Ein Gespräch mit dem Brecht Biographen Stephen Parker

Von David Walsh
4. Mai 2016

Zusammen mit zwei weiteren Autoren der World Socialist Web Site, Sybille Fuchs und Stefan Steinberg, führte ich ein langes Gespräch mit Stephen Parker, dem Autor der neuen Biographie des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht: A Literary Life. Am 28. April veröffentlichten wir eine Besprechung des Buches.

Stephen Parker

Parker ist Professor für Germanistik an der Universität von Manchester. Er ist sowohl im Gespräch wie in seinen Schriften ebenso eloquent wie gründlich. Auch als wir scharfe Meinungsverschiedenheiten zu seinen Ansichten äußerten, blieb er freundlich und nachdenklich.

Unser Interview wurde über drei Länder hinweg geführt: Deutschland, Großbritannien und die USA. Stefan Steinberg eröffnete die Diskussion mit der Frage, welcher Hintergrund und welche intellektuellen Anregungen Professor Parker dazu brachten, das Buch über Brecht zu schreiben. Parker erläuterte uns, dass dies auf seine Studien zur deutschen Kultur und Geschichte zurückging und insbesondere auf seine Forschungen zur Nachkriegszeit in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Bei dieser Arbeit sei „Brecht immer gegenwärtig” gewesen. Parker erklärte, dass er in den Archiven sowohl der Akademie der Künste (die im Laufe der DDR-Geschichte verschiedentlich den Namen änderte) als auch denen der Ostberliner Literaturzeitschrift Sinn und Form wichtige Quellen über den Autor fand.

Er berichtete uns: „Über den Brecht der Zeit nach dem Krieg gewann ich ein ganz anderes Bild. Es stand in krassem Widerspruch zu dem eines klassischen sozialistischen Autors, wie ihn die Regierung der Sozialistischen Einheitspartei (SED) nach seinem Tod präsentierte.“

Parker fuhr dann fort: „In vielerlei Hinsicht war Brecht viel eher ein Häretiker als ein Anhänger der Parteidoktrin des sozialistischen Realismus. Die Erfahrungen, die ich bei der Arbeit in den Archiven machte, brachten mich zur Überzeugung, dass ich Neues über Brecht zu sagen hatte.“ Anfang des 21. Jahrhunderts sei bei ihm die Idee entstanden, eine Biographie des Autors zu schreiben, „ein gewaltiges Projekt“, das ihn dann fünf Jahre lang beschäftigte.

Wir lobten die Lesbarkeit und die Ausführlichkeit des Werks, merkten jedoch an, dass wir über einige wichtige Fragen nicht mit ihm einer Meinung seien – „Wir haben ganz bestimmte Ansichten über den Stalinismus, über den sogenannten ‚sozialistischen Realismus‘ und die DDR.“

Parker dankte für das Lob und bemerkte, dass sein Ziel gewesen sei, ein Buch zu schreiben, „das informativ und gleichzeitig unterhaltsam“ sei. Er habe angestrebt, einen „Blickwinkel zu erzeugen“, etwa in der Tradition von Leon Edel, dem Biografen von Henry James, „kraft dessen eine Modulation erreicht wird zwischen kritischer Distanz und Empathie für das Subjekt, um das es geht. Man kann über wichtige Fragen der Wirtschaftsgeschichte reden und dann zu den damit zusammenhängenden Themen der Ästhetik übergehen … Brecht war ein engagierter Künstler. Sein Engagement war fantasievoll, es war ein ästhetisches Engagement mit kritischen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten.“

Auf die Frage, warum Brecht in Ostdeutschland nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1949 auf ziemliche Ablehnung stieß, erläuterte Parker ausführlich seine Auffassung über das Verhältnis Brechts zu den stalinistischen Autoritäten.

Parker berichtete, dass er Zugang zu vertraulichen DDR-Akten hatte, die „nur für die Augen von Ministern bestimmt waren“. Was aus diesen Akten klar wurde, so nimmt er an, war, dass Kulturschaffende wie Brecht, die aus dem westlichen Exil nach Ostberlin zurückgekehrt waren, „ästhetische Vorstellungen hatten, die nicht mit denen der Gruppe übereinstimmten, die aus Moskau gekommen war“, d.h. mit denen der Parteiführung, die der stalinistischen Politik ergeben und durch die Sowjettruppen in Ostdeutschland an die Macht gebracht worden war.

