Eine Würdigung Dave Hylands

Von David North
22. Februar 2014

Wir veröffentlichen hier den Redebeitrag, den David North am 18. Januar auf der Gedenkveranstaltung zu Ehren von Genossen Dave Hyland in Sheffield hielt. David North ist Vorsitzender der Socialist Equality Party in den Vereinigten Staaten und Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site. Dave Hyland verstarb am 8. Dezember 2013.

**

Daves Tod am 8. Dezember kam nicht überraschend. Seit über zwanzig Jahren litt er an einer äußerst aggressiven rheumatischen Arthritis. Doch trotz der Schwere seiner Erkrankung entwickelte Dave Widerstandskräfte, die wissenschaftlicher Erklärung nicht zugänglich scheinen. Seine Willensstärke, sein Verlangen zu leben und bestmöglich am Leben teilzunehmen, setzte sich in reale physische Kraft um.

Als Dave vor vier Jahren schon einmal das Bewusstsein verlor, sagten die Ärzte seiner Familie, er werde wahrscheinlich nur noch wenige Tage leben. Doch er kam wieder zu Bewusstsein und nahm trotz immenser körperlicher Behinderung sein aktives politisches und intellektuelles Leben wieder auf.

Bis zuletzt konnte man hoffen, dass Dave uns noch ein wenig länger erhalten bleiben würde. Doch im November wurde deutlich, dass seine Krankheit nicht länger in Schach zu halten war. Er trug diese Tatsache mit Würde und lehnte weitere Bemühungen ab, sein Leben zu verlängern, weil er sie für nutzlos hielt.

Mir wurde berichtet, dass er einmal inmitten schlimmster gesundheitlicher Probleme zu seiner Tochter Julie sagte: „Das Leben ist schön.“

Dave ertrug die Härten seiner Krankheit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Er bewahrte sich seinen Optimismus und seine Lebensfreude. Manch einer, der eine so lang anhaltende Krankheit mit großen physischen Schmerzen und Beschwerden ertragen muss, würde resignieren, sich emotional verschließen und vom intellektuellen Leben zurückziehen. Nicht so Dave.

Als ich im November mit Dave sprach, wussten wir beide, dass es das letzte Mal sein würde. Es klingt vielleicht seltsam, aber unser Gespräch war ganz und gar nicht trist. Dave nahm immer noch stark am Weltgeschehen Anteil, er war der Sache des internationalen Sozialismus leidenschaftlich ergeben und interessierte sich für alles, was vorging.

Dave sagte mir, er bereue im Wesentlichen nichts an seinem Leben. Seine Entscheidung in den frühen 1970er Jahren, sich der trotzkistischen Bewegung anzuschließen, ergab sich notwendigerweise aus den politischen Schlussfolgerungen, die er als klassenbewusster Arbeiter aus den großen Kämpfen der Epoche gezogen hatte. Die wichtigste Entscheidung seines Lebens war für ihn der Entschluss, 1985 seinen Widerstand gegen den nationalen Opportunismus der Workers Revolutionary Party auf die Geschichte, die Prinzipien und das Programm des Internationalen Komitees zu stützen. Als sich sein Leben dem Ende zuneigte, brachte Dave seinen Stolz auf die Entwicklung der World Socialist Web Site und sein Vertrauen in die Zukunft der Bewegung zum Ausdruck, für die er einen unvergänglichen Beitrag geleistet hat.

Alle Redner haben über die Ereignisse von 1985 gesprochen. Nächstes Jahr werden es dreißig Jahre sein, seit dieser Kampf stattgefunden hat. Es ist für uns, die wir damals dabei waren, als sei es erst gestern gewesen. Aber die Fotos auf der heutigen Ausstellung belehren uns eines Besseren. Damals waren wir noch junge Männer. Doch obwohl drei Jahrzehnte verflossen sind, haben sich die Ereignisse von 1985 unserem Gedächtnis so lebhaft eingeprägt, als sei das alles erst gestern passiert. Der Grund dafür ist, dass nach wie vor eine starke Verbindung zwischen jenen Ereignissen und unserem heutigen Leben besteht.

Dave hätte gerne seine Siebziger- oder Achtzigerjahre erlebt. Aber keiner kann sicher sein, so lange zu leben. Wichtiger indessen als ein langes Leben ist das, was man aus den Jahren macht, die man zur Verfügung hat. Der wahre Erfolg eines Lebens zeigt sich daran, ob man die besten Seiten seiner Jugend auch am Lebensabend noch bewahrt und ob man die innere Logik der eigenen Erfahrungen versteht.

Dave war in der Lage, sein Leben als miteinander verbundene Kapitel eines größeren historischen Ganzen zu verstehen. Sein Leben wurde von sozialistischen Grundsätzen geleitet, an denen er viele Jahrzehnte lang festhielt. Sein Leben hatte einen Sinn und stand im Zusammenhang mit den großen historischen Ereignissen seiner Zeit.

Das Leben von uns allen wird von gewaltigen objektiven Kräften beeinflusst. Wer älter wird, entwickelt ein besseres Verständnis dafür, wie stark der Lauf unseres Lebens von Faktoren bestimmt wird, die außerhalb unserer direkten und unmittelbaren Kontrolle liegen. Doch wir sind nicht machtlos. Jeder von uns muss entscheiden, wie er auf die großen objektiven Kräfte der Geschichte reagiert.

Die Fotografien und Dokumente in der Ausstellung illustrieren die Prinzipien, die das Bindeglied in Daves Leben bildeten. Es gibt nichts Traurigeres, als sein Lebensende zu erreichen, ohne ein wichtiges Ziel nennen zu können, das das eigene Handeln bestimmt hat, ohne die Frage beantworten zu können: „Welchen Sinn hatte es?“ – oder als auf die Frage nach der Vergangenheit zu antworten: „Ich erinnere mich nicht“. Menschen, die sich nicht erinnern, wollen sich in der Regel nicht erinnern, weil sie sich längst von den Idealen ihrer Jugend verabschiedet haben.

Dave wusste, worum es in seinem Leben gegangen war. Er erinnerte sich und er wollte die Erfahrungen, durch die er gegangen war, in Erinnerung behalten. Dies erklärt, warum Dave der letzten Etappe seines Lebens mit Ruhe und Gelassenheit begegnete. Ich glaube, er ging davon aus, dass eine Veranstaltung wie diese stattfinden und sein Leben objektiv und angemessen würdigen würde.

Dave wird ohne Frage als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Geschichte der britischen und internationalen Arbeiterklasse im Gedächtnis bleiben.

Er kam nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Epoche zur Welt, in der die Militanz der Arbeiterklasse wieder auflebte. Wie Hunderttausende andere britische Arbeiter, die in den 1960er Jahren erwachsen wurden, glaubte auch Dave, dass die Zeit gekommen sei, die Niederlage des Generalstreiks von 1926 und die Demütigungen der hungrigen dreißiger Jahre heimzuzahlen. Durch seinen Vater hatte er eine direkte Verbindung zu dieser Periode sozialer Kämpfe.

