Der belagerten Stadt Falludscha droht eine „humanitäre Katastrophe“

Von Bill van Auken
2. Juni 2016

Der belagerten Zivilbevölkerung von Falludscha droht eine „humanitäre Katastrophe“. Davor warnten am Dienstag Menschenrechtsorganisationen angesichts der verschärften Offensive zur Rückeroberung dieser Stadt vom Islamischen Staat (IS). Die USA unterstützen diese Offensive.

Truppen der irakischen Regierung sind bis in die Außenbezirke der Stadt vorgerückt. Dazu gehören Anti-Terror-Eliteeinheiten, Soldaten der irakischen Armee, Polizisten und schiitische Milizen der Volksmobilisierungseinheiten. Heftiger Widerstand des IS hinderte sie am Dienstag aber daran, ins Stadtzentrum vorzudringen. Mindestens 50.000 Zivilisten sitzen vermutlich in Falludscha in der Falle.

„In Falludscha entwickelt sich eine humanitäre Katastrophe. Familien sind ins Kreuzfeuer geraten und haben keinen Ausweg“, warnte Jan Egeland, Generalsekretär des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC), der Zivilisten in dem Gebiet versorgt.

„Die Berichte, die uns aus Falludscha erreichen, sind entsetzlich“, sagt Nasr Muflahi, der Direktor des NRC im Irak. „Mangel an Nahrungsmitteln, Medizin, sauberem Trinkwasser und Elektrizität bringen die Familien an den Rand der Verzweiflung. Menschen, die es geschafft haben zu fliehen, berichten uns von extremem Hunger und Unterernährung. Wir konnten es selbst nicht sehen oder den Menschen innerhalb der Stadt helfen. Wir sind höchst besorgt über das ganze Ausmaß des Terrors, der sich dort entwickelt.“

Die Direktorin der Vereinten Nationen für humanitäre Hilfe Lise Grande warnte darüber hinaus davor, dass in der Stadt „in nur wenigen Tagen Cholera ausbrechen“ könnte, weil sauberes Trinkwasser fehle.

Falludscha wird seit fast einem Jahr belagert und die Straßen, über die lebenswichtige Güter transportiert werden, sind von der irakischen Armee und den schiitischen Milizen blockiert. Jetzt sind die Einwohner verschärftem Bombardement der Luftwaffe der USA und ihrer Verbündeten, durch Apache Hubschrauber und durch irakische Artillerie ausgesetzt.

Falludscha war die erste irakische Stadt, die Anfang 2014 an den IS fiel. Das geschah sechs Monate bevor die islamistischen Milizen Mossul, die Stadt mit der zweitgrößten Bevölkerungszahl des Irak, und ungefähr ein Drittel des gesamten Territoriums des Landes eroberten.

Sie konnten in Falludscha nur deshalb so rasch siegen, weil die sunnitische Bevölkerung dieser Stadt gegen die von Schiiten dominierte Zentralregierung in Bagdad rebellierte, der sie vorwarfen, die Sunniten aus religiösen Gründen zu unterdrücken.

Zwar kursieren zahlreiche Gerüchte, dass der IS die Bevölkerung der Stadt als „menschliche Schutzschilde“ missbrauche. Doch diesen Vorwurf erhebt das US-Militär häufig, um sich ein Alibi für die Massaker zu verschaffen, die die amerikanischen Luftschläge anrichten. Gleichzeitig wird berichtet, dass die IS-Kämpfer sich zum großen Teil aus der Stadtbevölkerung rekrutierten.

Dies ist das dritte Mal in wenigen Jahren, dass Falludscha einer militärischen Belagerung ausgesetzt wird. 2004 stürmten die US-Marines zweimal die Stadt, und jedesmal wurde sie heftig aus der Luft bombardiert. Die Marines töteten Tausende, zerstörten einen Großteil der Häuser und legten die Infrastruktur von Falludscha in Trümmer.

Welches Schicksal Falludscha bevorsteht, lässt sich voraussagen, wenn man betrachtet, wie es anderen irakisch sunnitischen Städten ergangen ist, die die Regierungstruppen aus Bagdad zurückerobern konnten. Eine solche Stadt ist Ramadi. Dort sind mindestens siebzig Prozent der Gebäude durch Bombenangriffe zerstört. 400.000 Einwohner wurden vertrieben. In Tikrit verübten die schiitischen Milizen blutige Vergeltung an der Bevölkerung wegen der Grausamkeiten des IS. Dieser hatte ein Massaker an bis zu 1700 schiitischen Militärkadetten begangen.

Sunniten sehen in diesem von den USA unterstützten Feldzug den Versuch, sie im Rahmen einer ethnischen Säuberung aus dem Irak zu vertreiben. Ähnlich massive Zerstörungen wie in diesen Städten wurden aber auch schon in der überwiegend kurdischen Stadt Kobane angerichtet, die fast dem Erdboden gleichgemacht wurde, und auch in der jesidischen Stadt Sinjar. Es sind Auswirkungen einer Kriegsführung des Pentagon, bei der Stellvertretertruppen oft zusammen mit Spezialeinheiten der US-Armee eingesetzt werden. Sie operieren am Boden und müssen sich auf heftige Luftunterstützung verlassen können, wenn sie den IS besiegen wollen.

