Zum Tod von Multi-Milliardärin Johanna Quandt

Von Verena Nees
8. August 2015

Die Bewunderung für die Superreichen, die Anfang dieser Woche durch Deutschlands Medien schwappte, war schon bemerkenswert: Sie galt Johanna Quandt, dritte Ehefrau von Herbert Quandt, Multi-Milliardärin und BMW-Erbin, die am vergangenen Montag, 3. August, in Bad Homburg im Alter von 89 Jahren gestorben ist.

Laut der Liste der reichsten Menschen des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ war Johanna Quandt im Jahr 2015 mit umgerechnet rund 14 Milliarden Dollar Vermögen eine der reichsten Deutschen. Ihre beiden Kinder Stefan Quandt (15,6 Milliarden) und Susanne Klatten (16,8 Milliarden) sind laut Forbes sogar noch reicher.

Sie sei eine „stille Milliardärin“ gewesen, schreibt ehrfürchtig die FAZ am 5. August, mit „Bodenhaftung, Kontinuität und einer gesellschaftlichen Verantwortung, die nicht gleich ins Gutmenschentum abgedriftet ist“. Auch andere Medien priesen Johanna Quandt als bescheidene und öffentlichkeitsscheue Frau, die die Familie zusammengehalten und ihr Geld für gemeinnützige Einrichtungen ausgegeben habe, beispielsweise für das Universitätskrankenhaus Charité, die Frankfurter Universitätsklinik, für Kunst oder die Förderung von Wirtschaftsjournalisten (deren wohlwollende Berichterstattung über BMW und die Quandt-Familie den Tod ihrer Mäzenin überdauert).

Besonders spendabel, musste die FAZ einen Tag später zugeben, war Johanna Quandt allerdings ihren Kindern gegenüber: Susanne Klatten und Stefan Quandt, den heutigen Erben des BMW-Konzerns. Die Mutter übertrug ihnen bis 2008 still und heimlich den größten Teil ihrer BMW-Aktien, zu einer Zeit, als der Kurs der Aktie niedrig war und sie nicht hohe Steuern befürchten musste. Das Aktienpaket, das damals rund 2,8 Milliarden Euro wert war, stieg im Frühjahr 2015 auf einen Wert von rund 12 Milliarden Euro. Zusammen halten Susanne Klatten und Stefan Quandt jetzt über 46 Prozent der BMW-Stammaktien und kamen allein im vergangenen Jahr auf 815 Millionen Euro Dividende.

Woher das Vermögen ursprünglich stammt, das Johanna Quandt so „weise“ (FAZ) zu vermehren wusste, halten die meisten Journalisten in diesen Tagen unter dem Deckel. Die Unternehmerfamilie stieg vor allem durch den Raub jüdischen Vermögens und die grausame Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen in der Rüstungsproduktion zurzeit des Zweiten Weltkriegs auf.

Diese braune Geschichte wurde von Johanna Quandt nie thematisiert, obwohl ihr Ehemann Herbert während des Kriegs zusammen mit Vater Günther das Unternehmen leitete. Erst Ende 2007, nach Ausstrahlung der NDR-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“, beauftragte die Familie einen Historiker mit der Aufarbeitung der Familiengeschichte. Diese 2011 erschienene Studie von Joachim Scholtyseck erhärtete im Wesentlichen die Vorwürfe der Fernsehdokumentation.

Im Folgenden drucken wir unsere Besprechung des Films vom 22. November 2008 noch einmal ab.

„Das Schweigen der Quandts“

In der vergangenen Woche wurde auf ARTE die Dokumentation von Eric Fiedler und Barbara Siebert Das Schweigen der Quandts gezeigt, die in diesem Jahr mit dem Hans-Joachim-Friedrichs-Preis für Journalisten ausgezeichnet worden ist.

Dieser bemerkenswerte Film über den skrupellosen Aufstieg einer der reichsten und einflussreichsten Unternehmerfamilien Deutschlands - sie besitzt 46,6 Prozent der BMW-Aktien und hat ein geschätztes Vermögen von 20 Milliarden Euro - und ihre Verstrickung in die nationalsozialistischen Verbrechen, wurde erstmals im vergangenen Herbst von ARD ausgestrahlt. Heute jedoch - auf dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Ereignisse der 30er Jahre wachruft - gewinnt der Film eine besonders aktuelle Brisanz.

