64. Internationales Berliner Filmfestival - Teil 6

Zeit der Kannibalen und Amma und Appa: Zwei Seiten der Globalisierung

Von Bernd Reinhardt
22. März 2014

Dies ist der sechste und letzte Teil einer Artikelreihe zu dem kürzlich beendeten Filmfestival in Berlin, der 64. Berlinale, die vom 6. bis zum 16. Februar 2014 stattfand. Teil eins wurde am 22. Februar, Teil zwei am 25. Februar, Teil drei am 1. März, Teil vier am 4. März und Teil fünf am 8. März veröffentlicht.

Zu den besten deutschen Filmen in diesem Jahr gehörte Zeit der Kannibalen von Johannes Naber (Der Albaner, 2010), eine gelungene Groteske über moderne Profitjäger im heutigen Kapitalismus.

Zeit der Kannibalen

Der Globus ist für Frank Öllers (Devid Striesow) und Kai Niederländer (Sebastian Blomberg) die Spielwiese, auf der die beiden Unternehmensberater Firmen und ganze Regionen in den Bankrott treiben.

Für den maximalsten Gewinn ihrer Kunden verschieben sie kurz mal 120 Millionen von Indien nach Pakistan. Der reingelegte indische Unternehmer ist sprachlos. Ihm ist unverständlich, wieso die Company sich von den strebsamen indischen Arbeitern ab- und den pakistanischen muslimischen "Untermenschen" zuwendet.

Der schmierige südafrikanische Unternehmer, der ihnen ein Bild seines Vaters und von glücklichen Angestellten zeigt, langweilt die beiden Berater. Als er wutschnaubend das Zimmer verlässt, fleht seine Partnerin die beiden an, dass sie mitgenommen werde. Sie habe eine hochqualifizierte akademische Ausbildung, beherrsche vier Sprachen und wolle nach Deutschland. Dann beginnt sie sich auszuziehen, um weitere Vorzüge zu demonstrieren.

Dies und anderes spielt sich in den klimatisierten Zimmern eines Hotels in Lagos in Nigeria ab. Draußen ist die Luft voller Smog. Der Blick aus dem Fenster trifft graue Quader - die Stadt. Das Ohr vernimmt ab und an Schüsse, Schreie und Detonationen. Was ist da los? Uninteressant.

„Vielleicht hat irgendein Kopftuchmädchen seinen Jungfrauentest nicht bestanden, und jetzt gibt's eine Massenvergewaltigung oder Steinigung.“ Besonders Öllers ist ein unerträglicher Zyniker. Beide interessieren sich nicht im Geringsten für ihre Umgebung. In welchem Land sind wir gerade? Egal. Die neue Kollegin Bianca (Katharina Schüttler), die die beiden für die Company bespitzeln soll, erntet Gelächter, als sie ernsthaft vorschlägt, eine Stadtbesichtigung zu machen.

Zeit der Kannibalen

Bianca neigt zu moralischen Anwandlungen, Überbleibsel einer Zeit, als sie in einer NGO arbeitete, dann aber befand, dass sie bei der Company mehr für die Umwelt tun könne. Das finden auch die anderen. Bevor eine neue Welt aufgebaut werden kann, ist man sich einig, muss die alte zerstört werden. Als ihnen die Entlassung droht (die Company wurde heimlich verkauft), verwandeln sich die drei in ein Häufchen Elend, betrinken sich und trauern den verpassten Gelegenheiten im Leben nach.

Dabei stellen Bianca und Öllers eine gemeinsame Vergangenheit bei den Grünen fest. Was waren das für schöne, friedliche Zeiten, als man Kröten über die Straße half, indem man Tunnel für sie grub. Öllers bemerkt, dass er nach wie vor eingetragenes Mitglied bei den Grünen sei.

Das moralische Getue dieser Kreise zu persiflieren, hat den Schauspielern sichtlich Spaß gemacht. Katharina Schüttler trifft genau den melodramatischen Feministinnen-Ton, wenn sie als Bianca Öllers zur Rede stellt, weil er im Hotel bezahlten Sex genossen hat. Dabei macht der Film deutlich, dass die karrieresüchtige Bianca im Job genauso asozial ist, wie ihre männlichen Kollegen.