Die Feindseligkeit des offiziellen Stalinismus in der Nachkriegszeit habe eine Vorgeschichte gehabt, meinte Parker. Als Herausgeber des in Moskau erscheinenden Literaturjournals Das Wort (damals befand sich der Dramatiker nach der Flucht vor den Nazis in Dänemark), war Brecht vonseiten pro-stalinistischer Leute, wie Alfred Kurella und Georg Lukács heftigen Anfeindungen ausgesetzt. „Brechts experimentelle Arbeitsweise wurde buchstäblich als unbrauchbar erachtet“, meinte unser Interviewpartner.

Er fügte hinzu, dass „ein Werk wie [Das Leben des] Galileo“ – Brechts Schauspielüber den italienischen Wissenschaftler, der im 17. Jahrhundert von der Katholischen Kirche verfolgt und ihrer Inquisition unterworfen wurde – nur zu verstehen sei als Antwort des Dramatikers auf den „enormen Druck“ der Stalinisten auf ihn, „seine Ansichten zu widerrufen“. Das Drama wurde nach den völkermörderischen Moskauer Prozessen verfasst.

Parker fuhr fort: „Nach dem Krieg war Brechts Position für die DDR Bürokratie vollkommen unerträglich und Brechts Schüler in Ostberlin, wie Werner Mittenzwei und Ernst Schumacher, frisierten diese Tatsache, offen gesagt. Die erste Version vom Galileo (1938 in Dänemark geschrieben) wurde erst 1988 veröffentlicht.“

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Brecht und den stalinistischen politischen und künstlerischen Autoritäten vor dem Krieg waren eher „eine Art Prolog zu dem, was dann in Ostberlin stattfand, woran teilweise die gleichen kulturpolitischen Funktionäre beteiligt waren. Die vor Kurzem veröffentlichten Briefe Brechts machen deutlich, wie weit die Urheber der Kampagne gegen Brecht sie aus Moskau steuerten und welche Personen dann in Ostberlin wieder auftauchten. Wer die Fäden in der Angelegenheit zog, war niemand anders als der führende deutsche Stalinist [und spätere Staatratsvorsitzende] Walter Ulbricht“, sagte Parker. „Ich möchte behaupten, dass die SED-Führung in Moskau niemals wünschte, Brecht in Ostberlin zu haben.“

Stefan Steinberg fragte nach der Haltung Brechts zum Arbeiteraufstand vom Juni 1953 in der DDR. „Brechts erste öffentliche Handlung“, meinte Steinberg, „war, einen Brief an Ulbricht zu schreiben, in dem er der Partei seine bedingungslose Unterstützung zusicherte und vorschlug, gemeinsam ein Rundfunkprogramm zu gestalten. In ihrem Buch zitieren Sie Brechts vor dem Krieg häufige, vernichtende Urteile über Stalin und den Stalinismus. Schließlich wurden einige der engsten Mitarbeiter Brechts in der UdSSR verhaftet, verfolgt oder sogar während der Säuberungen ermordet. Aber gleichzeitig verhielt sich Brecht in der Öffentlichkeit loyal zur stalinistischen Partei. Wie erklären Sie sich auf Grund ihrer Forschungen dieses Auseinanderklaffen?“

Sowjetischer Panzer in Leipzig, 1953

In seiner Antwort bezog sich Parker zunächst auf Brechts Verhältnis zum stalinistischen Staatsapparat der DDR und meinte, dass er vor den Ereignissen von 1953 „unter großem Druck“ gestanden habe. Der Streik der Ostberliner Bauarbeiter wegen der drohenden Lohnkürzungen führte zum Ausbruch von Streiks und Demonstrationen im ganzen Land gegen die stalinistische Unterdrückung und die gegen die Arbeiterklasse gerichteten Maßnahmen.

