Der wilde Taumel um den Börsengang von Alibaba: Symptom einer kranken Wirtschaftsordnung

Von Nick Beams
23. September 2014

Der Börsengang des chinesischen Internethandelsunternehmens Alibaba vom letzten Freitag löste an der Wall Street frenetische Reaktionen aus. Dies ist bloß die jüngste und eine der spektakulärsten Ausdrucksformen des Parasitismus, der heute das dominierende Wesensmerkmal des globalen Finanzsystems und der Weltökonomie überhaupt ist.

Die ursprünglich für 68 Dollar verkaufte Aktie wurde an der New Yorker Börse für 92,70 Dollar ausgegeben. In den ersten zehn Minuten sind 100 Millionen Aktien verkauft worden, bei Börsenschluss stand die Aktie bei 93,89 Dollar. Durch diesen 38-prozentigen Kursanstieg erhöhte sich der Marktwert des fünfzehn Jahre alten Unternehmens auf 231 Milliarden Dollar, und damit auf mehr als Amazon, Proctor & Gamble und JP Morgan wert sind.

Berichten zufolge wurde Jack Ma, der Firmengründer, durch den Börsengang zum reichsten Mann Chinas. Sein Reinvermögen beziffert sich auf 26,5 Milliarden Dollar. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was mehr Abscheu erregt: die Dimensionen der Plünderung oder das Ausmaß der Heuchelei, das sie begleitete. Ma sagte auf dem Business Channel CNBC, es gehe nicht um Geld, sondern darum, das „Vertrauen der Menschen“ zu erwerben.

Die Kapitalbeteiligungsgesellschaft Silver Lake, die sich auf den Handel mit Technologieunternehmen spezialisiert hat, verfünffachte ihre ursprünglichen Kapitalausgaben für Alibaba. Silver Lake kaufte sich im Oktober 2011 in das Unternehmen ein. Mit einer Reihe von Deals wurde Alibabas Marktwert auf rund 30 Milliarden Dollar erhöht. Bei Handelsschluss am Freitag kassierte Silver Lake 4,6 Milliarden Dollar Profit ein. Auch Yahoo wird 5,1 Milliarden Dollar einstreichen, wenn es seine Firmenanteile von 121,7 Millionen Aktien verkauft.

Den 35 Unterzeichnern des Deals flossen insgesamt etwa 300 Millionen Dollar in Form von Honoraren zu, darunter befinden sich auch fünf Großbanken, die sich jeweils 45 Millionen Dollar sicherten.

Der gesamte Vorgang war eine anschauliche Demonstration des Zersetzungsprozesses, in dem sich das Profitsystem befindet. Der Börsengang selbst riecht nach Insiderhandel, bei dem etwa 25 Institutionen mehr als fünfzig Prozent der Aktien und den größten Anteil der Profite abkassierten, die zu haben waren.

Innerhalb weniger Minuten rieselten märchenhafte Vermögen in die Taschen einiger Weniger. Ausgelöst wurde dies durch die Aktienausgabe eines Unternehmens, das nichts produziert, sondern sich dem E-Commerce widmet, das heißt: es ermöglicht das Kaufen und Verkaufen übers Internet. Diese schamlose Zurschaustellung von Gier fand inmitten von Stagnation und einer Krise in der Realwirtschaft statt, die unerbittliche Angriffe auf die Lebensbedingungen der Arbeiter begleiten, für welche die Behauptung herangezogen wird, es sei „kein Geld da“ für Arbeitsplätze, anständige Löhne oder grundlegende soziale Dienste.

Die Gesamtverschuldung der Stadt Detroit, die jetzt Bankrott angemeldet hat und im Zentrum der Angriffe auf die Arbeiterklasse steht (zu denen auch die Abschaltung der Wasserversorgung für tausende von Haushalten zählt), beträgt rund achtzehn Milliarden Dollar. Das ist weniger, als die Profite ausmachten, welche während der ersten Stunde beim Verkauf der Alibaba-Aktien gescheffelt wurden.

Das Parasitentum, das den Börsengang überwucherte, wird durch eine Betrachtung der Frage, warum der „Marktwert“ von Alibaba so aufgebläht wurde, vor Augen geführt. Alibaba entwickelte keine neuen Technologieformen, führte keine wichtige Innovation ein, das Unternehmen brachte auch keine fortschrittlichere Produktionstechnik hervor.

