Pilotengewerkschaft verrät Streik bei Air France

Von Alex Lantier und Stéphane Hugues
30. September 2014

Nachdem Premierminister Manuel Valls die streikenden Air France-Piloten am Freitag auf außergewöhnliche Weise verunglimpft hatte, veröffentlichte die größte Pilotengewerkschaft bei Air France am Sonntag eine Stellungnahme, in der sie ihre Kapitulation erklärte und die Piloten aufrief, den vierzehntägigen Streik - den längsten in der Geschichte der Air France - zu beenden.

Die Hauptgewerkschaft der Piloten, SNPL, (Syndicat national des pilotes de ligne,) befiehlt den Piloten, mit leeren Händen wieder an die Arbeit zurückzukehren. Piloten hatten Garantien gefordert, dass das Anwachsen von billigen Tochtergesellschaften der Air France wie Transavia-France nicht zu Lohnsenkungen oder schlechteren Arbeitsbedingungen führt, und dass die Piloten einen einheitlichen Tarifvertrag für alle Tochtergesellschaften erhalten. Air France hat nicht nur keine derartige Garantie abgegeben, sondern erklärt sogar offen ihre Absicht, den Piloten tiefe Kürzungen aufzuzwingen, indem sie sie für Transavia-France oder eine andere, noch nicht gegründete Billigfluggesellschaft fliegen lassen will.

Die Minderheitsgewerkschaft bei Air France-Piloten (SPAF), die zwanzig Prozent der Belegschaft vertritt, ruft zur Fortsetzung des Streiks bis zum 2. Oktober auf. Nach ersten Schätzen vom Sonntag werden durch den Streik immer noch etwa die Hälfte der Air France-Flugzeuge stillstehen.

Das Vereinbarungsprotokoll, das Air France vorgelegt hat, erklärt ein Abkommen über die Beziehungen zwischen Air France und Transavia-France von 2007, das den Fuhrpark von Transavia-France auf vierzehn Flugzeuge beschränkt, für nichtig. Es sieht vor, dass die Piloten auf Transavia-France-Flügen mit den Löhnen und Bedingungen auskommen müssen, die bei Transavia-France herrschen, um "die Wettbewerbsfähigkeit" des letzteren zu erhalten.

Die regierende Sozialistische Partei (PS) und Air France erklärten sich zu Siegern und rühmten sich, die Piloten zu den Bedingungen des Managements wieder an die Arbeit gezwungen zu haben. Valls griff die Piloten an, einen "überlangen Streik" geführt zu haben und gratulierte sich für die "harte Haltung der Regierung," die es "uns ermöglicht, die Entwicklungsstrategie des Unternehmens durchzusetzen" und fügte hinzu, Transavia-France sei eine "unbestreitbare Perle im schnell wachsenden Billigfliegermarkt."

Der Vorstandschef von Air France-KLM, Alexandre de Juniac, machte deutlich, dass das Management plant, die Kosten für Piloten möglichst schnell auf das Niveau der Billigfliegerkonkurrenz von Air France zu senken. "Wir werden jetzt in der Lage sein, uns mit der Entwicklung von Transavia mit den geplanten Zielen zu befassen“, erklärte er. "Wir werden endlich in der Lage sein, mit unseren Billigfliegerkonkurrenten Schritt zu halten. Diese Reform ist von größter Bedeutung."

Die SNPL gibt zu, dass die Piloten das Protokoll nicht akzeptieren können, "wegen der Unsicherheit, die die Existenz von zwei Tarifverträgen angesichts der bestehenden Abkommen in jedem Unternehmen schafft; wegen der potenziellen sozialen Instabilität, die der Entscheidung innewohnt, zwei Gruppen von Piloten zur Konkurrenz gegeneinander zu zwingen; weil es angesichts der geforderten Zugeständnisse zu wenige Garantien gibt; weil Gleichbehandlung für künftige Neueingestellte, egal ob auf A320 oder B737 [Flugzeugen] nicht garantiert ist; und zuletzt weil die Verfügbarkeit von Arbeit nicht ausreichend garantiert ist."

Dennoch argumentierte die SNPL, sie habe keine andere Wahl, als die Piloten anzuweisen, an die Arbeit zurückzukehren und versuchte zynisch, ihren Verrat zu verschleiern, indem sie sich weigerte, das Protokoll zu unterzeichnen, das das Unternehmen vorgelegt hat. In ihrem Brief an die Piloten gab sie zu, dass es unter den Streikenden beträchtlichen Widerstand gegen ihre Entscheidung geben werde.

