Neues Exposé von Seymour Hersh:

Türkei inszenierte Gasangriff, um Krieg zwischen den USA und Syrien zu provozieren

Von Patrick Martin
9. April 2014

Am Sonntag erschien im London Review of Books ein längerer Artikel des investigativen Journalisten Seymour Hersh, laut dem der Sarin-Gasangriff in einem Vorort von Damaskus am 21. August 2013 von syrischen "Rebellen" im Auftrag der Türkei verübt wurde, um den Vorwand für einen Angriff der USA auf Syrien zu schaffen.

Bei dem Gasangriff in dem Vorort Ghuta waren mehrere hundert Menschen getötet worden. Die Obama-Regierung und die Mainstreammedien gaben sofort der syrischen Regierung von Baschar al-Assad die Schuld an dem Verbrechen. Vor allem die New York Times veröffentlichte eine lange Analyse ihres "Militärexperten" C.J. Chivers, die anhand von Raketenflugbahnen, vorherrschenden Winden und anderen technischen Faktoren beweisen sollte, dass die Gasgranaten nur von Artilleriestellungen der syrischen Armee abgefeuert worden sein konnten.

Der Angriff auf Ghuta gab mehrere Wochen lang den Vorwand für eine Hetzkampagne des Weißen Hauses und der amerikanischen und europäischen Medien ab. Obama drohte mit sofortigen Luftschlägen und behauptete, die syrische Regierung hätte mit dem Einsatz von Chemiewaffen die "rote Linie" überschritten, die er 2012 gezogen hatte.

Dann machte der US-Präsident einen plötzlichen Rückzieher und kündigte an, er werde zuerst den Kongress um Erlaubnis bitten. Letzten Endes lehnte er eine offene Militäraktion zugunsten eines Abkommens ab, das der russische Präsident Wladimir Putin ausgehandelt hatte. Darin erklärte sich Assad bereit, seine Chemiewaffen unter Aufsicht zu zerstören.

Laut Hershs Schilderung lag der Ursprung von Obamas Kurswechsel "im britischen Militärlabor Porton Down in Wiltshire. Der britische Geheimdienst hatte eine Probe des Sarin erhalten, das bei dem Angriff am 21. August eingesetzt worden war, und eine Analyse zeigte, dass das eingesetzte Gas nicht mit dem identisch war, das sich nachweislich im Chemiewaffenarsenal der syrischen Armee befand. Die Meldung, dass die Vorwürfe gegen Syrien nicht zu halten sein würden, wurde schnell an die amerikanischen Stabschefs weitergeleitet... Auf dieser Grundlage warnten die amerikanischen Offiziere den Präsidenten in letzter Minute, was dazu führte, dass er den Angriff abbrach."

Die amerikanische Militärführung wusste auch, dass die Behauptungen des Weißen Hauses, es könne für das Sarin keine andere Quelle als das syrische Militär geben, falsch waren. Hersh berichtet: "Die amerikanischen und britischen Geheimdienste wussten seit Frühjahr 2013, dass einige Einheiten der syrischen Rebellen Chemiewaffen zusammenbauten. Am 20. Juni veröffentlichten Analysten der amerikanischen Defense Intelligence Agency ein streng geheimes, fünfseitiges Dokument mit 'Schlüsselthemen' für den stellvertretenden Direktor der DIA, David Shedd, in dem zu lesen war, dass die al Nusra-Front eine Produktionsstätte für Sarin habe..."

Hersh zitiert ausführlich aus diesem Regierungsdokument, dessen Existenz der Direktor der DIA mittlerweile leugnet.

"Die relative Operationsfreiheit der al Nusra-Front in Syrien führt uns zu der Annahme, dass die Bestrebungen der Gruppe, Chemiewaffen zu erlangen, in Zukunft schwer zu kontrollieren sein werden... Chemie-Zwischenhändler aus der Türkei und Saudi-Arabien... haben versucht, große Mengen von Grundstoffen für Sarin zu erwerben, in zweistelligen Kilo-Mengen, vermutlich zur Produktion in großem Stil in Syrien."

Laut Hersh waren im letzten Mai Mitglieder der al Nusra-Front in der Türkei mit zwei Kilogramm Sarin verhaftet worden. In einer 130-seitigen Anklageschrift wurde ihnen vorgeworfen, versucht zu haben, "Sicherungen und Rohre für den Bau von Granatwerfern und chemischen Vorstufen für Sarin zu erwerben." Alle Verhafteten wurden seither entweder auf Kaution freigelassen oder die Anklagen wurden fallengelassen.

Vor diesen Verhaftungen kam es im März und April 2013 zu Anschlägen mit Chemiewaffen, bei denen eine UN-Untersuchungskommission Beweise fand, die auf die Schuld der syrischen "Rebellen" hindeuteten. Ein Informant sagte Hersh: "Die Ermittler befragten Leute, die dort waren, darunter die Ärzte, die die Opfer behandelten. Es war klar, dass die Rebellen das Gas eingesetzt hatten. Es kam nicht an die Öffentlichkeit, weil niemand es wissen wollte."