In der Hoffnung auf ein sozialistisches Großbritannien brachte die britische Arbeiterklasse im Jahr 1945 die Labour Party an die Macht. Doch in dem darauffolgenden Vierteljahrhundert setzten die Labour Party (in- und außerhalb der Regierung) und der britische Gewerkschaftsbund TUC mit Unterstützung der stalinistischen Kommunistischen Partei den Großteil ihrer Energie nicht für den Kampf gegen die verhassten Tories ein, sondern konzentrierten sich darauf, die Kämpfe der Arbeiterklasse einzudämmen, zurückzudrängen und zu verraten.

Der jüngeren Generation, die nur die Rückschläge der Arbeiterklasse erlebte, aber niemals die Macht der Arbeiter im Kampf sah, mag es schwerfallen, den Optimismus und die Entschlossenheit zu verstehen, die im Großbritannien der 1960er und frühen 1970er Jahre vorherrschten. Die Musik dieser Zeit vermittelt ein Stück weit diese Stimmung. Man begegnete dem alten System mit Verachtung, denn man war entschlossen, ihm ein Ende zu bereiten. Und offensichtlich gab es eine Kraft, die dazu imstande war.

Der Wahlsieg der Tories 1970 löste eine Welle von Arbeiterkämpfen aus. Die Regierung war entschlossen, die Streiks mit dem Industrial Relations Act zu unterdrücken. Aber die Arbeiter weigerten sich, Gesetze als rechtmäßig anzuerkennen, die ihrer Meinung nach ausschließlich den Interessen der herrschenden Klasse dienten. Zwischen 1970 und 1974 brachten die Kämpfe der Arbeiterklasse Großbritannien einer sozialistischen Revolution näher als jemals zuvor seit dem Generalstreik von 1926.

Im zweiten landesweiten Bergarbeiterstreik gegen die Heath-Regierung 1973-74 erreichten die britischen Bergarbeiter, was ihre Großväter nicht geschafft hatten. Der Streik zwang Premier Edward Heath dazu, Unterhauswahlen auszurufen. Der bedrängte Premierminister warf die entscheidende Frage auf: „Wer regiert Großbritannien?“ Die Antwort lautete: „Du nicht.“ Heath verlor die Wahlen. Zum ersten Mal in der Geschichte brachte die britische Arbeiterklasse kraft eines Arbeitskampfs eine Tory-Regierung zu Fall.

Die Niederlage der Tories löste jedoch nicht das strategische Problem der sozialistischen Revolution in Großbritannien. Vielmehr stand die Arbeiterklasse jetzt einem neuen unerbittlichen Gegner in Gestalt einer Regierung der Labour Party gegenüber. Diese setzte gemeinsam mit der Gewerkschaftsbürokratie alle Erfahrungen und Fähigkeiten ein, die sie in Jahrzehnten des politischen Verrats gesammelt hatte, um die Massenbewegung zu desorientieren, zu lähmen, zu demoralisieren und zu entwaffnen, die Großbritannien an den Rand einer sozialistischen Revolution gebracht hatte. Mit anderen Worten, zwischen 1974 und 1979 taten die Labour-Regierungen unter den Premierministern Wilson und Callaghan (unterstützt vom TUC und seinen Komplizen in der britischen Kommunistischen Partei) alles in ihrer Kraft Stehende, um dem Sieg des Thatcherismus den Boden zu bereiten, der so katastrophale Folgen für die Arbeiterklasse haben sollte.

Es gab jedoch in der britischen Arbeiterklasse eine politische Tendenz, die sich in den zwanzig Jahren vor der großen Streikbewegung von 1973-74 im Kampf gegen die Labour Party, die Gewerkschaftsbürokratie, den Stalinismus und verschiedene Formen des kleinbürgerlichen Radikalismus herausgebildet hatte – hauptsächlich im Kampf gegen den Pablismus und gegen staatskapitalistische Tendenzen. Ich spreche natürlich von der Socialist Labour League, der britischen Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, die von Gerry Healy geführt wurde.

In den zwanzig Jahren von 1953 bis 1973 erfuhr die trotzkistische Bewegung in Großbritannien ein außergewöhnliches Wachstum. Dies geschah anfangs aufgrund der Prinzipien, die sie 1953 gegen die revisionistische Tendenz von Michel Pablo und Ernest Mandel in der Vierten Internationale verteidigt hatte. Kern der damaligen Auseinandersetzung war die unersetzliche Rolle, die die Vierte Internationale für die Entwicklung marxistischen Bewusstseins in der Arbeiterklasse und für den Sieg der sozialistischen Weltrevolution spielt. Das Internationale Komitee, das im Herbst 1953 gegründet wurde, wies die Behauptung der Pablisten zurück, der Sozialismus könne unter Führung von stalinistischen, sozialdemokratischen oder bürgerlich-nationalistischen Organisationen verwirklicht werden, oder von anderen sozial und politisch heterogenen kleinbürgerlich-radikalen Organisationen.

Healy spielte im Kampf von 1953 eine wichtige Rolle. Er arbeitete eng mit James P. Cannon zusammen, dem Führer der Socialist Workers Party in den Vereinigten Staaten, und er besiegte die pablistische Tendenz in der britischen Organisation, die die unabhängige Existenz einer trotzkistischen Partei beenden und sie in die Kommunistische Partei liquidieren wollte. Das war die pablistische Linie. Die Pablisten behaupteten, die Kommunistische Partei repräsentiere das revolutionäre Streben der Arbeiterklasse, und somit gebe es keine Notwendigkeit für eine unabhängige trotzkistische Organisation.

Der unerbittliche Kampf gegen das pablistische Liquidatorentum legte die Grundlage für das anschließende Anwachsen der trotzkistischen Bewegung in Großbritannien. Ihre Verteidigung der trotzkistischen Analyse des Stalinismus – ihr Beharren auf der konterrevolutionären Rolle der Kremlbürokratie sowie aller nationalen Kommunistischen Parteien – bereitete die britischen Trotzkisten auf die politischen Möglichkeiten vor, die sich nach der „Geheimrede“ Chruschtschows im Februar 1956, der Stalin als Mörder entlarvte, und nach der brutalen Unterdrückung der ungarischen Revolution im Oktober desselben Jahres ergaben.

Diese Ereignisse stürzten die sowjetische Bürokratie und die internationale stalinistische Bewegung in eine tiefe Krise und bestätigten die Haltung, die die britischen Trotzkisten 1953 unter Healys Führung eingenommen hatten. Sie hatten im Gegensatz zu den Pablisten jede Illusion in das angeblich revolutionäre Potenzial des Kremlregimes entschieden zurückgewiesen. Ihr klares Verständnis des Wesens des Stalinismus erlaubte ihnen nun, in die Krise der britischen Kommunistischen Partei einzugreifen. Sie gewannen mehrere Mitglieder aus der stalinistischen Organisation, die in der späteren Entwicklung der trotzkistischen Bewegung eine wichtige Rolle spielen sollten.