Parker beschrieb eine Reihe von Maßnahmen, mit denen das DDR-Regime im Herbst 1952 begonnen hatte, gegen Brecht und seine Theatertruppe, das Berliner Ensemble, vorzugehen. „Insofern sah vieles danach aus, dass Brecht auf dem Weg nach draußen war, sie wollten ihn nicht. Dieses Vorgehen der SED lag auf ihrer politischen Linie: Aufbau der Grundlagen des Sozialismus.“

Was Brechts Angebot an Ulbricht damals anging, als Tausende von Arbeitern ihre Opposition gegen die Bedingungen in der „sozialistischen“ DDR und gegen die Politik der SED zum Ausdruck brachten, so meinte Parker, dies sei ein „Dauerthema in Brechts Werken aus dieser Zeit gewesen. Er bestand darauf, dass die [stalinistische] Partei eine ‚große Aussprache’ mit dem Volk führen müsse. Diese Forderung war in dem Brief Brechts an Ulbricht mit der Versicherung seiner Unterstützung verknüpft. Sie wurde jedoch mit anderen Teilen bei der Veröffentlichung des Briefs herausgeschnitten. Das ließ Brechts Brief so erscheinen, als habe er nichts als die Unterstützung enthalten. Brecht war wütend darüber.“

Ulbricht neben Stalin und Mao Tsetung (von links) bei Stalins 70. Geburtstag in Moskau, Dezember 1940

Brecht war, so Parker, zu dem Schluss gekommen, dass die Kulturpolitik der SED, „in einigen Aspekten an die der Nazis erinnerte. Dazu gehörte die Benutzung sprachlicher Ausdrücke wie ‚das Volk’ und die Entschlossenheit alles auszutilgen, was die Befürworter des Sozialistischen Realismus, genau wie die Kulturfunktionäre der Nazis, als ‚Dekadenz’ bezeichneten. Dieser Begriff bezog sich sowohl auf die Avantgarde, als auch auf andere moderne Kunstproduktionen, wie sie Brecht und seine Unterstützer schufen. Ulbricht hatte alles andere im Sinn als eine ‚große Aussprache’ zu beginnen. Er war ein Mensch, der unfähig war, die Bevölkerung mit sich zu nehmen.“

Wenn das richtig ist, dann ist es natürlich umso weniger zu entschuldigen, dass Brecht versuchte, einem derart reaktionären Regime seine „Verbundenheit” zuzusichern.

Parker wies darauf hin, dass der Aufstand vom Juni 1953, der von 20.000 Mann starken Sowjettruppen und 8.000 ostdeutschen Volkspolizisten unterdrückt wurde und Dutzende von Menschenleben forderte, dazu führte, dass die SED-Bürokratie an der Kulturfront „schockiert für einige Jahre“ zurücksteckte. „Erst nach Brechts Tod, im Herbst 1956 ging sie wieder in die Offensive.“ Parker verteidigte den Dramatiker und seine Haltung zum stalinistischen Regime folgendermaßen: „Er forderte die Macht nicht immer direkt heraus, und wie hätte er das auch tun können?“

Auf die gleiche Weise äußerte sich Parker zu den vielen kritischen Kommentaren Brechts über Stalin, die Sowjetunion und die Moskauer Prozesse. „Ich denke, es ist klar, dass Brecht 1938 eine ganz andere Ansicht über die Moskauer Prozesse hatte als zu deren Beginn 1936. Er war der Ansicht, dass der Stalinismus zu einem reaktionären Phänomen geworden war und dass Stalin sich mehr wie ein Monarch als wie der Führer einer marxistisch-leninistischen Revolution aufführte.“

Jedoch, so fuhr Parker fort, „wollte Brecht diese Fragen niemals an die Öffentlichkeit bringen, weil seine Loyalität zum ersten durch eine Arbeiterrevolution entstandenen sozialistischen Staat größer war”. Dies war natürlich die gleiche falsche Argumentation, die viele „linke“ Intellektuelle in den 1930er Jahren vorbrachten.

Parker verwies dann auf die persönliche Lage des Autors. „Brecht sah keine andere Kraft als die Rote Armee, die ihm ermöglicht hätte, aus dem Exil in sein Land zurückzukehren. Die Rote Armee blieb bis 1945 ein sehr wichtiger Bezugspunkt für ihn, daher meine ich, dass es nicht so schwer ist, zu verstehen, weshalb Brecht versuchte, seine Loyalität zum ersten und einzigen sozialistischen Staat zu wahren, der den Faschismus bekämpfen konnte.“

Es ist nicht schwer zu verstehen, aber das macht es nicht richtig. Brecht war wie so viele seiner Zeitgenossen nicht in der Lage, sich an der Arbeiterklasse als einer unabhängigen revolutionären Kraft zu orientieren, die unabhängig von der Bürokratie handelt, die sie dominierte und behauptete, den Sozialismus und das Erbe der Oktoberrevolution zu repräsentieren. Wie wir in der Besprechung von Parkers Biographie klargemacht haben, gab es durchaus eine tragfähige Alternative in Form der Perspektive Trotzkis und der Linken Opposition.