Obwohl das US-Militär jetzt den Angriff auf Falludscha durch intensive Luftschläge unterstützt, hatte sich das Pentagon zuvor mehrfach dagegen ausgesprochen, gegen die Stadt vorzurücken. Dies sei eine Ablenkung vom Angriff auf Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, die eine Bevölkerung von etwa zwei Millionen hatte, bevor sie im Juni 2014 in die Hände des IS fiel.

Washington sorgt sich um die Anwesenheit iranischer Berater, die für die Bodenoffensive eine wichtige Rolle spielen, und um die schiitischen Milizen, die den Großteil der Truppen für die Belagerung stellen. Die USA erblicken im Iran ihren größten regionalen Rivalen für ihre Vorherrschaft im Nahen Osten und besonders im Irak.

Für die Regierung des irakischen Premierministers Haidar al-Abadi ist die Belagerung von Falludscha eine politische Notwendigkeit. Gleichzeitig ist sie mit dem wachsenden Widerstand der verarmten schiitischen Bevölkerung Bagdads konfrontiert. Zweimal hat schon eine Menschenmenge die stark befestigte Green Zone, den Sitz der Zentralregierung, gestürmt, um gegen die grassierende Korruption und den Mangel an lebenswichtigen Dienstleistungen zu protestieren.

Den wachsenden Zorn der Bevölkerung schüren auch mehrere terroristische Angriffe in den schiitischen Vierteln. Die Regierung erhebt den Vorwurf, dass diese Angriffe aus Falludscha heraus geplant und durchgeführt würden, denn Falludscha liegt weniger als sechzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Parallel zur Belagerung von Falludscha findet eine weitere Operation im Norden gegen den IS statt, die ebenfalls durch ausgedehnte Luftangriffe der USA unterstützt wird. Mit dieser Operation soll eine Offensive gegen Mossul vorbereitet werden. Sie wird vor allem durch kurdische Peschmerga-Kämpfer und mit ihnen verbündete Milizen durchgeführt. Daran sind ebenfalls US-Spezialeinheiten beteiligt, die immer mehr in Kämpfe verwickelt werden.

In ähnlicher Weise bilden paramilitärische kurdische Kämpfer der YPG (Verteidigungseinheiten des kurdischen Volks) die wichtigsten Bodentruppen an der syrischen Grenze. Sie kämpfen mit dem Ziel, die Stadt Rakka, die Hauptstadt des selbsternannten IS-Kalifats, zurückzuerobern. Während die kurdischen Truppen mit Unterstützung von US-„Beratern“ und amerikanischen Militärflugzeugen vom Nordwesten her vorrücken, nähert sich das syrische Militär, begleitet von der russischen Luftwaffe, Rakka vom Südwesten her.

Dieser Wettlauf um Rakka bringt den Konflikt zum Ausdruck, der sich zwischen Washington und Moskau um Syrien aufbaut. Die USA unterstützen einen Krieg, mit dessen Hilfe die Regierung von Bashar al-Assad gestürzt werden soll. Russland dagegen handelt als dessen Verbündeter.

Sowohl im Irak als auch in Syrien stützt sich Washington auf kurdische Streitkräfte und stößt damit auf den Widerstand seines Nato-Verbündeten, der Türkei. Diese fordert, dass die USA die syrischen kurdischen Milizen als „Terroristen“ brandmarken, weil sie Verbindungen mit der türkischen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) aufrechterhalten. Gegen sie führt das türkische Militär seit langem einen Bürgerkrieg.

Die Regierung Obama dem Drängen Ankaras in dieser Frage nicht nachgegeben, vielmehr stattete der Oberbefehlshaber der USA den kurdischen Einheiten im Norden Syriens im letzten Monat einen Besuch ab. Fotos von US-Spezialeinheiten mit YPG-Abzeichen an ihren Uniformen riefen daraufhin heftige Proteste der türkischen Regierung hervor.

Gleichzeitig lässt die Aussicht, dass kurdische Truppen entweder Rakka in Syrien oder Mossul im Irak (beides überwiegend sunnitische Städte) „befreien“ könnten, neue Befürchtungen aufkommen, dass es zu ethnischen Säuberungen und Teilungen kommt.

An all diesen Offensiven gegen den IS wird die katastrophale Zerstörung deutlich, die der US-Imperialismus in dieser Region selbst angerichtet hat. Zunächst hat er die religiös motivierten sektiererischen Konflikte geschürt, weil sie ihm im Irak nützlich waren, frei nach dem Motto „Teile und Herrsche“, später, weil er in Syrien den sektiererischen Krieg gegen Assad unterstützte.

Der jetzige Kampf gegen den IS bringt aber die gegensätzlichen Interessen der verschiedenen auswärtigen Mächte zum Ausdruck, die alle behaupten, den Kampf gegen die islamistische Miliz gemeinsam zu führen. In Wirklichkeit riskieren sie, dass sich dieser Konflikt zu einem regionalen und sogar zu einem Weltkrieg ausweitet.

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