Die Pilotengewerkschaft schrieb: "Wir hatten drei Optionen: zum einen weiter zu verhandeln und länger als vierzehn Tage zu streiken, um das Tarifabkommen zu verbessern, allerdings war dies angesichts des hartnäckigen Beharrens, auf das wir gestoßen sind, unmöglich; zum anderen, das Abkommen zu unterzeichnen und den Streik zu beenden, was angesichts der Auswirkungen dieses Protokolls auf die Zukunft des Berufes unmöglich war; oder die Unterschrift zu verweigern, den Streik zu beenden und die Lage zu beruhigen. Das war die verantwortungsbewusste Option, für die wir uns entschieden haben. Wir wissen sehr genau, dass einige von Euch uns für diese Entscheidung kritisieren werden. Aber Gewerkschaftsführer müssen wissen, wie man einen Streik beendet, wenn er zu nichts mehr führt."

Die feige Behauptung der SNPL, der Streik sei aufgrund der Hartnäckigkeit von Air France und der PS zum Scheitern verurteilt gewesen, ist Betrug. Die PS-Regierung ist nicht nur schwach, höchst unpopulär und fürchtet eine plötzliche Wende der öffentlichen Meinung hin zu Rückhalt für die Piloten, das Kommunique der SNPL macht vielmehr selbst deutlich, dass Air France verzweifelt versucht, den Streik zu beenden, der sie hunderte Millionen Euro gekostet hat.

"Es ist unsere Pflicht, die Zukunft unseres Unternehmens zu sichern und seine Wunden zu pflegen, bevor ihm ein Schaden entsteht, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt," erklärt die SNPL und fügt hinzu, die Gewerkschaften würden eine wichtige Rolle dabei spielen, Sanierungspläne gegen die Air France-Beschäftigten durchzusetzen: "Das Management kann Transavia France nicht alleine ausbauen. Es kann seinen Perform 2020-Plan nicht alleine durchsetzen."

Wenn Air France durch den Streik ein Schaden entsteht, der sich "nicht mehr rückgängig machen lässt," bedeutet das, dass die Streikenden in einer starken Position sind. Doch genau in diesem Moment erklärt sich die Gewerkschaft bereit, den Streik zu beenden und mit dem Management zusammen Angriffe auf die Arbeiter durchzuführen, von denen sie behauptet, sie würde sie vertreten.

Die Piloten stehen am Scheideweg. Wenn sie den Streik jetzt beenden, wird das Management brutale Angriffe auf sie durchführen, um die hunderte Millionen Euro wieder einzutreiben, die es verloren hat, und um an den Piloten ein Exempel zu statuieren, um andere Arbeiter vom Streiken abzubringen.

Die Piloten sind mit einem politischen Kampf gegen die PS-Regierung und gegen Air France konfrontiert. Sie müssen breitere Teile der Arbeiterschaft gegen den verhassten Sparkurs der PS mobilisieren und auf den Verrat der Gewerkschaften reagieren, indem sie der SNPL die Kontrolle über den Streik entreißen.

Der erste nennenswerte Arbeitskampf gegen die PS hat schnell den Bankrott der Gewerkschaftsbürokratien und pseudolinken Gruppen enthüllt, die 2012 zur Wahl von Francois Hollande von der PS aufgerufen hatten. Die Bürokraten in den nationalen französischen Gewerkschaftsverbänden haben den Streik völlig isoliert und die Piloten auf reaktionäre Weise als privilegierte Unruhestifter verunglimpft. Pseudolinke Parteien wie die Neue Antikapitalistische Partei haben nichts unternommen, um die Piloten zu unterstützen. Diese Kräfte haben sich allesamt als Werkzeuge der arbeiterfeindlichen PS-Regierung entlarvt.

Valls mischte sich letzte Woche mit den Worten in den Streik ein: "Dieser Streik muss ein Ende haben. Dieser Streik ist für die Kunden nicht hinnehmbar. Dieser Streik ist für Air France nicht hinnehmbar. Dieser Streik ist für die Wirtschaft des Landes nicht hinnehmbar."

Die Hysterie des Premierministers zeigt, dass die herrschende Klasse die reale Befürchtung hegt, dass in der Arbeiterklasse eine Bewegung zur Unterstützung der Piloten entstehen und die Hollande-Regierung zu Fall bringen könnte, deren Umfragewerte ein Rekordtief von dreizehn Prozent erreicht haben.

Die Angst vor einer solchen Entwicklung veranlasst die französische Gewerkschaftsbürokratie, den Streik zu verraten, nicht die angeblich hoffnungslose Lage des Streiks.

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