Gaza, Ukraine: USA bereiten urbane Kriegführung vor

Von Bill Van Auken
15. August 2014

Mehr als einen Monat lang hat die Welt mit Entsetzen zugeschaut, wie das israelische Militär mit Bomben, Raketen und Granaten auf den dicht besiedelten, verarmten Gazastreifen eingeschlagen hat. Zehntausende Soldaten wurden gegen eine Bevölkerung geschickt, die in der Falle saß. Diesem unablässigen Angriff sind fast zweitausend Menschen zum Opfer gefallen, über Zehntausend wurden verwundet und fast eine halbe Million wurden durch die massive Zerstörung von Wohnungen und Infrastruktur obdachlos.

Ähnliche Gräueltaten finden in der Ostukraine statt, auch wenn die Medien ihnen viel weniger Aufmerksamkeit schenken. Das Marionettenregime der USA in Kiew hat sein Militär zusammen mit autonomen faschistischen Milizen losgeschickt, um die Großstädte Lugansk und Donetzk mit großer Brutalität zu belagern. In diesen Städten hat sich die Zahl der Todesopfer in den letzten beiden Wochen verdoppelt. Die äußerst zurückhaltenden Schätzungen der Vereinten Nationen gaben die Zahl am Mittwoch mit 2.086 Toten und mindestens 5.000 Verwundeten an.

Auch hier wurden Hunderttausende gezwungen, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Was die rechten Kiewer Nationalisten anrichten, fügt sich immer deutlicher zu einem Bild bewusster ethnischer Säuberung zusammen. Wie in Gaza wurden auch hier Krankenhäuser und Schulen beschossen und Patienten und Kinder getötet.

Bilder aus Gaza und der Ukraine von leblosen und verstümmelten Kinderleichen, von weinenden alten Frauen und Männern vor den Ruinen ihrer Häuser und Wohnblocks und von unschuldigen Menschen, die auf der Flucht aus ihren Häusern oder auf der Suche nach Nahrung oder Wasser für ihre Familien von Granatsplittern niedergestreckt werden, erfüllen Arbeiter in aller Welt mit Entsetzen.

An anderer Stelle werden diese Ereignisse allerdings emotionslos und mit professionellem Interesse genau beobachtet.

So zum Beispiel in den Büros hoher Politiker und Militärs in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten, die die „Antiterrorkampagne“ des Kiewer Regimes gegen die Bevölkerung der Ostukraine unterstützen.

Die Regierungen Europas bewahren auch jetzt noch Schweigen, nachdem die Medien zugeben mussten, dass es rechtsradikale und neofaschistische Milizen sind, die in diesem Krieg zur Unterdrückung der Bevölkerung fast die gesamte Bodenoffensive führen. So zum Beispiel das Asow-Bataillon, das, wie die Londoner Sunday Times berichtet, „in seinem Wappen die Wolfsangel trägt, die schon die Sturmtruppen der Nazis verwandten, und die heute in Deutschland verboten ist“.

Diese faschistischen Milizen geben selbst zu, dass sie Neonazis anziehen und dass sich unter ihnen Anhänger von Herrenrassen-Theorien aus mehreren europäischen Ländern (Schweden, Italien, Frankreich, Kanada, Griechenland) befinden.

Einerseits wird ein großes Gezeter über die angebliche Gefahr europäischer Islamisten erhoben, die nach Syrien gehen, um dort zu kämpfen, und dann nach Europa zurückkommen; andererseits hört man nichts über jene, die in der Ostukraine Kampferfahrung sammeln. Angesichts wachsender sozialer Spannungen in Europa haben gewisse Schichten der herrschenden europäischen Elite den Eindruck gewonnen, dass kampferfahrene faschistische Schläger sich in nicht allzu ferner Zukunft als nützlich erweisen könnten.

Am genauesten beobachtet die Ereignisse in Gaza und der Ukraine allerdings das Pentagon, das in beiden Kriegen bis über die Ellenbogen mit Blut besudelt ist. Das amerikanische Militär unterhält die engsten Beziehungen zur israelischen Armee, und die Regierung in Washington finanziert sie jedes Jahr mit drei Milliarden Dollar.

Das Pentagon beantragte kürzlich beim Kongress weitere neunzehn Millionen Dollar, um die Einheiten der Nationalgarde der Ukraine auszubilden und auszurüsten, und zwar zusätzlich zu den schon bewilligten 23 Millionen Dollar. Inmitten der „Antiterroroffensive“ im Osten des Landes schickte das US-Militär eiligst ein Team von Spezialisten für „Strategie und Politik“ nach Kiew, um diese blutige Kampagne zu analysieren.

Beide Konflikte bieten lebendiges Anschauungsmaterial für die Vorbereitung amerikanischer Truppen auf die Kriegsführung in den Städten, ein Szenarium, das für das Pentagon immer höhere Priorität erlangt.

