Neues zum Oktoberfestattentat

Von Dietmar Henning
11. Februar 2015

Am 4. Februar zeigte die ARD den Dokumentarfilm „Attentäter - Einzeltäter? Neues zum Oktoberfestattentat“ von Daniel Harrich. Er zeigt, dass staatliche Behörden die Aufklärung des schwersten Terrorakts der deutschen Nachkriegsgeschichte verhinderten und dass möglicherweise Geheimdienste in den Anschlag verwickelt waren.

Am 26. September 1980 riss die Explosion einer Rohrbombe am Haupteingang des Münchner Oktoberfests dreizehn Menschen in den Tod und verletzte 211, 68 davon schwer. Obwohl der Attentäter Gundolf Köhler, der bei der Explosion ums Leben kam, in Kontakt zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann stand und es zahlreiche Hinweise auf Mittäter gab, legten sich das Bayrische Landekriminalamt und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann schnell auf die Einzeltäterthese fest und stellten die Ermittlungen schon nach zwei Jahren ein.

Ulrich Chaussy

Es ist vor allem den über 30 Jahre langen hartnäckigen Recherchen des Journalisten und Sachbuchautors Ulrich Chaussy und den Bemühungen des Opferanwalts Werner Dietrich zu verdanken, dass der Fall nicht im Sande verlief und die Ermittlungen im Dezember letzten Jahres wieder aufgenommen wurden.

Auf ihre Erkenntnisse stützt sich auch die ARD-Dokumentation. Die von ihnen zusammengetragenen Hinweise und Spuren weisen „auf ein komplexes, rechtsextremes Netzwerk und eine von langer Hand geplante Tat hin, in der Köhler nur das letzte Glied einer tödlichen Kette war“, wie es in der Dokumentation heißt.

Zwei frühere Versuche Dietrichs, die Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen, waren erfolglos geblieben. Den Ausschlag, dass die Bundesanwaltschaft wieder zu ermitteln begann, gaben schließlich neue Zeugen, die sich nach der Ausstrahlung des Spielfilms „Der blinde Fleck“ meldeten.

Dieser Film, der ebenfalls von Daniel Harrich stammt, befasst sich mit dem Oktoberfestattentat, den einseitig geführten Ermittlungen und Chaussys Recherchen. Chaussy wird darin von Benno Fürmann gespielt. Der Film wurde im Juli 2013 auf dem Filmfest München uraufgeführt und am 10. Oktober 2014 von Arte erstmals im öffentlichen Fernsehen gezeigt.

Seither finden sich immer mehr Zeugen, die Köhler vor der Explosion mit einem Unbekannten streiten sahen. Eine Zeugin hatte dies bereits 1980 der Polizei zu Protokoll gegeben. 1983 hatte sie Chaussy die Abläufe minutiös geschildert, aus Angst vor den Hintermännern des Anschlags aber weder Bild- noch Tonaufnahmen erlaubt. Erst jetzt, 35 Jahre später, war sie zu einem Interview vor der Kamera bereit.

Auch ein offensichtlicher Mitwisser des Attentats konnte aufgespürt werden. Er besaß bereits einen Tag nach dem Anschlag Flugblätter, die den Attentäter Köhler feierten, obwohl dessen Name der Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbekannt war. Der Rechte war damals nach Argentinien geflohen, ist aber inzwischen zurück in Deutschland. Sein Aufenthaltsort ist den Behörden bekannt, eine erste Vernehmung soll stattgefunden haben.

Ein weiterer Zeuge, der sich nun bei Chaussy meldete, will gesehen haben, wie Köhler vor dem Eingang zum Festplatz mit den Insassen eines Autos heftig diskutierte. Anschließend habe Köhler eine helle Plastiktüte in den Mülleimer gelegt. Dann, so der Zeuge, habe er den Geruch von Feuerwerksraketen und kurz darauf die Explosion wahrgenommen. Er habe dies den Ermittlern ein paar Tage nach dem Anschlag berichtet. Die Aussage wurde aber niemals Gegenstand weiterer Ermittlungen.

Ein zentrales Beweisstück in dem Fall war eine abgerissene Hand, die von keinem der Opfer stammte und dem Attentäter Köhler zugeordnet wurde. In dem Dokumentarfilm berichtet nun Gerd Ester, der 1980 als Sprengstoffexperte des BKA an den Ermittlungen beteiligt war, er habe die Bombe nachgebaut und sei zum Schluss gelangt, dass die aufgefundene Hand nicht von Köhler stammen konnte. Weil sich dieser über die explodierende Bombe gebeugt habe, seien seine Hände „atomisiert“ worden.

