Wer bei Trump an Hitler denkt, sollte bei Clinton an Hindenburg denken

Brief eines amerikanischen Schriftstellers an seine Kollegen

Von Steven Brust
9. Juni 2016

Ich wurde aufgefordert, diesen Aufruf von Schriftstellern gegen Trump zu unterzeichnen. Ohne Frage bin ich ein Gegner von Trump und von allem, wofür er steht: Appelle an Unwissenheit und Vorurteile, die Drohung mit Kriegsverbrechen, Hass auf Immigranten und offenen Chauvinismus. Ich würde sogar sagen, dass ich mit Trump zum ersten Mal einen einflussreichen Politiker erlebe, den man, wenn nicht als faschistisch, dann doch sicherlich als faschistoid bezeichnen kann. Das wird besonders deutlich, seit er seine Anhänger dazu anstiftet, mit Gewalt gegen seine Gegner vorzugehen.

Dennoch kann ich diesen Aufruf nicht mit gutem Gewissen unterzeichnen. Als ich las: „Unserer Meinung nach braucht ein Führer unbedingt Wissen, Erfahrung, Flexibilität und Geschichtsbewusstsein“, fragte ich mich sofort: ein Führer wovon, zu welchem Zweck, in wessen Interesse und in welche Richtung? Ich hatte den Eindruck, dass dieser Aufruf nicht nur gegen Trump gerichtet ist, sondern benutzt werden kann und auch benutzt werden wird, um jemanden zu unterstützen, der in den Augen derjenigen, die sich dieses Aufrufs bedienen, die bessere Wahl wäre, „um im Namen der Vereinigten Staaten zu handeln, ihr Militär zu befehligen, ihre Bündnisse aufrechtzuerhalten und ihre Bevölkerung zu vertreten“.

Hier liegt das Problem. Ihr sprecht in einem Atemzug von der Befehligung des Militärs und der Vertretung der Bevölkerung, als könne man beides zugleich tun. Ihr erweckt den Eindruck, als sei der Dauerkrieg von Bush und Obama mit seinen Kriegsverbrechen und seinen Morden an Zivilisten (die offen und öffentlich von Senator Sanders unterstützt werden und an denen sich Außenministerin Clinton aktiv mitschuldig gemacht hat) der Wille der amerikanischen Bevölkerung. Das kann und will ich nicht akzeptieren. Außerdem legt ihr nahe, nicht der Krieg sei das Problem, sondern nur, wie er geführt wird.

Ich habe durchaus Achtung vor Kollegen, die entsetzt sind über Trump und das, was er repräsentiert. Das ist völlig klar. Darüber hinaus freue ich mich über jedes Zeichen, dass wir uns als Schriftsteller bewusst sind über die politischen Fragen, die für unsere Zukunft so wichtig sind, und uns engagieren. Dennoch sollten wir uns meiner Meinung nach genauer und kritischer ansehen, worum es hier geht. Es ist gut und schön „Gegner von Trump“ zu sein. Aber warum sollte man deshalb die Demokratische Partei unterstützen? Die Regierung der Demokratischen Partei hat in den letzten acht Jahren mehr Abschiebungen durchgeführt (besonders von Kindern) als jede andere Regierung, sie hat die Ermordung von Armen und Minderheiten durch die Polizei gefördert und gerechtfertigt, sie hat die größte Einkommensungleichheit in der Geschichte geschaffen, sie hat die illegalen Auslieferungen und die Folter fortgesetzt, sie hat mehr Zivilisten bombardiert, als Bush sich jemals hat träumen lassen, und sie hat allen Angriffen der religiösen Rechten auf die Freiheit nachgegeben.

