Sonderermittler Jerzy Montag legt neue Einzelheiten über V-Mann Corelli vor

Von Dietmar Henning
30. Mai 2015

Thomas Richter, der unter dem Decknamen Corelli 18 Jahre lang für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in der rechtsextremen Szene gearbeitet hat, erweist sich immer mehr als Schlüsselfigur im engen Beziehungsgeflecht zwischen Sicherheitsbehörden und Neonazis.

Corelli wurde 2012 als Spitzel enttarnt und lebte seither unter falscher Identität in einem Zeugenschutzprogramm des Verfassungsschutzes, der sich weiterhin regelmäßig mit ihm traf. Im April 2014 wurde der 39-Jährige tot in seiner Wohnung aufgefunden, einen Tag bevor er vom Generalbundesanwalt ein zweites Mal zur rechten Terrorgruppe NSU vernommen werden sollte. Angeblich war er an einem Zuckerschock aufgrund einer nicht erkannten Diabeteserkrankung gestorben.

Seit Corellis Enttarnung war viel über ihn bekannt geworden. Er hatte unter dem Spitzname „HJ Tommy“ in der rechtsextremen Szene eine zentrale Rolle gespielt und als Topquelle des BfV gegolten. Sein Weg kreuzte sich dabei immer wieder mit dem des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).

Dass die Sicherheitsbehörden nichts vom NSU wussten, bis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos Ende 2011 durch angeblichen Selbstmord starben und das überlebende Mitglied der Gruppe, Beate Zschäpe, die gemeinsame Wohnung in Brand steckte und ein Bekennervideo an mehrere Medien schickte, scheint vor diesem Hintergrund sehr unwahrscheinlich.

Corelli unterhielt bereits Kontakt zu Uwe Mundlos, als der NSU noch nicht in den Untergrund abgetaucht war und seine Mordserie begonnen hatte. Mindestens ein Treffen der beiden gilt als belegt, denn Corelli gab 1995 Informationen über Mundlos an den Geheimdienst weiter. 1998 befand sich sein Name auf einer Kontaktliste von Mundlos, zusammen mit 30 weiteren Namen aus dem Umfeld des Thüringer Heimatschutzes (THS). Der THS, dem auch die späteren NSU-Mitglieder angehörten, wurde von einem V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes, Tino Brandt, geführt.

Auf der von Corelli betriebenen neonazistischen Website „Der Weiße Wolf“ wurde der NSU im Jahr 2002 erstmals öffentlich erwähnt: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter ...“, hieß es dort. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Terrorzelle vier Morde verübt. In den nächsten fünf Jahren folgten sechs weitere. „Der Weiße Wolf“ hatte zuvor vom NSU eine Spende von 2.500 Euro erhalten.

2005 übergab Corelli dem BfV eine CD mit Tausenden von Dateien, die mit dem Kürzel „NSU/NSDAP“ gekennzeichnet war. Diese CD wurde angeblich vom BfV nie ausgewertet und erst 2014 vom Bundeskriminalamt beim Verfassungsschutz entdeckt. Corelli starb, bevor ihn das BKA dazu befragen konnte. Einige der Dateien auf dieser CD, rechtsextremes Propagandamaterial, fanden sich auch auf Festplatten der NSU-Terroristen in deren Zwickauer Wohnung.

Corelli war auch Mitbegründer einer Gruppe des Ku-Klux-Klan in Baden-Württemberg, von der es ebenfalls Verbindungen zum NSU-Komplex gibt. Zwei Mitglieder der Gruppe waren Polizisten und Mitglieder der zehnköpfigen Einheit von Michèle Kiesewetter, die als letztes Mordopfer des NSU gilt.

Weil der Verfassungsschutz bei der Aufklärung der Rolle Corellis immer wieder mauerte, setzte das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr), das laut Gesetz für die Kontrolle der Geheimdienste durch den Bundestag zuständig ist, den ehemaligen rechtspolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion Jerzy Montag als Sonderermittler ein.

Montag durfte Akten sichten, die ihm das BfV zur Verfügung stellte. Ob diese vollständig waren, ist allerdings zweifelhaft. Der Verfassungsschutz entschied nämlich selbst, welche Akten er offen legte, und Tausende Akten waren bereits 2011, nach dem Auffliegen des NSU, vernichtet worden. Trotzdem hat der 300-seitige Bericht Montags einige neue Erkenntnisse gebracht. Er ist als geheim eingestuft, konnte aber von der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und dem WDR eingesehen werden.

