36 Zivilisten bei US-Luftangriff in Syrien getötet

Unter den Opfern sind 20 Kinder

Von Bill Van Auken
10. Dezember 2015

Bei einem Luftangriff der USA auf das kleine Dorf Al-Khan im syrischen Gouvernement al-Hasakah kamen am Montag 36 Zivilisten ums Leben. Unter den Opfern befanden sich 20 Kinder. Die Zahl der Toten wurde von syrischen Aktivisten und von Angehörigen der Getöteten bestätigt.

Das Central Command des Pentagon, das für militärische Operationen der USA im Irak und in Syrien zuständig ist, erklärte lapidar, es führe eine „Plausibilitätsprüfung“ durch, um festzustellen, ob eine Untersuchung angebracht sei.

In dem Kriegsgebiet im Osten Syriens, wo der Luftschlag stattfand, versuchen überwiegend kurdische Kräfte, Kämpfer des Islamischen Staates (IS) zu verdrängen.

Die Nachrichtenagentur McClatchy berichtete unter Berufung auf Aktivisten und Angehörige der Opfer, dass Dorfbewohner von Al-Khan mit den IS-Kräften in Streit geraten seien und sie aufgefordert hätten, den Ort zu verlassen. Das habe zu Schießereien geführt.

„Der Islamische Staat schickte Verstärkungen in den Ort… und Flugzeuge der Koalition griffen den Konvoi an“, so die Schilderung von Khalil Khatouny, 27, der bereits zuvor nach Deutschland geflohen war. Der Luftschlag traf jedoch das Dorf selbst. Khatouny sagte, fünf Angehörige seiner Familie seien ums Leben gekommen: sein Cousin Ali Suleiman Obaid, dessen drei Töchter Suhair, Sidra und Tasneem, und sein Sohn Mohammed.

Seit Beginn des Luftkriegs gegen Syrien im September 2014 hat das Pentagon fast 7.000 Angriffe geflogen. Die US-Armee hat seither nur den Tod eines einzigen Zivilisten im November 2014 bestätigt.

Nur einen Tag vor dem Massenmord an Zivilisten in Ostsyrien hatte die syrische Regierung den Vorwurf erhoben, dass amerikanische Flugzeuge bei einem Angriff auf eine Kaserne der Regierungstruppen drei Soldaten getötet und dreizehn verwundet hätten. Damit wurde zum ersten Mal ein direkter amerikanischer Luftangriff auf syrische Truppen gemeldet.

Zuvor hatte Washington lediglich darauf verzichtet, die Kampfkraft des IS gegenüber der syrischen Armee durch Angriffe auf IS-Verbände zu schwächen. Washingtons oberstes Ziel war immer ein Regimewechsel in Syrien, d.h. der Sturz von Präsident Baschar al-Assad und die Einsetzung eines fügsamen amerikanischen Marionettenregimes in Damaskus.

Offiziel bestreiten die USA die Verantwortung für den Angriff auf die syrische Kaserne. Anonyme Quellen im Pentagon machen Russland dafür veranwortlich.

Russland hingegen verurteilte den Angriff und gab bekannt, seine Luftwaffe habe seit dem 5.Dezember fast 2.000 Bomben auf Syrien abgeworfen.

„Diese Schläge schufen die Voraussetzungen für eine weitere gemeinsame Offensive der syrischen Armee und anderer Streitkräfte bei Aleppo, Idlib, den Bergen von Latakia und Palmyra“ ließ das russische Verteidigungministerium verlauten.

Neben den Bombenangriffen mit Langstreckenbombern vom Typ Tu-22 hat das russische Militär syrische Ziele auch mit Cruise Missiles angegriffen, unter anderem von einem russischen Unterseeboot im Mittelmeer aus. Auf einer Pressekonferenz mit Verteidigungsminister Sergei Shoigu erklärte der russische Präsident Wladimir Putin, das die Marschflugkörper neuen Kalibers, die von den U-Boot aus abgeschossen wurden, mit konventionellen oder atomaren Sprengköpfen bestückt werden könnten. Letzteres, ergänzte er, werde hoffentlich „nie notwendig sein“.

Es ist offenkundig, dass das amerikanische Militär verstärkt bombardiert, um mit dem intensiven Luftkrieg Russlands mithalten zu können. Dies führt unweigerlich zu mehr Todesopfern aufseiten der syrischen Bevölkerung und steigert die Gefahr, dass der so genannte Krieg gegen den IS zu einem direkten militärischen Zusammenstoß zwischen zwei Atommächten führt.