Chaussy schließt daraus, dass es sich um die Hand eines Mittäters handelte. Nun hat sich eine Zeugin gemeldet, die 1980 im Oststadt-Klinikum in Hannover arbeitete. Sie behandelte nach dem Attentat einen Patienten, der einen Arm verloren hatte. Er habe mit „einem stolzen Strahlen im Gesicht“ aufrecht im Bett gesessen und Besuch von offenbar rechtsradikalen Männern erhalten.

Fragen nach dem Grund seiner Verletzung habe der junge Mann nicht beantwortet. Er soll aber jemandem erzählt haben, er habe mit Sprengstoff gespielt und dabei sei der Unfall passiert. Nach ein paar Tagen sei er verschwunden, bevor die Fäden gezogen wurden.

Diesen Mann heute aufzufinden, könnte schwierig sein. 1997 hatte die Generalbundesanwaltschaft alle Beweismittel in der Asservatenkammer des LKA München aus „Platzgründen“ vernichten lassen. Unter den zerstörten Beweismitteln befanden sich auch Zigarettenkippen aus den Aschenbechern in Köhlers Auto, die möglicherweise von Mittätern stammten. Die Kippen wurden just in dem Jahr entsorgt, in dem erstmals DNA-Analysen als Beweismittel vor Gericht zugelassen wurden.

Ursprünglich hatten Chaussy und Dietrich angenommen, auch die aufgefundene Hand sei damals vernichtet worden. Inzwischen weiß Chaussy, dass dies nicht der Fall war. Die abgerissene Hand war niemals bei der Bundesgeneralanwaltschaft in Karlsruhe angekommen. Das bayerische LKA hatte sie nach dem Anschlag zunächst an das gerichtsmedizinische Institut in München zur serologischen Untersuchung geschickt.

Chaussy fand dort ein Formular mit Eingangsstempel und andere Unterlagen, in denen es heißt, eine Zuordnung zur Leiche Köhlers sei nicht möglich. Ansonsten fehlt jede Spur zum Verbleib der Hand. Prof. Dr. Wolfgang Eisenmenger, ehemaliger Leiter der Rechtsmedizin München, sagt: „Wir haben eigenartigerweise eine große Zahl von Laborbüchern über die vielen Jahre, aber nicht das Laborbuch, was diese Zeit abdecken würde. Wir wissen nicht, wo die Hand abgeblieben sein könnte. Wir wissen nicht, ob sie vernichtet ist, oder ob sie zurückgeleitet worden ist. Wir haben kein dezidiertes Gutachten dazu.“

Aus Akten des LKA Bayerns geht allerdings hervor, dass die Hand an das LKA zurückgegangen ist. Dort verliert sich ihre Spur endgültig. Das LKA untersteht dem bayerischen Innenministerium, das, wie Chaussy aufzeigt, auf die Ermittler einwirkte, an der Einzeltäterthese festzuhalten.

Max Strauß, Sohn des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU), sagt im Dokumentarfilm dazu: „Wenn sich die natürlich irgendwo intern da festgelegt hatten, haben die das nach alter CSU-Art auch stramm verteidigt. Es war immer so.“ Franz Josef Straß war damals der Spitzenkandidat von CDU und CSU für die Bundestagswahl, die nur zehn Tage nach dem Oktoberfestattentat stattfand.

Auf eine mögliche Verwicklung der Geheimdienste in das Oktoberfestattentat deutet die Verbindung des Attentäters Köhler zur Wehrsportgruppe Hoffmann. Diese paramilitärische Miliz wurde 1973 von Karl Heinz Hoffmann gegründet und konnte in Bayern sechs Jahre lang unbehelligt Neonazis an Waffen und im Partisanenkampf ausbilden. Gundolf Köhler hatte sich 1976 und 1977 an solchen Übungen beteiligt. Dies war dem baden-württembergischen Verfassungsschutz bekannt.

Erst am 30. Januar 1980, acht Monate vor dem Oktoberfestattentat, wurde die Gruppe vom damaligen liberalen Bundesinnenminister Gerhart Baum verboten. Zu diesem Zeitpunkt zählte sie 400 Mitglieder. Zweieinhalb Monate nach dem Oktoberfestattentat ermordete ein weiteres Mitglied der Wehrsportgruppe, Uwe Behrendt, in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Levin und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke.

Hoffmann selbst und seine engsten Mitstreiter setzten sich nach dem Verbot in den Libanon ab. Chaussy ist sich sicher, dass es in der Wehrsportgruppe mehrere V-Leute gab. Die Akten seien noch ungeöffnet, zwei Nahmen seien aber inzwischen bekannt: Walter Ulrich Behle und Odfried Hepp.

