Die faschistische Tradition des ukrainischen Nationalismus (1)

Von Konrad Kreft und Clara Weiss
23. Mai 2014

Die westlichen Medien sind bemüht, die prominente Rolle von Faschisten in der neuen ukrainischen Regierung herunterzuspielen. Die rechtsextreme Partei Swoboda ist darin mit mehreren Ministern vertreten, während die Milizen des Rechten Sektors den Widerstand im Osten des Landes gewaltsam unterdrücken. Beide, Swoboda und Rechter Sektor, hatten bei dem von Berlin und Washington unterstützten Putsch vom 22. Februar in Kiew eine entscheidende Rolle gespielt. Das ist kein Zufall. Die enge Zusammenarbeit Deutschlands und der USA mit ukrainischen Faschisten hat eine lange Geschichte, die hundert Jahre zurückreicht.

Die Wurzeln des ukrainischen Nationalismus

Anders als in vielen andern europäischen Ländern gab es in der Ukraine nie eine starke bürgerliche Nationalbewegung. Die heutige Ukraine war seit dem ausgehenden Mittelalter zwischen Polen und Russland aufgeteilt. Nach der Spaltung Polens Ende des 18. Jahrhunderts war sie Bestandteil des russischen Zarenreichs. Lediglich ein Teil der heutigen Westukraine gehörte zum Habsburger Reich.

Die Schwäche der ukrainischen Nationalbewegung war zum einen auf die ökonomische Rückständigkeit und das Fehlen eines starken Bürgertums zurückzuführen, eine größere Industrialisierung fand erst im Rahmen der Sowjetunion statt. Zum andern bestand ein großer Teil der Stadtbevölkerung aus Russen, Deutschen und Juden, während vor allem die Landbevölkerung ukrainisch war.

Als schließlich 1917 nach dem Sturz des Zaren durch die Februarrevolution bürgerliche Kräfte einen ukrainischen Nationalstaat errichteten, waren sie sofort mit der revolutionären Arbeiterklasse konfrontiert. Die Bolschewiki, die im Oktober in Russland die Macht eroberten, hatten auch in der Ukraine große Unterstützung. Seither zeichnet sich der bürgerliche Nationalismus in der Ukraine durch virulenten Antikommunismus, Pogrome an revolutionären Arbeitern und Juden und das Bemühen aus, Unterstützung von imperialistischen Mächten zu bekommen.

Die sozialdemokratisch dominierte Rada, die im Januar 1918 die Selbständigkeit der Ukraine verkündete, bemühte sich um ein Übereinkommen mit Deutschland. Doch als nach dem Frieden von Brest-Litowsk, der die Sowjetregierung zur Abtretung der Ukraine zwang, deutsche Truppen einmarschierten, schoben sie die Rada beiseite und errichteten eine Diktatur unter dem „Hetman“ Pawlo Skoropadskyj, einem Großgrundbesitzer und ehemaligen zaristischen General. Er machte Kiew zum Sammelpunkt für rechtsradikale und antisemitische Politiker und Militärs aus ganz Russland. (siehe auch: „Antisemitismus und Russische Revolution“)

Nach dem durch die Kriegsniederlage erzwungenen deutschen Rückzug wurde die Ukraine zum Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg. Die Freiwilligenarmee unter General Denikin, die mit Unterstützung der Westmächte auf ukrainischem Boden gegen die Sowjetregierung kämpfte, verübte bestialische Verbrechen und grausame antijüdische Pogrome. Allein in der zweiten Hälfte 1919 ermordeten die Weißen schätzungsweise 50.000 Juden.

In Kiew übernahm ein Direktorium unter Symon Petliura, eines zum Nationalisten gewandelten Sozialdemokraten, die Macht. Es bemühte sich ebenfalls um die Unterstützung der Westmächte, bekämpfte die Sowjetregierung und war für die Ermordung von mehr als 30.000 Juden verantwortlich. Petliura zählt, neben Stepan Bandera, zu den Vorbildern der heutigen ukrainischen Nationalisten.

Lenin verteidigte das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine, und diese demokratische Forderung spielte eine entscheidende Rolle dabei, die unterdrückten ukrainischen Arbeiter und Bauern auf die Seite der Bolschewiki zu gewinnen, die im Bürgerkrieg 1921 schließlich siegten. 1922 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik offiziell Teil der neu gegründeten Sowjetunion. Die Westukraine blieb allerdings unter polnischer Herrschaft.