Seine Attraktivität entspringt seiner Monopolisierung der Internetdienste Chinas. Es dominiert Operationen, die in anderen Ländern von verschiedenen Unternehmen betrieben werden. Ihm gehören chinesische Firmen, die Amazon und eBay entsprechen und es erhält Geldflüsse aus dem chinesischen Äquivalent von PayPal.

Diese Monopolstellung wurde durch die engen Verbindungen des Unternehmens zum stalinistischen Regime Chinas ermöglicht. Ein Artikel in der Australian Financial Review merkte an, dass Jack Ma “herzliche Beziehungen” zum chinesischen Präsidenten Xi Jinping pflegt. „Um der Wahrheit die Ehre zu geben,“ schrieb das Blatt „Alibaba hätte die Höhen auf denen es bereits steht, niemals ohne Unterstützung aus den höchsten Etagen der Kommunistischen Partei erklimmen können.“

Dies ist eine frappierende Enthüllung der Rolle, die das chinesische Regime bei der Stützung des Weltkapitalismus spielt, mit all seinen sozialzerstörerischen Auswirkungen und dem globalen Charakter der internationalen Finanzaristokratie.

Der Alibaba-Börsengang fand am Ende einer Woche statt, in der ein Bericht von Wealth-X und UBS die Runde gemacht hatte, laut dem die Milliardäre dieser Welt ein akkumuliertes Vermögen von 7,3 Billionen Dollar besäßen, was einem Zuwachs von zwölf Prozent seit dem letzten Jahr entspricht. Mit der Erhöhung des Reichtums an der obersten Spitze gehen sich verschlechternde soziale Bedingungen für die Arbeiterklasse in allen großen kapitalistischen Zentren einher. Das sind keine parallel verlaufenden Prozesse sondern kausal miteinander verknüpfte Vorgänge.

Seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 hat sich die Wirtschaftspolitik der herrschenden Eliten auf zwei Hauptlinien bewegt: der Bereitstellung ultrabilligen Geldes für die Banken sowie Finanzinstitute und der Absenkung der sozialen Stellung der Arbeiterklasse.

Der Zusammenhang zwischen diesen beiden politischen Linien wurde erneut illustriert. Noch am selben Tag, an dem die Wall Street orgiastisch den Alibaba-Börsengang feierte, fand auf dem anderen Ende der Weltkugel ein Meeting der G-20-Finanzminister und Zentralbankdirektoren statt. Im australischen Cairns forderte Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds, die Notwendigkeit sogenannter „Arbeitsmarkt“-Reformen ein – ein Codewort für die Zerstörung der Überbleibsel der gesetzlichen Schutzbestimmungen für Arbeiter.

Die Euphorie der Finanzmärkte, die Welle der Konzernaktienrückkäufe, Börsengänge und Übernahmen sowie die Rückkehr derselben Praktiken, die zur Krise von 2008 geführt hatten, sind selbst Ausdruck der tiefen und anhaltenden Krise des kapitalistischen Weltsystems.

Die Wirtschaften in der Eurozone stagnieren oder befinden sich geradewegs in der Rezession, während das Produktionsniveau immer noch unter dem von 2007 liegt. Trotz des massiven stimulierenden Finanzpakets, das als „Abenomics“ bezeichnet wurde, hat die japanische Wirtschaft in diesem Jahr noch keinen Zuwachs verzeichnet. Das chinesische Wachstum verlangsamt sich und Fragen zur Stabilität des Finanzsystems des Landes treten immer häufiger auf. Die amerikanische Wirtschaft hat es nicht geschafft, auch nur in die Nähe der Wachstumszahlen zurückzukehren, die vor dem Finanzzusammenbruch erreicht wurden.

Mit anderen Worten, Geld wird in das Finanzsystem hineingeschüttet, weil es sonst nirgendwo hingehen kann. Der Anstieg von Spekulation sowie Parasitentum und die Monopolisierung des gesellschaftlich produzierten Reichtums durch eine von Geld besoffene und halbkriminelle Elite sind die Manifestationen der tiefgehenden historischen Krise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

Der Alibaba-Börsengang veranschaulicht die Art und Weise, in der der kapitalistische Markt und die Monopolherrschaft das Internet, einen technologischen Fortschritt, der potenziell umfassende Perspektiven für die gesellschaftliche Weiterentwicklung offenhält, in ein Werkzeug zur Erzeugung sagenhafter Reichtümer für eine kleine Handvoll Leute verwandelt. Es ist ein weiteres Zeichen für die Notwendigkeit, das Profitsystem vollständig zu überwinden und die globale Wirtschaftsordnung auf sozialistischen Grundlagen zu errichten.

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