ThyssenKrupp: Spitzengehälter für Vorstand trotz Sparprogramm

Von Elisabeth Zimmermann
22. Juli 2014

Am 11. Juli stellte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ihre jüngste Studie über die Entwicklung der Vorstandsgehälter von im Dax geführten Konzernen vor. Diese Gehälter sind im letzten Jahr erneut deutlich angestiegen. Die Fixgehälter der Vorstandsvorsitzenden stiegen im Durchschnitt um 17 Prozent.

Damit geht die Schere zwischen den Einkommen gewöhnlicher Arbeitnehmer und der obersten Führungskräfte weiter auseinander und bestätigt ein internationales Phänomen: Seit dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 haben sich die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben stark beschleunigt und die soziale Ungleichheit enorm verschärft.

Während die variablen Boni im letzten Jahr in den 30 Dax-Konzernen lediglich um durchschnittlich 1,1 Prozent stiegen, erhöhten sich die Fixgehälter der Vorstandsmitglieder um 17 Prozent auf durchschnittlich 1,5 Millionen Euro. Die Gesamtbezüge summierten sich damit auf 3,3 Millionen Euro, das 53fache eines gut bezahlten Angestellten.

Mit einer durchschnittlichen Gesamtvergütung von 5,1 Millionen Euro kassierten deutsche Konzernchefs im Jahr 2013 mehr als ihre französischen Kollegen (3,5 Millionen Euro), aber weniger als Vorstandschefs in den USA, die im Durchschnitt 11,9 Millionen Euro einsteckten.

Der überdurchschnittliche Einkommensanstieg der Vorstandsmitglieder gilt auch für die zu erwartenden Pensionen. Während Arbeiter und Angestellte mit ständig sinkenden Renten bei gleichzeitig ansteigendem Rentenalter konfrontiert sind – immer mit der Begründung, es sei „kein Geld“ da –, dürfen die Vorstandschefs der Dax-Konzerne im Alter mit Einkommen von 659.000 Euro im Jahr rechnen. Wobei die Altersgrenze bei 13 von 30 Dax-Unternehmen schon bei 60 Jahren liegt. Nur fünf zahlen erst ab 65 Jahren. Laut der DSW-Studie ist früher rund ein Drittel des Fixgehalts als Pension gezahlt worden, inzwischen ist es fast die Hälfte.

Besonders auffällig war der Anstieg der Vorstandsvergütung bei dem von Krisen geschüttelten Konzern ThyssenKrupp, der in den letzten Jahren vor allem wegen hoher Verluste und drastischer Sparprogramme und Arbeitsplatzabbau Schlagzeilen machte. Hier stiegen die Vorstandsgehälter mit 69 Prozent am stärksten!

Entlassungen im italienischen Terni

Wie um zu unterstreichen, dass diese obszön hohen Einkommen und die damit verbundene Konzentration von Reichtum an der Spitze der Gesellschaft nur möglich sind durch die Schaffung von Armut, Elend und Leid am anderen Pol, verkündete der ThyssenKrupp-Vorstand am 17. Juli den Abbau von 550 Arbeitsplätzen beim Edelstahlwerk AST im italienischen Terni.

Zur Zeit arbeiten dort noch 2.600 Arbeiter. Das Edelstahlwerk Acciai Speciali Terni Spa. ist der größte Arbeitgeber der Stadt in Umbrien. AST war letztes Jahr zusammen mit dem Edelstahlbereich Innoxum (früher Nirosta) von ThyssenKrupp an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkauft worden, musste aber aufgrund von Auflagen der EU-Kommission und finanzieller Probleme von Outokumpu wieder zurückgenommen werden. Jetzt geht ThyssenKrupp daran, es unter eigener Regie zu sanieren.

Mit der Streichung von über einem Fünftel der Arbeitsplätze sollen jährlich mehr als 100 Millionen Euro eingespart werden. Laut Konzerninformationen soll das Werk in den vergangenen Jahren mehrere hundert Millionen Euro Verlust gemacht haben.

Kurz vor der Presse wurden am 16. Juli die italienische Regierung und die Gewerkschaften über die Abbaupläne informiert. Geplant sei unter anderem die Stilllegung eines Elektroofens bis zum Ende des Geschäftsjahres 2015/2016. Ziel der Maßnahmen sei es laut ThyssenKrupp-Vorstand, AST trotz der schwierigen Marktsituation und bestehender Überkapazitäten wieder nachhaltig profitabel zu machen. Sollte dies nicht gelingen, ist auch eine Schließung des Werks nicht ausgeschlossen.

Das Stahlwerk in Terni hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Es wurde 1884 gegründet und feierte in diesem Frühjahr sein 130-jähriges Bestehen. Fünfzig Jahre lang (1937-1988) gehört Terni zum staatlichen Finsider-Konzern, bevor die Privatisierung begann. Seit 1994 gehört es zum ThyssenKrupp-Konzern. Vor zehn Jahren (2004) sollte es bereits schon einmal geschlossen werden. Massive Proteste und staatliche Subventionen haben dies damals verhindert.

