Obama und die Bombardierung Hiroshimas

17. Mai 2016

Ende des Monats wird Barack Obama als erster amtierender US-Präsident die japanische Stadt Hiroshima besuchen. Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima durch das amerikanische Militär am 6. August 1945 und die Zerstörung Nagasakis drei Tage später gehören zu den größten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts.

Man sollte meinen, dass die Vereinigten Staaten nach 71 Jahren endlich bereit wären, zuzugeben, dass die Einäscherung von zwei schutzlosen japanischen Städten, die zum Tod von 200.000 Menschen geführt hat, eine militärisch unnötige Maßnahme war.

Nichts dergleichen wird passieren. Obama „wird die Entscheidung, die Atombombe am Ende des Zweiten Weltkriegs einzusetzen, nicht neu überdenken“, erklärte das Weiße Haus. Es wird keine Entschuldigung geben.

Jahrzehntelang hat die US-Regierung darauf beharrt, dass es richtig war, Japan mit Atomwaffen anzugreifen. Sie erklärte, die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki sei die einzige Alternative zur Invasion Japans und damit verbundenen amerikanischen Todesopfern gewesen. Jedem Versuch, die Legitimität der Bombardierungen in Frage zu stellen, wurde mit wüster und unehrlicher Propaganda begegnet. Ein gutes Beispiel dafür war, dass die Smithsonian Institution 1995 ihre Ausstellung zum 50. Jahrestag des Bombenabwurfs schließen musste.

Typisch für diese Apologetik ist ein Kommentar im Wall Street Journal von Reverend Miscamble von der Universität Notre Dame. Miscamble erklärt: „Es gibt keinerlei Grund, sich für den Atombombenabwurf zu entschuldigen“, weil „[Präsident Harry S.] Truman die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki, beides wichtige militärisch-industrielle Ziele, ermächtigte, um den grauenhaften Pazifikkrieg so schnell wie möglich zu gewinnen und so wenig amerikanische Todesopfer zu riskieren, wie möglich. Und wie sich herausstellte, waren es auch auf japanischer Seite so wenige wie möglich.“

Die New York Times wiederholte diese Woche diese Auffassung und zitierte diejenigen, die darauf bestehen, dass „die Entscheidung die Bombe abzuwerfen, das Leben zehntausender Amerikaner gerettet hat, die bei einer Invasion von Honshu, Japans Hauptinsel, getötet worden wären.“

Diese Behauptungen besitzen keinerlei Glaubwürdigkeit. Sie stehen in keinem Zusammenhang mit dem tatsächlichen Inhalt der Diskussionen, die in Washington und im Oberkommando der Streitkräfte vor den Angriffen geführt wurden.

Anfang 1945 hatten die Vereinigten Staaten die völlige Lufthoheit über Japan erobert und zahlreiche Inseln in Flugreichweite des japanischen Festlands besetzt. Zur selben Zeit beendeten die USA die gezielte Bombardierung spezifisch militärischer Ziele und gingen zu massenhaften Flächenbombardemonts über, mit denen letzten Endes 67 japanische Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden. Dazu gehörte auch der Brandbomben-Angriff auf Tokio vom 9. und 10. März, bei dem etwa 100.000 Menschen getötet wurden.

Als General Curtis Lemay, der Chef des Strategischen Kommandos der USA, 1945 gefragt wurde, wie lang der Krieg seiner Einschätzung nach noch dauern werde, antwortete er: „Wir haben uns hingesetzt und darüber nachgedacht. Alles weist darauf hin, dass wir um den 1. September herum keine Ziele mehr haben und ohne Ziele gibt es dann wohl keinen Krieg mehr.“

Die Rechtfertigung für die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki wurde auch im US-Oberkommando selbst infrage gestellt. Es betonte, dass die Einäscherung von zwei weiteren japanischen Städten kaum eine militärische Bedeutung habe.

General Dwight D. Eisenhower erklärte, dass er sich „depressiv“ gefühlt habe, nachdem er von Präsident Trumans Vorhaben erfahren habe, die Bombe gegen die Zivilbevölkerung einzusetzen. „Außerdem habe er schwerwiegendste Bedenken“ geäußert. „Erstens war ich der Überzeugung, dass Japan bereits besiegt war und der Bombenabwurf deshalb völlig unnötig war. Zweitens war ich der Meinung, unser Land solle die Weltöffentlichkeit nicht mit der Anwendung von Waffen schockieren, deren Einsatz meiner Meinung nach nicht mehr zwingend notwendig war, um amerikanische Leben zu retten.“