Trotz gewaltiger Probleme – Ausschlüsse durch die Labour Party, Angriffe der Stalinisten, chronischer Mangel an finanziellen Ressourcen – wuchs der Einfluss der trotzkistischen Bewegung in den späten 1950er Jahren stetig an. Es muss betont werden, dass die britischen Trotzkisten in dieser fruchtbaren Periode organisatorischen Wachstums auch weiterhin im theoretischen und politischen Kampf gegen den Pablismus in der Vierten Internationale eine wichtige Rolle spielten. Genau in dieser Zeit begannen die britischen Trotzkisten, den Kurs der amerikanischen Socialist Workers Party zu kritisieren, den sie völlig zu Recht als Tendenz zur Aussöhnung mit den Pablisten verstanden.

Bereits 1957 erkannte Healy, dass die SWP sich von den Grundsätzen entfernte, die sie 1953 verteidigt hatte. Die amerikanische SWP engagierte sich damals in einer „Umgruppierungs“-Kampagne, die eine opportunistische Umorientierung auf das Milieu der linken kleinbürgerlichen Radikalen signalisierte. Im Gegensatz zu den opportunistischen Schwankungen der SWP entwickelten die britischen Trotzkisten ihren Kampf gegen Stalinismus und Sozialdemokratie beständig weiter. Sie arbeiteten seit den späten 1940er Jahren innerhalb der Labour Party. Damit bezweckten sie nicht, die Labour Party in eine sozialistische Organisation umzuwandeln – ein unmögliches Unterfangen –, sondern die verräterische Rolle der Sozialdemokratie aufzudecken und auf dieser Grundlage die besten Elemente aus der Labour Party für das Programm und die Perspektive der Vierten Internationale zu gewinnen.

Als der Einfluss der Trotzkisten Ende der 1950er Jahre wuchs, reagierte die Labour Party mit Verleumdung und Ausschlüssen. Aber Healy konnte man nicht einschüchtern. Um den Kampf gegen den Labourismus fortzusetzen, gründeten die Trotzkisten im Jahr 1959 die Socialist Labour League. Bezeichnenderweise leistete die SWP in den Vereinigten Staaten Widerstand gegen diesen notwendigen organisatorischen Bruch und ignorierte die Tatsache, dass die Alternative gewesen wäre, sich vollständig der Disziplin und Autorität der Labour Party zu unterwerfen. Cannon, der inzwischen durch und durch Opportunist geworden war, beschuldigte Healy, einen „ultralinken“ Kurs eingeschlagen zu haben.

Die Socialist Labour League, die innerhalb der Young Socialists (der damaligen Jugendorganisation der Labour Party) eine beachtliche Opposition gegen die sozialdemokratische Bürokratie aufgebaut hatte, widerlegte Cannons Behauptung, dass ein Leben außerhalb der Mitgliedschaft der Labour Party unmöglich sei. Zu Beginn der 1960er Jahre gewann die SLL die Führung der Young Socialists auf ihre Seite. Als die Labour Party mit Ausschlüssen reagierte, gründeten sich die YS neu als Jugendbewegung der Socialist Labour League.

Zwischen 1961 und 1963 widerstand die SLL dem Versuch der amerikanischen Socialist Workers Party, die jetzt von Joseph Hansen geführt wurde, eine Wiedervereinigung des Internationalen Komitees mit den internationalen Pablisten zu organisieren. Als politischer Vorwand zur Rechtfertigung für die Wiedervereinigung diente der Sturz des kubanischen Batista-Regimes durch die Guerillatruppen unter Fidel Castro (der, daran sei erinnert, ursprünglich die Unterstützung der Vereinigten Staaten genossen hatte). Castros Sieg, behauptete die SWP, sei der Beweis für die Möglichkeit einer siegreichen sozialistischen Revolution und die Errichtung eines Arbeiterstaats unter einer Führung, die weder marxistisch noch trotzkistisch und nicht einmal explizit sozialistisch sei und die sich nicht auf die Arbeiterklasse stütze.

Das Ziel der Wiedervereinigung bestand also darin, die Vierte Internationale in einem reaktionären Sumpf kleinbürgerlicher linker Politik aufzulösen. Sie sollte sich nicht mehr um den Aufbau einer internationalen sozialistischen Bewegung in der Arbeiterklasse bemühen, die auf marxistischer Theorie fußt und vom politischen Erbe des Kampfes getragen wird, den Trotzki gegen den Verrat an der Oktoberrevolution geführt hatte. Das Schicksal der sozialistischen Revolution sollte einer Reihe von bürgerlich-nationalistischen und kleinbürgerlich-radikalen Organisationen anvertraut werden, die in der einen oder anderen Form von der Sowjetbürokratie abhängig waren.

Die Opposition der SLL und der französischen Trotzkisten in der PCI (der späteren OCI) gegen diese prinzipienlose Wiedervereinigung der SWP mit den Pablisten verhinderte die Liquidierung der Vierten Internationale. Zudem führte der Kampf der SLL zur Expansion der Arbeit des Internationalen Komitees: In den Vereinigten Staaten stieß die Workers League hinzu, in Sri Lanka die Revolutionary Communist League und später, zu Beginn der 1970er Jahre, der Bund Sozialistischer Arbeiter in Deutschland und die Socialist Labor League in Australien.

In den Jahren, die auf ihre Ablehnung der Wiedervereinigung der SWP mit den Pablisten folgten, wuchs die SLL beträchtlich. Diese Entwicklung war nicht ohne politische Widersprüche, wie wir zeigen werden. Doch ohne Zweifel war es das von der SLL vertretene internationalistische revolutionäre Programm, das die politisch bewusstesten und aufopferungsvollsten Arbeiter in Großbritannien anzog, insbesondere angesichts des Aufschwungs des Klassenkampfs nach den Ereignissen vom Mai-Juni 1968 in Frankreich und der Rückkehr der Tories an die Macht im Juni 1970.

Vor diesem Hintergrund schloss sich Dave Hyland der revolutionären Politik an. Er gehörte zu den Arbeitern, die von der Socialist Labour League angezogen wurden. Im Oktober 2005 schrieb er mir einen Brief, in dem er auf die Umstände einging, unter denen er der SLL beigetreten war:

„Ich war ein 25-jähriger Arbeiter bei Kodak im Werk Wealdstone und kämpfte gegen die Stalinisten in unserer Fabrik und in der Filmgewerkschaft ACTT, als ich zum ersten Mal die Workers Press las. Die Stalinisten konnte ich überhaupt nicht ausstehen, sowohl wegen ihrer Verlogenheit als auch wegen ihrer Arroganz den Arbeitern gegenüber, aber ich verstand sie nicht politisch. In der ersten Nummer der Workers Press, die ich kaufte, befand sich ein Artikel über die historische Rolle des Stalinismus im Nahen Osten. Es war, als ob ein blinder Fleck verschwände. Der Artikel erklärte die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus und machte mir deutlich, dass man den Kampf dagegen nur als internationale Bewegung führen kann.“ [Brief an David North vom 9. Oktober 2005]

Dave wurde zu einer Zeit Mitglied, in der sich der Klassenkampf in Großbritannien verschärfte. Als die Heath-Regierung im Jahr 1972 fünf Dockarbeiter verhaften ließ, die das Verbot von Streikposten durch den neuen Industrial Relations Act missachtet hatten, kam es praktisch zum Generalstreik. Die Regierung sah sich gezwungen, die Arbeiter wieder freizulassen. Im selben Jahr zwang ein landesweiter Bergarbeiterstreik die Regierung erneut zum Rückzug.

