Armutslöhne in der polnischen und tschechischen Textilindustrie

Von Clara Weiss
1. März 2016

Ein neuer Bericht der Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign belegt, dass Osteuropa ähnlich wie Südostasien zu einer Billiglohnplattform für die Textilindustrie geworden ist.

Der Bericht konzentriert sich auf die Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern in Polen und Tschechien, wo unter anderem Calvin Klein, Schießer und Hugo Boss Kleidung produzieren lassen. Die Textilindustrie in beiden Ländern erlebte wegen der Restauration des Kapitalismus und der Eingliederung in die kapitalistische Weltwirtschaft einen regelrechten Zusammenbruch, da die Industrieproduktion der ehemaligen Ostblockstaaten nicht mit den Billigwaren aus Ländern wie China mithalten konnte und die Sowjetunion, der Hauptabnehmer ihrer Produktion, aufgelöst wurde.

In den vergangenen Jahren erlebte die Textilproduktion in Polen und Tschechien jedoch wieder einen deutlichen Aufschwung. Der Bericht von Clean Clothes Campaign zeigt, dass der langsame Aufstieg der Textilindustrie in der Region vor allem durch Hungerlöhne für die Arbeiter erzielt wurde. Wie CCC betont, stehen hinter dem Label „Made in Europe“ oft ähnliche miserable Arbeits- und Lebensbedingungen wie in China und Südostasien.

Laut dem Bericht verdienen die Arbeiter oft nicht mehr, und teilweise auch weniger, als den offiziellen Mindestlohn, der in Polen bei gerade mal 312 Euro und in Tschechien bei 390 Euro im Monat liegt. Arbeiterinnen, die für Calvin Klein oder Hugo Boss produzieren, meinten, sie würden ungefähr das Dreifache ihres Lohnes benötigen, um ein anständiges Leben zu führen.

Viele erzählten, sie könnten nur durch viele Überstunden auf den Mindestlohn kommen. Andere wurden zu Überstunden gezwungen. Eine Arbeiterin aus Tschechien berichtete: „Die Aufseher sagen uns: Ihr müsst jetzt Überstunden machen, sonst werden wir euren Urlaubsantrag nicht bewilligen.“

Lenka Simerska, die Recherchen in Tschechien durchführte, betont: „Selbst nach 20 Jahren Arbeit in der Fabrik verdienen manche Frauen immer noch den Mindestlohn und bekommen keinen Bonus für Überstunden, wie es gesetzlich vorgesehen ist.“ Anna Paluszek, die in Polen recherchierte, sagt: „Die Arbeiter befinden sich unter permanentem Druck, weil die Markenunternehmen eine so schnelle Produktion der Fabriken erwarten. Sie haben Angst über die Arbeitsbedingungen zu sprechen, weil sie um ihren Job fürchten.“

Der Mindestlohn in Polen von 312 Euro liegt deutlich unter dem Minimum, das für eine vierköpfige Familie veranschlag wird – 825,48 Euro. Dabei sind die Textilarbeiterinnen laut Recherchen von CCC oft die einzigen Brotverdiener in der Familie. Ähnlich sieht es in Tschechien aus, wo der Mindestlohn etwas höher ist. Viele Arbeiterfamilien können sich und ihre Familien deswegen nur ernähren, indem sie selbst Gemüsegärten anbauen.

In beiden Ländern umfasst die Textilindustrie laut CCC rund 110.000 Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Zahl dürfte in Wahrheit allerdings höher liegen. Nach Angaben der polnischen Regierung arbeiten allein in Polen etwa 114.000 Arbeiterinnen und Arbeiter für Textilproduzenten und Kleidungshersteller. Außerdem werden in der Textilindustrie viele Menschen schwarz beschäftigt. Die große Mehrheit von ihnen sind Frauen.

Beide Länder exportieren zwischen 70 und 90 Prozent ihrer Textilproduktion ins Ausland. Besonders die polnische Textilindustrie ist bei internationalen Unternehmen beliebt. Die Textilindustrie Polens ist die achtgrößte der EU nach dem Verkaufsvolumen, die drittgrößte nach Beschäftigung und die zweitgrößte nach Anzahl der Unternehmen. Rund 86 Prozent der Unternehmen haben weniger als 50 Beschäftigte.

Der neue Bericht bestätigt das Bild, das eine frühere Untersuchung von CCC über die Arbeitsbedingungen in der ost- und südosteuropäischen Textilindustrie ergeben hat.

Im Jahr 2014 veröffentlichte die Organisationen einen Bericht über die Arbeitsbedingungen von Textilarbeitern in zehn EU-Mitgliedsländern, darunter Rumänien, Bulgarien und Kroatien sowie Moldawien, die Ukraine und die Türkei. Insgesamt sind rund 3 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie der EU beschäftigt. Wenn man ihre Familien hinzurechnet, sind schätzungsweise 9 Millionen Menschen von den Gehältern in der Textilindustrie abhängig.

Laut dem Bericht sind die Löhne in Ländern wie Moldawien und der Ukraine deutlich niedriger als selbst in China oder Malaysia, die allgemein als Billiglohnparadiese für internationale Konzerne bekannt sind. Während in Moldawien und der Ukraine im Jahr 2014 der Mindestlohn bei 71 bzw. 80 Euro lag, betrug er in China 175 und in Malaysia 196 Euro im Monat. Der höchste Mindestlohn hatte von allen untersuchten Ländern Kroatien mit 308 Euro monatlich. An diesen Mindestlöhnen, die alle unter der von der EU bestimmten Armutsgrenze liegen, richten sich Markenunternehmen wie H&M, Zara, Hugo Boss, Adidas und Benetton aus.

Doch selbst den Mindestlohn bekommen nicht alle Arbeiter: Die Recherchen von CCC ergaben, dass es sich beim sogenannten Mindestlohn in der Realität für die Arbeiter oft nicht um das Minimum, sondern um das Maximum handelte.

Viele der Arbeiterinnen und Arbeiter, die CCC befragte, mussten bis zu 200 Stunden im Monat arbeiten. Ein bulgarischer Arbeiter berichtete sogar von „bis zu 400 Stunden im Monat“.

Zu den vielen, oft unbezahlten, Überstunden und dem Hungerlohn kommen nicht selten sexuelle Übergriffe. Eine türkische Arbeiterin, die in einer Fabrik für Hugo Boss produzierte, berichtete gegenüber der CCC von Verträgen, in denen sie und ihre Mitarbeiterinnen sich verpflichten mussten, fünf Jahre lang nicht schwanger zu werden.

Die Clean Clothes Campaign appelliert auf der Grundlage ihrer Berichte an die EU, in der Textilindustrie einen Mindestlohn einzuführen, der bei gerade mal 60 Prozent des Netto-Durchschnittslohns liegen soll. Die Ergebnisse der Untersuchungen der CCC demonstrieren aber, dass die Restauration des Kapitalismus vor einem Vierteljahrhundert und die EU-Erweiterung Bedingungen geschaffen haben, unter denen Arbeiter in Europa zu Hungerlöhnen ausgebeutet werden, die an die brutalen Bedingungen in Afrika und Asien und an die Periode des „Raubtierkapitalismus“ im Europa des 19. Jahrhundert erinnern.

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