In diesem Aufruf steht nichts, das jemanden daran hindern könnte, ihn zur Unterstützung für Clinton und Sanders zu benutzen, die beide den Kapitalismus verteidigen. Dabei hat doch der Kapitalismus in seiner unlösbaren Krise Trump erst hervorgebracht, so wie eine Infektion mit Staphylokokken manchmal ein Geschwür hervorbringt. Das Geschwür mag schmerzhaft und unschön sein, aber das eigentliche Problem ist die Infektion. Dieser Aufruf scheint Teil der wachsenden Anti-Trump-Bewegung zu sein, und natürlich sind die Motive für diese Bewegung begrüßenswert und berechtigt. Aber wenn sie zu einer Bewegung für die Demokratische Partei und speziell für Hillary Clinton wird, deren Nominierung näher rückt, dann ist sie bestenfalls sinnlos und spielt schlimmstenfalls Trump in seiner Pose als Gegner des Establishments in die Hände.

Ihr wendet Euch an mich als Schriftsteller. Aber besteht unser Hauptziel als Schriftsteller nicht darin, die Widersprüche offenzulegen, die in den alltäglichen Verhältnissen verborgen sind? Wer Trump verurteilt, ohne gleichzeitig die anderen Kandidaten der kapitalistischen Parteien zu verurteilen, deckt die Wahrheit nicht auf, sondern verschleiert sie. Denn diese Parteien unterstützen Angriffskriege, die Militarisierung der Polizei, Spionage im Inland, die Verfolgung von Whistleblowern, Folter und Kriegsverbrechen. All das wurde von beiden großen Parteien vorangetrieben und keiner der bekannten Kandidaten ist dagegen aufgetreten.

Wer (wie so viele) die Politiker der Demokraten immer noch für das „kleinere Übel“ hält, sei an Hitler und den Nationalsozialismus erinnert und daran, dass Hitler bei den Wahlen 1932 von einer Koalition besiegt wurde, die glaubte, alles sei besser als Hitler. Mit anderen Worten, der Weg der Nazis an die Macht war mit „kleineren Übeln“ gepflastert. Wer bei Trump an Hitler denkt, sollte bei Clinton an Hindenburg denken.

Nein, ich unterstütze Trump nicht. Aber genauso wenig unterstütze ich imperialistische Kriege, die Militarisierung der Polizei, Spionage im Inland, Kriegsvorbereitungen gegen Russland, Provokationen gegen China, Einschränkungen von Fortpflanzungsrechten, die Vergiftung von Trinkwasser und Angriffe auf grundlegende Rechte – das alles ist das Vermächtnis von beiden, der Demokratischen Partei und der Republikaner. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen diesen Parteien Sie repräsentieren unterschiedliche Teile der herrschenden Klasse und unterschiedliche Methoden, wie man den Kapitalismus am besten verteidigen und aufrechterhalten kann. Die Verbitterung, mit der sie ihren Konflikt austragen, widerspiegelt die Tiefe der Krise und die Unlösbarkeit ihrer Probleme. Ich lege aber keinerlei Wert darauf, zu entscheiden, welcher der Kandidaten eher dazu in der Lage ist, ein System aufrechtzuerhalten, das meine Brüder und Schwestern unterdrückt und ermordet. Wenn das meine Wahl sein soll, dann sage ich: „Nein“.

Meiner Überzeugung nach besteht der einzige Weg vorwärts darin, dass sich die arbeitenden Menschen, die Einwanderer, die Arbeitslosen, die Armen und alle Unterdrückten zusammenschließen und unter einem sozialistischen Programm direkt gegen die zwei Parteien des Großkapitals kämpfen. In der Kandidatur von Donald Trump kommt der ganze Schmutz, die Degeneration und die Verzweiflung des Kapitalismus in seinem Todeskampf zum Ausdruck. Die Kandidaten der Demokratischen Partei, die gegen Trump kämpfen, stehen für eine andere Politik, aber für dasselbe Ziel. Ich bin aber gegen dieses Ziel selbst: die Aufrechterhaltung eines Systems von Krieg und Unterdrückung.

Im November werde ich Jerry White und Niles Niemuth von der Socialist Equality Party wählen. Jeden, der wie ich nicht nur über Trump entsetzt ist, sondern auch über das unmenschliche System, das ihn hervorgebracht hat, fordere ich dringend auf, dasselbe zu tun.

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