64. Internationales Berliner Filmfestival - Teil 3

We Come as Friends und Lauf Junge, lauf: Zwei weitere Filme mit ernsthaftem Anspruch

Von Stefan Steinberg
1. März 2014

Dies ist der dritte Teil einer Artikelreihe zu dem kürzlich beendeten Filmfestival in Berlin, der 64. Berlinale, die vom 6. bis zum 16. Februar 2014 stattfand. Teil eins wurde am 22. Februar, Teil zwei am 25. Februar veröffentlicht.

We Come as Friends

Der Dokumentarfilm We Come as Friends [Wir kommen als Freunde] eröffnet mit einer seiner wenigen unbeschwerten Szenen.

We Come As Friends

Regisseur Hubert Sauper steht im Cockpit seines selbstgebauten und sehr anfällig wirkenden Flugzeugs und versucht einem afrikanischen Militäroffizier die Bedeutung der kleinen Musikdose zu erklären, die am Armaturenbrett angebracht ist. Der Soldat ist überzeugt, dass die Musikdose ein Schlaflied spielt, sobald der Druckknopf betätigt wird. Sauper erklärt, dass die Musikdose in Wirklichkeit die Internationale spielt, ein bedeutendes internationales Arbeitersolidaritätslied. Überfordert mit diesem Begriff besteht der Soldat darauf, dass es ein Kinderlied sei.

Saupers We Come as Friends handelt von den Konsequenzen der imperialistischen Politik des Westens im Sudan und in Afrika als Ganzem. Der Fokus liegt auf der kürzlich erfolgten Aufteilung des Sudans im Jahr 2011. Die Stärke des Films liegt darin, wie die Ereignisse in den Kontext der westlichen Kolonialbestrebungen in Afrika gebracht werden, die auf über ein Jahrhundert zurückgehen.

Wir sehen einen Zug, der aus dem Süden in den Norden fährt und die Savanne durchquert, womit er gleichzeitig das Land in zwei Hälften teilt – Teilen und Herrschen, das war seit dem 19. Jahrhundert das Muster der Interventionen der Großmächte in Afrika.

Zu Anfang des Films macht Saupers Kommentar deutlich, dass der wahre Hintergrund der Aufspaltung des Sudans im Kampf zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten auf der einen Seite und China auf der anderen Seite besteht, der um die Ausbeutung der reichen Naturressourcen des Landes geführt wird. Der Filmtitel bezieht sich auf die Art und Weise in der die Mächte versuchen, Afrika auszubeuten: grundsätzlich kommen sie als Überbringer von Geschenken.

Alle auswärtigen Mächte – die Briten, die Franzosen, die Amerikaner und ebenso die Chinesen – wollen Afrika und den Afrikanern „bloß helfen“. Obwohl Sauper deutlich macht, dass China eine Hauptrolle in Afrika spielt, konzentriert sich sein Film auf die westlichen Nationen, insbesondere die Vereinigten Staaten, die auf eine lange Historie der Ausbeutung des Kontinents zurückblicken.

Wir sehen Dokumentarmaterial mit der früheren US-Außenministerin Hillary Clinton, in dem sie vor den Gefahren eines „neuen Kolonialismus in Afrika“ warnt, von dem nur Geschäftsleute profitieren können. In Wirklichkeit beanstandet Clinton die Gefahr, dass eher chinesische als amerikanische Geschäftsleute profitieren könnten. Der Schauspieler George Clooney hat ebenfalls einen kurzen Auftritt während einer seiner „Good-Will“-Missionen in Afrika. Clooney stand auf Linie mit der Politik der Obama-Regierung und war ein leidenschaftlicher Befürworter der Teilung de Sudans.

Der Österreicher Sauper (Darwin’s Nightmare [Darwins Albtraum], 2004) verfolgt die koloniale Ausbeutung Afrikas zurück bis zur Berliner Konferenz von 1884/85. Bei dieser Konferenz versuchten verschiedene europäische Mächte und die Vereinigten Staaten einige Grundregeln für ihren „Wettlauf um Afrika“ zu vereinbaren.