Andere hochrangige Militärs äußerten sich später ganz ähnlich. Chester W. Nimitz, Oberbefehlshaber der Pazifikflotte der USA, sagte nach dem Krieg: „Die Atombombe hat beim Sieg über Japan vom rein militärischen Standpunkt aus keine entscheidende Rolle gespielt. Präsident Trumans Stabschef, Admiral William D. Leahy, bestätigte: „Hiroshima und Nagasaki haben materiell zu unserem Krieg gegen Japan nichts beigetragen.“

Der Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt am 12. April 1945 machte Harry S. Truman zum Präsidenten. Diesen beschränkten und ziemlich ungebildeten Mann nannte man den „Senator von Pendergast“, weil er enge Verbindungen zu Tom Pendergast hatte, einem Unternehmer und Politiker der Demokratischen Partei von Missouri, der als verurteilter Verbrecher, Spielsüchtiger und Chef eines politischen Klientelsystems berüchtigt war.

Truman stand den moralischen Fragen, die der Einsatz von Atomwaffen aufwarf, völlig gleichgültig gegenüber. Einer seiner Berater erinnerte sich später, dass Truman, als er die Nachricht von der Bombardierung Hiroshimas bekam, „ungeheuer aufgeputscht war und immer wieder mit mir darüber spracht, wenn er mich sah.“

Zu dem Zeitpunkt, an dem Truman entschied, die Bombe einzusetzen, hatte die japanische Regierung schon monatelang deutliche Anzeichen ausgesandt, dass sie aufgeben wolle. Sie bestand nur darauf, dass man ihr erlaubt, ihren Kaiser zu behalten. Das Weiße Haus hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon für die Beibehaltung des Kaisers entschieden, war aber uneinig über die Frage, ob man das den Japanern mitteilen sollte. Präsident Truman entschied schließlich, zuerst die Bombe abzuwerfen und den Japanern dann die Bedingungen bekannt zu geben.

Warum haben die Vereinigten Staaten dann einen Weg beschritten, der militärisch nicht gerechtfertigt war, sie aber in den Augen der Welt für immer in Verruf brachte?

Zum Ende des Kriegs verschärfte sich der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. In Einklang mit den Beschlüssen der Konferenz von Jalta wollte die Sowjetunion in Japan einmarschieren und erhob Anspruch auf Gebiete, die ihr in diesem Abkommen zugestanden worden waren. Außerdem wollte sie im Nachkriegs-Europa eine Rolle spielen, die den Verlusten entsprach, die sie während des Kriegs erlitten hatte.

Der Einsatz der Atombombe war, wie es zwei Historiker kürzlich formulierten, „Amerikas erste Maßnahme im Kalten Krieg“. Er sollte ein deutliches Signal an die Sowjetunion senden, dass die Amerikaner trotz des sowjetischen Siegs über Deutschland die Herren der Welt sind.

Die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki verkündete den Aufstieg der Vereinigten Staaten zum unangefochtenen imperialistischen Hegemon, der die gesamte Menschheit tyrannisiert und ihr seine Bedingungen diktiert. Hinter einer dünnen Fassade von Demokratie machten die Vereinigten Staaten deutlich, dass sie alles Notwendige tun würden, um ihre eigenen Interessen zu bewahren und auszudehnen, gleichgültig wie groß das Verbrechen sein würde oder wie viele Menschen dabei sterben müssten.

In den mehr als sieben Jahrzehnten seit der Bombardierung Hiroshimas ist die Entschlossenheit der amerikanischen herrschenden Klasse, militärische Gewalt einzusetzen, um ihre Interessen zu verteidigen, noch weiter gewachsen. Obamas Auftritt in Hiroshima geschieht im Rahmen seiner Teilnahme am G7-Treffen, bei dem er Amerikas Bündnis mit Japan gegen China stärken und Premierminister Shinzo Abes Remilitarisierung des Landes unterstützen will.

Obwohl das Weiße Haus die „Nichtverbreitung von Kernwaffen“ von jedem anderen Land verlangt, gibt es Billionen Dollar für die Modernisierung des US-Atomwaffenarsenals aus und inszeniert eine ununterbrochene Serie von Provokationen gegen China und Russland, die einen Krieg zwischen atomar bewaffneten Staaten heraufbeschwören.

Mit anderen Worten, Obama geht nach Hiroshima, nicht um sich für frühere Verbrechen zu entschuldigen, sondern um neue vorzubereiten.

Die Regierung der Vereinigten Staaten ist für den Tod von Millionen von Menschen in Korea und Vietnam und, im letzten Vierteljahrhundert, im ganzen Nahen Osten verantwortlich. Wie kann man erwarten, dass sie sich für einen Massenmord entschuldigt, wenn sie das Massenmorden bis heute fortsetzt?

Es wird allerdings der Tag kommen, an dem in einem sozialistischen Amerika die Gräueltaten der herrschenden Klasse verurteilt werden und die Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki als das anerkannt werden, was sie sind: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Andre Damon