Lokführerstreik: Stimmen aus dem Berliner Streiklokal

Von unseren Korrespondenten
8. Mai 2015

Am Mittwoch Nachmittag sprachen Reporter der WSWS mit Lokführern im Berliner Streiklokal am Ostbahnhof. Hier hatten sich vor allem Lokführer der S-Bahn eingefunden. Über den WSWS-Artikel „Die politischen Fragen im Streik der Lokführer“ entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Eine Gruppe von Lokführern betont, ihnen gehe es in dem Kampf hauptsächlich um Arbeitsentlastung und weniger ums Geld. Addy (36 Jahre), Pascal (41 Jahre) und Patrick (44 Jahre) berichten über eine massive Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei der S-Bahn seit der Einführung von vier Schichten.

Lokführer am Streiklokal in Berlin

„Wären wir jetzt nicht im Streik, hätte ich gestern und vorgestern jeweils 11,5 Stunden fahren müssen, mit eine Pause von nur 8 Stunden zwischen beiden Schichten, und heute und morgen noch einmal jeweils 10 Stunden“, sagt Pascal. „Wir beginnen jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit, und manchmal endet die Schicht nach Mitternacht an einem S-Bahnhof am anderen Ende von Berlin. Dann müssen wir noch eineinhalb Stunden durch die ganze Stadt fahren, um nach Hause zu kommen.“

Patrick, der sich in die Diskussion etwas später einmischt, ergänzt: „Ich habe nur ein Wochenende pro Monat frei, zwölf Wochenenden im Jahr. Meine Frau arbeitet im Einzelhandel auch Schicht. Ich habe null Möglichkeiten für soziale Kontakte oder Veranstaltungen, kann in keinen Sportverein oder anderen Verein eintreten oder mal mit meiner Frau etwas Gemeinsames unternehmen.“

Addy zeigt seinen Jahresplan, den jeder Lokführer erhält. Hier sind die verschiedenen Nacht-, Spät-, Früh- und Tagschichten eingetragen und mit Gelb, Grün, Rot, Blau im wahrsten Sinne des Wortes zeitlich bunt gemischt. Es gibt fast keine Woche mit nur einer Farbe, das heißt nur einer von vier Schichten. „Wir können nicht mehr richtig schlafen“, sagen die Lokführer übereinstimmend.

Sie verweisen auch auf die Verkehrssituation der Berliner S-Bahn mit ihren äußerst kurzen Signalabständen. Immer häufiger passiere es, dass rote Ampeln überfahren werden, weil Lokführer nicht nur übermüdet, sondern auch durch zu viele Aufgaben überlastet sind, nachdem massiv Arbeitsplätze abgebaut wurden.

Ein Lokführer, der den Beruf bei der S-Bahn seit 25 Jahren ausübt, schildert der WSWS die Situation: „Erst wurden uns die Zugbegleiter gestrichen. Dann wurden auch die Aufseher auf den Bahnsteigen eingespart, die die Züge abfertigen und uns grünes Licht geben, wenn wir gefahrlos abfahren können. Deren Arbeiten mussten wir mit übernehmen, aber es gab keinen Cent mehr im Portemonnaie dafür, nur mehr Stress. Wir sind jetzt verantwortlich, dass alle Passagiere im Zug sind, die Türen geschlossen sind und wir sicher losfahren können.

Vor allem an Bahnhöfen, wo der Bahnsteig in einer Kurve liegt, können wir nicht alle Türen übersehen, teilweise fehlen auch noch Monitore, die helfen würden. Vor einiger Zeit war ein Passagier noch nicht im Zug, wurde aber bei der Abfahrt mitgeschleift, weil er sich an der Türe festhielt. Der verlor einen Arm und ein Bein, weil er am Geländer vorbei schrammte.

