Anschlag auf US-Söldner in Syrien schockiert Washington

Von Bill Van Auken
4. August 2015

Am Freitag verübte die syrische Islamisten-Miliz al Nusra-Front, die mit Al Qaida verbündet ist, einen Anschlag auf eine kleine Söldnertruppe, die von den USA ausgebildet und nach Syrien geschickt wurde. Die schockierte Reaktion der Obama-Regierung verdeutlicht die immensen inneren Widersprüche und die schamlose Doppelzüngigkeit ihres Vorgehens in der Region.

Der Anschlag richtete sich gegen eine syrische Miliz, die als Division 30 bekannt ist. Sie stand im Mittelpunkt eines mit 500 Millionen Dollar finanzierten Programms, das von der Obama-Regierung initiiert und vom Pentagon organisiert wurde. Ziel des Programms war es, eine von den USA kontrollierte Stellvertretermiliz zu bewaffnen und auszubilden, angeblich für den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien.

Die al Nusra-Front, der syrische Ableger von al Qaida, ist die stärkste unter den islamistischen Milizen, die von den Westmächten, Saudi-Arabien, der Türkei und Katar für ihren Krieg zum Sturz der Regierung des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad aufgestellt wurden.

Einen Tag vor dem Anschlag hatte die Nusra-Front den Anführer der Division 30, Oberst Nadim al-Hasan, einen Überläufer aus der syrischen Armee, und einen weiteren Offizier namens Abu Hadi gefangen genommen, der die kleine Gruppe von Kämpfern befehligte, die von den USA ausgebildet und von der Türkei aus nach Syrien zurückgeschickt wurde. Zudem wurden weitere sechs Kämpfer gefangen genommen.

Anfangs veröffentlichte das Pentagon vorsichtig formulierte Stellungnahmen, in denen es behauptete, keiner der von den USA ausgebildeten Kämpfer sei gefangen genommen worden. Diese Behauptungen wurden am Samstag widerlegt, als die Nusra-Front ein Video veröffentlichte, in dem die gefangenen Kämpfer zu sehen waren. Einer von ihnen erklärte vor der Kamera, dass er von den amerikanischen Ausbildern eineinhalb Monate lang trainiert worden sei, danach hätten er und andere von der Türkei M16-Sturmgewehre und Bargeld bekommen und seien nach Syrien geschickt worden.

Die Ausbildung durch die USA hat die Kämpfer nicht gerade zu einer beeindruckenden Truppe geformt. Wie das Pentagon selbst zugibt, wurden weniger als 60 Kämpfer überprüft und ausgebildet, seit das Programm vor fast einem Jahr erstmals lanciert wurde. Das Ziel war eigentlich der Aufbau einer Armee von 15.000 amerikanischen Söldnern.

Die Gründe für die Komplikationen, mit denen das Programm behaftet ist, waren sowohl die Unfähigkeit des Pentagon, die syrischen Kämpfer zu überprüfen, die sich überwiegend aus islamistischen Extremistengruppen wie der Nusra-Front rekutieren, und die mangelnde Bereitschaft dieser Kämpfer, sich als Söldner im Dienste der USA zu erkennen zu geben.

Scheinbar konnte die völlige Vernichtung der Division 30, die ihre Mitglieder dem Pentagon als Rekruten zur Verfügung stellt, nur verhindert werden, weil amerikanische Kampfflugzeuge Bombenangriffe auf Stellungen der Nusra-Front flogen.

Das bemerkenswerteste an diesem Ereignis ist die unverhohlene Bestürzung und Überraschung der amerikanischen Stellvertreterkräfte und von Washington selbst, dass sie von der Nusra-Front angegriffen wurden.

Nach der Gefangennahme ihres Kommandanten und der anderen Kämpfer veröffentlichte die Division 30 einen Aufruf an ihre „Brüder“ in der von al Nusra dominierten „Unterstützungsfront“, den Oberst und seine Gefährten „so schnell wie möglich freizulassen, um nicht das Blut von Moslems zu vergießen und die Einheitsfront zu wahren.“

Die Aussage könnte kaum deutlicher sein. Die Truppe, die vom US-Militär ausgebildet wird, versucht, als Teil einer „Einheitsfront“ mit dem syrischen Ableger von al Qaida zu agieren, der Organisation, die der amerikanischen Bevölkerung seit fast vierzehn Jahren als die größte Gefahr für die USA präsentiert wird.

Die Reaktion der amerikanischen Regierungsvertreter auf den Anschlag der Nusra-Front macht das noch deutlicher.

