Die Bedeutung des Kampfes der Arbeiter bei Fiat Chrysler in den USA

21. Oktober 2015

40.000 Arbeiter bei Fiat Chrysler (FCA) in den USA haben am gestrigen Dienstag und werden noch heute über einen neuen Tarifvertrag abstimmen, der von der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) unterstützt wird. Bereits Anfang des Monats hatten die Arbeiter bei FCA den ersten Vertrag, der ihnen von der UAW vorgelegt wurde, mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.

Die Arbeiter sollten auch dieses Abkommen so entschieden zurückweisen wie das erste. Ein „Nein“ wäre ein wichtiges Zeichen für die Arbeiter bei General Motors und Ford, und würde die Bedingungen für eine Gegenoffensive der Arbeiter in den USA und weltweit gegen die unablässigen Angriffe auf ihre Arbeitsplätze, ihren Lebensstandard und ihre Arbeitsbedingungen schaffen.

Die Erfahrungen, die die Autoarbeiter im letzten Monat gemacht haben, zeigen eins ganz deutlich: Der Kampf gegen die Unternehmen erfordert die Schaffung unabhängiger Organisationen und einer neuen politischen Strategie der Arbeiterklasse gegen die Einheitsfront der drei großen Autokonzernen, der UAW und der gesamten herrschenden Klasse.

Das neue Tarifabkommen ist noch schlechter als das erste. Noch geschockt vom letzten Abstimmungsergebnis - zwei Drittel hatten gegen den Vertrag gestimmt - setzten sich UAW und FCA zusammen und erarbeiteten gemeinsam einen abgeänderten Vertrag. Aber auch dieser erfüllt nach wie vor alle grundlegenden Forderungen des Unternehmens. Das Zweiklassen-Lohn- und Leistungssystem wird ausgeweitet. Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen für eine dauerhafte und drastische Senkung der Löhne und Zusatzleistungen der Arbeiter aller drei großen Autokonzerne geschaffen. Das umfasst die dauerhafte Abschaffung der Anpassung an die Lebenshaltungskosten, die allmähliche Abschaffung der Renten, drastische Kürzungen der Gesundheitsleistungen und erzwungene Überstunden ohne Zuschläge.

Der Deal, den der Fiat Chrysler-Vorstandschef Sergio Marchionne als „ein völlig neues Abkommen“ bezeichnet, schafft die Grundlagen für die Zerstörung aller Errungenschaften, die sich die vorherigen Generationen von Autoarbeitern erbittert erkämpft haben. Die Autoarbeiter werden in Billiglohnarbeiter verwandelt. Sobald die älteren, besser bezahlten Arbeiter, die Marchionne als „sterbende Klasse“ bezeichnet, aus den Werken vertrieben sind, wird die gesamte Belegschaft Löhne erhalten, die nahe der Armutsgrenze liegen, bei gleichzeitig stetiger Erhöhung des Arbeitstempos.

Obwohl die UAW den Tarifvertrag unter Verschluss hält, sind neue Details ans Licht gekommen, die sich unter den Arbeitern schnell verbreiteten. Unter anderem soll der neue Vertrag eine Verdopplung der Zahl an schlecht bezahlter Zeitarbeiter erlauben. Damit wäre der Weg für eine umfassende Umstrukturierung geöffnet. Zukünftig könnte der Großteil der Belegschaft auf Gelegenheitsarbeitern ohne Arbeitsplatzsicherheit und Zusatzleistungen reduziert werden.

Die UAW setzt alles daran, ein weiteres „Nein“ bei der Abstimmung zu verhindern. In der Detroit Free Press hieß es, ein solches Ergebnis würde die Gewerkschaft „unberührtes Terrain“ betreten lassen. Eine extra PR-Firma wurde angeheuert, um das Abkommen als „das Beste, was wir je ausgehandelt haben“, darzustellen. Dabei setzt die Gewerkschaft auf eine Mischung aus Lügen, Drohungen mit Entlassungen und Hetze gegen die World Socialist Web Site und den Autoworker Newsletter, um den Widerstand zu brechen.

Die Ablehnung dieses erneuten Ausverkaufs wäre allerdings nur der erste Schritt. Ein erfolgreicher Kampf erfordert ein klares Verständnis der Kräfte, die sich gegen die Autoarbeiter vereint haben.

Hinter Marchionne steht die Wall Street. Die Banken sind entschlossen, auch die letzten Groschen aus den Arbeitern herauszupressen, um ihn an der Börse zu verscherbeln. Das ganze politische Establishment, Demokraten wie Republikaner, unterstützen die Offensive des Unternehmens. Der angebliche „Kandidat des Wandels“, Barack Obama, hat die größte Umverteilung von unten nach oben in der Geschichte der USA organisiert und mit seinem Affordable Care Act einen Angriff auf das Gesundheitswesen gestartet.

