Leserbriefe zum Flüchtlingselend in Berlin

„Sie kamen dankbar und freundlich, nun sind sie wütend und verzweifelt“

Von Verena Nees
16. Januar 2016

Nach unserer jüngsten Reportage über die unhaltbaren Zustände am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) „Es wird schlimmer“ vom 9. Januar erreichten uns zwei Leserzuschriften, die über eigene Erfahrungen berichten. Beide Leser unterstützen Flüchtlingsfamilien, die seit vielen Wochen in Berlin leben.

Tagelang wartende Flüchtlinge

„Seit zwei Tagen beruhige ich meine verzweifelten Freunde, die aus Aleppo/Syrien kamen, seit drei Monaten in Berlin leben und letzte Woche stundenlang vergeblich – gedemütigt und beleidigt – vor dem LaGeSo stehen mussten“ schreibt uns Dr. Anne S. am 10. Januar.

„Und morgen müssen sie wieder hin. Wahrscheinlich wieder umsonst! Kein Geld mehr, kein Aufenthaltsrecht mehr. Sie kamen dankbar und freundlich nach Deutschland, nun sind sie wütend und verzweifelt.

Ich war Donnerstag [7. Januar] selbst am LaGeSo, wo die türkische Security lachend in dem riesigen beheizten Zelt stand, während die Flüchtlinge außen vor bleiben mussten und froren. Sie behaupteten, sie hätten vom LaGeSo Anweisung, so zu verfahren. Ich schäme mich für mein Land! Hier eine Nachricht, die mir einer meiner Freunde noch in der Nacht schrieb.“

„Wenn wir Hunde wären, würden wir besser behandelt“

07.01.16, 23:13:20: Heute war es furchtbar. Ich stand von 4 bis 18 Uhr an, völlig durchgefroren. Wenn wir Hunde wären, würden wir besser behandelt. Ich fühlte meinen Körper nicht mehr. Schlechte Behandlung. Schlechter Tag.

Ich bin voller Wut und Enttäuschung. Zu müde, zu kalt. Morgen muss ich zum Gericht. Am Montag muss ich wieder frieren. Ich habe keine Aufenthaltspapiere. Kein Einkommen. Alles wegen dem Lageso. Stell Dir vor, nach 15 Stunden Frieren hat man mir 50 Euro für meinen Aufenthalt gegeben, nur dass ich wiederkommen und wieder 18 Stunden anstehen muss!
Schlimm ist das.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie kalt es war. Die Angestellten haben uns aus ihren warmen Büros zugesehen, wie wir draußen frieren. Die türkische Security behandelte uns schlecht und gehässig. Deutsche Polizei stand weit weg und unternahm nichts. Der schlimmste Tag überhaupt. Du konntest auch nicht zum WC-Raum gehen, sonst verpasst du den Moment, wenn du drankommst. Nichts organisiert, ein Elend, lächerlich, ein Durcheinander. Ich bin jetzt todmüde. Ich muss morgen früh aufstehen. [Aus dem Englischen]

Ein Flüchtling hat sich vor den Zelteingang gesetzt, nachdem er von der Security nicht hineingelassen wurde.

„Die dunkle Seite unserer Willkommenskultur“

„Ihr Artikel hat mir sehr gut gefallen“, schreibt Jens Lisker am 10. Januar. Er unterstützt eine junge afghanische Familie, die mit drei kleinen Kindern in einer überfüllten Turnhalle leben muss. „Wir trafen uns auf dem Gelände des Lageso, ich bin Yilmas deutscher Freund und begleite ihn oder seine Familie, wenn es nötig ist.“

„Manchmal ist es schwierig“, fährt er fort. „Hier können Sie einen Eindruck davon gewinnen.“ Jens Lisker fügte einen Bericht hinzu, in dem von einem Besuch mit Yilma und dessen kleiner Tochter bei einer Zahnärztin erzählt. „Mein Freund machte seine Erfahrung mit der dunklen Seite der deutschen Willkommenskultur.“

Dem vierjährigen afghanischen Mädchen hatte in der Massenunterkunft ein größeres Kind mit einem Spielzeug einen Zahn abgebrochen, zwei weitere Zähne wurden beschädigt. „Weil Yilma kein Deutsch spricht, war ich mit ihm unterwegs. Er spricht zwar sehr gutes Englisch, aber die Ärztin konnte bei seinem ersten Besuch, trotz ihrer Ankündigung im Netz, kein Englisch liefern. Was sie stattdessen liefern konnte, war ihre Verachtung den beiden gegenüber.

Die Zahnärztin untersuchte also das Mädchen und sprach professionell kindlich mit ihr, blieb uns gegenüber aber argwöhnisch. Sie fragte gehässig, ob ich der Übersetzer wäre, so als wäre diese Idee absurd überflüssig, und fand die Übersetzeridee auch weiter erheiternd, als sie über den Fall telefonierte. Sie sprach abweisend über meinen Freund und fragte mich, was er hier wieder wollte. Als ich ihr erklärte, er bräuchte ihre Diagnose als ein schriftliches Gutachten, wollte sie sich nicht an den Fall erinnern, obwohl sein Besuch nur ein paar Tage her war. Abgesehen davon tat sie, als ob sie das Wort ‚Gutachten‘ nicht kannte […].

Sie untersuchte das Mädchen erneut und erstellte eine Diagnose, die sich erheblich von ihrem Zustand unterschied. Es war klar, dass die Ärztin absolut nicht hilfreich sein wollte. Statt uns zu sagen, was möglich wäre, fuhr sie fort, uns feindselig zu sagen, was nicht ging. Sie war missvergnügt über unseren Besuch […].

Ich erklärte ihr die düstere Situation der Flüchtlinge in einer Turnhalle und dass wir etwas Schriftliches über den Zustand des Kindes brauchen, während sie uns gleichgültig ansah. Nicht zu lange; als sie plötzlich realisierte, dass das Mädchen erkältet war, fing sie an uns zu drohen, wir würden gefährlich handeln und stellte die Verantwortung des Vaters in Frage. In ihrem Gesicht konnte ich die Frage lesen, ob sie nicht wegen der Ausländer die Polizei rufen soll. […]

Es gibt gar keinen Zweifel darüber, dass viele von uns ehrlich helfen wollen und tatsächlich helfen, und ich bewundere diejenigen zutiefst, die sich weit mehr einsetzen als ich. Umso frustrierender war es für mich, eine Doktorin in ihrer moralischen Pflicht versagen zu sehen. Ich befürchte, dass ihr Benehmen etwas über die dunkle Seite unserer Willkommenskultur aussagt, wenn sich eine Ärztin weigert, Ungerechtigkeit und Gewalt anzusprechen.

Die Atmosphäre in Massenunterkünften ist immer gewalttätig, weil die Menschen dort der Sicherheit ihrer Privatsphäre beraubt sind. Die Frage ist aber, wie wir als Gesellschaft mit Gewalt und deren Resultaten umgehen wollen. Ich hätte nicht erwartet, dass sich eine Ärztin in Berlin so klar und deutlich als Rassistin zeigt. Solche Verachtung ist mir vorher mit meinem Sohn und meinen Freunden mit deren Kindern niemals begegnet. Ich muss zugeben, dass ich an diesem Tag nicht darauf stolz war, ein Berliner zu sein.“

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