Die New York Times schrieb am Samstag: „In Washington räumten mehrere Vertreter früherer- und der aktuellen Regierung ein, dass der Anschlag und die Entführungen der Nusra-Front die amerikanischen Regierungsvertreter überrascht haben und ein beträchtliches Versagen der Geheimdienste darstellen.“

Wie die Times schrieb, hätten die Regierungsvertreter damit gerechnet, dass die Nusra-Front „die Division 30 als Verbündeten begrüßen würde.“ Sie zitierte einen ehemaligen hochrangigen Regierungsvertreter, der angeblich bis vor kurzem stark mit dem Thema Syrien beschäftigt war: „Das sollte so nicht passieren.“

Als Erklärung für die Bestürzung des Washingtoner Staatsapparates fügt die Times hinzu: „Die Anführer der Division 30 rechneten damit, eine wichtige Rolle bei einem vielversprechenden neuen gemeinsamen Versuch der USA und der Türkei zu spielen, weniger radikalen syrischen Aufständischen dabei zu helfen, Territorien von den fundamentalistischen Aufständischen des Islamischen Staates, auch bekannt als IS, zu erobern...“

Die Times spricht hier von dem aktuellen Abkommen zwischen Washington und Ankara, der Türkei das Erreichen ihres seit langem erklärten Zieles zu erlauben, einen Teil des syrischen Staatsgebietes entlang der türkischen Grenze zu besetzen und in eine „Schutzzone“ zu verwandeln, oder, wie es amerikanische Regierungsvertreter formulierten, eine „IS-freie Zone.“

Die Türkei verfolgt damit zwei Ziele: zum einen will sie den Krieg für einen Regimewechsel in Syrien verschärfen, der seit vier Jahren andauert, zum anderen will sie die Versuche kurdischer Gruppen unterbinden, in diesem Grenzgebiet ihre eigene autonome Region aufzubauen. Seit die Türkei angekündigt hat, den Kampf gegen den IS zu unterstützen und der amerikanischen Luftwaffe erlaubt, türkische Luftwaffenstützpunkte für Angriffe gegen den IS zu nutzen, konzentrieren sich die Bombenangriffe der Türkei nicht auf die islamistische Miliz, sondern auf die Kurden, die gegen sie gekämpft haben.

Wenn die Times vorsichtig schreibt, die Anführer der Division 30 hätten gehofft, „weniger radikalen syrischen Aufständischen“ dabei zu helfen, die Kontrolle über diese Pufferzone zu erlangen, meint sie damit den al Qaida-Ableger al Nusra-Front und ihre engsten Verbündeten. Diese Kräfte konnten mithilfe der Waffen und des Geldes, das Washingtons wichtigste Verbündete in der Region, die Türkei, Saudi-Arabien und Katar, in die Region gebracht haben, bereits einen Großteil dieses Gebietes unter ihre Kontrolle bringen.

Washington verfolgte offensichtlich das Ziel, die Nusra-Front als ihre Haupt-Stellvertretermiliz zu benutzen und gleichzeitig mithilfe der vom US-Militär ausgebildeten Söldner der Division 30 die mit al Qaida verbündete Miliz zu beeinflussen. Die Kämpfe Ende letzter Woche haben diese Strategie durcheinander gebracht.

Dies ist nur das jüngste Fiasko der amerikanischen Intervention in der Region. Ende letzten Jahres wurden zwei der letzten „gemäßigten“ Rebellengruppen, die von Washington unterstützt und bewaffnet wurden, von der Nusra-Front besiegt. Die Gruppen lösten sich freiwillig auf, übergaben alle Waffen, die sie von den USA erhalten hatten, darunter modernes Kriegsgerät wie TOW-Panzerabwehrraketen und Grad-Raketen an den al Qaida-Ableger und erlaubten ihren Mitgliedern, ihr beizutreten.

Inmitten des jüngsten Debakels mit der Division 30, und ein Jahr nachdem die Obama-Regierung ihren Luftkrieg gegen IS-Ziele in Syrien und dem Irak begann, erklärten amerikanische Militärs und Geheimdienstler gegenüber Associated Press, dass die CIA und die Defense Intelligence Agency festgestellt hätten, dass die Strategie die Zahl der Kämpfer, die für den IS aktiv sind, „nicht nennenswert verringert“ hat. Laut amerikanischen Geheimdienstangaben liegt sie zwischen 20.000 und 30.000. Ebenso wenig wurden größere Gebiete im Irak zurückerobert, die vom IS erobert worden waren.

Das bedeutet nicht, dass sich nichts geändert hätte. Die Eskalation von Washingtons krimineller und räuberischer Intervention in der Region hat zu weiteren tausenden Toten und Verwundeten geführt, viele mehr noch wurden aus ihrer Heimat vertrieben und im Rahmen der Strategie des Teilens und Herrschens wurden religiöse Spannungen geschürt.

Dabei hat die Obama-Regierung ihre eigenen Lügen entlarvt, mit denen sie diese Intervention gerechtfertigt hat. Während der amerikanischen Bevölkerung weisgemacht wird, die USA würden Krieg gegen den Terrorismus führen, sind sie in Wirklichkeit faktisch mit al Qaida verbündet. Das wahre Ziel des Krieges ist es, die syrische Regierung zu stürzen, die mit Russland und dem Iran verbündet ist, und eine amerikanische Marionette an die Macht zu bringen. Dies ist wiederum Teil einer Strategie, die Hegemonie der USA über den ganzen Nahen Osten zu sichern und einen Weltkrieg vorzubereiten.

Da bisher alle Versuche der USA gescheitert sind, Stellvertretertruppen für diesen Kampf aufzubauen, wächst die Gefahr, dass amerikanische Truppen direkt in ein weiteres schweres Blutbad gezogen werden.