Ein Jahr nach den Todesschüssen auf dem Maidan: neue Hinweise belasten die pro-amerikanische Opposition

Von Andrea Peters
20. Februar 2015

Neue Belege deuten darauf hin, dass extrem rechte Kräfte für die Todesschüsse auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz (Maidan) vor einem Jahr verantwortlich sind. Das war die letzte Phase des von der NATO unterstützten Putschs, der den gewählten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch stürzte.

Vor kurzem veröffentlichte investigative Berichte der BBC und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) deuten darauf hin, dass faschistische Kräfte Scharfschützen angeheuert hatten, um auf Ziele auf dem Maidan zu schießen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Polizei zwar in gewaltsame Auseinandersetzungen mit regierungsfeindlichen Demonstranten verwickelt gewesen, hatte aber noch keine scharfe Munition eingesetzt.

Vieles deutet darauf hin, dass die rechtsextremen Kräfte versuchten, den Konflikt zu eskalieren, um eine mögliche Verhandlungslösung zwischen der EU, dem Janukowitsch-Regime und der pro-westlichen Opposition zu sabotieren.

Die 98 Toten während der Maidan-Proteste, werden nun als „die himmlische Hundertschaft“ verklärt und für den den Mythos genutzt, dass der faschistisch geführte Putsch eine demokratische Bewegung friedlicher Demonstranten war, die von der ukrainischen Polizei zu Märtyrern gemacht wurden. Das Kiewer Regime stiftete den „Orden der Himmlischen Hundertschaft“, der Menschen für „Zivilcourage, Patriotismus und die Achtung der Verfassungsgrundsätze der Demokratie“ auszeichnet. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte jüngst den 20. Februar zum „Tag der Himmlischen Hundert“, um an die „Revolution der Würde“ zu erinnern.

Die Untersuchungen der BBC und der FAZ strafen diese Propaganda Lügen. Sie verweisen auf die antidemokratischen Machenschaften, die dem neuen Regime in Kiew und den anhaltenden Provokationen der USA gegen Russland in der Region zugrunde liegen.

Am 11. Februar veröffentlichte die BBC ein Interview mit einem Mann, der sich als "Sergei" ausgab und Anfang 2014 für einige Wochen an den Protesten gegen die Regierung teilgenommen hatte. Er sagte dem Sender, er sei von Maidan-Führern mit einem Hochgeschwindigkeits-Jagdgewehr ausgestattet und zusammen mit anderen bewaffneten Schützen im Konservatorium auf dem Maidan postiert worden.

Am frühen Morgen des 20. Februars begann er auf Regierungstruppen zu zielen, die selbst zum ersten Mal auf dem Platz Position bezogen hatten und Wasserwerfer einsetzten, um das Protestlager aufzulösen.

Als sie unter Beschuss gerieten, zogen sich die Sicherheitskräfte von dem Platz zurück und begannen auf dem Rückzug zu schießen. Am selben Tag genehmigte Janukowitschs Innenminister die Anwendung tödlicher Gewalt.

Sergeis Bericht wurde von Andrei Schewtschenko, einem oppositionellen ukrainischen Parlamentsabgeordneten teilweise bestätigt, der an den Maidan Protesten beteiligt war. Schewtschenko sagte der BBC, dass ihn der Leiter der Bereitschaftspolizei des Janukowitsch Regimes am 20. Februar über die eskalierende Situation unterrichtet hatte während die Ereignisse ihren Lauf nahmen.

Schewtschenko berichtete: „Er rief mich an und sagte: ‘Andrei, jemand schießt auf meine Jungs’“. Er fügte hinzu: „Ich habe laufend Anrufe von dem Polizisten erhalten, der sagte: ‘Ich habe drei Verletzte, ich habe fünf Verletzte, ich habe einen Toten’ Und irgendwann sagte er, ‘Ich zieh mich zurück’ und er sagte: ‘Andrei, ich weiß nicht was als nächstes passieren wird’. Aber ich konnte deutlich spüren, dass etwas Schlimmes passieren würde“.

Andrij Parubij, einer der Führer der Maidan Bewegung und Mitbegründer der Sozial-Nationalen Partei der Ukraine (der Vorläufer der faschistischen Swoboda Partei), und derzeitiger stellvertretender Sprecher des ukrainischen Parlaments, bestreitet, dass Schützen im Konservatorium gefunden wurden. Ähnlich wie andere Führer des neuen ukrainischen Regimes behauptet er, das Scharfschützenfeuer auf dem Maidan sei von russischen Agenten ausgegangen.

Jedoch widerlegen fotografische Beweise von Schützen in dem Gebäude und ein kürzlich erschienenes Interview mit Wolodimir Parasjuk in der FAZ, diese Behauptung. Parasjuk war ein Maidan-Führer, der zugibt, Schützen im Konservatorium befehligt zu haben.

Parasjuk, der später als Mitglied des faschistischen Dnipro Bataillons gegen prorussische Separatisten im Südosten der Ukraine kämpfte hat und jetzt Abgeordneter ist, zitiert die FAZ mit folgenden Worten:„Es kamen damals viele Jungs, die sagten, man muss die Waffe nehmen und angreifen“. „Viele'“, auch er selbst, hätten da längst Feuerwaffen dabeigehabt, oft ihre offiziell registrierten Jagdgewehre.

Parasjuk beschuldigte zwar die Polizei, zuerst geschossen zu haben, erklärte gegenüber der FAZ aber auch: die Maidan-Kämpfer verschiedener Einheiten „verteidigten sich ihrerseits mit Feuerwaffen“. Kurz nach den Ereignissen im letzten Jahr hatte Parasjuk in einem Interview mit der ukrainischen Presse die Verwendung von Schusswaffen bei den Protesten noch nicht erwähnt.

Ein kürzlich erschienener Artikel der Business News Europe berichtet ebenso, dass ein Zeuge, der sich in einem Hotel mit Blick auf den Maidan aufhielt, ausgesagt habe, dass oppositionelle Schützen den Zutritt zu Zimmern forderten und aus Hotelfenstern feuerten.

Am 20. Februar wurden Dutzende Menschen auf dem Maidan getötet. In den nächsten Tagen schien sich die Situation zu stabilisieren, als die Europäische Union eine Teilung der Macht zwischen Janukowitsch und den von der NATO unterstützten Oppositionsparteien aushandelte. Die Übereinkunft löste sich jedoch schnell in Luft auf.

Parasjuk, der bis zu diesem Zeitpunkt hinter den Kulissen gearbeitet hatte, um die bewaffneten Angriffe der rechtsextremen Kräfte zu leiten, trat in der Nacht des 21. Februar auf einer Kundgebung auf, um den Toten zu gedenken, die angeblich von den ukrainischen Sicherheitsbehörden getötet worden waren. Er forderte Janukowitschs Rücktritt und drohte, dass seine Truppen am nächsten Morgen den Präsidentenpalast stürmen würden, wenn er nicht zurücktrete.

Obwohl zuvor eine politische Einigung zur Lösung der Krise erreicht worden war, floh Janukowitsch aus dem Land. Business News Europe schreibt, dass ein Faktor in der Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, auf die Macht zu verzichten „die unmittelbare physische Bedrohung durch einen offenbar bewaffneten Flügel der Demonstranten war, der nicht unter der Kontrolle der parlamentarischen Opposition stand“.