"Niemand" waren natürlich die US-Regierung, ihre europäischen Verbündeten und ihre Marionetten von der UN - und deren politische Verteidiger in den Medien und den pseudolinken Gruppen wie der International Socialist Organization, die sich entweder offen für eine Militärintervention einsetzen oder sie rechtfertigen, indem sie die von den USA finanzierten "Rebellen" als demokratische Revolutionäre darstellen.

Nach dem Angriff am 21. August befahl Obama dem Pentagon, Pläne für Luftangriffe auf Syrien auszuarbeiten; wie ein ehemaliger Geheimdienstler Hersh erklärte, lehnte das Weiße Haus "35 der Ziele ab, die ihm die Stabschefs vorschlugen, weil sie für das Assad-Regime nicht 'schmerzhaft' genug seien."

Letzten Endes sah der amerikanische Schlachtplan einen "Monsterangriff" mit zwei Geschwadern von B52-Bombern vor, die mit 2000-Pfund-Bomben bewaffnet sind, außerdem mit Marschflugkörpern, die von U-Booten und Kriegsschiffen abgefeuert werden sollten.

Hersh schreibt weiter: "Die neue Zielliste sollte sämtliche militärischen Fähigkeiten, die Assad hatte, vollständig ausradieren, erklärte der ehemalige Geheimdienstler. Die wichtigsten Ziele waren Stromnetze, Öl- und Gaslager, alle bekannten Logistik- und Waffenlager, alle bekannten Kommando- und Leitstellen und alle bekannten Gebäude des Militärs und des Geheimdienstes.“

Die Bombenangriffe, die auf Anweisung des Weißen Hauses geplant wurden, hätten bereits ein Kriegsverbrechen dargestellt, da sie zehntausende von Todesopfern zur Folge gehabt und die syrische Gesellschaft funktionsuntüchtig gemacht hätten.

Dann kommt Hersh zu seiner wichtigsten Enthüllung: nämlich dass Vertreter der USA glaubten, die türkische Regierung oder ihre Geheimdienste hätten den Gasangriff in Ghuta inszeniert.

Er berichtet, dass es innerhalb der amerikanischen Militär- und Geheimdienstführung die Vermutung gab, "einige Kreise in der türkischen Regierung" hätten erwogen, einen Sarin-Angriff in Syrien herbeizuführen, um "Obama zu zwingen, seine Drohung wegen der Verletzung der roten Linie wahrzumachen."

Das bestätigte sich durch die Erkenntnisse des britischen Militärgeheimdienstes hinsichtlich des Gases, das in Ghuta eingesetzt wurde. Die Amerikaner erhielten die Nachricht: "Wir werden hier in die Irre geführt." Später äußerte ein "hochrangiger Vertreter der CIA" in einer Notiz, die Ende August geschickt wurde: "Das aktuelle Regime [Assad] ist nicht dafür verantwortlich. USA und GB wissen das."

Hersh deutet an, dass die erbitterte Kontroverse um den Anschlag auf das amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi 2012, bei dem vier Amerikaner ums Leben kamen, darunter der amerikanische Botschafter in Libyen Christopher Stevens, direkt mit den Kämpfen in Syrien in Verbindung steht.

Es gab zahlreiche Berichte darüber, dass die CIA die Lieferung von libyschen Waffenbeständen von Bengasi an die syrischen Rebellen organisiert hat. Hersh zitiert aus einem "streng geheimen Anhang" am Bericht des Senatskomitees, das den Anschlag von Bengasi untersucht hat.

Dieses Dokument "beschrieb ein geheimes Abkommen von Anfang 2012 zwischen Obama und der [türkischen] Erdogan-Regierung... Gemäß den Bedingungen des Abkommens kam die Finanzierung von der Türkei, Saudi-Arabien und Katar; die CIA und der MI6 hingegen waren dafür verantwortlich, Waffen aus Gaddafis Arsenalen nach Syrien zu liefern. In Libyen wurden mehrere Tarnfirmen gegründet, einige davon unter dem Deckmantel australischer Unternehmen. Pensionierte amerikanische Soldaten, die nicht immer wussten, für wen sie wirklich arbeiteten, wurden eingestellt, um die Verladung und Verschiffung zu überwachen. Die Operation wurde von David Petraeus geleitet, dem CIA-Direktor, der bald darauf zurücktreten musste, weil er eine Affäre mit seiner Biografin hatte."

Laut Hersh wurde die CIA nach dem Fiasko in Bengasi abgezogen, aber von Libyen aus wurden weiterhin Waffen über die Türkei nach Syrien geschickt, möglicherweise auch "Manpads" - tragbare Boden-Luft-Raketenwerfer, die die Obama-Regierung den Rebellen nicht liefern wollte, weil sie befürchtete, sie könnten gegen zivile Flugzeuge eingesetzt werden.

