Flüchtlingskind Mohamed in Berlin ermordet

Bürokratische Schikane fordert erstes Todesopfer

Von Ludwig Weller und Ute Reissner
30. Oktober 2015

Vor vier Wochen, am 1. Oktober, verschwand der vierjährige Mohamed gegen 12 Uhr mittags im Gedränge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, der zentralen Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Gestern wurde er ermordet im Kofferraum eines Autos aufgefunden. Der mutmaßliche Täter wurde gefasst, nachdem die Polizei Videoaufnahmen veröffentlicht hatte. Offenbar wurde er von eigenen Familienangehörigen identifiziert und angezeigt.

Die genauen Umstände der Tat sind noch ungeklärt. Fest steht, dass die Voraussetzungen für diese schreckliche Tragödie durch eine Kette aus behördlicher Willkür und bürokratischen Schikanen geschaffen wurden. Das gilt nicht nur für das chaotische Gedränge Hunderter Menschen vor dem Amt, in dem die Entführung eines Kindes für einen entschlossenen Täter relativ leicht zu bewerkstelligen ist. Es gilt auch für die Gleichgültigkeit und Kälte, die der Mutter vonseiten der Behörden entgegenschlug und sie letztlich zwang, sich mit drei kleinen Kindern in diese Hölle zu begeben.

Am Abend des gestrigen 29. Oktober versammelten sich zahlreiche Trauernde vor der zentralen Aufnahmestelle in Berlin-Moabit, wo der Kleine verlorengegangen war. „Wir mussten einfach herkommen“, sagten Denis M. und Dzevan G. [Namen von der Redaktion geändert], zwei junge Männer, deren Eltern 1992 vor dem Bosnienkrieg geflohen waren. Die beiden waren damals selbst noch kleine Kinder.

„Die Mutter wollte doch nur eine bessere Zukunft für ihre Kinder, genau wie damals unsere Eltern“, sagt Denis. „Wir sind vor dem Krieg geflohen, diese Frau kam wegen der bitteren Armut. Und dann das. Es ist unfassbar. Ich habe selbst drei Kinder, es ist kaum zu ertragen.“

Dzevan war wütend, weil ihm in den letzten Wochen Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die Mutter hätte das Kind selbst weggeben oder versteckt, um ihre Chancen auf einen Aufenthaltsstatus zu verbessern. „Das ist doch Wahnsinn, keine Mutter würde je so etwas tun. Das war reine Hetze gegen Flüchtlinge.“

Denis M. warf der Polizei vor, nicht energisch ermittelt zu haben. Das Überwachungsvideo des LAGeSo, auf dem zu sehen ist, wie Mohamed von seinem Entführer mitgenommen wird, wurde erst am 7. Oktober in die Ermittlungen einbezogen. „Nach einer Woche! Wenn ein deutsches Kind verschwunden wäre, hätte man sofort eine Hundestaffel und Hubschrauber geholt“, macht er seiner Empörung Luft.

Diese Darstellung wurde auf einer Pressekonferenz am 29. Oktober vom zuständigen Oberstaatsanwalt bestätigt, der erklärte: „Dass es Aufnahmen vom LAGeSo gab, haben wir erst sehr spät erfahren.“

Seit dem frühen Abend kommen laufend Menschen, stellen Kerzen ab, oder bleiben einfach erschüttert stehen. Rechts Rusmira D. und ihre Mutter.

Am Rande des Meers aus Kerzen, die für Mohamed auf der Straße vor dem LAGeSo aufgestellt wurden, treffen wir Rusmira D., eine junge Berlinerin, die ebenfalls aus Bosnien stammt. Sie ist mit ihrer Mutter gekommen, die im Flüchtlingsheim auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf wohnt. Dort sind insgesamt etwa 900 Flüchtlinge untergebracht, darunter die Mutter des ermordeten Kindes, Aldiana J., und ihre beiden anderen Kinder Kevin (5 Monate) und Melina (9 Jahre).

Rusmira berichtet, dass ihre Mutter auf demselben Flur wohnt und oft auf den kleinen Mohamed aufgepasst hat. Sie übersetzt uns, was ihre Mutter über die Hintergründe erzählt.

Demnach hatte die 28-jährige Aldiana am 1. Oktober einen Termin beim Landesamt für Gesundheit und Soziales, um ihr Geld für die nächsten zwei Monate abzuholen. Eigentlich sollte eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt an diesem Tag auf die Kinder aufpassen. Doch sie wurde krank und sagte ab, und eine Vertretung gab es nicht.

Daraufhin habe Aldiana J. die Mutter ihres Lebenspartners gebeten, an diesem Tag bei den Kindern zu bleiben. Doch der Heimleiter, der bereits mehrfach heftig mit Aldiana aneinandergeraten war, habe dies verboten und die Sicherheitsleute angewiesen, keinen Besuch einzulassen. Besuchsverbot sei im Heim etwas ganz Normales.

Daraufhin sei Aldiana morgens um drei Uhr mit den Kindern zum LAGeSo aufgebrochen, um wenigstens am selben Tag noch vorgelassen zu werden. Gegen Mittag sei sie hineingerufen worden und habe Mohamed kurz aus den Augen verloren.

„Auf dem Überwachungsvideo sieht man, dass der Mann Mohamed Kekse gegeben hat“, so Rusmira. „Und der Kleine hatte vermutlich den ganzen Tag noch nichts gegessen.“ „Er war so ein liebes, vertrauensseliges Kind“, ergänzt ihre Mutter. „Er war ein ganz argloser kleiner Kerl.“

Rusmira berichtet, dass es wiederholt heftige Konflikte zwischen der Heimleitung und Aldiana J. gegeben habe, weil Mohamed draußen spielte. „Aber es gibt dort keinen Spielplatz und keine Spielmöglichkeiten für die Kinder. Was soll er denn machen? Man kann nicht drei Kinder den ganzen Tag in ein Zimmer sperren.“

Zweimal sei der 28-jährigen Mutter angedroht worden, sie werde aus dem Heim verwiesen. Ständig habe es Ärger gegeben. Aldiana habe bereits mehrfach die Koffer gepackt und konnte nur durch die Hilfe anderer Heimbewohner bleiben.

Die aus Sarajewo stammende Familie lebte in ständiger Angst vor der Abschiebung in ihr vermeintlich „sicheres Herkunftsland“. Kurz vor Mohameds Verschwinden war ihre Duldung noch einmal um sechs Monate verlängert worden.

„Keiner hat sich um die Mutter gekümmert“, erklärt Rusmira, „und deshalb ist der Kleine jetzt tot. Alle sind schuld: die Behörden, das Jugendamt, die Heimleitung. Sie sind verantwortlich. Keiner hat der Mutter geholfen. Sie war allein in Deutschland mit den drei Kindern. Hätten sie wenigstens erlaubt, dass die Schwiegermutter auf den Kleinen aufpasst, dann wäre das nicht passiert. Hätte ihr irgendjemand geholfen, der Kleine wäre jetzt nicht tot.“

Es ist 21:00 Uhr am Lageso: Keine zehn Meter vom Trauerort entfernt sitzen und liegen dicht an dicht Menschen. Sie haben sich in Decken eingehüllt und sich auf eine kalte Nacht im Freien eingestellt.