Eine wirkliche Unabhängigkeit vom Imperialismus und eine Entwicklung der nationalen Kultur war in der Ukraine erst in der frühen Sowjetunion möglich. Grundlage hierfür war Lenins und Trotzkis Nationalitätenpolitik, die den Nationen innerhalb des sowjetischen Staatenbundes ein umfassendes Recht auf Selbstbestimmung zugestand. Die Unterdrückung der Nationalitäten, wie sie im Zarenreich üblich war, lehnten die Bolschewiki entschieden ab.

Die 1920er Jahre bedeuteten für die ukrainischen Massen eine gewaltige Hebung der Kultur und des Lebensstandards. Die Analphabeten-Rate sank massiv, im ganzen Land wurden Bildungseinrichtungen und Universitäten eingerichtet. Ukrainische Sprache und Kultur fanden umfassende Förderung und belebten das intellektuelle Leben. Wie Leo Trotzki 1939 schrieb, übte die Sowjetukraine dank dieser Politik eine enorme Anziehungskraft auf die Arbeiter, Bauern und revolutionäre Intelligenz der von Polen versklavten Westukraine aus.

Doch der Aufstieg der stalinistischen Bürokratie machte dieser Nationalitätenpolitik ein Ende. Bereits Lenin hatte Stalin wegen seiner zentralistischen und bürokratischen Tendenzen in der georgischen und ukrainischen Frage angegriffen. Nach Lenins Tod ging Stalin dann immer rücksichtsloser gegen nicht-russische Nationalitäten vor.

„Die Bürokratie unterdrückte und plünderte das Volk auch in Großrussland aus“, schrieb Trotzki 1939. „Aber in der Ukraine komplizierte sich die Angelegenheit durch die Zerstörung nationaler Hoffnungen. Nirgendwo haben Unterdrückung, Säuberungen, Repressalien und überhaupt alle Formen des bürokratischen Rowdytums derart mörderische Ausmaße angenommen wie im Kampf gegen das machtvolle, tief verwurzelte Streben der ukrainischen Massen nach mehr Freiheit und Unabhängigkeit.“ (1)

Von der Zwangskollektivierung der späten 1920er und frühen 1930er waren die ukrainischen Bauern in besonders hohem Maße betroffen. Rund 3,3 Millionen Menschen fielen dieser Politik zum Opfer.

Die verheerenden Folgen der nationalistischen Politik der stalinistischen Bürokratie stärkten „nationalistische Untergrundgruppen (…), die von fanatischen Antikommunisten, Nachfolgern der Petljura-Anhänger und Vorgängern der Bandera-Leute geleitet wurden“, schreibt Wadim Rogowin im Buch Stalins Kriegskommunismus. (2) Stalins mörderische Repressionspolitik spielte den ukrainischen Nationalisten und Faschisten in die Hände, die in den westlichen Teilen der geteilten Ukraine agitierten und mit Hitler kollaborierten, als dieser 1941 die Sowjetunion überfiel. Trotz der Verbrechen des Stalinismus verteidigte jedoch der Großteil der Ukrainer in der Roten Armee die Sowjetunion.

Die Verbrechen der ukrainischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg

Zu den wichtigsten Organisationen, die mit den Nazis kollaborierten, gehörte die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Sie rekrutierte sich vor allem aus Veteranen des Bürgerkrieges, die auf der Seite Petljuras gegen die Bolschewiki gekämpft hatten.

Während der 1930er Jahre verübte die OUN zahlreiche Terroranschläge in der Ukraine, Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei. Ihr ideologischer Kopf war Dmitro Donzow (1883-1973), der aufgrund seiner publizistischen Aktivitäten, zu denen auch eine Übersetzung von MussolinisDottrina del Fascismo (Die Doktrin des Faschismus) und von Auszügen aus Adolf Hitlers Mein Kampf ins Ukrainische gehörten, zu den entscheidenden Ideengebern der radikalen ukrainischen Rechten zählt.