An dieser Stelle bemerkte Sybille Fuchs, dass „Brechts Haltung zum Stalinismus und zur KPD eine durchaus komplexe Frage“ sei. Auf der einen Seite verhielt sich der Dramatiker „loyal zur Oktoberrevolution und auf der anderen Seite versuchte er die Bürokratie zu kritisieren“. Wie wir wissen, so meinte sie, „würdigte Brecht Trotzkis Schriften, aber gleichzeitig stimmte er mit dessen Politik nicht überein … Weshalb lehnte Brecht Trotzkis Position ab? Was denken Sie über Brechts Haltung zum Marxismus?“

Hier die vollständige Antwort Professor Parkers darauf:

„Das ist eine große Frage, auf die ich keine vollständig befriedigende Antwort geben kann. Ich muss zugeben, dass ich hierzu nur beschränkte Quellen hatte, und ich wollte in meinem Buch nicht spekulieren. Meines Erachtens sind die Komplexität und Widersprüchlichkeit sehr wesentlich einer Zwangslage geschuldet. Diese Zwangslage zu verstehen, heißt, sie einer integeren Haltung zuzuordnen – es war das, was eine Person in dieser bestimmten Lage vernünftigerweise tun konnte.

Ich habe immer wieder über Trotzki nachgedacht und alles gelesen, was ich dazu finden konnte. Ich war fasziniert von Persönlichkeiten wie Fritz Sternberg [ein deutscher Soziologe und Gesellschaftskritiker], der sowohl Trotzki als auch Brecht besuchte. Was Brecht anging, so war er sehr ängstlich besorgt, man könne ihm unterstellen, Trotzkis Haltung zu teilen, weil ihn das von seinem Fokus, der Loyalität gegenüber der Sowjetunion, hätte wegtreiben können, Er war ein deutscher Schriftsteller im Exil und wollte diesen Schritt nicht gehen.

Zu Recht führen Sie seine große Bewunderung für Trotzki als Schriftsteller an und die gleichzeitige Zurückweisung seiner Politik. 1927 stellte er fest, dass Stalins Auffassung die angemessene sei. Hat er Trotzkis Schriften studiert? Höchst wahrscheinlich. Er zitiert in Erzählungen, die er schrieb, Trotzki zustimmend. Ich denke, das könnte man näher untersuchen. Ich habe mich etwas damit befasst, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mehr darüber sagen könnte, als ich getan habe.

Es gibt starke Anklänge an Trotzki in den Diskussionen über die Zwangslage des Häretikers im Galileo. Ein Kollege schrieb vor einigen Jahren, dass Galileo geradezu eine Chiffre für Trotzki sei. Ich denke nicht, dass man so weit gehen kann, aber es gibt auch Parallelen zu [Nikolai] Bucharin [ein bolschewistischer Führer, der im dritten Moskauer Prozess 1938 angeklagt und hingerichtet wurde]. Brecht studierte die Protokolle der Schauprozesse und benutzte Bucharins Schlusserklärung in seinem Prozess.“

Ich meinte daraufhin, dass eine „befriedigende Antwort“ auf Brechts gleichzeitige Bewunderung für Trotzki als Schriftsteller und die Ablehnung seiner revolutionären internationalistischen Ansichten nur aus einer „historisch und kulturell objektiven Analyse der Zwangslage erfolgen könne, die mit einigen der großen Tragödien des 20. Jahrhunderts verbunden war … Wir haben nicht die Absicht, Brecht oder irgendjemand anderen wegen ihrer Fehler oder Versäumnisse zu dämonisieren.“