Für Israel ist das nichts Neues. 2001 bauten die USA der israelischen Armee für 266 Millionen Dollar in der Negev-Wüste ein Ausbildungszentrum für urbane Kriegsführung. Die neunzehn km2 große künstliche Stadt wird für gemeinsame Übungen israelischer und amerikanischer Sondereinheiten genutzt. Sie tauschen sich in den Techniken aus, die sie jeweils in Gaza, auf der Westbank und im Libanon bzw. in Afghanistan und im Irak erworben haben.

An dem Phänomen, das in Donezk und Lugansk zu beobachten ist, ist das Pentagon noch brennender interessiert: die umfassende Belagerung einer modernen Stadt und eines industriellen Arbeiterklassezentrums mit über einer Million Einwohner.

Kampfhandlungen in großen Städten nehmen einen zentralen Platz in der Militärdoktrin ein, die von der US-Armee entwickelt wird. Das ergibt sich aus einem Dokument mit dem Titel „Riesenstädte und die Armee der Vereinigten Staaten: Vorbereitung auf eine komplexe und unsichere Zukunft“ (Megacities and the United States Army: Preparing for a complex and uncertain future), das im Juni von der Strategic Studies Group der Armee veröffentlicht, und das ihr Generalstabschef, General Raymond Odierno, abgesegnet hat.

Der Bericht erwartet, dass „Mega-Städte [Metropolen mit über zehn Millionen Einwohnern] sehr wahrscheinlich in künftigen Krisen das strategische Schlüsselterrain sein werden, in denen ein Eingreifen des amerikanischen Militärs erforderlich sein wird“. Der Bericht enthüllt, dass das Pentagon bereits „Fallstudien“ erstellt und „vorbereitende Arbeiten“ für solche Interventionen in Dhaka (Bangladesch), Lagos (Nigeria), Bangkok (Thailand), Mexico City (Mexiko), Rio de Janeiro und Sao Paulo (Brasilien) … und in New York City geleistet hat.

Der Bericht beschreibt die Bedingungen, die eine amerikanische Intervention notwendig machen könnten, und warnt: „In dem Maße, wie die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zunimmt, werden Stagnation und beispiellose Entwicklung nebeneinander existieren, weil Slums und Shanty Towns sich schnell neben modernen Hochhäusern ausbreiten werden. Das ist die städtische Zukunft.“

“Radikale Einkommensungleichheit” wird in diesen ausufernden Metropolen als die stärkste „Triebkraft für Instabilität” bezeichnet.

Mit anderen Worten, die Pentagon-Spitze bereitet das amerikanische Militär direkt auf konterrevolutionäre Interventionen zur Unterdrückung von Revolten vor, die sie als unvermeidliche Folge der beispiellosen sozialen Ungleichheit, die der Weltkapitalismus in der Krise schafft, erwartet.

Dass auch New York City in seine “Fallstudien” aufgenommen wurde, macht ausdrücklich klar, dass sich diese Vorbereitungen nicht nur gegen revolutionäre Entwicklungen in Afrika, Asien oder Lateinamerika richten, sondern vor allem auch in den Vereinigten Staaten selbst.

Dieses Ziel, das US-Militär auf die Unterdrückung einer Volksrevolte in den USA vorzubereiten, war auch der Hintergrund mehrerer provokativer Übungen in „städtischer Kriegsführung“, die in den letzten Jahren in großen amerikanischen Städten stattfanden. Außerdem wurde Anfang des Jahres in Virginia ein Ausbildungszentrum für eine Kampfgruppe für asymmetrische Kriegsführung der Armee eröffnet, das aus einer nachgebauten amerikanischen Stadt mit Bürogebäuden, einer Kirche, einem Sportstadion, einem U-Bahneingang und einem Bahnhof besteht. Die Armee teilte mit, dass das 96-Millionen Dollar Zentrum darauf ausgelegt ist, „komplexe Operationsumgebungen realistisch nachzustellen und Lösungen zu entwickeln.

Die Vorbereitungen des Pentagon gehen Hand in Hand mit der Militarisierung der zivilen Polizeikräfte. Diese sind inzwischen beinahe flächendeckend mit SWAT-Teams verstärkt, die bis an die Zähne bewaffnet und für moderne Kriegsführung gerüstet sind. Solche Gruppen werden z.B. gegen die Bewohner in St. Louis eingesetzt, die gegen den Polizeimord an Michael Brown protestieren.

Das Töten in Gaza und in der Ukraine ist eine Warnung an die Arbeiterklasse in den USA und weltweit. Die Finanz- und Wirtschaftsoligarchie, die diese Kriege unterstützt, ist bereit, die gleiche mörderische Gewalt zur Verteidigung ihres Systems gegen eine revolutionäre Herausforderung durch die Arbeiterklasse einzusetzen.

Es ist klar, dass die herrschenden Klassen und ihre militärischen Kommandeure sich auf eine solche Eventualität vorbereiten. Genauso muss sich die Arbeiterklasse vorbereiten.