Bis an sein Lebensende war Dave dankbar und sehr stolz auf die politische Ausbildung, die er innerhalb der Socialist Labour League erhalten hatte. Besonders schätzte er die Arbeit einiger Künstler und Intellektueller, die die Partei gewonnen hatte. Als Corin Redgrave 2010 starb, schrieb Dave einen Brief an die World Socialist Web Site:

„Ich wurde wie Corin zu Beginn der siebziger Jahre Mitglied der SLL. Ihn selbst kannte ich nicht besonders gut, aber einige Jahre lang hatte ich enge politische Kontakte zu zwei anderen Künstlern bzw. Intellektuellen in der Führung: dem Regisseur Roy Battersby und dem Drehbuchautor Roger Smith. Das ergab sich aus unserer Mitgliedschaft in der SLL/WRP und der Gewerkschaft ACTT.

Ich arbeitete in einer Kodak-Fabrik in Harrow, und zusammen mit anderen Genossen begannen wir, eine Betriebsgruppe aufzubauen. Roy und Roger warfen sich mit großem Enthusiasmus in die Arbeit. Ich erinnere mich, dass Roy eine Reihe öffentlicher Vorträge zu Engels Dialektik der Natur hielt, und Roger leitete einige Schulungen zu Engels Schrift Sozialismus: von der Utopie zur Wissenschaft. Beide verkauften auch gelegentlich unsere Zeitung an Fabriktoren. Sie konnten komplexe Gedanken gut und verständlich erklären. Diese Vorträge und Schulungen waren äußerst wichtig, weil sie die Diskussion über die unmittelbaren Probleme in Fabrik und Gewerkschaft hinaus zu Fragen der Theorie, Geschichte und Wissenschaft lenkten. Sie waren bei den Mitgliedern beliebt, genauso wie die Diskussionen über Fragen der internationalen Entwicklung in Chile, Irland und Portugal.

In der Fabrik brodelte es wie in einem Dampfkessel. Das Management und die Gewerkschaftsbürokratie setzten gemeinsam alles daran, die Trotzkisten einzuschüchtern. Die Mehrheit der Arbeiter sah trotz ihrer Sympathie für uns keine wirkliche Notwendigkeit für eine revolutionäre Partei, da es schien, als könnten sie Regierungen einfach durch ihre gewerkschaftliche Stärke zu Fall bringen.“ [Brief an die World Socialist Web Site vom 16. April 2010]

In den Jahren 1970 bis 1974 wuchs die Socialist Labour League beträchtlich. Dies ist weder die Zeit noch der Ort, um gründlich auf alle politischen Probleme einzugehen, die sich in der Frühphase innerhalb der Socialist Labour League entwickelt hatten, doch sollten unbedingt einige Punkte hervorgehoben werden, damit die folgende Krise verständlich wird.

Es ist stets gefährlich für eine schnell wachsende Bewegung, diesen Mitgliederzuwachs unkritisch hinzunehmen und sich dem vorherrschenden Bewusstsein anzupassen. Das Bewusstsein der Massenbewegung in Großbritannien blieb überwiegend gewerkschaftlich. Es war von der Vorstellung geprägt, durch den Sieg der Labour Party und die Niederlage der Tories könnten die wesentlichen Probleme der Arbeiterklasse gelöst werden.

Was Gerry Healys Fähigkeiten als Organisator, als Redner und als politischer Stratege angeht, so konnte ihm in der britischen Arbeiterbewegung niemand das Wasser reichen. Er verkörperte Jahrzehnte des politischen Kampfs für Prinzipien und gegen alle Formen des Opportunismus. Seine politische Persönlichkeit, gewachsen im jahrzehntelangen Kampf, brachte seine unerschütterliche und zielstrebige Ergebenheit für die Sache der sozialistischen Revolution zum Ausdruck, was für Dave Hyland äußerst anziehend war.

Healy besaß zu seiner besten Zeit die Gabe, sein großes Vertrauen auf die Stärke der Arbeiterklasse zu vermitteln. Diese Fähigkeit fand während des Aufschwungs von 1970 bis 1974 ihren vollendeten Ausdruck. Gerry Healy in dieser Zeit zu hören, war inspirierend und eine unvergessliche Erfahrung. Sein Vertrauen auf die Arbeiterklasse wurde durch den Zusammenbruch der Tory-Regierung im Februar 1974 bestätigt.

Aber Healy unterschätzte die enormen Probleme, die sich aus der Niederlage der Tories ergaben. Während der Phase des Aufschwungs, als die SLL sehr schnell wuchs, sagte Healy häufig, wenn die Arbeiterklasse den Herrn, die Tories, besiegen könne, dann werde sie auch mit seinen Dienern fertig. Doch wie wir aus zahllosen britischen Fernsehserien wissen, vertritt der Butler nicht selten die Interessen der Herrschaften gewitzter und tatkräftiger als Milord und Milady selbst, die seine Dienste beanspruchen.

Im Jahr 1974 verstanden die politischen Butler in der Labour Party dank ihrer langen Tradition des reformistischen Verrats sehr gut, dass ihre Aufgabe darin bestand, die Arbeitermassenbewegung unter Kontrolle zu bringen. Sie waren entschlossen, jede Form politischer Konfusion in der Arbeiterklasse und die verbliebenen Illusionen in die Labour Party auszunutzen, um der herrschenden Klasse die Zeit zu verschaffen, sich für die demütigenden Niederlagen der 1970er Jahre zu rächen. Und genau das geschah. Während die Labour-Regierungen die Hoffnungen der Massenbewegung verrieten, brachte die herrschende Klasse Margaret Thatcher in Stellung.

Trotz der beeindruckenden Zugewinne, die die SLL in der Anti-Tory-Bewegung hatte machen können, war sie letzten Endes politisch unvorbereitet auf die Herausforderungen, die mit der Rückkehr von Labour an die Macht verbunden waren. In der vorangegangenen Periode hatten sich innerhalb der SLL, parallel zu ihren praktischen Erfolgen, beträchtliche politische Widersprüche entwickelt. Sie wurzelten sowohl in objektiven Umständen als auch in subjektiven Fehlern der Führung.

Nach der Spaltung mit der SWP betrachtete die SLL-Führung den Kampf gegen das pablistische Liquidatorentum immer mehr als organisatorische statt als theoretische und politische Aufgabe, die kontinuierliche Aufmerksamkeit verlangt. Sie glaubte, der praktische Parteiaufbau in Großbritannien – die Ausdehnung ihres Einflusses unter Jugendlichen und in den Gewerkschaften sowie das Wachstum ihrer materiellen Ressourcen – könne die durch den Stalinismus, die Sozialdemokratie, den Pablismus und diverse Formen des Opportunismus aufgeworfenen Probleme lösen und endgültig beantworten.

