Was geschah am 2. Mai in Odessa wirklich?

Von Stefan Steinberg
16. Mai 2014

Neue Informationen, Zeugenaussagen, Fotos und Videoaufnahmen belegen das Ausmaß des Massakers, das faschistische Kräfte in der ukrainischen Stadt Odessa verübt haben.

Am Morgen schlugen Gegner des Regimes in Kiew ihre Zelte im Zentrum von Odessa auf. Sie waren gekommen, um Unterschriften für ein Referendum über eine föderale staatliche Gliederung der Ukraine zu sammeln. Diese friedliche Zusammenkunft wurde von einer Gruppe faschistischer Schläger angegriffen, die mit Bussen aus Kiew und Charkow angereist waren. Die Erstürmung der Zelte geht aus diesem Video hervor, auf dem Hunderte mit Schlagstöcken, Schutzschildern und Pistolen bewaffnete Schläger ins Zentrum der Stadt marschieren und regierungsfeindliche Demonstranten angreifen.

Um den Angriffen der Faschisten zu entkommen, zogen sich die Kiew-feindlichen Demonstranten in das im Zentrum der Stadt gelegene Gewerkschaftshaus, ein riesiges, fünfstöckiges Gebäude zurück. Daraufhin umstellte der Nazi-Mob das Gebäude und verbarrikadierte die Türen. „Verbrennt sie!“ grölten die Nationalisten und setzten das Gebäude an seiner Frontseite mit Molotowcocktails in Brand. Auf Fotos sieht man, wie Faschisten auf der Straße Molotowcocktails präparieren.

Die ganze Zeit sah die ukrainische Polizei zu und tat nichts, um die Faschisten zu bändigen. Dafür verhaftete sie 130 Gegendemonstranten und Überlebende des Massakers. Es liegen keine Bericht über Verhaftungen von Neonazis vor, die das Gewerkschaftsgebäude belagerten.

Ein Video zeigt das Verhalten einiger Schläger, die das Gebäude umstellten. Ein Mann, der eine blaugelbe Armbinde trug und als Aktivist der Maidan-Demonstrationen vom Februar bekannt ist, schießt auf Leute, die versuchen, durch einen Sprung aus dem Fenster zu entkommen.

Nach vier Minuten Spielzeit hört man einen Mann nach Molotowcocktails rufen, die man in das Gebäude werfen soll: “Werft sie rein, werft sie rein!”. Einige Sekunden später explodiert vor dem Gebäude eine Granate.

Als sich die Flammen ausbreiteten und das zweite Stockwerk erreichten, sprangen die ersten Leute aus dem Fenster. Draußen brüllen die Ultra-Nationalisten: „Springt! Ruhm der Ukraine!“

Schüsse auf die im Gebäude Eingeschlossenen wurden aus einer Position hinter den Einsatzkräften der Polizei abgegeben, was auf Unterstützung der Polizei für die Faschisten hinweist. Die Polizei schritt auch nicht ein, um den Mob daran zu hindern, die Feuerwehrzufahrten zu blockieren. Diese Verzögerungen kosteten mit Sicherheit weitere Menschenleben.

Erste Medienberichte sprachen davon, dass die etwa 40 Opfer des Massakers unmittelbar an Rauchvergiftung starben oder an Verletzungen, die sie sich durch den Sprung aus dem Fenster zugezogen hatten.

Die Medien schweigen sich aber aus über schreckliche Bilder, die nach dem Brand im Gebäude gemacht wurden und die darauf hindeuten, dass einige Opfer ermordet wurden und nicht durch das Feuer umkamen. Anscheinend waren die Faschisten in der Lage, in das Gebäude einzudringen und Eingeschlossene gezielt zu ermorden. Auf einem Foto sieht man eine schwangere Frau, den Körper nach hinten über einen Schreibtisch gekrümmt. Offensichtlich wurde sie erdrosselt.

Diese Berichte entlarven die Versuche von Politikern und Medien des Westens, das reaktionäre, weit rechts stehende Regime in Kiew von jeder Verantwortung freizusprechen und das Massaker den prorussischen Kräften zuzuschreiben, die ihm zum Opfer fielen. Der schwedische Außenminister Carl Bildt, der seit vielen Jahren Verbindungen zu neokonservativen amerikanischen Denkfabriken unterhält, twitterte am selben Tag: „Schreckliches Ereignis mit mindestens 38 Toten in Odessa. Versuche prorussischer Kräfte, das Gebäude einzunehmen, waren anscheinend der Auslöser...“

Mit der Provokation am 2. Mai in Odessa, auf die die jüngste Offensive des ukrainischen Militärs in Mariupol folgte, soll jede Opposition gegen das Putschregime in Kiew eingeschüchtert werden. Dieses hat sich der Aufgabe verschrieben, ein Programm drastischer Sparmaßnahmen durchzusetzen, das vom Internationalen Währungsfonds und der EU diktiert wird. Zur Erreichung dieses Ziels sind die Regierungen in Washington und Berlin bereit, mit dem reaktionären Gesindel zusammenzuarbeiten, das für die Gräueltaten vom 2. Mai verantwortlich ist, und sogar das Risiko eines militärischen Konflikts mit Russland einzugehen.