Wir seien vertraut mit den Rechtfertigungen, die Brecht und viele andere vorbrachten, weshalb sie es damals weiterhin mit Stalin hielten, aber, so sagte ich, „wir lehnen diese Argumente ab, denn in Wirklichkeit wurde die Sowjetunion durch Stalins Politik geschwächt: durch das Massaker an den bolschewistischen Kadern, den stalinistischen Verrat an der Arbeiterklasse in Spanien und Frankreich, China und vor allem in Deutschland. Es war kein individuelles Versagen, dass Brecht es ablehnte, sich offen zu dem zu bekennen, was er für richtig hielt. Künstler überall auf der Welt vertraten tragischerweise die gleiche Ansicht.“ Das war ein enormes historisches und politisches Problem. Die marxistische Bewegung musste in den 1930er und 40er Jahren durch den Faschismus und die konterrevolutionäre stalinistische Bürokratie gewaltige Schläge hinnehmen.

Ich fügte hinzu, dass Brechts Verhältnis zum Stalinismus und seine Haltung zur Machtübernahme Hitlers meiner Auffassung nach künstlerische Konsequenzen hatten. Brecht, so meine Vermutung, schwankte zwischen der Ansicht, „dass einerseits der Hitlerismus unausweichlich aus der deutschen Geschichte hervorging und andererseits, dass die deutsche Bevölkerung für die Niederlage verantwortlich war“, und dass diese pessimistische Auffassung auf seine folgenden Werke abfärbte. „Unserer Ansicht nach lässt das die Parteien und politischen Richtungen aus, die für diese Niederlage verantwortlich waren. Ich denke, das ist eine wichtige Frage.“

Ich meinte, Brecht sei zweifellos der wichtigste Dramatiker des 20. Jahrhunderts, „aber seine frühen Werke interessieren mich am meisten, sie sind die brillantesten, faszinierendsten und lebendigsten. Die Niederlage von 1933 und das Exil ließen Werke entstehen, die zwar technisch interessanter, aber weniger lebendig, spontan und innovativ sind.“

Parker stimmte zu dass „das anhaltende Bekenntnis zur Sowjetunion sicherlich Folgen hatte. Das ist in erschreckendem Ausmaß dokumentiert und Brecht erkannte das vor dem Krieg deutlich. Er erhob nicht seine Stimme und das könne ihm immer vorgehalten werden. Er vollzog den Bruch nicht. Weshalb?“ Parker griff dann auf sein früheres Argument zurück, dass Brecht schließlich die UdSSR als „die einzige Kraft ansah, die in der Lage war, den Nationalsozialismus zu besiegen. … Er war von Trotzkis Politik nicht überzeugt und glaubte, eine zersplitterte revolutionäre Linke könne den Faschismus nicht bekämpfen.“

Parker gab zu, dass auch er „diese frühen entfesselten und spontanen Werke“ liebe. Aber „sie waren für ihn persönlich gefährlich entfesselt. Brecht lebte aus dem Instinkt heraus und musste feststellen, dass er die Folgen nicht ertragen konnte. Darum ging es in den 1920er Jahren, wie ich, seinen Körper und sein Verhältnis zu seinem Körper betreffend, geschrieben habe. Ich beziehe mich da auf eine Art biophysikalischen Determinismus, der vielen seiner Werke zugrunde liegt und ihnen eine scharfe satirische Ausprägung verleiht. Eine ganze Menge davon bleibt im Exil erhalten und überlebt in seinen antifaschistischen Satiren.“

Parker meinte aber, dass Brecht einige seiner besten Stücke im Exil verfasst habe. „Meiner Meinung nach“, sagte er, „gehören die kurzen Szenen in Furcht und Elend der Dritten Reichs zu Brechts besten Werken.“

Er fügte hinzu: „Die Werke vom Galileo an bis 1943 haben eine ganz bestimmte Färbung. Es waren Werke eines Exilanten, der zu überleben versucht, und sie zeichnen sich durch Überzeugung, persönliche Qualität wie auch durch eine Komplexität aus, die vom Verständnis seiner Zwangslage zeugt. Das verschwand auch nicht in den ersten Kriegsjahren. … Daher sehe ich nicht, dass er in dieser Zeit künstlerische Kompromisse einging, die seiner Entwicklung abträglich gewesen wären.“