Die Dokumentation zeigt eine Reihe von einfühlsamen Interviews mit Opfern dieser Politik, einfache Afrikaner, die klagen, dass die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich einen Verbrecher nach dem anderen unterstützen oder auch ganze Verbrecherbanden. Sobald jemand auftauche, der wahrhaftig den Afrikanern helfen wolle, „dann wird er bei einem Flugzeugunglück getötet“.

We Come As Friends

Ein Ortsansässiger wird von seinen Landsleuten wegen eines Geschäfts verfolgt, das er mit der in Dallas ansässigen Firma Nile Trading and Development abgeschlossen hatte. Für lediglich 25.000 Dollar trat er ihnen die Rechte über 600.000 Hektar Land ab. Während westliche Unternehmen sprudelnde Profite im Sudan machen, sind die Bewohner (einmal mehr) von Mächten, die entschlossen sind, den letzten Tropfen Blut aus dem Land herauszusaugen, zu Armut und Rückständigkeit verurteilt. Sauper führt Interviews mit Mitgliedern einer Gemeinde, die in diesem Verlauf von ihrem Land vertrieben und gezwungen wurde, eine Barackensiedlung auf einem Friedhof zu errichten.

Viele Szenen des Films bleiben im Gedächtnis haften. Ein afrikanischer Politiker versucht, Enthusiasmus für die Teilung des Landes zusammenzutrommeln und fordert (in einer Radiosendung) die Zuhörer auf, die neue Nationalhymne eines der beiden Länder mit ihm mitzusingen. Sehr zu seinem Leidwesen stellt sich heraus, dass er den Text des Liedes gar nicht kennt.

Wir sind Zeugen einer Versammlung des Südsudanesischen Investorengipfels, wo einer der Sprecher betont, dass der Zweck der Investitionen im Sudan nicht darin bestehe, die Bewohner des Landes auszubeuten. Sobald man das begriffen hätte, fährt er begeistert fort, ohne sich der offensichtlichen Ironie seiner Worte bewusst zu sein, „werden Sie großes Geld machen.“

Eine andere aufschlussreiche Szene konzentriert sich auf eine Gruppe christlicher Missionare, die den “Eingeborenen” die “Zivilisation” bringt. Die erklärte Absicht der Missionare besteht darin, mitten im Sudan ein „Neues Texas“ zu errichten.

Ein christliches Pärchen spricht sich anerkennend über die Qualitäten der einfachen afrikanischen Menschen aus, doch leider will es das Unglück, wie einer der beiden bemerkt, dass „sie eigene Ideen über die Eigentumsordnung haben.“ Auf die Frage, ob es irgendwelche Konflikte mit den Afrikanern gebe, die sie zu bekehren versuchen, antwortet eine Missionarin: „Überhaupt nicht“. Augenblicklich korrigiert ihr Ehemann sie, der bemerkt, dass einige Dorfbewohner sich über die Aufteilung ihres Landes beklagt hatten, als die Missionare eintrafen. Die Missionare belehrten sie: „Ihr wart zwar zuerst hier, aber jetzt ist der Zaun hier. An den müsst ihr euch also gewöhnen.“

Der Film verdeutlicht, dass die heuchlerische und niederträchtige Rolle der christlichen Missionare sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten nicht verändert hat. Was sich indessen verändert hat, ist ihre Technologie. We Come as Friends zeigt uns Konvertiten, die solarbetriebene Radiobibeln erhalten, mit denen sie Gottes Wort in den abgelegensten Regionen hören können.

Die letzten Bilder des Films bringen die Kosten in Erinnerung, die die nachfolgenden Kriege, die auf afrikanischem Boden geführt und von den Westmächten angefacht wurden, an Menschenleben gefordert haben. Wir sind Zeugen brutaler Kampfszenen, die von einem südsudanesischen Soldaten mit einer eine Handykamera aufgezeichnet wurden. Kontrastiert werden diese Szenen mit Bildern von reichen Europäern, die sich am Swimmingpool eines neuerrichteten Ferienortes herumfläzen.

Alles in allem ist Saupers Film eine vernichtende Anklage der Realität, die sich hinter den Versprechungen der Großmächte von “humanitärer Hilfe” verbirgt. Er behandelt damit eine ähnliche Thematik, die Raoul Pecks ausgezeichnete Dokumentation Fatal Assistance [Tödlicher Beistand] (gezeigt auf der letzten Berlinale) im Falle gleichartiger Hilfe für Haiti zum Gegenstand hatte.

