Arbeiter rebellieren gegen Massenentlassungen bei Air France

Von Alex Lantier
7. Oktober 2015

Am Montag kam es zu einer Rebellion gegen die Massenentlassungen bei Air France. Hunderte streikende Arbeiter stürmten die Betriebsratsbüros in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle in Paris, wo gerade das Management und die Gewerkschaftsvertreter über einen Sanierungsplan verhandelten. Der Plan sieht den Abbau von 2900 Stellen vor.

Gegen diesen Sanierungsplan, es ist der vierte innerhalb von vier Jahren, richtet sich die Wut der Arbeiter. In den letzten vier Jahren wurden insgesamt schon 15.000 Arbeitsplätze abgebaut, insgesamt fast ein Viertel der 63.000 Stellen bei Air France. „Hier sind wir zuhause“, skandierten die Arbeiter beim Sturm auf die Sitzung, und: „Tritt zurück, De Juniac“ [gemeint ist der Generaldirektor von Air France-KLM, Alexandre de Juniac].

Air France-Vorstandschef Frederic Gagey floh sofort, als das Treffen platzte, während Streikende dem Personaldirektor Xavier Broseta und dem Chef für Langstreckenflüge, Pierre Plissonnier, unter „Rücktritt, Rücktritt“-Rufen die Hemden vom Leib rissen (Video hier). In den Zeitungen erschienen später Fotos, auf denen zu sehen war, wie Polizisten Broseta und Plissonnier helfen, mit nackten Oberkörpern über die Sicherheitszäune zu fliehen.

Der stellvertretende Generalsekretär des stalinistischen Gewerkschaftsbundes CGT, Mehdi Kemoune, der beim Treffen anwesend war, erklärte vor der Presse, er habe versucht, Broseta zu schützen, doch die Streikenden hätten ihn zur Seite gestoßen. Ein anderer CGT-Funktionär klagte in einem Interview, Broseta sei nur knapp einem Lynchmord entkommen.

Die regierende Sozialistische Partei (PS), das Air France-Management und die Gewerkschaften verurteilten unisono die Streikenden. Sie alle versuchen verzweifelt, Air France durch Kürzungen in Milliardenhöhe wieder wettbewerbsfähig zu machen. Dazu soll der „Plan B“ des Unternehmens umgesetzt werden, der eine Verringerung der Langstreckenflüge um zehn Prozent und den Abbau von 300 Piloten, 900 Flugbegleitern und 1700 Mann Bodenpersonal vorsieht. Zudem sollen durch die Stornierung von Aufträgen für neue Boeing 787-Flugzeuge 1,4 Milliarden Euro eingespart werden.

Manuel Valls, der sich momentan in Japan bei einem Treffen mit Premierminister Shinzo Abe befindet, erklärte sich „schockiert“ und versprach dem Air France-Management seine „volle Unterstützung“. Verkehrsminister Alain Vidalies forderte, die Streikenden müssten „für ihre Taten bestraft werden.“ Das Air France-Management ließ wissen, es halte an seinem Sanierungsplan fest und werde rechtliche Schritte gegen die Streikenden wegen „schwere Körperverletzung“ einleiten.

Die deutlichste Kritik an den Streikenden kam von den Gewerkschaften. Die CFDT veröffentlichte eine Erklärung, in der sie die „beschämende Gewalt“ der Streikenden „ohne jeden Vorbehalt und aufs Strengste“ verurteilte und zur sofortigen Wiederaufnahme der Verhandlungen mit dem Air France-Management aufrief. Der CFDT-Vorsitzende Laurent Berger forderte einen „privilegierenden Dialog, um die Schwierigkeiten zu überwinden und die Gewalt zu bekämpfen“. Dies sei „Gewerkschaftsarbeit“, erklärte er.

Die CGT, die zynisch versucht, sich im Vergleich zum sozialdemokratischen CFDT als „kämpferischer“ darzustellen, kritisierte die Proteste ebenfalls und distanzierte sich von ihnen. „Wir wollten nicht, dass das Treffen gestürmt wird“, erklärte Kemoune gegenüber AFP und wies darauf hin, dass die CGT und das Air France-Management eng zusammenarbeiten. Er erklärte, die CGT habe das Management vor der Stimmung unter den Arbeitern „gewarnt“ und verstärkte Sicherheitskräfte gefordert, um das Treffen gegen Streikende zu schützen. Dem Management warf Kemoune vor, es habe auf die Bitten der CGT, die Polizei und Sicherheitskräfte aufzustocken, nicht gehört. „Wie üblich haben sie nicht zugehört, und jetzt müssen sie die Konsequenzen tragen“, sagte Kemoune.