Zeitgleich mit den verstärkten Luftangriffen in Syrien rief die von den USA unterstützte Monarchie in Saudi-Arabien am Dienstag so genannte syrische Rebellen und diverse Exilpolitiker zusammen, die mit unterschiedlichen ausländischen Mächten und Geheimdiensten verbandelt sind.

Der syrische Ableger von al-Qaida, die al-Nusra Front, war zwar nicht zu den Gesprächen in Riad eingeladen worden, dafür aber Vertreter von Ahrar al-Sham und Jaish al-Islam. Diese Milizen bestehen aus salafistischen Kämpfern, die einen islamischen Staat in Syrien anstreben. Beide arbeiten eng mit al-Nusra zusammen, betreiben eine ultra-chauvinistische Hetze gegen Schiiten, Alewiten, Juden und Christen und begehen religiös motivierte Morde. Die Anführer von Ahrar al-Sham entstammen der al-Qaida.

Doch das saudische Regime beschrieb diese Kräfte in seiner offiziellen Erklärung als „gemäßigte Teile der syrischen Opposition“, die alle zu dem dreitägigen Treffen eingeladen wurden. Vorgeblich sollte es dazu dienen, eine vereinigte Opposition zu schaffen, die in der Lage wäre, mit der Assad-Regierung einen „politischen Übergang“ auszuhandeln.

Tatsächlich aber wurden nur sunnitisch-islamistische Elemente eingeladen, die von Saudi-Arabien, Katar und der Türkei unterstützt werden. Syrisch-kurdische Elemente und ihre Verbündeten, die von den USA Waffenhilfe gegen den IS bekommen haben, waren ausgeschlossen. Sie hielten zusammen mit einigen verbündeten arabischen Stämmen und assyrischen Verbündeten ihr eigenes Treffen im Osten Syriens ab.

Washington scheint bereit zu sein, die nach Riad eingeladenen Islamisten als „gemäßigt“ zu akzeptieren. Einige alternde syrische Exilpolitiker sollen ihnen offenbar einen politischen Deckmantel verleihen. In den USA selbst gelten diese gleichen Gruppen allerdings als „Terroristen“

Die Washington Post berichtete am Dienstag über die Verhaftung von Amin al-Baroudi, einem amerikanischen Bürger syrischer Abstammung. Ihm wird vorgeworfen, Ahrar al-Sham mit Zielfernrohren, schusssicheren Westen und anderen Militärgütern beliefert zu haben. Die Bundesstaatsanwaltschaft erhob den Vorwurf, dass die Gruppe häufig an der Seite von Jabhat al-Nusra kämpfe, die von den Vereinigten Staaten als ausländische Terrororganisation eingestuft werde und als offizieller Ableger von al-Qaida in Syrien operiere. Ihr Ziel, so die Anklage, sei der „Aufbau eines islamischen Staats in Syryien“.

Noch während Washington und seine Verbündeten vorgaben, zur Vorbereitung eines „Übergangs“ die Gegner des IS und Assads vereinen zu wollen, berichtete Reuters, dass von Washington unterstützte Gruppen wie die syrische Kurdenmiliz YPG und ihre arabischen Verbündeten sich heftige Kämpfe mit Milizen lieferten, die von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt werden und an der Seite von Ahrar al-Sham und der al-Nusra Front kämpfen, darunter die Levant Front.

Die Kämpfe fanden in Nordsyrien nahe der türkischen Grenze statt, einem Gebiet, das Washington und Ankara angeblich von IS-Elementen befreien wollten. Die türkische Regierung ist jedoch weitaus mehr daran interessiert, den wachsenden Einfluss der kurdischen Kräfte zurückzudrängen, die in Teilen von Nordsyrien bereits eine eigene Regierung gebildet haben.

Reuters zufolge haben die Kämpfe auf Aleppo übergegriffen, wo „Aufständische den von der YPG gehaltenen Stadtteil Scheich Maksud beschossen, von dem aus die YPG wiederum die Hauptstraße nach Azaz im Norden der Stadt unter Feuer nahm“.

US-Außenminister John Kerry sagte, er sei zuversichtlich, dass Gespräche über ein Ende des Syrienkriegs am 18. Dezember in New York City wiederaufgenommen werden könnten. Dies hänge, ergänzte er, von den Entwicklungen dieser Woche ab, darunter auch der von den Saudis ausgerichteten Konferenz.

Der russische Außenminister erklärte allerdings, eine solche Terminvorgabe sei verfrüht. Wenn man sich nicht darauf einigen könne, wer in Syrien als Terrorist gelte und wer als Mitglied der Opposition, dann könne man keine Verhandlungen über den innenpolitischen Prozess in Syrien oder über so eine wichtige und dringende Frage wie den Waffenstilllstand führen, ließ das Außenministerium Russlands verlauten.