Lauf Junge, lauf

Der neueste Film des deutschen Regisseurs Pepe Danquart – der 1994 einen Oskar für seinen Kurzfilm Schwarzfahrer gewann, ein beißendes Panorama des Rassismus im heutigen Deutschland – ist Lauf Junge, lauf, die Verfilmung eines Bestseller-Jugendbuchs des israelischen Schriftstellers Uri Orlev.

Lauf Junge, lauf

Danquarts Film spielt in Polen zur Mitte des Zweiten Weltkriegs. Der Film schildert die Strapazen und Nöte des kleinen polnisch-jüdischen Jungen Srulik Fridman, dessen Vater von deutschen Truppen in der Eröffnungsszene des Films ermordet wird. Der Erzählstrang folgt den wirklichen Erlebnissen Fridmans, die Orlov aufgezeichnet hat.

In seinen letzten Atemzügen und angesichts näher rückender deutscher Soldaten sagt Sruliks Vater zu seinem Sohn: “Wie haben keine Zeit. Ich will, dass du dich an Folgendes erinnerst. Du musst am Leben bleiben. Du musst! … Das Wichtigste ist, Srulik, dass du deinen Namen vergisst. Streiche ihn aus deinem Gedächtnis … Aber … vergiss niemals, dass du ein Jude bist.“

Srulik (gespielt von Andrzej und Kamil Tkacz) beherzigt den Rat seines Vaters, nimmt den Namen Jurek Staniak an und beginnt in ländlichen Gebieten Polens sein Leben auf der Flucht. Deutsche Truppen haben Juden im Warschauer Ghetto eingekerkert und liquidieren systematisch alle anderen, die sie auffinden.

Jureks Kampf ums Überleben beginnt. Seine engste Verbündete ist eine junge polnische Bauersfrau und Mutter, Magda (Elisabeth Duda), die ihn zu sich nimmt und ernährt. Als die Deutschen sich ihrem Haus nähern, weist sie ihn in die Formalitäten der katholischen Religion ein. Schließlich muss er, um zu überleben, sich anderen Schutz suchen. Um dahin zu gelangen, muss er öffentlich sein Judentum verleugnen und in der Art eines „guten Katholiken“ polnische Familien um Hilfe bitten.

Lauf Junge, lauf

Der Film konzentriert seine Aufmerksamkeit auf die unglaublichen Nöte, denen Jurek in der Wildnis begegnet und tendiert dazu, breitere politische und historische Fragen zu verschleiern oder zu umgehen. An einer Stelle des Films erfahren wir, dass sowjetische Truppen ihren Vormarsch kurz vor Warschau stoppten und die unmittelbare Befreiung der Ghettoüberlebenden verhinderten. Stalin befahl diese Unterbrechung, weil er fürchtete, dass ein sich entwickelnder Volksaufstand auch sein Regime bedrohen würde.

Eine der stärksten Seiten des Films ist seine Behandlung der einfachen Polen unter der Nazi-Okkupation. In den vergangenen Jahren gab es eine hitzige Debatte in Polen über das Ausmaß des Antisemitismus‘ innerhalb der polnischen Bevölkerung während und nach dem Krieg. Der Film macht klar, dass Jurek, obwohl er von Seiten einiger Polen, die ihm ihre Türen zuschlugen, Antisemitismus und Gleichgültigkeit begegnete, nur deshalb überleben konnte, weil er Unterstützung von Polen erlangte, die Mitleid mit dem Kind hatten, ungeachtet seiner Wurzeln. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zählte die jüdische Bevölkerung Polens drei Millionen Menschen, fast zehn Prozent der Landesbevölkerung.

Der scheußlichste Antisemit im Film ist ein Chirurg, der Jurek als Juden identifiziert und sich folglich weigert, den schwer verletzten Arm des Jungen zu operieren.

Friedman verlor den größten Teil seiner Familie im Holocaust. Er ist heute achtzig Jahre alt, lebt in Israel und hat Enkelkinder. Danquart gelang eine bewegende filmische Würdigung seiner großen Widerstandskraft wie auch des Mutes einfacher Polen, die bereit waren, ihm trotz der großen Gefahren, die dies bedeutete, zu helfen.