Die CGT und die anderen Gewerkschaften sind völlig ins Management integriert und knicken feige vor der bürgerlichen öffentlichen Meinung ein. Dies unterstreicht, wie notwendig es ist, dass die Arbeiter ihnen die Führung im Kampf entreißen.

Tatsächlich hatten die Gewerkschaften am Montag bei Air France zum Streik aufgerufen, mit dem Ziel, dass die Arbeiter Dampf ablassen und ihr Widerstand nicht außer Kontrolle gerät. Ihre feindselige Reaktion auf den Wutausbruch der Streikenden zeigt einmal mehr, dass sie jeden Streik ablehnen, der eine wirkliche Gefahr für den Sanierungskurs von Air France darstellen könnte.

Die Eskalation bei Air France ist das Ergebnis von jahrelangen Manövern und schmutziger Verrätereien an den Arbeitskämpfen. Die Gewerkschaften und das Management versuchen, Air France und ihre Gewinne zu retten, indem sie die Standards für Löhne und Arbeitsbedingungen auf das Niveau der internationalen Billigflieger senken. Das Gleiche geschieht bei Lufthansa und British Airways.

Da sich Air France in einer finanziell schwierigen Lage befindet und weiterhin Verluste einfährt, sind die Streikenden in einer starken Position. Letztes Jahr brachte ein zweiwöchiger Pilotenstreik Air France an den Rand des Ruins. Beinahe wäre das Management bereit gewesen, seinen Sanierungsplan aufzugeben und die PS-Regierung um finanzielle Nothilfe zu bitten. Doch dann brachen die Gewerkschaften den Streik plötzlich ab. Sie gaben selbst zu, dass eine Fortsetzung des Streiks Air France „unwiderruflich“ finanziell geschadet hätte.

Anstatt die finanzielle Schwäche von Air France als Druckmittel zu benutzen und das Unternehmen zur Kapitulation zu zwingen, benutzten die Gewerkschaften sie als Vorwand, um den Streik abzuwürgen. Damit verhinderten sie einen entscheidenden Sieg und retteten Air France vor einer Niederlage, die zu Streiks bei anderen Fluglinien und in anderen Branchen und zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Sparkurs der Europäischen Union hätte führen können. Als die Gefahr eines Streiks im Dezember abgewendet war, stimmten die Gewerkschaften tiefgehenden Lohnsenkungen bei Air France zu und planten den nächsten Schritt im Angriff auf die Arbeiter, die sie angeblich repräsentieren.

Dieser zynische Verrat hat die Wut der Arbeiter angeheizt. Zu Recht empfinden sie die Verhandlungen zwischen Air France, den Gewerkschaften und der PS als reaktionäre und direkt gegen sie gerichtete Verschwörung.

Der einzige Möglichkeit die Angriffe zurückzuschlagen, ist eine umfassende Mobilisierung der Arbeiterklasse. Die Arbeiter müssen sich unabhängig von den Gewerkschaften organisieren, um einen Kampf gegen Air France zu führen. Dieser kann dabei letztlich nur erfolgreich sein, wenn er sich als politischer Kampf gegen die PS, die Gewerkschaftsbürokratie und den Sparkurs der gesamten europäischen Kapitalistenklasse richtet.

Die Gewerkschaften haben die Proteste vom Montag als „schändliche“ Störung der Verhandlungen bezeichnet. Damit entlarven sie jeden Versuch, diese Verhandlungen zwischen der PS, Air France und der Gewerkschaftsbürokratie als progressive Lösung hinzustellen. Die Betriebsräte arbeiten in ganz Frankreich auf politisch kriminelle Weise gegen die Arbeiter zusammen. Die herrschende Klasse erkauft sich für ihre Angriffe die Unterstützung kleinbürgerlicher Bürokraten. Sie gibt Dutzende Millionen Euro aus, um die Funktionäre dieser aufgeblähten Gewerkschaftsapparate fürstlich zu entlohnen.