So hat Montag herausgefunden, dass das BfV Corelli insgesamt fast 300.000 Euro Agentenlohn zahlte. Ab 2002 erhielt er monatlich 1000 Euro. Corelli verdiente damit drei Mal so viel wie Tino Brandt, der vom Geheimdienst insgesamt 200.000 DM (100.000 Euro) bekam.

Wie Brandt, der mit den Geldern des Verfassungsschutzes den Aufbau des Thüringer Heimatschutzes finanzierte, steckte auch Corelli einen Teil der staatlichen Gelder in den Aufbau von Neonazi-Strukturen, so in die von ihm betriebene Website „Nationaler Demonstrationsbeobachter“.

Beschlagnahmte die Polizei bei Hausdurchsuchungen Computer, sprang der Geheimdienst sofort ein. Auffällig sei, so Sonderermittler Montag, dass zugunsten von Corelli „häufig Sonderprämien etc. ausgezahlt wurden, wenn seine umfangreiche EDV-Anlage ganz oder teilweise beschlagnahmt oder eingezogen wurde“.

Auch für den Autokauf und zur Schuldentilgung erhielt Corelli Geld vom Geheimdienst. Zudem übernahm dieser die Kosten für die „Unterbringung durch befreundeten Auslandsdienst“ und „Kosten einer Sprachschulungsmaßnahme im Ausland“.

Corelli war in der Neonaziszene äußerst umtriebig. „Wenn sich irgendwo in der Republik Rechtsextremisten trafen, war Corelli meist nicht weit“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Er habe dem Verfassungsschutz im Laufe der Jahre sehr viel Material geliefert, über Neonazi-Bands, über rechte Foren, Personen und Veranstaltungen.

Montag zeichnet den Werdegang Thomas Richters alias Corelli im Einzelnen nach. Er stammte aus Halle an der Saale und bot schon als 19-Jähriger seine Dienste dem Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt an, der ihn 1994 an das Bundesamt weiterreichte.

Laut Süddeutscher Zeitung hatte sich Richter damals mit der „Nationalistischen Front“ überworfen, deren Mitglied er war. Als Grund für seine Spitzeldienste nannte er Geld. Langfristig wollte er aus der Szene aussteigen. Das gelang ihm aber nie, offenbar weil der Verfassungsschutz dies nicht wollte.

„Es sei nie ernsthaft darüber nachgedacht worden, den Mann in ein Aussteigerprogramm zu bringen und ihm zu helfen, sich vom Rechtsextremismus zu lösen“, fasst die Süddeutsche Montags Bericht zusammen und zitiert: „Die Behörden schienen nicht an dem Aussteiger, sondern nur an dem möglichen V-Mann interessiert zu sein.“

Der Geheimdienst schütze seinen Agenten auch vor Strafverfolgung. Im Sonderbericht heißt es, er sei mehrmals straffällig geworden, unter anderem wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis und wegen des Zeigens von Bildern mit Hakenkreuzen im Internet. Es sei „vielfach“ gegen ihn ermittelt worden. Eine Vielzahl der begangenen Straftaten müsse sich das Bundesamt für Verfassungsschutz „zurechnen lassen“.

Montag zieht diesen Schluss zwar nicht, aber bringt man Corellis „umtriebige“ Rolle und seine Bedeutung für die rechtsextreme Infrastruktur mit den Bemühungen des Verfassungsschutzes zusammen, ihn in der Neonazi-Szene zu halten und vor Strafverfolgung zu schützen, dann hat der Geheimdienst maßgeblich dazu beigetragen, diese Szene aufzubauen und am Leben zu erhalten. Dabei war Corelli nur einer von zwei Dutzend V-Leuten verschiedener Sicherheitsbehörden, die nachgewiesenermaßen im Umfeld des NSU tätig waren.

Die Frage, wie weit staatliche Behörden von den mörderischen Aktivitäten des NSU wussten, diese vertuschten oder sogar darin verwickelt waren, stellt sich damit immer dringender. Montag konnte – oder wollte – dazu wenig herausfinden. Zum Tod Corelli/Richters erklärte er dem Tagesspiegel, „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ gebe es kein Fremdverschulden. Ganz ausschließen konnte er ein solches aber offenbar nicht.

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