Behle, der im Oktober 1980 mit Hoffmann in einem Hotel in der syrischen Hauptstadt Damaskus abstieg, sagte damals einem Barkeeper über das Oktoberfestattentat: „Das waren wir.“ Sie hätten eine Bombe im Abfalleimer deponiert, eine andere habe in einer Abflussrinne gelegen.

Ein neuer Zeuge stützt die Aussage, dass es eine zweite Bombe gab. Er habe am Tag des Anschlags eine Stichflamme gesehen, die von einer Bombe stammte, die nicht explodiert sei. Sie habe im Gully oder in der Straßenrinne gelegen.

Der Barkeeper des Hotels in Damaskus hatte der deutschen Botschaft sofort über die Aussage Behles berichtet. Als dieser dann im Juli 1981 in Deutschland verhört wurde, stufte man seine Aussage als „alkoholbedingte Aufschneiderei“ ein.

Am 2. August 1982 erzählte auch das Wehrsportgruppen-Mitglied Stefan Wagner, der sich auf der Flucht vor der Polizei befand, er sei am Oktoberfest-Attentat beteiligt gewesen. Wenn die Polizei ihn erwische, bekomme er mindestens zehn Jahre Zuchthaus. Dann erschoss er sich. Da Wagner angeblich am Tag des Attentats nicht vor Ort gewesen sein konnte, stellten die Ermittler keine weiteren Untersuchungen an. Sie gingen auch nicht der Frage nach, ob Wagner womöglich an den Attentats-Vorbereitungen beteiligt war.

Interessant ist die Aussage eines Polizisten, der sich nun an Chaussy gewandt hat. Sie stellt eine Verbindung zwischen der Wehrsportgruppe Hoffmann und dem Thüringer Heimatschutz her, aus dem die rechte Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) hervorging. Auch zur geheimen Gladio-Truppe der Nato, die in Italien, Luxemburg und anderen Ländern Terroranschläge verübt hat, führt möglicherweise ein Draht.

Laut dem Polizisten, der im Umfeld des Thüringer Heimatschutzes ermittelte, unterhielt dieser bei paramilitärische Übungen in den 1980er Jahren Verbindungen zu bayerischen Wehrsportgruppen. Die NSU-Terroristen Uwe Böhnhard und Uwe Mundlos wurden zwei Jahre, bevor sie 1998 untertauchten, bei einem Prozess gegen den Rechtsterroristen Manfred Roeder fotografiert. Roeder hatte 1980 die „Deutschen Aktionsgruppen“ gegründet, die u.a. Sprengstoffanschläge auf Flüchtlingsheime verübten.

Den Sprengstoff hatte ihnen Heinz Lembke angeboten, der in Uelzen in der Nähe von Hannover wohnt, wo der mutmaßliche Mittäter im Oststadt-Klinikum behandelt wurde. Der Schweizer Historiker Daniele Ganser, der zu den Gladio-Truppen der NATO forscht, geht davon aus, dass Lembke Mitglied dieser paramilitärischen Untergrundarmeen war, weil er Waffen und Sprengstoff aus Militärbeständen hortete und verwaltete.

Wahrscheinlich lieferte Lembke auch den Sprengstoff an Köhler. Aber auch diesen Hinweis ließen die Ermittler im Sande verlaufen. Lembke fand man Ende 1981 mit einem Kabel erhängt in seiner Zelle, kurz nachdem er angekündigt hatte, gegenüber der Bundesanwaltschaft umfassend auszusagen.

Anwalt Dietrich vermutet aufgrund von Aktenvermerken, dass Lembke entweder V-Mann oder Mitarbeiter eines Geheimdienstes war. Wichtige Akten zu ihm sind immer noch unter Verschluss.

Chaussy stellt die Frage, ob der bayrische Staatsschutzchef Dr. Hans Langemann (CSU), der zuvor für den Auslandsgeheimdienst BND gearbeitet hatte, damals ein ähnliches V-Leute-Netz in der rechtsradikalen Szene aufgebaut hatte, wie es später rund um den NSU existierte. Dies könnte erklären, weshalb er sensible Informationen über Köhler an die Presse weitergab und damit mögliche Mittäter warnte. Langemann starb 2004.

Chaussy vermutet, das von Langemann aufgebaute V-Leute-Netzwerk habe in den 1980er Jahren ebenso versagt, wie später das Netzwerk rund um den Thüringer Heimatschutz. Chaussys Arbeit über das Oktoberfestattentat und die Enthüllungen über den NSU und sein Umfeld lassen allerdings auch eine andere Schlussfolgerung zu: Dass die Geheimdienste einem Staat im Staate gleich mit Rechtsradikalen zusammenarbeiten.

Der Dokumentar-Film von Daniel Harrich endet mit dem Hinweis: „Die Geschichte geht weiter.“