Die Entwicklung der sozialen Revolution nahm die SLL daher immer stärker im nationalen, weniger in einem internationalen Rahmen wahr. Sie trennte die Möglichkeiten, die sich in Großbritannien ergaben, vom breiteren historischen und internationalen Zusammenhang der sozialistischen Revolution. Dies nährte die Illusion, taktische Errungenschaften in England könnten irgendwie die Probleme lösen, deren Wurzel im internationalen Kräfteverhältnis lag. Das Internationale Komitee wurde auf ein bloßes Anhängsel reduziert, das die Aktivitäten der wachsenden SLL in Großbritannien etwas unterstützen sollte.

So begann man auch, den internationalen Kampf gegen den pablistischen Revisionismus auf dem Gebiet der Theorie und der politischen Perspektive als Ablenkung von den dringenden Problemen des Parteiaufbaus in Großbritannien zu sehen. Der Fokus auf nationale Probleme nahm unvermeidlich die Form einer Anpassung an das begrenzte politische Bewusstsein an, das die Anti-Tory-Bewegung dominiert hatte. Der ärgste Ausdruck dieser Anpassung war die Umwandlung der SLL in die Workers Revolutionary Party im November 1973 auf der Grundlage einer im Wesentlichen nationalen Perspektive. Die Sektionen des Internationalen Komitees nahmen an den Diskussionen über die WRP-Gründung nicht teil und wurden nicht einmal eingeladen, sich an den Veranstaltungen des Gründungskongresses zu beteiligen.

Die Auffassungen und Standpunkte, die ich hier skizziere, traten nicht alle gleichzeitig hervor. Tatsächlich wird man in verschiedenen Dokumenten und Artikeln der SLL aus der Phase der Anti-Tory-Bewegung auch vollkommen orthodoxe Stellungnahmen zur Frage des revolutionären Internationalismus und des Kampfes gegen den Pablismus finden. Doch eine genauere Analyse der Evolution der SLL, wie sie das IKVI nach der Spaltung in den Jahren 1985-86 ausarbeitete, zeigte, dass sich ihr nationaler Opportunismus in den späten 1960er Jahren zu entwickeln begann und in den frühen 1970er Jahren verschärfte.

Das Internationale Komitee hat bereits in vielen Dokumenten auf den abrupten und politisch ungeklärten Charakter der Spaltung mit der OCI, der französischen Sektion des IK, im Jahr 1971 hingewiesen. Es gab kaum Diskussionen über die wesentlichen politischen Perspektivfragen, die dem Konflikt zwischen der SLL und der OCI zugrunde lagen. Das Ausweichen vor diesen Fragen hatte zur Folge, dass die Probleme der internationalen revolutionären Strategie, die durch die großen Ereignisse vom Mai-Juni 1968 in Frankreich aufgeworfen wurden, nicht angegangen und ins Programm des Internationalen Komitees aufgenommen wurden.

Da die SLL die opportunistischen Tendenzen der OCI lediglich als Probleme der französischen Organisation betrachtete, untersuchte sie außerdem nicht, wie sich ähnliche Probleme innerhalb der britischen Organisation äußerten

Es gab noch einen weiteren Aspekt des Konflikts mit der französischen Organisation, dessen Bedeutung die SLL nicht erkannte. Fast unmittelbar nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges hatten sich die französischen Intellektuellen an die Spitze des Kampfs gegen den Marxismus gestellt. Heidegger, in Deutschland aufgrund seiner verabscheuenswerten Zusammenarbeit mit den Nazis diskreditiert, fand in Frankreich zahllose Anhänger. Der Existenzialismus wurde zur Mode unter den Intellektuellen.

Erschrocken über das Gespenst einer sozialistischen Revolution, das die Aufstände vom Mai-Juni 1968 an die Wand gemalt hatten, kappten danach große Teile der französischen Akademiker und studentischen Jugend ihre Verbindungen zum Marxismus. In der Atmosphäre intellektueller Reaktion nach 68 galt selbst Sartre als jemand, der dem Marxismus zu versöhnlich gegenübersteht. Eine neue Generation von Theoretikern des Irrationalismus schob sich in den Vordergrund. Die Zeit von Lyotard und Foucault brach an.

Die SLL nahm nach dem Bruch mit der OCI diese Entwicklung kaum wahr und verkannte ihre weitreichenden Auswirkungen auf die theoretische und politische Arbeit der revolutionären Partei.

Doch schon bevor die Bedeutung der theoretischen Fragen klar hervortrat, äußerten sich die Folgen des nachlässigen Umgangs mit den Differenzen mit der OCI innerhalb der WRP.

Im Oktober 1974 offenbarte Alan Thornett, der führende Gewerkschafter in der Workers Revolutionary Party (und das war er tatsächlich: bloß ein Gewerkschafter), seine politischen Differenzen auf einem Treffen des Politischen Komitees. Sein Standpunkt, der Illusionen in die neue Labour-Regierung zum Ausdruck brachte, war von der OCI formuliert worden. Politisch illoyal und unehrlich, verschwieg Thornett jedoch seine Zusammenarbeit mit einer gegnerischen Organisation.

Healy brauchte keine fünf Minuten um zu begreifen, dass Thornett die Standpunkte, die er dem Politischen Komitee der WRP präsentierte, nicht selbst ausformuliert hatte. Er verstand, dass seine Argumente die politischen Standpunkte der OCI widerspiegelten, die damals mit Mitterrands Sozialistischer Partei verbündet war. Dass Thornett jetzt die Standpunkte der OCI innerhalb der Führung vorbringen konnte, war eine Folge der Vernachlässigung des politischen Kampfes gegen die OCI.

Der Konflikt mit Thornett verschaffte der WRP eine späte Gelegenheit, ihre Differenzen mit der OCI zu klären. Aber erneut bestand Healys Antwort nicht darin, die politischen Fragen herauszuarbeiten, sondern schnell organisatorisch mit Thornett abzurechnen. Als Folge verließen von Oktober bis Dezember 1974 Hunderte Mitglieder die Workers Revolutionary Party, darunter ein substanzieller Teil ihrer Basis in den Gewerkschaften.

Es ist ein Zeugnis seiner politischen Stärke, dass Dave Hyland nicht mit Thornett ging. Er ließ sich nicht von dessen provinziellen Gewerkschaftsperspektive beeindrucken. Thornetts Doppelzüngigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber den Traditionen der trotzkistischen Bewegung und opportunistische Perspektive stießen Dave ab. Dave stand loyal zur Partei. Doch die Krise in der WRP verschärfte sich. Viele neue Mitglieder, die während der Anti-Tory-Bewegung eingetreten waren, verließen die Partei, als die Labour Party an die Regierung kam. Dies erhöhte den organisatorischen Druck. Healy versuchte, einen Ausweg aus der Krise zu finden, indem er alle möglichen prinzipienlosen Verbindungen mit bürgerlich-nationalistischen Bewegungen und Regierungen des Nahen Ostens einging.

Im Internationalen Komitee führte die opportunistische Degeneration der WRP zum Konflikt mit der Workers League.