Ihren Reichtum verdanken die Quandts - darüber spricht man in dieser Familie nicht gern - ganz direkt ihrer Unterstützung des Nazi-Regimes und der blutigen Ausbeutung in den Konzentrationslagern. Sie wurden niemals für die Verbrechen in ihren firmeneigenen Konzentrationslagern belangt, noch hat die Familie direkt Entschädigungszahlungen für die überlebenden Opfer gezahlt.

Die Geschichte dieser Familie und die Herkunft ihres sagenhaften Reichtums werden spannend erzählt. Die Filmemacher haben durch ausführliche Recherchen in den Jahren 2002 bis 2007 in verschiedensten deutschen und ausländischen Archiven ausreichend Dokumente ermittelt, die zu einer Verurteilung vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausgereicht hätten. Der Jurist und ehemalige Ankläger in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, Benjamin Ferencz, dem die Autoren die gesamten Dokumente vorlegten, ist davon überzeugt und bedauert im Interview, dass die Quandts ihrer Strafe entkommen konnten.

Die Familie lebt heute von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt. Es gibt nur wenige Bild- oder Filmdokumente aus der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Familienmitglieder zeigen. Stellungnahmen oder Interviews wurden und werden stets verweigert, selbst Außenaufnahmen vom Anwesen der Quandt-Familie werden vom Sicherheitspersonal mit groben Methoden unterbunden.

Von Johanna Quandt, der dritten Frau Herbert Quandts und heutigen Patronin der Unternehmensdynastie, wird zu Beginn des Films nur ein Bild gezeigt, unterlegt mit knappen Aussagen, wie, dass die Quandts ein Leben "wie eine normale Familie" führen würden. Andere Familienmitglieder, wie ihre Kinder Susanne Klatten oder Stefan Quandt, wollten nicht Stellung nehmen.

Zu einem Interview für die Dokumentation war lediglich Sven Quandt bereit, ebenfalls Sohn von Herbert Quandt. Sven Quandt macht darin klar, dass er keinen Gedanken an den Ursprung seines Reichtums verschwendet und betont, man solle "die Vergangenheit endlich ruhen lassen"; das sei auch besser für Deutschland. Seine Anteile am Batteriehersteller VARTA hat er vor einigen Jahren verkauft und widmet sich seitdem nur noch seinem teuren Hobby als Rennfahrer bei der "Rallye Paris-Dakar".

Der Aufstieg der Quandts

Als Sohn eines Tuchfabrikanten war Günther Quandt im Ersten Weltkrieg mit der Herstellung von Uniformen vermögend geworden. Die Zeit zwischen den Kriegen nutzte er geschickt, um einige durch Krise und Inflation bankrotte Industriebetriebe günstig zu erwerben und auf diese Weise auch in anderen Geschäftsfeldern tätig zu werden.

Seine Hauptproduktion konzentrierte sich bald auf die Herstellung von Batterien in den AFA-Batteriewerken Hannover und Hagen (heute VARTA). Schnell erkannte und nutzte Günther Quandt die Gewinnmöglichkeiten, die ihm die Nationalsozialisten boten. Er ließ den Faschisten großzügige Spenden zukommen und wurde 1933 selbst Mitglied der NSDAP. Er unterhielt engste, auch private Beziehungen zu den führenden Kreisen der Nationalsozialisten. Seine zweite Ehefrau Magda heiratete nach der Scheidung 1931 den späteren NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der auch den gemeinsamen Sohn Harald Quandt adoptierte.

Günther Quandt stieg unter den Nazis zu einem der größten Rüstungsunternehmer auf. Die Batterien aus seiner Produktion waren ein wesentlicher Bestandteil zahlreicher Militärfahrzeuge und Waffen. So lieferten die AFA-Werke während des Kriegs die Bordbatterien für U-Boote und für die Fernrakete V 2. Weitere Industriebetriebe, die den Quandts gehörten, waren die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM). 1937 wurde Günther Quandt zum "Wehrwirtschaftsführer" ernannt. Sohn Herbert (1910-1982) aus erster Ehe wurde Personaldirektor im Konzern seines Vaters.

