Nach irakischer Niederlage in Ramadi:

USA verschärfen Luftangriffe, Irak setzt schiitische Milizen ein

Von Bill Van Auken
20. Mai 2015

Als Reaktion auf die Eroberung von Ramadi durch den Islamischen Staat (IS) hat das US-Militär seine Luftangriffe ausgeweitet, während die irakische Regierung die höchst brisante Entscheidung gefällt hat, schiitische Milizen für die Rückeroberung der größtenteils sunnitischen Stadt einzusetzen.

Der Verlust von Ramadi, der Hauptstadt der Provinz Anbar, ist ein Debakel für die Regierung in Bagdad und die amerikanische Kriegsstrategie im Irak.

Die Niederlage der Regierungstruppen, die Ramadi lange Zeit über dürftig unter Kontrolle hatten, erinnert an die Niederlagen der irakischen Sicherheitskräfte, die von den USA bewaffnet und ausgebildet wurden, im letzten Juni. Die islamistische sunnitische Miliz hatte sie überrannt und mit Mosul die zweitgrößte Stadt des Irak erobert.

Das Pentagon hatte die Bedeutung von Ramadi seit letzter Woche entweder heruntergespielt oder angedeutet, es sei zu früh, um das endgültige Ergebnis der Schlacht vorherzusagen. Am Montag sah es sich jedoch gezwungen einzugestehen, dass der Verlust der Provinzhauptstadt ein "Rückschlag" war.

Colonel Steve Warren erklärte gegenüber Reportern des Pentagon: "Wir haben immer gesagt, es wird Höhen und Tiefen geben. Dieser Kampf ist schwierig, komplex und blutig, und es wird Siege und Rückschläge geben. Und dies ist ein Rückschlag."

Warren musste eingestehen, dass die sunnitische Miliz in Ramadi "ganz offensichtlich nicht in der Defensive ist". Diese Aussage widerlegt frühere Erklärungen von hochrangigen Offizieren, die amerikanischen Luftangriffe hätten den Islamischen Staat in die Defensive gedrängt.

Die Strategie der USA gegen den IS im Irak sah den Einsatz ihrer Luftwaffe gegen Stellungen der Islamisten vor, gleichzeitig sollten amerikanische "Ausbilder" und "Berater" irakische Militäreinheiten aufbauen und ihre Operationen leiten. In Ramadi ist diese Strategie eindeutig gescheitert.

Wie der Oberbefehlshaber der neuen US-Intervention im Irak - "Operation Inherent Resolve" -, Marine Corps-Brigadegeneral Thomas D. Weidley, erklärte, haben amerikanische Kampfflugzeuge im letzten Monat in Ramadi und dem Umland 165 Luftschläge zur Unterstützung der irakischen Regierung durchgeführt. In den letzten Tagen haben sich die Bombenangriffe noch verschärft. Der Luftkrieg konnte die Lage am Boden jedoch nicht grundlegend ändern.

Ramadi verdeutlicht, dass die Zentralregierung in Bagdad fast ein Jahr nach dem Zusammenbruch der irakischen Armee – deren Organisation, Bewaffnung und Ausbildung Washington zweiundzwanzig Milliarden Dollar gekostet hat – noch immer keine nennenswerten Streitkräfte unter ihrem Kommando aufgebaut hat.

Republikaner wie Senator John McCain (Arizona), der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses des Senats, nahmen das Debakel in Ramadi zum Anlass, um die Entsendung von Bodentruppen zu fordern.

Ein anonymer Vertreter der US-Regierung erklärte jedoch gegenüber Reuters, der Verlust von Ramadi werde die Obama-Regierung wahrscheinlich nicht zu einer Änderung ihrer Strategie bewegen.

Der Interviewte erklärte: "Der Irak hat in der Schlacht nicht seine volle Stärke eingesetzt, unter anderem nicht die schiitischen Milizen. Sie müssen eingesetzt werden. Ich weiß nicht, warum der Präsident seine Strategie nicht geändert hat, aber eindeutig muss sich irgendetwas ändern."