Sybille Fuchs meinte, dass sie immer, wenn sie Brechts Werke durchgegangen sei, von der Komplexität seiner künstlerischen Persönlichkeit überrascht gewesen sei. Oft verhalte er sich sehr pädagogisch, „denkt über den Zuschauer nach, wie er sich verhalten sollte und wie der Schauspieler die Rolle zu spielen habe. Auf der anderen Seite, vor allem in seiner Lyrik, ist er bis zuletzt immer wieder spontan, empathisch wie in seinen frühen Stücken – andererseits dann wieder didaktisch und politisch formelhaft.“

Parker stimmte zu, dass Brecht eine „sehr komplexe Persönlichkeit war und oft als das komplexeste Individuum der letzten 50 Jahre beschrieben wurde. Er lebte diese Komplexität in seinen Werken aus und hielt die Widersprüche aus. Sein Leben unterschied sich sehr von dem anderer Menschen. Da war eine außergewöhnliche Kombination von hoher Intelligenz und künstlerischer Sensibilität vorhanden, die meiner Meinung nach sehr mit dem Verhältnis zu seiner Körperlichkeit zusammenhängen und der festen Überzeugung, dass man im Hier und Jetzt leben müsse. So finden wir bei ihm diese enorme Spontaneität, eine unglaubliche lyrische Lebendigkeit, aber ebenso von den ersten Anfängen an auch eine Sensibilität, die nach Form und Ausgestaltung durch künstlerische Erfahrung sucht, um eine Distanz zum Material zu erreichen, durch die die Erfahrung besser zu begreifen ist.“

Gegen Ende unseres Gesprächs, kam ich auf die Frage nach Brechts Haltung zum Stalinismus zurück und wie diese sich auf seine Kunst- und Theatertheorie ausgewirkt hat. Angesichts der Stalinisierung der Kommunistischen Partei und der Serie katastrophaler Niederlagen der Arbeiterklasse meinte ich, dass „Brecht versuchte, die Technik des Theaters zu benutzen um Problemen beizukommen, die eigentlich nur mit Hilfe einer politischen Perspektive gelöst werden konnten. Eines der Hauptprobleme war, dass er sich im Umkreis der Kommunistischen Partei bewegte, die in erster Linie für die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse verantwortlich war. Mit anderen Worten, die Fragen, um die es ging, konnten nicht allein durch die Technik des Theaters und dessen Organisation gelöst werden. Er wollte das Theater an die Stelle einer revolutionären Partei setzen, und das konnte nicht funktionieren. Es ging für die Arbeiterklasse um grundlegende Probleme der Führung, der Perspektive, der Partei und des Programms.“

Rosa Luxemburg

Parker kam dann auf seine Behauptung zurück, dass Brecht der stalinistischen Partei nicht so nahestand, ihr auch nie beigetreten war „und sehr weitgefächerte Beziehungen unterhielt“ mit Leuten wie Sternberg, Walter Benjamin, Karl Korsch und anderen. Diese Beziehungen „trugen alle zu einem größeren, vollständigeren Bild bei, von dem ich glaube, dass es uns helfen kann, einige Beschränkungen zu überwinden, die anzuerkennen wir genötigt waren. Bedenken Sie Brechts Behandlung der Deutschen Revolution und seine große Achtung vor Rosa Luxemburg. Die KPD, wie sie von Moskau organisiert wurde, war ein wichtiger Bezugspunkt. Da gibt es keinen Zweifel. Aber nach 1935 stand es für Brecht außer Frage nach Moskau ins Exil zu gehen.“

Er schloss: „Ich glaube, dass Brechts künstlerische Innovationen in erster Linie seiner künstlerischen Sensibilität geschuldet waren und nicht einem politischen Imperativ. Für Benjamin war Brecht der wichtigste Schriftsteller dieser Zeit, dem es gelang ästhetische und politische Bedürfnisse zu versöhnen.“

An diesem Punkt beendeten wir unsere Unterhaltung mit Stephen Parker, und drückten ihm unsere Wertschätzung aus. Wie wir hoffen, werden unsere Leser zustimmen, dass diese lange Diskussion – die wir nur in Auszügen wiedergeben konnten – einige entscheidende Themen der Kunst und der Politik des 20. Jahrhunderts berührt hat. Diese Fragen zu klären, ist wichtig, um wieder eine internationale sozialistische Kultur in der Arbeiterklasse zu verankern. Dieser Aufgabe widmet sich die World Socialist Web Site.

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