Erste Zinserhöhung in neun Jahren: Fed will „behutsam“ gegensteuern

Von Barry Grey
18. Dezember 2015

Wie allgemein erwartet, gab die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) am Mittwoch eine Erhöhung des Basiszinses um ein Viertelprozent bekannt. Das war die erste Zinserhöhung seit Juni 2006. Der Benchmark-Zins wurde von Null bis 0,25 Prozent auf 0,25 bis 0,50 Prozent erhöht. Seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im Dezember 2008 war er zwischen Null und 0,25 Prozent gehalten worden.

Die Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC), des politischen Entscheidungsgremiums der Fed, und die Notenbank-Vorsitzende Janet Yellen bemühten sich gemeinsam, die Erhöhung als geringfügig darzustellen. Sie betonten, weitere Erhöhungen würden nur Schritt für Schritt erfolgen. Die Fed werde den Basiszins auf unbestimmte Zeit niedriger als normal halten und weiter eine „unterstützende“ Geldpolitik betreiben.

Genau das wollten die Finanzmärkte hören, wie man an der Reaktion der amerikanischen Aktienmärkte erkennen konnte. Die seit langem angekündigte Wende zu einem „behutsamen Anziehen“ der Zinsschraube, mit Betonung auf „behutsam“, ließ die Preise auf allen drei wichtigen Indizes ansteigen.

Der Dow Jones, der schon um 14 Uhr, vor der Bekanntgabe dieses Zinsschrittes, um 76 Punkte angestiegen war, sprang in die Höhe und stieg während Yellens Pressekonferenz weiter an. Er schloss den Handelstag mit einem Gewinn von 224 Punkten oder 1,28 Prozent. Der Standard&Poors 500 Index und der Nasdaq nahmen einen ähnlichen Verlauf. Sie gingen mit Gewinnen von 29 Punkten (1,45 Prozent) bzw. 75 Punkten und 1,52 Prozent aus dem Markt.

Vor zwei Jahren, im Dezember 2013, hatte der frühere Fed-Vorsitzende Ben Bernanke erstmals angedeutet, er beabsichtige, die Geldpolitik zu normalisieren. Wiederholt versuchte die Zentralbank ihren massiven Wertpapier-Aufkauf und das Gelddrucken, bekannt als „quantitative Lockerung“, zurückzufahren. Doch immer wieder hatten die Banken und Hedge Fonds Druck ausgeübt, um eine Erhöhung des Zinsniveaus zu verhindern.

Zwei Jahre danach sind sie im Großen und Ganzen bereit, kleine und graduelle Zinserhöhungen zu akzeptieren, da die Politik praktisch kostenloser Kredite eine neue Schulden- und Kreditkrise heraufbeschwört, die das ganze Finanzsystem in den Abgrund reißen könnte. Dafür gibt es deutliche Anzeichen. Diese Einsicht setzt sich durch, obwohl die bisherige Praxis Superprofite generiert und den Reichtum weiter von unten nach ganz oben verschoben hat.

Seit die Federal Reserve den zentralen Zinssatz am 16. Dezember 2008 auf fast Null Prozent gesenkt hatte, ist der Dow Jones Index um 96 Prozent gestiegen, der Standard&Poors um 124 Prozent und der Nasdaq um 214 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat die Fed 3,5 Billionen Dollar in das Bankensystem gepumpt. Das Vermögen der 400 reichsten Amerikaner hat sich verdoppelt. Gleichzeitig haben die Zerstörung von anständig bezahlten Arbeitsplätzen und die Lohnsenkungen quer durchs Land den Lebensstandard der Arbeiterklasse radikal gesenkt.

Der globale Rückgang der Realwirtschaft drückt sich im Zusammenbruch der Preise für Öl, Gas, Metalle und anderer Grundstoffe, abschwächendem Handel und sinkender Nachfrage nach Produkten der Verarbeitungsindustrie aus. Diese Entwicklung destabilisiert heute den amerikanischen Anleihemarkt und droht das finanzielle Kartenhaus, das die Fed, die Obama-Regierung und die Zentralbanken und Regierungen Europas und Asiens errichtet haben, zum Einsturz zu bringen.

In der vergangenen Woche erreichte eine Krise des hoch riskanten und hoch profitablen Junk Bond Markts in den USA ihren Höhepunkt, als drei Junk Bond Fonds, die im Energiebereich tätig sind, schließen mussten. Ihr Zusammenbruch wurde durch den Verfall der Ölpreise auf unter vierzig Dollar und eine Welle von Auszahlungsbegehren von Kunden ausgelöst, denen die hoch verschuldeten Firmen nicht nachkommen konnten.

Mehrere Fonds, die von Third Avenue, Lucidus Capital Partners und Stone Lion Capital verwaltet werden, froren Kundenkonten ein. Das führte zu einer Verkaufspanik auf dem Junk Bond Markt, der über mehr als 1,3 Milliarden Dollar verfügt. Dort werden Wertpapiere von Firmen mit niedrigen Kreditratings und hoher Verschuldung gehandelt. Seitdem die Fed die Zinsen auf fast Null Prozent gesenkt und langfristige Zinsen durch weitere Maßnahmen abgesenkt hielt, hatte sich dieser Hochrisikomarkt auf wundersame Weise ausgedehnt.