Donzow hatte die These der „Amoralität“ entwickelt. Sie forderte, so der Historiker Frank Golczewski, „mit jedem Feind Großrusslands ungeachtet dessen eigener politischer Zielsetzung zusammenzuarbeiten“. Sie „schuf eine ideologische Rechtfertigung für die spätere Kollaboration mit den Deutschen“ und für den Übergang der ukrainischen Nationalisten auf die Seite der Amerikaner im Kalten Krieg. (3)

1940 spaltete sich die OUN in eine Bandera (B)- und eine Melnyk (M)-Fraktion, die sich erbittert bekämpften. Banderas radikalere Gruppe konnte mehr Anhänger auf ihre Seite ziehen. Sie begann auf dem von Deutschland besetzten Territorium Polens mit dem Aufbau ukrainischer Milizen (der Legionen „Roland“ und „Nachtigall“), die im Juni 1941 an der Seite der Wehrmacht die Sowjetunion überfielen.

Die als Hilfstruppen eingesetzten Legionen und spezielle Milizen verübten in den eroberten Gebieten nach Abzug der Roten Armee zahllose Massaker an Juden. Nach dem Einzug der OUN-B in Lwiw am 29. Juni 1941 führten die Bandera-Milizen (Nachtigall-Legion) tagelang Judenpogrome durch. Ukrainische Milizen setzten die Judenmassaker in Ternopil, Stanislau und weiteren Orten fort. Etwa 140 Pogrome in der Westukraine sind für die ersten Tage belegt, bei denen 13.000 bis 35.000 Juden ermordet wurden. (4)

Am 30. Juni 1941 riefen Bandera und sein Stellvertreter an der Spitze der OUN-B, Jaroslaw Stezko, in Lwiw eine unabhängige Ukraine aus. Der Propagandachef der OUN-B-Regierung, Stepan Lenkawski, trat offen für die physische Vernichtung des ukrainischen Judentums ein.

Die Nazis setzten die ukrainischen Kollaborateure für Morde und Brutalitäten ein, für die sich selbst die SS-Einsatzkommandos zu schade waren. In der Ukraine beschränkte sich das Einsatzkommando 4a zum Beispiel „auf das Erschießen von Erwachsenen, während es den ukrainischen Helfern befahl, [die] Kinder zu erschießen“. (5)

Der Umgang mit den ukrainischen und anderen Kollaborateuren in der Sowjetunion war in der Nazi-Führung umstritten. Während Alfred Rosenberg, einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, für eine stärkere Einbindung der lokalen faschistischen Kräfte eintrat, stellte sich Hitler gegen die sogenannten Unabhängigkeitsprojekte der Nationalisten. Auf Hitlers Anweisung wurden die OUN-B-Führer schließlich verhaftet und die ukrainischen Legionen verlegt sowie entwaffnet.

Ab 1942 dienten die ukrainischen Milizen dem Dritten Reich bei der „Partisanenbekämpfung“ in Weißrussland, im „Sicherheitsdienst“ und als bewaffnetes Personal in Konzentrationslagern. Bandera und Stezko blieben bis September 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen in Haft.

Als Hitlers Armeen nach der Niederlage in Stalingrad den Rückzug antraten, bildeten in die Ukraine zurückgekehrte Mitglieder der OUN-Legionen 1943 die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA). Bandera reiste umgehend nach seiner Entlassung in die Ukraine zurück, um die UPA zu führen.

Die UPA wurde mit deutschen Waffen versorgt und bemühte sich, durch umfangreiche ethnische Säuberungen die Voraussetzungen für einen ethnisch reinen ukrainischen Staat zu schaffen. Den zwischen 1943 und 1944 von der UPA verübten Massakern fielen 90.000 Polen und tausende Juden zum Opfer. Auch gegen ukrainische Bauern und Arbeiter, die der Sowjetunion beitreten wollten, ging sie brutal mit Folterungen, Terroranschlägen und Hinrichtungen vor. Bis die Aufstandsbewegung im Jahr 1953 vollständig niedergeschlagen wurde, tötete die UPA rund 20.000 Ukrainer.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1) Leo Trotzki, Die ukrainische Frage, in Trotzki Schriften 1.2, Hamburg 1988, S. 1173

2) Wadim Rogowin: Stalins Kriegskommunismus, Essen 2006, S. 377

3) Frank Golczewski: Die ukrainische Emigration, in: Ders. (Hrsg.): Geschichte der Ukraine, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 236.

4) Per Anders Rudling: The Return of the Ukrainian Far Right. The Case of VO Svoboda, in: Ruth Wodak, John E. Richardson (Hrsg.): Analyzing Fascist Discourse: European Fascism in Talk and Text, London 2013, S. 228-255. Der Artikel ist online zugänglich.

5) Zitiert nach Christopher Simpson: Blowback. America’s Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War, London 1988, S. 25.

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