Zwischen Oktober 1982 und Februar 1984 legte die Workers League eine detaillierte Kritik der theoretischen Anschauungen und des politischen Programms der WRP vor. Wir hielten es allerdings für einen ernsthaften politischen Fehler, mit der WRP zu brechen, ohne die Differenzen im Internationalen Komitee klären zu können. Uns war klar, dass die politischen Standpunkte der Workers League in der internationalen Bewegung wenig bekannt, geschweige denn verstanden waren.

Insbesondere die Situation innerhalb der WRP selbst bereitete uns erhebliche Sorgen. Trotz meiner politischen Differenzen mit der WRP-Führung hatte ich großen Respekt vor dieser Partei. Ich kannte ihre Geschichte und ihren Jahrzehnte langen Kampf. Ich wusste, dass ihr Kader äußerst hart arbeitete, oft zwölf, fünfzehn oder gar achtzehn Stunden am Tag. Es musste Parteimitglieder geben, die dem Trotzkismus treu ergeben waren und eine Diskussion über entscheidende Fragen des internationalen Programms begrüßen würden, hätten sie bloß die Möglichkeit dazu. Mir fiel es schwer zu glauben, dass sich in dieser Organisation niemand Sorgen über das immer offensichtlichere opportunistische Abgleiten machen sollte. Doch wie konnte man die Parteibasis erreichen?

Ich hatte praktisch keinen Kontakt zu den einfachen Mitgliedern. Ich sprach auf öffentlichen Veranstaltungen und stand gelegentlich auf Podien in London anlässlich des Jubiläums der Workers Press oder des Jahrestags von Trotzkis Ermordung. Doch mein Kontakt zu Parteimitgliedern, besonders wenn sie nicht zum innersten Kreis gehörten, war minimal. Und die WRP tat alles, um dies so aufrechtzuerhalten.

Im Spätsommer 1985 änderte sich die Situation plötzlich. Am Abend des 3. Septembers 1985, ein Tag, den ich niemals vergessen werde, erhielt ich einen Anruf von Michael Banda, dem Generalsekretär der Workers Revolutionary Party. Er fragte mich kryptisch, ob wir „die Allianz wiederaufnehmen“ sollten. Er bezog sich auf eine frühere Vereinbarung aus dem Oktober 1982, als Banda versprochen hatte, eine Diskussion über die falschen theoretischen und politischen Anschauungen der WRP zu unterstützen. Nur Wochen später brach Banda dieses Versprechen, nachdem er einen opportunistischen Deal mit Healy geschlossen hatte.

Am nächsten Tag informierte ich das Politische Komitee der Workers League über Bandas Anruf. Wir waren alle der Meinung, die Workers League dürfe sich nicht mit einem der WRP-Führer verbünden. Uns war klar, wie vollkommen opportunistisch sich die Führung der Workers Revolutionary Party verhielt. Sie glaubte, sie könne das Internationale Komitee in ihre parteiinternen Streitigkeiten hineinziehen und ausnutzen. Aber das IK, jedenfalls was die Workers League betraf, war nicht bereit, die Weltbewegung auf diese prinzipienlose Weise den Fraktionsinteressen der WRP-Führer unterzuordnen.

Mitte September 1985 flogen Larry Porter und ich nach England, um herauszufinden, was in der Organisation wirklich los war. Dort sagte man uns einfach, Healy werde aufgrund von Krankheit und wegen fortgeschrittenen Alters zurücktreten. Wir gaben natürlich nichts auf solche Erklärungen. Vielmehr verstanden wir, dass die Krise, was auch immer ihr unmittelbarer Anlass gewesen sein mochte, das Resultat politischer Desorientierung und Opportunismus der Führung sein musste.

Als ich mich mit Banda traf, wurde deutlich, dass er keine politische Erklärung für die Krise in der WRP hatte. Ich erinnerte ihn an die politische Kritik der Jahre 1982 und 1984. Er durchwühlte seine ungeordneten Akten und stieß auf ein Exemplar meines Berichts vom Februar 1984.

Banda räumte ein, dass ich Recht hatte, und wollte mit mir über die Fragen sprechen. Er fragte mich, ob ich ihn nach Yorkshire begleiten würde, wo er einen Genossen treffen wolle, der eine wichtige Rolle im kürzlich beendeten Bergarbeiterstreik gespielt habe. Dieser Genosse war Dave Hyland in Rotherham.

Ich kannte Dave Hyland nur dem Namen nach. Ich hatte niemals mit ihm gesprochen. Die dreistündige Fahrt nach Rotherham stellte sich als die Wichtigste meiner vielen Reisen auf britischen Autobahnen heraus. Bei Dave zuhause angekommen, führte Banda ein recht zielloses Gespräch zu Fragen der Arbeit unter den Bergarbeitern. Während der planlosen Diskussion war meine Aufmerksamkeit mehr von dem beachtlichen Hund gefesselt, der in Hylands Küche spielte. Außer belanglosen Freundlichkeiten tauschten Dave und ich kein Wort miteinander aus.

Doch als wir wieder gehen wollten, zog Banda plötzlich und für mich etwas überraschend aus seiner Jacke ein Exemplar des Berichts, den ich im Februar 1984 dem Internationalen Komitee gegeben hatte. Er gab ihn Dave Hyland, und dann verließen wir ihn.

Im Jahr 2005 schrieb mir Dave:

„Als ich 1985 Deine [Kritik der] Studien im dialektischen Marxismus und weitere Dokumente las, die die Diskussion in der Workers League seit 1982 darlegten, war das für mich eine Offenbarung. Die Herangehensweise an historische und theoretische Fragen, wie auch an Politik im Allgemeinen, war vollkommen anders, als zu jener Zeit in der WRP üblich. Im Gegensatz zur marxistischen historischen Perspektive und wissenschaftlichen Methode waren der Ausgangspunkt der WRP stets die unmittelbare Wahrnehmung und praktische Initiativen. Aus diesem Grunde rief ich Dich vor zwanzig Jahren an, und die nachfolgenden Ereignisse haben gezeigt, dass dies die wichtigste politische Entscheidung meines Lebens war.“

Ich erinnere mich sehr gut an diesen Anruf. Ich war in Deutschland bei Uli Rippert. Am Abend des 9. Oktober rief ich in Detroit an, um mich zu melden und nach Neuigkeiten zu fragen, als man mir berichtete, dass ein WRP-Mitglied aus Großbritannien angerufen habe. Der Name des Mitglieds sei Dave Hyland, und er habe mich sprechen wollen. Ich war über diese Nachricht überglücklich. Ich teilte Uli das Gehörte mit und sagte ihm: „Endlich ist es passiert. Jetzt kommt ein Teil der britischen Partei auf das Internationale Komitee zu und will mit uns über die politischen Fragen reden.“

Wie entscheidend und wichtig das war, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Bis zu diesem Augenblick hatten wir nur von außen Einblick. Es war, als wären wir politische Eindringlinge in eine Organisation, die uns den Zugang verwehrte. Aber jetzt gab es jemanden, der mit uns über die Krise in der WRP sprechen wollte und der an den Dokumenten interessiert war, die wir geschrieben hatten.