Mit unmittelbarer Unterstützung durch die SS konnten die Quandts im Jahre 1943 ein quasi firmeneigenes Konzentrationslager, gleich neben dem Batteriewerk Hannover, einrichten. In das KZ Hannover-Stöcken, einem Außenlager des KZ Neuengamme, wurden sowohl Juden und Widerstandskämpfer als auch Zwangsarbeiter aus Frankreich und Tschechien eingewiesen. Häftlinge aus dem KZ Neuengamme wurden zur Zwangsarbeit in den Batteriewerken von Quandt ausgesucht.

Im Film kommt ein überlebender ehemaliger Zwangsarbeiter aus Dänemark zu Wort, der zusammen mit 41 Mitkämpfern des dänischen Widerstands in das KZ gekommen war. Zum ersten Mal seit dieser Zeit betritt er wieder das grasüberwachsene ehemalige Firmengelände, und unwillkürlich sucht er nach alten Überresten. Unter Tränen berichtet er von der tödlichen Arbeit bei der Herstellung von Batterien, die die meisten seiner Mitgefangenen nicht überlebt haben. Schutzkleidung gab es nicht, und sie waren den giftigen Gasen der Schwermetalle Blei und Kadmium ausgesetzt. Gleich bei Ankunft wurde ihnen mitgeteilt, dass sie hier nicht länger als sechs Monate überleben würden.

Die Autoren verweisen auf eine interne Berechnung von Quandt, die von einer "Fluktuation" von 80 Personen monatlich ausging - also 80 Toten. Die Batterieproduktion fand auch in einem Werk in Berlin-Schöneweide statt, wo Frauen aus dem KZ Ravensbrück eingesetzt wurden.

Die Filmautoren interviewen auch einen ehemaligen griechischen Häftling aus Thessaloniki, der berichtet, dass die Häftlinge kein Trinkwasser in der Firma erhielten und aus den Toilettenbecken trinken mussten und dass sie ausgepeitscht wurden.

Entnazifizierung

Während Industriebarone wie Flick, Krupp und die Direktoren der IG-Farben AG von den Alliierten vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Versklavung von Menschen angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen und zur Einziehung ihres Vermögens verurteilt wurden, gelang es Günther Quandt, sich der juristischen Verantwortung zu entziehen. Zunächst tauchte er ein Jahr lang in Bayern unter, bis er 1946 schließlich für zwei Jahre von den Amerikanern interniert wurde. Mit abstrusen Argumenten stellte sich Quandt selbst als ein Opfer der Nazis dar.

Die greise Schwester von Magda Goebbels, die das Filmteam im Altersheim aufsucht, mokiert sich darüber. "Ich habe jetzt nur noch ein Vermögen von 78 Millionen Dollar", habe Günther Quandt damals zu ihr gesagt. Sie hat Mühe zu sprechen, aber was sie sagt, lässt keinen Zweifel an der wahren Haltung Quandts gegenüber den Nazis.

Einige seiner Batteriewerke lagen in der britischen Besatzungszone. Dort hatte sich Sohn Herbert gleich den neuen Herren angedient und die Produktion von Batterien für britische Waffensysteme aufgenommen. Er galt zwar als belastet, doch wurde er von den britischen Besatzern gedeckt und erhielt schon wenige Wochen nach der Kapitulation im Mai 1945 eine der ersten Betriebsgenehmigungen der britischen Besatzungsmacht.

Diese hätte auch die brisanten Zeugnisse zurückgehalten, die zu einer Anklage hätten führen können, sagt der ehemalige US-Ankläger Benjamin Ferencz. Letzlich wurde Günther Quandt nur als "Mitläufer" eingestuft und auf freien Fuß gesetzt.

Auf die Frage der Filmautoren an Ferencz, warum dann nicht die Amerikaner Quandt vor das Kriegsverbrechertribunal gebracht haben, weicht er aus: Quandt habe eben Glück gehabt, er sei "zur richtigen Zeit am richtigen Ort" gewesen und hätte sich der Gerechtigkeit entzogen.