Diese Politik hat spekulative und parasitäre Finanzaktivitäten nicht eingeschränkt, sondern ihre Ausweitung im Gegenteil subventioniert. Hedge Fonds und ähnliche Finanzoperationen (wie Exchange Traded Funds, die im Schlepptau von Aktienmärkten segeln) suchen nach neuen Möglichkeiten, hohe Gewinne zu realisieren. Nach dem Zusammenbruch der Subprime Hypothekenblase wandten sie sich Junk Bonds zu. Der Bankenplattform Dealogic zufolge, erreichte die Ausgabe von Junk Bonds 2013 den Rekordwert von 361 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie in den Jahren vor der Finanzkrise.

Letzte Woche mussten Junk Bond Fonds den Abzug von 3,5 Milliarden Dollar verkraften, das ist die größte Summe seit siebzig Wochen. Die Krise springt mittlerweile vom Junk Bond Segment auf andere Segmente über. In den letzten Monaten sind auch die Preise von Firmenanleihen aus dem Bereich der pharmazeutischen Industrie, den Medien, der Telekommunikation, der Chiphersteller und des Einzelhandels gesunken.

Die Financial Times vom Mittwoch berief sich auf Bonnie Baha, die Chefin für globale Entwicklungskredite bei DoubleLine Capital, die gesagt hatte: „Das ruft Erinnerungen an 2008 wach. Das steht hinter dieser Entwicklung. Die Krisenuhr tickt. Die Energiewirtschaft ist an erster Stelle, aber auch andere Sektoren sind schon betroffen. Es geht nicht nur um Energie oder Metalle und Bergbau.“

In einem Bericht von Dienstag stellte das US-Büro für Finanzforschung „hohe und weiter wachsende Kreditrisiken“ bei Firmen und Kreditnehmern in aufstrebenden Märkten fest, die nicht in der Finanzwirtschaft angesiedelt sind. Die Agentur warnte, ein kräftiger Schock mit Auswirkungen auf die Kreditqualität „könnte die Finanzstabilität der US-Wirtschaft gefährden“.

Die zunehmende Krise bei Firmenanleihen hat eine Rolle bei der Entscheidung der Fed gespielt, nach zahlreichen Verzögerungen jetzt doch mit Zinserhöhungen zu beginnen. Dies ist der Wortwahl der FOMC-Erklärung zu entnehmen. Dort heißt es, die Fed werde „finanzielle und internationale Entwicklungen“ als Faktor für künftige Zinserhöhungen berücksichtigen. Mit der Erwähnung finanzieller Entwicklungen weicht der FOMC von früheren Formulierungen ab.

Die Erklärung des FOMC beinhaltet eine allgemein optimistische Einschätzung der US-Wirtschaft, und Yellen war in ihrer Pressekonferenz eher noch zuversichtlicher. Sie erklärte, der Schritt, zu Zinserhöhungen überzugehen, sei ein Vertrauensvotum in die Stärke der amerikanischen Wirtschaft und in ihre Erholung von der Großen Rezession.

Yellen und der Offenmarktausschuss ignorieren die Tatsache, dass sich die Verarbeitende und die Industrieproduktion seit einigen Monaten deutlich verlangsamen. Dieser Rückgang hat die Stärkung des Dollar-Wechselkurses, die der Erwartung einer strengeren Geldpolitik der Fed entspringt, noch befördert, und der stärkere Dollar behindert die amerikanischen Ausfuhren. Der tatsächliche Beginn der Zinserhöhungen wird den Dollar weiter in die Höhe treiben und die Exporte noch mehr erschweren.

Wie das Institute for Supply Management Anfang des Monats berichtete, ist die Verarbeitende Industrie in den USA im November geschrumpft und auf den tiefsten Stand seit Juni 2009 gefallen. Die Industrieproduktion schrumpfte in drei der letzten sechs Monate, und am Dienstag bekannt gegebene Daten zeigen, dass die Auslastung der Fabriken in New York State im Dezember den fünften Monat in Folge zurückgegangen ist.

Yellen wurde auf ihrer Pressekonferenz nach dem Kollaps der Junk Bonds und nach der Schließung des Third Avenue’s Focused Credit Fond am Donnerstag letzter Woche gefragt. Sie bestätigte, dass die Junk Bonds unter Druck stünden, tat den Zusammenbruch von Third Avenue aber als Ausnahme ab.

Ein anderer Reporter stellte die Behauptung der Fed in Frage, die in der Erklärung des FOMC und dem Eröffnungsstatement Yellens vor der Presse enthalten war, dass nämlich der drastische Verfall der Ölpreise und die niedrige Inflation “vorübergehende“ Phänomene seien, die sich in den kommenden Monaten wieder ausgleichen würden. Die Inflation werde sich dann nahe dem Zielwert der Fed von zwei Prozent einpendeln. Der Reporter stellte fest, dass die Fed diese Einschätzung schon seit zwei Jahren vertrete, sie sei aber noch nie eingetreten.

Yellen war offenbar überrascht und wich der Frage aus. Sie konnte keine überzeugende Antwort geben, denn der Zusammenbruch der Öl- und Rohstoffpreise und die hartnäckig viel zu niedrige Inflation sind Ausdruck einer wirtschaftlichen Rezession. Die Fed und die anderen großen Zentralbanken waren nicht in der Lage, einen echten Aufschwung in der Realwirtschaft zu bewirken, trotz der zig Billionen Dollar, die sie in das Bankensystem gepumpt haben.

Über sieben Jahre nach dem Wall Street Crash ist die weiterhin drohende Deflation Ausdruck einer Systemkrise. Sie zeigt, dass der Kapitalismus zusammenbricht. Das kann Yellen natürlich nicht anerkennen und schon gar nicht lösen.