Einige Tage später, zurück in England, kontaktierte ich Dave Hyland. Wir trafen uns das erste Mal am Morgen des 12. Oktober 1985. Der Ort unseres Treffens war – glaubt es, oder nicht – die Wohnung von Cliff Slaughter. Doch wir fühlten uns nicht sonderlich willkommen. „Ungebetene Gäste“ war die Anrede, mit der Slaughter uns begrüßte. Um uns zu unterhalten, gingen Dave und ich in ein nahegelegenes Pub.

Dave sprach über die Krise in der WRP und äußerte die Ansicht, es habe in Großbritannien niemals eine trotzkistische Bewegung gegeben. Ich denke, er sagte das mehr, um mich herauszufordern, denn es war nicht sein eigentlicher Standpunkt. Es war die Linie, die Banda verbreitete. In den drei folgenden Stunden rekapitulierte ich die gesamte Geschichte des Kampfs des Internationalen Komitees seit seiner Gründung im Jahr 1953. Dave hörte aufmerksam zu und bat mich von Zeit zu Zeit, den einen oder anderen Punkt zu vertiefen. Am Ende meiner Rückschau gab Dave den geäußerten Standpunkt auf. Oder vielleicht wäre es richtiger zu sagen, er ließ erkennen, dass letzte Zweifel nun ausgeräumt seien. Er erklärte sich einverstanden, dass der Kampf in der WRP auf der Grundlage einer internationalen Perspektive und der Kontinuität des Trotzkismus gegen den Pablismus im Internationalen Komitee geführt werden müsse.

Dave warnte mich, ich solle gegenüber allen rivalisierenden Fraktionen der Workers Revolutionary Party wachsam sein. Ich stimmte dieser Einschätzung zu. Entscheidend waren nicht die fraktionellen Streitigkeiten, die Healy, Banda und Slaughter auseinandertrieben, sondern die historischen und politischen Fragen, die der Krise in der WRP zugrunde lagen.

Von diesem Zeitpunkt an kämpfte Dave darum, die Diskussion in der WRP auf ein internationales Niveau zu heben. Im Gegensatz zu den verschiedenen pseudo-oppositionellen Tendenzen innerhalb der WRP bestand Dave darauf, dass die britische Organisation die politische Autorität des Internationalen Komitees akzeptieren müsse.

Banda und Slaughter versuchten, die Schuld an allem, was in der WRP schief gelaufen war, auf Healy abzuladen. Sie selbst seien, wie sie jeden glauben machen wollten, unglückliche und hilflose Opfer eines politischen Größenwahnsinnigen. Sie hätten absolut nichts dagegen tun können. Natürlich waren wir nicht so dumm, das zu glauben. Wir hatten nicht vergessen, dass Slaughter selbst auf einem WRP-Kongress einen Antrag eingebracht hatte, der Healy mit einer unantastbaren und über der Satzung stehenden Autorität ausstattete. Außerdem hatten er und Banda, wie ich nur zu gut wusste, mit Healy zusammengearbeitet, um die Kritik an der politischen Linie der WRP und ihren theoretischen Konzepten zu unterdrücken.

Im November 1985 akzeptierte das Zentralkomitee der WRP eine Resolution, die vorschrieb, dass die Mitgliedschaft in der Organisation die Anerkennung der politischen Autorität des IKVI voraussetzt. Doch schon bald darauf versuchten sie, diese Entscheidung zu revidieren und zu Fall zu bringen.

Und sie schlugen voller Wut auf Dave Hyland ein, der im WRP-Zentralkomitee eine Minderheitsfraktion anführte. Seine „Minderheit“ repräsentierte in Wirklichkeit die Mehrheit der WRP-Mitglieder, wenn man nur jene zählt, die die Autorität der internationalen Bewegung akzeptierten.

Die WRP-Führung verbreitete die Linie der “gleichmäßigen Degeneration“, als ob das Internationale Komitee für die opportunistischen Praktiken ihrer Organisation verantwortlich wäre.

In der Zwischenzeit, im November 1985, legte eine vom IK eingesetzte internationale Kontrollkommission einen vorläufigen Bericht vor. Dieser vorläufige Bericht dokumentierte die prinzipienlosen finanziellen Absprachen der WRP-Führung mit verschiedenen bürgerlich-nationalistischen Bewegungen und bürgerlichen Regierungen im Nahen Osten.

Auf einer Tagung des IKVI am 16. Dezember 1985 wurde der Bericht vorgestellt. Der entscheidende Absatz der vom Internationalen Komitee verabschiedeten Resolution lautet: „Der vorläufige Bericht der Internationalen Kontrollkommission hat enthüllt, dass die WRP einen historischen Verrat am IKVI und der internationalen Arbeiterklasse begangen hat. Um seine Prinzipien und seine Integrität zu bewahren, suspendiert das IKVI daher die WRP als britische Sektion.“

Das war eine der schwerwiegendsten Resolutionen, die jemals auf einer Tagung des Internationalen Komitees verabschiedet wurde. Das Internationale Komitee machte seine Autorität über die WRP geltend. Es erklärte, dass politischer Opportunismus streng geahndet werde und dass nur solche Organisationen Mitglieder sein könnten, die die Autorität des IKVI und seine trotzkistischen Prinzipien anerkennen.

Bei diesem Treffen war die britische Sektion mit vier Delegierten vertreten: Cliff Slaughter, Tom Kemp, Simon Pirani und Dave Hyland. Dave Hyland war der einzige, der für diese Resolution stimmte und anerkannte, dass der Weg zurück zum Trotzkismus die Unterstützung dieser Resolution voraussetzte und eine Arbeit zur Überwindung des Opportunismus in der WRP erforderte.

Slaughter, Kemp und Pirani stellten sich gegen die Resolution. Kemp und Slaughter führten sich widerwärtig und provokativ auf. Pirani spielte den Verwirrten und Fassungslosen, wie er es damals immer tat.

Die Annahme dieser Resolution markierte die entscheidende Niederlage des Opportunismus in der Vierten Internationale. Endlich war der Bürgerkrieg in der Organisation, der 1953 begonnen hatte, zu seinem Ende gekommen. Die orthodoxen Trotzkisten des Internationalen Komitees erhielten schließlich die Kontrolle über die Organisation zurück, die Trotzki 1938 gegründet hatte.

Um die politischen Folgen dieses Treffens verstehen zu können, muss man nur die nachfolgende Entwicklung der Delegierten betrachten, die einmal die Workers Revolutionary Party ausgemacht hatten.

Als sich die IK-Delegierten trafen, versuchte Slaughter bereits, eine Neugruppierung mit Stalinisten und Pablisten in die Wege zu leiten. Auf einer Versammlung Ende November in der Londoner Friends Hall (die er einberufen hatte, um die Krise der Workers Revolutionary Party unter Anwesenheit aller verkommenen antitrotzkistischen Tendenzen Englands zu diskutieren) schüttelte Slaughter Monty Johnstone die Hand, dem berüchtigten antitrotzkistischen „Experten“ der britischen Kommunistischen Partei.