Der Biograph der Quandts, Rüdiger Jungbluth (Die Quandts. Ihr leiser Aufstieg zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands, Campus, Frankfurt a Main 2002), stellt diese Einschätzung in Frage: "Am 18. Juli 1946 wurde er auf Anordnung der US-Militärregierung verhaftet und war dann für eineinhalb Jahre im Lager Moosburg interniert. Die Amerikaner hatten ihn, und sie hätten ihn vor Gericht stellen können." (R. Jungbluth in: Die Zeit, 15. November 2007)

Außerdem lagen die DWM-Werke der Quandts, wo ebenfalls Zwangsarbeiter unter schlimmsten Bedingungen schuften mussten, in Karlsruhe und damit in der amerikanischen Zone. Auch hatten die amerikanischen und nicht die britischen Truppen Hannover befreit und schon früh Untersuchungen der dort gelegenen KZs aufgenommen.

Der wahre Grund der Nichtanklage Quandts als Kriegsverbrecher sei: "Eine Wiederaufnahme der Produktion erhielt bald Vorrang vor dem Wunsch, die Wirtschaftselite gründlich zu säubern. ... Die Nürnberger Industriellenprozesse von 1947 an waren vor allem symbolische Akte."

Auch die in Nürnberg verurteilten Unternehmer Krupp und Flick kehrten schon Anfang der fünfziger Jahre in ihre alten Positionen zurück.

Die Quandts heute

Nach dem Tod Günther Quandts 1954 ging das Kapital der Quandt-Holding zu je 50 Prozent auf die Söhne Herbert und Harald, den Adoptivsohn Goebbels, über. Im Jahre 1959 erwarb die Familie Quandt die Mehrheit der Aktien der Bayerischen Motorenwerke (BMW). Lediglich in ihrer Eigenschaft als Hauptaktionäre von BMW sind sie, wie viele andere deutsche Großkonzerne der "Stiftung Zwangsarbeit, Verantwortung und Wiedergutmachung" beigetreten und haben einen finanziellen Beitrag zur Entschädigung geleistet.

Der überlebende dänische KZ-Häftling berichtet im Film, dass er im Jahre 1972 gemeinsam mit anderen Überlebenden die Familie Quandt um eine finanzielle Unterstützung wegen der gesundheitlichen Schäden gebeten hatte, jedoch kaltschnäuzig abgewiesen wurde. Die Errichtung eines Denkmals für die Zwangsarbeiter auf dem heute brachliegenden Firmengelände, auf dem sich das KZ Stöcken befand, hat die Familie Quandt verhindert.

Mitglieder der Familie Quandt gehören heute nach Angaben von Forbes zu den 100 reichsten Deutschen (Susanne Klatten und Stefan Quandt). Die zahlreichen Beteiligungen in der Industrie reichen von BMW, über die Pharmafabrik Altana, den Chipkartenhersteller Gemplus AG, die Delton Gruppe, die Datacard Group, Varta und IWKA AG bis zu den Biologischen Heilmittel Heel GmbH und der Thiel Media GmbH.

Hinter ihrer Maske von Diskretion und Öffentlichkeitsscheu zieht die Familie auch politisch ihre Fäden. Im von der Familie Quandt genehmigten Wikipedia-Eintrag wird vermerkt, dass sie seit dem Jahr 2002 etwa 1,5 Millionen Euro an die Parteien gespendet habe. Der größte Teil sei an die CDU, kleinere Teile an die Schwesterpartei CSU und an die FDP gegangen. Zählt man die Spenden von BMW (ca. 1,5 Mio. Euro) und Altana (ca. 1,1 Mio. Euro) dazu, so zählt die Familie zu den größten Einzelspendern dieser Parteien.

Kein Wunder, dass sie gerne gesehener Gast bei Galaveranstaltungen des hessischen Ministerpräsidenten und rechten CDU-Politikers Roland Koch ist. Mehrmals blenden die Filmautoren den Ausschnitt einer solchen Veranstaltung ein, auf der Koch seinen Geldgebern die Referenz erweist.

Der Film Das Schweigen der Quandts zeigt eindringlich, welche Kontinuität in der deutschen Wirtschaftselite seit der Nazi-Zeit existiert.

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