Auch wenn der Lokführer nicht dafür verantwortlich gemacht werden konnte, so ist das eine schreckliche Belastung, denn man macht sich immer selbst Vorwürfe, auch wenn man juristisch nicht schuldig ist.“

Mit Aufsehern wäre dies wohl nicht passiert, betont er. „Aber seit die Bahn wie ein Privatunternehmen geführt wird, geht Profit vor Schutz der Passagiere und auf Kosten der Lokführer.“

Sein älterer Kollege wirft ein: „Überhaupt haben wir auch festgestellt, dass die Selbstmordrate im Bahnverkehr zugenommen hat. Früher war die Zeit vor Weihnachten, in den dunklen November- und Dezembertagen, die Periode, wo wir am meisten aufpassen mussten. Heute kann man sagen, dass es das ganze Jahr über passiert.“

In den Diskussionen herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, warum nach so vielen Streiks kein Fortschritt erreicht wurde. Der DB-Vorstand habe gerade höhere Gewinne verkündet und den Vorstandsmitgliedern in diesem Jahr eine 171-prozentig höhere Bonuszahlung genehmigt, aber den Arbeitern würde kein vernünftiges Angebot gemacht.

Das in den Medien angepriesene Angebot von 4,7 Prozent Lohnerhöhung belaufe sich bei einer Laufzeit von 30 Monaten auf durchschnittlich nur 1,88 Prozent im Jahr für die Beschäftigten. „Warum gibt es keine Anerkennung mehr für uns Arbeiter?“, fragt Patrick. „Wir sind doch diejenigen, die die Gewinne für den DB-Konzern eingefahren haben.“

Den streikenden Arbeitern wird zunehmend bewusst, dass es in diesem Kampf um grundlegende Fragen und einen größeren politischen Konflikt geht, der „die ganze Bevölkerung betrifft“, wie es Pascal ausdrückt.

Über die Angriffe von SPD und DGB auf die Streikenden sind diese besonders wütend. Es sei das Grundrecht auf Streik, das SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles mit dem so genannten Tarifeinheitsgesetz angreife.

„Es ist einfach nur traurig, dass eine Partei, die mal behauptet hat, sie vertrete soziale Rechte der Arbeiter, ein solches Gesetz vorschlägt“, sagt Addy. Schon der Name des Gesetzes sei falsch, weil seitens der DGB-Gewerkschaften bei der Bahn die unterschiedlichsten Tarife ausgehandelt worden seien – für Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Arbeiter ausgelagerter Abteilungen usw.

Über die DGB-Gewerkschaft EVG hört man im Streiklokal nur sarkastische Bemerkungen. Sie sei „doch die Hausgewerkschaft des DB-Vorstands“, heißt es. Sie vertrete nur „Arbeitgeberinteressen“.

Dieselbe Diskussion entwickelt sich am Nachbartisch. „Trotz unseres langen Streiks rührt sich der Bahnvorstand nicht. Alles Gerede von einem neuen Angebot ist Unsinn“, sagt ein älterer Lokführer der S-Bahn. „Die rühren sich nicht vom Fleck und wollen warten, bis das neue Gesetz in Kraft ist. Der Bahnvorstand wird von der Regierung gedeckt. So kommen wir mit unserer normalen Taktik nicht weiter. Aber was sollen wir machen? Im Moment hoffen die meisten von uns, dass wir doch was bewegen können.“

Auf das Argument des WSWS-Reporters, dass ein politischer Kampf gegen die Regierung und gegen das kapitalistische System ansteht, zögert er und verweist auf das Verbot von politischen Streiks. „Aber“, fährt er fort, „wir stehen an einer Schwelle, wo wir neue Wege finden müssen.“

Sein Kollege nickt: „Das haben wir doch schon im Osten in der Schule gelernt, was Karl Marx gesagt hat. Die Ausbeutung des Arbeiters im Kapitalismus ist im System angelegt. Nach der Wende haben wir es erst mal nicht geglaubt, aber jetzt, seit der Finanzkrise und schon vorher bei den Harz-IV-Gesetzen hat man gesehen, dass da Wahrheit drinsteckt.“

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