In den Jahren nach der Spaltung wies Slaughter den Marxismus, Leninismus und Trotzkismus zurück. Er verurteilte explizit den Kampf um marxistisches Bewusstsein in der Arbeiterklasse und wandte sich dem Anarchismus zu. Die WRP-Fraktion unter seiner Führung beteiligte sich unter dem Deckmantel der Menschenrechte aktiv am Balkankrieg der USA und der Nato.

Tom Kemp saß in der Redaktion der stalinistischen Publikation Science and Society, als jene Versammlung stattfand, und niemand in der alten WRP schien daran Anstoß zu nehmen. Kurze Zeit später brach er jeden Kontakt mit der trotzkistischen Bewegung ab.

Was Simon Pirani betrifft, so schrieb er später ein Buch über die sowjetische Arbeiterklasse in den 1920er Jahren, das die Bedeutung der Linken Opposition zurückweist und eindeutig antibolschewistischen Charakter trägt. Er machte Karriere als Experte zu Fragen der internationalen Ölindustrie und arbeitete mit dem Oxford Institute for Energy Studies zusammen. Unter seinen jüngsten Arbeiten findet sich ein Artikel unter dem Titel “Russische Energiepolitik“, veröffentlicht vom Zentrum für Sicherheitsstudien. Zieht daraus Eure eigenen Schlussfolgerungen!

Nach der Versammlung im Dezember 1985 schritten die Ereignisse schnell voran. Die WRP leitete eine Spaltung vom Internationalen Komitee ein. Sie wies die Autorität des IKVI zurück.

Im Februar 1986 rief Slaughters Fraktion die Polizei, um die Mitglieder der Minderheit, die von Hyland angeführt wurden, am Betreten des Gebäudes zu hindern, in dem der Parteikongress tagen sollte. Slaughter wurde von einer Polizeieskorte in den Kongresssaal geleitet. Die von Hyland angeführte Minderheit war nicht im Geringsten entmutigt. Sofort konstituierte sie sich als International Communist Party, als legitime Repräsentantin des Internationalen Komitees, die die historische Kontinuität des Trotzkismus in Großbritannien bewahrte.

Slaughters Fraktion hingegen ging schnell in die Brüche und löste sich auf. Nicht ein einziges Mitglied dieser Organisation blieb in der revolutionären sozialistischen Politik aktiv!

Dies war eine sehr schwere Zeit für Dave Hyland und seine Familie. Aber Dave ließ sich in seinen Handlungen von politischen Prinzipien leiten. Er lehnte es ab, sich von subjektiven Erwägungen verunsichern zu lassen. Er entschied sich für eine prinzipielle politische Linie und blieb unerschütterlich in seiner Entschlossenheit. Und er gewann die besten Elemente der WRP für die Unterstützung des Internationalen Komitees. Seine Tochter Julie und sein Sohn Tony gehörten dazu.

Am 9. Oktober 2005 schickte ich Dave einen Brief zur Erinnerung an seinen Anruf zwanzig Jahre zuvor, mit dem er um ein Gespräch gebeten hatte. Ich schrieb:

“Es sind in dieser Woche genau zwanzig Jahre her, seitdem Du zum Hörer gegriffen und über den Atlantik hinweg im Büro der Workers League um ein Gespräch über meine Kritik von Healys Studien im dialektischen Marxismus und zur Politik des Internationalen Komitees unter Führung der Workers Revolutionary Party gebeten hattest. Diese entscheidende und prinzipielle Tat markierte einen Wendepunkt in der politischen Krise der WRP und veränderte dramatisch das Kräfteverhältnis im Internationalen Komitees zwischen Opportunismus und orthodoxem Trotzkismus.

Zum ersten Mal wurde durch Deine Entschlossenheit, die wirklichen theoretischen, historischen und politischen Wurzeln der Krise in der britischen Sektion im Sommer 1985 aufzudecken, die Kontrolle der national-opportunistischen Führung über die WRP ernsthaft herausgefordert. Im deutlichen Unterschied zu verschiedenen Oppositionstendenzen, die von Zeit zu Zeit aus der britischen Organisation hervorgegangen sind, hast du erkannt, dass der Kampf gegen die Führungsclique von Healy, Banda und Slaughter nur unter der politischen Disziplin des Internationalen Komitees geführt werden konnte und dass die Ausgangsbasis die strategischen Lehren aus den langen Kämpfen der Vierten Internationale gegen den Stalinismus und die unzähligen Formen des pablistischen Revisionismus sein mussten.

In den Diskussionen, die in den Tagen auf Deinen Anruf folgten, erwies sich sehr schnell, worin der Hauptgrund für die Krise der WRP bestand. Sie hatte die Prinzipien aufgegeben und zurückgewiesen, die dem Offenen Brief von 1953 und dem Kampf gegen die Wiedervereinigung der SWP mit dem pablistischen Internationalen Sekretariat 1963 zugrunde lagen.

Indem Du standhaft alle Versuche von Banda und Slaughter zurückgewiesen hast, die Geschichte des Internationalen Komitees durch ihre abstoßende und eigennützige Theorie der gleichmäßigen Degeneration zu verunglimpfen, warst Du in der Lage, die besten Elemente in der britischen Sektion für das Banner des Internationalismus zu gewinnen. Dies hat zu einem sehr großen Teil zum entscheidenden Sieg des Internationalen Komitees über alle national-opportunistischen Fraktionen der alten Workers Revolutionary Party beigetragen.

In diesem sehr schweren Kampf hast Du Deine politische Arbeit auf die gesamte Geschichte der Vierten Internationale als Weltpartei der sozialistischen Revolution gegründet, die alles Positive beinhaltet – dies muss betont werden –, was die frühere Arbeit der britischen trotzkistischen Bewegung erreicht hatte. Heute ist es im Rückblick auf die Ereignisse, die sich vor zwanzig Jahren im Internationalen Komitee abspielten, möglich zu erkennen, dass diese Kämpfe die programmatischen Grundlagen für die Erneuerung der Vierten Internationale gelegt haben.

Der Kampf gegen den nationalen Opportunismus der WRP hat das IKVI auf die historische Herausforderung vorbereitet, die der Zusammenbruch der Sowjetunion und die grundlegenden Veränderungen im Charakter und in der Struktur des globalisierten Kapitalismus mit sich brachten.

Mit diesen Entwicklungen endete ein für alle Mal die Tragfähigkeit von Kämpfen und Organisationen der Arbeiterklasse, die sich auf eine nationale statt einer internationalen Perspektive gründeten. Mit Deiner Entscheidung aus dem Jahr 1985, auf der Grundlage des Internationalismus zu kämpfen, hast Du dem Aufbau des Internationalen Komitees und seiner Sektion in Großbritannien einen Beitrag von immenser und bleibender Bedeutung geleistet. Dafür schulden Dir ich und Deine Genossen auf der ganzen Welt Dank.

Mit herzlichen Grüßen.”

Genosse Dave wird niemals vergessen werden. Seine Arbeit lebt weiter in unserer internationalen Bewegung. Seine Genossen werden sich an ihn erinnern, und er wird künftigen Generationen als inspirierendes Beispiel für revolutionäre Unerschütterlichkeit und Prinzipienfestigkeit dienen.