Auch jetzt organisierten die im AST-Werk aktiven Metallgewerkschaften FIOM, FIM und UILM am Tag nach der Ankündigung der Entlassungen einen achtstündigen Warnstreik. Aber dieser diente von Seiten der Gewerkschaften nur dazu, Dampf abzulassen, und nicht dazu, einen Arbeitskampf zur bedingungslosen Verteidigung der Arbeitsplätze zu führen.

Wie Betriebsräte und IG Metall in Deutschland arbeiten die italienischen Gewerkschaften bei den Angriffen gegen die Arbeiter eng mit den Unternehmen und der Regierung zusammen. So haben sich sämtliche beteiligten Gewerkschaften schon am Sitz des Wirtschaftsministers in Rom mit den ThyssenKrupp-Managern und Regierungspolitikern getroffen, um über den Abbau der Arbeitsplätze zu verhandeln. Die vom Management vorgestellten Maßnahmen, die Vernichtung hunderter Arbeitsplätze, werden für „wohl ausgewogen und unverzichtbar“ gehalten, „um die Zukunft von AST und seinen Wert für die Aktionäre zu sichern“.

Brand in Turin

ThyssenKrupp steht in Italien auch noch wegen eines verheerenden Brands in einem Stahlwerk in Turin unter Beobachtung, bei dem am 6. Dezember 2007 sieben Arbeiter aufgrund fehlender Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen bei lebendigem Leib verbrannten. Das Feuer und eine Explosion führten zu einer Flammenwelle, aus der es für sieben Arbeiter kein Entrinnen gab, wie der einzige überlebende Arbeiter und Augenzeuge schilderte.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren völlig unzureichend, die Feuerlöscher unbrauchbar. Das Unternehmen hatte nichts mehr in die Sicherheit investiert, da das Werk zur Schließung vorgesehen war. Die Arbeiter Giuseppe Demasi, Rosario Rodino, Bruno Santino, Antonio Chiavone, Rocco Marzo, Angelo Laurino und Roberto Scola mussten diese kriminelle Nachlässigkeit mit ihrem Leben bezahlen.

In einem Aufsehen erregenden Prozess verurteilte ein Turiner Gericht im April 2011 den damaligen Chef des ThyssenKrupp-Werks in Turin, Harald Espenhahn, wegen „Totschlags“ zu einer Haftstrafe von 16 Jahren und sechs Monaten. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Espenhahn mit „bedingtem Vorsatz“ das Leben seiner Arbeiter aufs Spiel gesetzt hatte.

Außer Espenhahn musste sich auch Marco Pucci, der Verkaufs- und Marketingleiter, und Gerald Priegnitz, der Finanzchef für das Italien-Geschäft von ThyssenKrupp, und andere Manager vor Gericht verantworten. Es war das erste Mal, dass in Italien wegen eines Arbeitsunfalls die Chefetage einer Firma strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde und nicht nur die untergeordneten Mitarbeiter.

Die Führungsmitglieder von ThyssenKrupp legten Berufung gegen das Urteil ein. Im Februar 2013 schwächte ein Berufungsgericht in Turin das Urteil der ersten Instanz deutlich ab. Der Vorwurf des „Totschlags“ und des „bedingten Vorsatzes“ wurden fallen gelassen. Es entschied, dass es sich um „fahrlässige Tötung“ handelte. Dementsprechend wurde die Haftstrafe auf zehn Jahre verringert.

Im April dieses Jahres landete der Fall vor dem Kassationsgericht in Rom. Es wurde erwartet, dass das Gericht entscheidet, ob das Urteil der ersten Instanz oder des Berufungsgerichts gültig sei.

Entgegen der Erwartungen der Angehörigen der ums Leben gekommenen Arbeiter annullierte das oberste Gericht Italiens am 24. April 2014 die Haftstrafen gegen die sechs Manager von ThyssenKrupp und gab den Prozess an ein Berufungsgericht zurück, so dass bis heute niemand aus der Führung des Unternehmens für diesen schrecklichen Arbeitsunfall zur Verantwortung gezogen worden ist.

Im Falle von Espenhahn ist es selbst dann, wenn er noch in einem weiteren Prozess rechtskräftig verurteilt werden sollte, zweifelhaft, ob die Bundesrepublik einem Auslieferungsgesuch Italiens stattgeben würde. Espenhahn ist zur Zeit bei ThyssenKrupp für die Umsetzung des Sparprogramms „BiC - reloaded“ verantwortlich, mit dem der Konzern das europäische Stahlgeschäft wieder profitabel machen will. Allein bis 2014/2015 sollen in diesem Bereich 500 Millionen Euro eingespart werden.

Der ebenfalls angeklagte Marco Pucci ist zurzeit Chef von ThyssenKrupp AST in Terni.