Filmkritik

Zeit der Kannibalen

Von Bernd Reinhardt
27. Mai 2014

Zu den besten deutschen Filmen auf der Berlinale in diesem Jahr gehörte Zeit der Kannibalen von Johannes Naber (Der Albaner, 2010), eine gelungene Groteske über moderne Profitjäger im heutigen Kapitalismus.

Der Globus ist für Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) die Spielwiese, auf der die beiden Unternehmensberater Firmen und ganze Regionen in den Bankrott treiben.

Zeit der Kannibalen

Für den maximalsten Gewinn ihrer Kunden verschieben sie kurz mal 120 Millionen von Indien nach Pakistan. Der reingelegte indische Unternehmer ist sprachlos. Ihm ist unverständlich, wieso die Company sich von den strebsamen indischen Arbeitern ab- und den pakistanischen muslimischen "Untermenschen" zuwendet.

Der schmierige südafrikanische Unternehmer, der ihnen ein Bild seines Vaters und von glücklichen Angestellten zeigt, langweilt die beiden Berater. Als er wutschnaubend das Zimmer verlässt, fleht seine Partnerin die beiden an, dass sie mitgenommen werde. Sie habe eine hochqualifizierte akademische Ausbildung, beherrsche vier Sprachen und wolle nach Deutschland. Dann beginnt sie sich auszuziehen, um weitere Vorzüge zu demonstrieren.

Dies und anderes spielt sich in den klimatisierten Zimmern eines Hotels in Lagos in Nigeria ab. Draußen ist die Luft voller Smog. Der Blick aus dem Fenster trifft graue Quader - die Stadt. Das Ohr vernimmt ab und an Schüsse, Schreie und Detonationen. Was ist da los? Uninteressant.

„Vielleicht hat irgendein Kopftuchmädchen seinen Jungfrauentest nicht bestanden, und jetzt gibt's eine Massenvergewaltigung oder Steinigung.“ Besonders Öllers ist ein unerträglicher Zyniker. Beide interessieren sich nicht im Geringsten für ihre Umgebung. In welchem Land sind wir gerade? Egal. Die neue Kollegin Bianca (Katharina Schüttler), die die beiden für die Company bespitzeln soll, erntet Gelächter, als sie ernsthaft vorschlägt, eine Stadtbesichtigung zu machen.

Bianca neigt zu moralischen Anwandlungen, Überbleibsel einer Zeit, als sie in einer NGO arbeitete, dann aber befand, dass sie bei der Company mehr für die Umwelt tun könne. Das finden auch die anderen. Bevor eine neue Welt aufgebaut werden kann, ist man sich einig, muss die alte zerstört werden. Als ihnen die Entlassung droht (die Company wurde heimlich verkauft), verwandeln sich die drei in ein Häufchen Elend, betrinken sich und trauern den verpassten Gelegenheiten im Leben nach.

Dabei stellen Bianca und Öllers eine gemeinsame Vergangenheit bei den Grünen fest. Was waren das für schöne, friedliche Zeiten, als man Kröten über die Straße half, indem man Tunnel für sie grub. Öllers bemerkt, dass er nach wie vor eingetragenes Mitglied bei den Grünen sei.

Das moralische Getue dieser Kreise zu persiflieren, hat den Schauspielern sichtlich Spaß gemacht. Katharina Schüttler trifft genau den melodramatischen Feministinnen-Ton, wenn sie als Bianca Öllers zur Rede stellt, weil er im Hotel bezahlten Sex genossen hat. Dabei macht der Film deutlich, dass die karrieresüchtige Bianca im Job genauso asozial ist, wie ihre männlichen Kollegen.

Das rot-grüne Milieu pflegt seinen speziellen Zynismus und hat Typen hervorgebracht, die nur verbrannte Erde hinterlassen - im Namen von „Humanität“ oder „humanitärer Interventionen“. Öllers entrüstet sich theatralisch über die Praxis der Mädchenbeschneidung, um in pathetischem Ton die Notwendigkeit zu bekräftigen: "Diese Welt muss zerstört werden!"

Damit trifft der Film den Nagel auf den Kopf. Das ist die Sprache moderner Kolonialherr"Innen", die sich das Recht herausnehmen, alles zu zerstören, was ihnen im Wege steht, um „zivilisatorische“ Werte zu erhalten, das heißt: die Privilegien und den Reichtum von Parasiten wie Öller und Niederländer.

Siehe auch https://www.wsws.org/de/articles/2014/03/22/berl-m22.html

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