imperialistische Krieg in den Widersprüchen des Kapitalismus wurzelt. Sie tun diese Sicht als „deterministisch“ und altmodisch ab; neue Informationen oder neue Entdeckungen hätten sie widerlegt.

Sie haben sich eine durch und durch subjektive Interpretation der Geschichte zu Eigen gemacht. Sie sagen, der deutsche Kaiser, der Kanzler, die Minister, die Generäle, sie alle hätten die falschen Entscheidungen getroffen, indem sie die Situation aus dem falschen Blickwinkel betrachtet hätten und deshalb zu falschen Schlüssen gekommen seien.

Die Schlussfolgerung, die die Autoren ziehen, besteht darin, dass wir eine gebildete Elite bräuchten. Eine Expertenregierung sei erforderlich. Gewählte Politiker seien nicht in der Lage, diese Funktion auszuüben, argumentieren sie, weil sie zu sehr unter dem Einfluss des Volkes stünden. Und diese Eliten bräuchten unumschränkte Macht, um ihre Entscheidungen gegen die Bevölkerung durchzusetzen.

Eine zweite Schlussfolgerung, die sie ziehen, besteht darin, dass es notwendig sei, sehr früh in regionale Konflikte einzugreifen – nicht nur politisch und diplomatisch, sondern auch militärisch. Und deshalb sei es notwendig, starke Berufsarmeen aufzubauen.

Mit anderen Worten, im Namen des Kampfes gegen den Krieg verlangen sie den Aufbau von Militärkräften und die Vorbereitung von Diktaturen. Und wieder gehen die Pseudolinken dieser Argumentation an vorderster Stelle voran: für „humanitären Imperialismus“ und für „Menschenrechtskriege“!

Ich schneide das an, weil die Grundlage dieser ideologischen Kampagne um den Ersten Weltkrieg in einem Angriff auf den historischen Materialismus besteht, das heißt auf den Marxismus.

Es war genau diese Frage, die vor dreißig Jahren im Mittelpunkt der Spaltung unserer Bewegung stand. Der Kampf richtete sich gegen die subjektiven idealistischen Positionen, die die WRP-Führung entwickelt hatte. Eins der ersten Dokumente, das wir damals erhielten, war David Norths Kritik der Studien im dialektischen Materialismus von Healy. Sie hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Vorbereitung auf unseren Kampf gegen den Opportunismus der WRP.

Die Fragen, die wir vor dreißig Jahren in unserer Bewegung auszufechten hatten, wurden zu den heutigen Kernfragen unseres politischen Kampfs gegen Krieg und Diktatur.

Ich glaube, es ist äußerst wichtig, die enorme objektive politische und theoretische Stärke zu begreifen, die diese Partei und ihre Geschichte repräsentieren. Um diese historische Perspektive zu verteidigen, entschied sich Genosse Dave Hyland, mit den Internationalisten gegen die WRP-Führung zu kämpfen und diese Kräfte hier aufzubauen.

Wenn man sich die Frage vorlegt, wie das Leben und die politische Arbeit von Genossen Dave Hyland zu würdigen sei, dann gibt es nur eine Antwort. Man muss sich mit diesen Ideen und dieser Perspektive bekannt machen. Man muss die Geschichte dieser Bewegung studieren und sich dem Kampf zum Aufbau der Weltpartei der sozialistischen Revolution anschließen.