Es ist aber klar, dass sich bereits etwas geändert hat. Während der Vertreibung des IS aus Tikrit im März forderte Washington demonstrativ den Abzug der schiitischen Milizen, welche die Hauptlast der Kämpfe getragen hatten, bevor die USA Luftunterstützung leisten. Jetzt wird die Teilnahme dieser Einheiten, von denen die meisten politisch mit dem Iran verbündet sind, als unverzichtbar angesehen.

Die Entscheidung, diese Einheiten einzusetzen, stellt eine schwere Krise für die Regierung von Premierminister Haider al-Abadi dar, der letzten August mit Unterstützung der USA an die Macht gebracht wurde. Angeblich erhielt er das Amt mit dem ausdrücklichen Mandat, die religiösen Spannungen im Irak zu lockern. Vertreter der USA und die Mainstreammedien gaben der Vorgängerregierung unter Nuri Kamal al-Maliki, die ebenfalls von Washington eingesetzt worden war, die Schuld an diesen Spannungen. Malikis korruptes und repressives Regime wurde zum Sündenbock gemacht, um das US-Militär freizusprechen, das im Irak einmarschiert war und das Land acht Jahre lang besetzt gehalten hat. In dieser Zeit hat es im Rahmen einer Strategie des Teilens und Herrschens einen brutalen religiösen Konflikt zwischen schiitischen und sunnitischen Irakern geschürt.

Bisher hatte Abadi die schiitischen Milizen angewiesen, sich aus der überwiegend sunnitischen Provinz Anbar fernzuhalten und darauf beharrt, dass reguläre Regierungstruppen ausreichen würden, um die Herrschaft der Zentralregierung durchzusetzen. Dass er von diesem Standpunkt abrückt, hat seine Stellung drastisch geschwächt. Kritiker in seiner eigenen Partei, der Islamischen Dawa-Partei, u.a. Maliki; sowie andere schiitische politische Organisationen, kritisierten ihn, weil er die Milizen nicht nach Anbar geschickt hatte und warfen ihm vor, er habe keine Strategie zur Sicherung der westirakischen Provinz.

Jetzt wurden mehrere tausend Milizionäre, darunter Mitglieder des Badr-Korps, der Ketaeb Hisbollah und anderer Gruppen vor Ramadi zusammengezogen und bereiten sich auf eine wichtige Schlacht vor.

"Weil die Regierung auf den Vorstellungen der Amerikaner beharrt hat, sind wir nach Anbar gegangen, um die Bevölkerung zu schützen, und damit diese Situation nicht noch länger andauert," erklärte Jaafar al-Husseini, ein Sprecher von Ketaeb Hisbollah, der AFP.

Diese Kämpfer wurden im Rahmen der sogenannten Volksmobilisierungseinheiten eingesetzt, formell eine nichtreligiöse Truppe unter der Kontrolle der Sicherheitskräfte der Regierung. In Wirklichkeit jedoch üben die schiitischen Milizen die Kontrolle aus.

Durch den Einsatz dieser Truppen in Anbar – mit offener Unterstützung von Washington – droht ein blutiger religiöser Bürgerkrieg. Die Zentralregierung hatte die Kontrolle über einen Großteil der Provinz durch eine sunnitische Rebellion verloren, die bereits vor der IS-Offensive im letzten Juni ausgebrochen war. Sie war durch die Wut über die Unterdrückung der Sunniten durch von Schiiten dominierte Sicherheitskräfte ausgelöst worden.

Frühere Einsätze der schiitischen Milizen gingen einher mit ethnischen Säuberungen von Sunniten, die in vielen Fällen als mutmaßliche IS-Anhänger behandelt wurden. Tikrit ist seit seiner Rückeroberung Ende März durch schiitische Milizen und das irakische Militär größtenteils eine Geisterstadt, die sunnitischen Einwohner trauen sich nicht zurückzukehren.

Die noch immer andauernden Verbrechen und Massaker im Irak sind die Folge des kriminellen Krieges, der 2003 begonnen wurde, um die Hegemonie der USA über die Region und ihre riesigen Ölreserven zu sichern. Dass der IS so stark werden konnte, geht direkt auf die Unterstützung der USA für sunnitische Stellvertreterkräfte in den Kriegen zum Regimewechsel in Libyen und Syrien zurück. Der IS ist also ein „Frankenstein's Monster“, das Washington selbst erschaffen hat.

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