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan beauftragte den nationalen Geheimdienst (MIT) damit, eine Provokation zu inszenieren, die als Vorwand für eine direkte Militärintervention der USA dienen sollte. Hersh zitiert seinen Informanten: „’Das MIT hielt die politischen Verbindungen zu den Rebellen, die Gendarmerie war für die militärische Logistik, Beratung vor Ort und Ausbildung zuständig, darunter auch die Ausbildung in chemischer Kriegsführung,' sagte der ehemalige Geheimdienstler. 'Die Verstärkung der Rolle der Türkei im Frühling 2013 galt als die Lösung ihrer Probleme dort... Erdogan hoffte, er könne einen Vorfall inszenieren, der die USA dazu zwingen werde, die rote Linie zu überschreiten. Aber Obama reagierte im März und April nicht.'"

Zwei Informanten schilderten Hersh ein Arbeitsessen, das während Erdogans Besuch in Washington im Mai 2013stattfand. An ihm nahmen Obama, Außenminister John Kerry und der nationale Sicherheitsberater Thomas Donilon und Erdogan, Außenminister Ahmet Davutoglu und MIT-Chef Hakan Fidan teil. Erdogan forderte Obama auf, Syrien anzugreifen und sagte: "Ihre rote Linie ist überschritten worden." Obama deutete dann auf Fidan und sagte: "Wir wissen, was Sie mit den Radikalen in Syrien machen."

Hersh zitiert einen "Berater des amerikanischen Geheimdienstes“, der ein geheimes Memo für Martin Dempsey, den Vorsitzenden der Stabschefs, und Verteidigungsminister Chuck Hagel erstellt hatte. Es wurde vor dem Gasangriff vom 21. August erstellt. In dem Memo wurde auf "die akute Anspannung" in Erdogans Regime wegen der militärischen Rückschläge eingegangen und davor gewarnt, dass die türkische Führung sich gezwungen sehen könnte, "etwas zu tun, was eine militärische Reaktion der USA nach sich ziehen würde."

Hershs Informant, der ehemalige Geheimdienstler, erklärte, in der Zeit nach dem Gasangriff hätten abgefangene Botschaften und andere Daten darauf hingedeutet, dass die Türkei den Angriff in Ghuta organisiert habe. "'Wir wissen jetzt, dass es eine verdeckte Aktion war, die Erdogans Leute geplant hatten, um Obama über die rote Linie zu stoßen,' erklärte der ehemalige Geheimdienstler. 'Sie mussten einen Gasangriff in oder bei Damaskus organisieren, wenn die UN-Inspektoren - die am 18. August in Damaskus eingetroffen waren, um die vorherigen Gasangriffe zu untersuchen – vor Ort waren. Es sollte etwas Spektakuläres werden. Unsere führenden Offiziere haben von der DIA und anderen Geheimdiensten erfahren, dass das Sarin von der Türkei geliefert wurde - dass sie es nur mit Unterstützung der Türkei bekommen konnten. Die Türken haben ihnen auch erklärt, wie man das Sarin produziert und einsetzt."

Erst vor einer Woche tauchten Beweise auf, die Hershs Bericht noch glaubhafter erscheinen lassen. Auf YouTube wurde ein Video von einem Treffen türkischer Regierungsvertreter unter Beteiligung von Fikan veröffentlicht, in dem der Chef des Geheimdienstes andeutet, dass türkische Agenten einen Angriff auf einen muslimischen Schrein in Syrien durchführen könnten, um einen Vorwand für einen Einmarsch der Türkei im Land zu schaffen.

Hershs Schilderung ist sein zweites langes Exposé über den "False Flag-" Gasangriff in Damaskus, in vier Monaten. Beide Artikel wurden in der britischen Zeitschrift veröffentlicht, weil keine große amerikanische Zeitung und kein Magazin noch Material des Pulitzerpreisträgers veröffentlicht.

Hersh, der seine Karriere als Reporter mit Berichten über das Massaker von My Lai in Vietnam für die New York Times begonnen hatte, hat sich darauf spezialisiert, Verbindungen zu Quellen im amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparat aufzubauen, vor allem zu solchen mit politischen Differenzen zu der aktuellen Regierung in Washington. Von der Times ging er zur Newsday; später schrieb er jahrelang für den New Yorker.

Sowohl der New Yorker als auch die Washington Post weigerten sich, seinen ersten Bericht über den Gasangriff von Ghuta zu veröffentlichen, in dem er behauptete, der Sarin-Angriff sei von syrischen Rebellen der al Nusra-Front verübt worden; Hersh war daher gezwungen, seine Schilderung bei einem britischen Verleger zu veröffentlichen. Die amerikanische Presse schwieg weitgehend über den Bericht, auch seine jüngsten Enthüllungen hat sie bisher ignoriert.

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