Die UAW selbst ist ein Unternehmen, das seine Dienste als Werkspolizei anbietet. Als Gegenleistung dafür erhalten hunderte von bürgerlichen Bürokraten dicke Gehälter und Spesenkonten. Sie ist genauso wenig eine Arbeiterorganisation wie all die anderen offiziellen Gewerkschaften. Stattdessen verfolgt sie seit Jahrzehnten das Ziel, sich dem Konzernmanagement anzupassen und zu integrieren.

Sie hat beim Abbau von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen mitgeholfen und dabei mehr als die Hälfte ihrer zahlenden Mitglieder verloren. Als Ersatz dafür hat sie andere Einnahmequellen entwickelt: mit dem Unternehmen betriebene Schmiergeldkassen, Aktienbesitz an den Autokonzernen und die Kontrolle über einen milliardenschweren Gesundheitsfonds. Die Gewerkschaft hat damit ein direktes finanzielles Interesse daran, den Autobossen bei der Ausbeutung der Arbeiter zu helfen.

Die UAW arbeitet eng mit sog. „Gewerkschaftslinken“ zusammen, die in Organisationen wie dem Autoworker Caravan, der Zeitschrift Labor Notes und pseudolinken Gruppen wie der International Socialist Organization, der Workers World Party und der Socialist Alternative arbeiten. Die Autoworker Caravan, die aus rangniederen UAW-Funktionären besteht, hat aus Angst vor einer Rebellion der Arbeiter gegen den Gewerkschaftsapparat nicht einmal dazu aufgerufen, mit „Nein“ zu stimmen. Stattdessen sollen sie einfach „nach ihrem Gewissen“ abstimmen. Je stärker die Arbeiter rebellieren, desto deutlicher verteidigen diese Gruppen die Gewerkschaften.

Die UAW kann nicht reformiert werden. Der Grund für ihre jahrzehntelange Degeneration und Verwandlung in ein Werkzeug der Konzerne und der Regierung liegt nicht in der individuellen Korruptheit und Feigheit ihrer Anführer, sondern im Scheitern ihres prokapitalistischen und nationalistischen Programms. Millionen Arbeiter bemerken, was die UAW lange Zeit bestritten hat: die Teilung der Gesellschaft in zwei Klassen. Auf der einen Seite steht die Arbeiterklasse, deren kollektive Arbeit den Reichtum der Gesellschaft produziert, und auf der anderen Seite stehen die kapitalistischen Eigentümer, die sich diesen Reichtum aneignen.

Die Autoarbeiter haben mächtige Feinde. Doch sie haben auch Millionen und Abermillionen Verbündete, die zusammen weitaus stärker sind. Das eindeutige „Nein“ zum ersten Tarifvertrag war ein Ausdruck der tief empfundenen Ablehnung der Arbeiterklasse in den USA und weltweit gegenüber der Plünderung der Gesellschaft durch die Finanzaristokratie.

Unabhängig davon, wie die Abstimmung diese Woche ausgeht, können die Autoarbeiter ihren Kampf nur fortführen, wenn sie neue, von der UAW unabhängige Organisationen aufbauen. Organisationen, die den kapitalistischen Rahmen und die Lüge, es sei kein Geld vorhanden, um die sozialen Rechte der Arbeiterklasse zu sichern, nicht akzeptieren. Die Arbeiter sollten in ihren Fabriken Basiskomitees bilden, um eine Gegenoffensive vorzubereiten, die ihr Recht auf einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz und auf eine vollständig vom Arbeitgeber finanzierte Krankenversicherung und Renten einfordert.

Aus dem Kampf für diese grundlegenden Rechte ergibt sich unmittelbar die politische Frage: Wer hat die Macht? Wenn das Schicksal der Menschheit in den Händen von Finanzaristokraten und geldgierigen Spekulanten bleibt, wird ihr Streben, den letzten Cent aus der Arbeiterklasse herauszuquetschen, unweigerlich zu Sklavenarbeit, Diktatur und Krieg führen.

Die einzige Alternative ist der politische Kampf der Arbeiterklasse, um die Macht selbst. Nur so kann die wirtschaftliche und politische Diktatur der Superreichen beendet, die Banken und die wichtigsten Industrien verstaatlicht und unter die demokratische Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung gestellt und die Weltwirtschaft umgestaltet werden, um soziale Ungleichheit zu beenden und das materielle und kulturelle Niveau der Menschheit zu erhöhen.

Jerry White