Das rot-grüne Milieu pflegt seinen speziellen Zynismus und hat Typen hervorgebracht, die nur verbrannte Erde hinterlassen - im Namen von „Humanität“ oder „humanitärer Interventionen“. Öllers entrüstet sich theatralisch über die Praxis der Mädchenbeschneidung, um in pathetischem Ton die Notwendigkeit zu bekräftigen: "Diese Welt muss zerstört werden!"

Damit trifft der Film den Nagel auf den Kopf. Das ist die Sprache moderner Kolonialherr"Innen", die sich das Recht herausnehmen, alles zu zerstören, was ihnen im Wege steht, um „zivilisatorische“ Werte zu erhalten, das heißt: die Privilegien und den Reichtum von Parasiten wie Öller und Niederländer.

Amma und Appa

Manche Filme betonen das Andersartige verschiedener Kulturen, um den Zuschauer für deren einmalige Schönheit zu sensibilisieren. Einen anderen Ansatz verfolgte die Münchener Filmstudentin Franziska Schönenberger in ihrem Dokumentarfilm Amma und Appa. Sie suchte nach Gemeinsamkeiten.

Amma und Appa

In München lernt die junge Regisseurin den tamilischen Kunststudenten Jayakrishnan Subramanian kennen und lieben. Nachdem beide beschlossen haben, zu heiraten, sind noch zwei Festungen zu nehmen: die Eltern. Franziska nimmt die Kamera mit. Ihre Eltern lassen sich bald überzeugen. Bei Jays Eltern stoßen die Heiratspläne des Sohnes auf völlige Ablehnung.

Eine Liebesheirat verstößt gegen ihre Tradition. In Jays Heimatort suchen die Eltern die Braut aus, nur innerhalb der jeweiligen Kaste und - keine Ausländerin. Franziska besucht Jays Eltern, Amma und Appa, im Süden Indiens. Diese empfangen sie respektvoll, scheinen sie sympathisch zu finden, bleiben jedoch hart. Beim zweiten Besuch kommen Franziskas Eltern mit.

Es entspinnt sich ein Gespräch beider Elternpaare über Liebes- und Vernunftheirat. Die bayerischen Eltern können die Argumente der indischen Eltern durchaus nachvollziehen. Bevor sie selbst heirateten, gingen ihre jeweiligen Liebesheiraten in die Brüche. Solchen Schmerz, so die Eltern Jays, sollten Eltern ihren Kindern ersparen.

Ein generelles Argument für die Vernunftehe, so Jays Eltern, sei die kostspielige Mitgift der Braut. Zum Haushalt, gehören inzwischen auch Fernseher, Waschmaschine bis hin zum Auto. Dann vielleicht Scheidung, neue Hochzeit, neue Mitgift? Und bei mehreren Töchtern? Von der Stabilität der Ehe hänge auch ab, wie gut es die Eltern im Alter haben werden. Amma und Appa wollen eine Braut in der Nähe aussuchen, damit Jay für die Eltern später gut sorgen kann. Es liegt auf der Hand, dass es arrangierte Hochzeiten geben wird, solange unmittelbare Existenzfragen damit verknüpft sind.

Wir erleben eine traditionelle, indische Hochzeit. Die Braut wirkt angespannt, sichtlich bemüht, nichts falsch zu machen. Nimmt sie die Tradition als unwidersprochene Selbstverständlichkeit? Es ist zu bezweifeln. Schon Amma, erfahren wir, zögerte ihre eigene Hochzeit hinaus, so lang es ging. Als sie schließlich der Tradition folgte, verbot ihr der Mann als Lehrerin zu arbeiten. Nicht zuletzt die eigenen unerfüllten Wünsche, so lässt sich vermuten, lassen Jays Mutter in die Hochzeit einwilligen, die alle alten Regeln bricht.

Der einfache, klare Film gibt auf mitunter sehr humorvolle Art zu verstehen, dass sich unter dem Einfluss modernen Lebens, Lebensanschauungen, Wünsche und Träume unterschiedlicher Kulturen einander angenähert haben. Es gibt keine voneinander abgeschotteten "Kulturkreise". Die modernen indischen Popsongs, die dem Film unterlegt sind, besingen voll Sehnsucht die wahre Liebe. Einer darunter besingt die Liebe eines Einheimischen zu einer Deutschen.