Tötung von Talibanführer eskaliert Krieg in Afghanistan und Pakistan

Von Thomas Gaist
25. Mai 2016

Am Freitag gab US-Präsident Barack Obama den Befehl zur Tötung des Talibananführers Akhtar Mohammed Mansur. Spezialeinsatzkräfte töteten ihn durch einen militärischen Drohnenschlag. Der Emir der Taliban war von amerikanischen und afghanischen Geheimdiensten umfassend beobachtet worden, bevor ihn die Drohnen ins Visier nahmen. Die Rakete traf ihn am Freitagabend, während er in seinem Fahrzeug in der pakistanischen Provinz Belutschistan unterwegs war.

Mansur, dessen sterbliche Überreste zur Beisetzung nach Quetta überführt wurden, unterhielt Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) und besaß Häuser sowohl in Quetta als auch in Dubai. Laut britischen und amerikanischen Medien hatte der ISI Kenntnis davon.

Das amerikanische Militär-Establishment pries den Anschlag als einen Sieg für „Frieden und Stabilität“ in Afghanistan. „Wir betrachten dies als einen Defensivschlag“, sagte US-Navy-Captain Jeff Davis am Montag. In den Worten des amerikanischen Verteidigungsministeriums war Mansurs außergerichtliche Tötung legal, da der Anführer der Taliban „besondere, eminente Gefahren“ für die amerikanischen und Nato-Truppen in Afghanistan darstellte.

Präsident Obama prahlte, Mansurs Ableben sei „ein wichtiger Meilenstein innerhalb unserer langjährigen Bemühungen, Afghanistan Frieden und Prosperität zu bringen.“ Er dankte „unseren Mitarbeitern in der Armee und den Geheimdiensten“ dafür, „einmal mehr eine klare Botschaft übersandt zu haben.“

Der Angriff solle Druck auf die Taliban ausüben, in einen „Aussöhnungsprozess“ mit der US-gestützten Regierung in Kabul einzutreten, sagte Obama. Er fügte hinzu: „Die Taliban sollten die Gelegenheit ergreifen und den einzig realen Weg verfolgen, diesen langen Konflikt zu beenden: den Eintritt in die afghanische Regierung, um einen Aussöhnungsprozess zu beginnen, der zu dauerhaftem Frieden und Stabilität führt.“

Mansurs Tod „beseitigt einen Stolperstein auf dem Weg zum Frieden in Afghanistan“, sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter am Montag. „Diese Aktion sendet eine klare Botschaft an die Welt, dass wir an der Seite unserer afghanischen Partner stehen, während sie daran arbeiten, ein stabileres, vereintes, sicheres und blühendes Afghanistan zu errichten“, erklärte Außenminister John Kerry.

Die US-Regierung versucht, ihre Herrschaft über Afghanistan und Pakistan sowie ihre Kontrolle über den gesamten asiatischen Kontinent mittels militärischer Gewalt zu erhalten. Die Obama-Regierung hat den amerikanischen Drohnenkrieg in Pakistan umfassend ausgedehnt und mindestens 350 Anschläge autorisiert, eine siebenfache Zunahme gegenüber der Regierung von Georg W. Bush.

Der Angriff auf Mansur markiert eine bedeutsame Expansion der amerikanischen Kriegstreiberei in Süd- und Zentralasien. Er ereignete sich in der südwestlichen Provinz Belutschistan, die zuvor aufgrund der Opposition einiger Fraktionen des pakistanischen Staates für amerikanische Drohnenzugriffe tabu war. Siebzehn Monate nachdem Obama „das Ende des amerikanischen Krieges in Afghanistan“ verkündet hatte, leitet Washington erneut eine weitere Eskalation auf dem afghanisch-pakistanischen Schauplatz ein.

Die Vereinigten Staaten haben in Afghanistan nach wie vor eine fast 10.000 Mann starke permanente Besatzungsarmee stationiert. Tausende amerikanische Kampftruppen führen einen brutalen Aufstandsbekämpfungskrieg gegen die Taliban und andere bewaffnete Fraktionen. Aktuelle Pentagon-Pläne sehen eine US-Präsenz vor, die noch Jahrzehnte Bestand haben soll. Seit Januar 2016 hat das Pentagon, im Namen des Kampfes gegen Al-Qaida und den afghanischen Ableger des Islamischen Staates, wieder offensive Operationen in Afghanistan aufgenommen, darunter Kommando- und Luftangriffe in der Provinz Nangarhar.

Rufe nach einem noch größeren US-Engagement in Afghanistan werden immer lauter. Am Freitag forderte David Petraeus, General im Ruhestand, weniger restriktive Beschränkungen für amerikanische Bombardierungen in dem Land und lamentierte darüber, dass die amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan lediglich 300 Bomben abgeworfen haben, während im Irak und Syrien 7.000 fielen.

Am Montagabend forderte die Redaktion der Washington Post in einem Beitrag auf der Website der Zeitung, Obama solle dem Militär einen Blankoscheck ausstellen, der alle weiteren Beschränkungen für die amerikanischen Truppen aufhebt. Die Post kritisierte „Obamas Zögern, dem afghanischen Militär adäquate Unterstützung zukommen zu lassen“ und rief das Weiße Haus auf, die Pentagon-Pläne zu einem zeitlich unbeschränkten Krieg in Afghanistan abzusegnen.

Die Redaktion forderte von Obama, die Empfehlungen des neuen US-Kommandeurs in Afghanistan, General John Nicholson, nach „mehr Luftwaffe und ausgedehnterer Truppenpräsenz“ zu genehmigen.

Washington ist entschlossen, seine Operationen in Pakistan gegen die Einwände von Teilen der pakistanischen Elite auszudehnen. Trotz der Beschwichtigung vom Pentagon, dass amerikanische und pakistanische Streitkräfte bei dem Überfall am Freitag die ganze Zeit über gemeinsam vorgegangen seien, verurteilte Syed Tariq Fatemi, Chef des pakistanischen Außenministeriums, die Tötung Mansurs als „Bruch der Charta der Vereinten Nationen.“

Um Islamabad für seinen Widerstand gegen die Ausdehnung von amerikanischen Operationen auf pakistanischem Boden zu bestrafen, zog der US-Kongress kürzlich die Unterstützung für ein 700-Millionen-Dollar-Waffenpaket zurück. Ein Bestandteil davon war der Verkauf von acht F-16-Bombern an Pakistan. Das House Armed Services Committee, der ständige Ausschuss des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten für die Streitkräfte, debattiert über Möglichkeiten, eine weitere Militärhilfe für Islamabad in Höhe von 450 Millionen Dollar zu blockieren.