UNHCR: 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht

Von Martin Kreickenbaum
21. Juni 2016

Die Zahl der weltweit durch Kriege, bewaffnete Konflikte oder Verfolgung vertriebenen Menschen war Ende 2015 so hoch wie nie zuvor. Der am Tag des Flüchtlings veröffentlichte Bericht „Global Trends“ des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) zählte Ende 2015 mit rund 65,3 Millionen Menschen erstmals seit Beginn der Erfassung 1951 mehr als 60 Millionen Flüchtlinge.

Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der zwangsweise Vertriebenen um 5,8 Millionen Menschen zu. Gegenüber 2011, als das UNHCR mit 42,5 Millionen Flüchtlinge schon eine neue Rekordzahl vermeldete, stieg die Zahl der Flüchtlinge um mehr als 50 Prozent.

Obwohl die Dokumentation die Verantwortlichen für diese weltweite humanitäre Katastrophe nicht beim Namen nennt, zeigt sie sehr eindrücklich das Ausmaß des Elends und der Vertreibung, das die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten durch ihre fortwährenden Kriege und Militärinterventionen unter dem Deckmantel der Verteidigung „humanitärer Werte“ und des „Kampfs gegen Terror“ in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten verursacht haben.

Dem UNHCR zufolge wurden alleine im letzten Jahr 12,4 Millionen Menschen neu in die Flucht getrieben, von denen 8,6 Millionen Zuflucht innerhalb ihres Herkunftslandes gesucht haben und nun als Binnenflüchtlinge auf Hilfe zum Überleben angewiesen sind. Jede Minute wurden 24 Menschen ihrer Heimat beraubt – zwei Menschen pro Atemzug oder 34.000 jeden Tag.

Die Zahl der durch Verfolgung, bewaffnete Konflikte, Gewaltherrschaft oder Menschenrechtsverletzungen Vertriebenen übersteigt die Bevölkerungszahl von Großbritannien oder Frankreich. Eine fiktive „Nation der Flüchtlinge“ würde in der Liste der bevölkerungsreichsten Staaten auf Rang 21 liegen. Heute ist statistisch einer von 113 Menschen auf dem Globus asylsuchend, binnenvertrieben oder internationaler Flüchtling.

In jeder der einzelnen Kategorien, in die das UNHCR die Flüchtlinge einteilt, wurden neue, traurige Rekordzahlen registriert. 40,8 Millionen Menschen sind als Binnenflüchtlinge innerhalb ihres Herkunftslandes auf der Flucht, 3,2 Millionen warten auf die Anerkennung ihrer Asylgesuche und 21,3 Millionen Menschen waren gezwungen, ihr Herkunftsland zu verlassen. Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche. Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die Asyl ersuchten, verdreifachte sich annähernd auf 98.400.

Die Liste der Hauptherkunftsländer von Flüchtlingen wirft dabei ein grelles Licht auf die Verbrechen der imperialistischen Mächte, die fast den gesamten Nahen Osten, Afghanistan, Pakistan und weite Teile Zentralafrikas in Brand gesetzt und dadurch die weltweite Flüchtlingskatastrophe ausgelöst haben.

In Syrien haben die USA durch die Finanzierung und militärische Unterstützung islamistischer Gruppen 2011 einen Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen, der die Saat für die Entstehung des Islamischen Staats in Syrien und Irak (ISIS) legte. Die von den USA angeführten Luftangriffe gegen ISIS-Milizen, die wiederum brutal gegen die Bevölkerung vorgehen, trieb in den letzten fünf Jahren mehr als 11,6 Millionen Menschen in die Flucht. Bei einer Gesamtbevölkerung von 20 Millionen Menschen ist heute jeder zweite Syrer ein Flüchtling. Fast 5 Millionen Menschen mussten auf der Suche nach Schutz vor Bomben und Gewalt das Land verlassen.

Aus Afghanistan, das die USA und verbündete Mächte seit 2001 im „Krieg gegen Terror“ weitgehend verwüstet haben, flohen 2,7 Millionen Menschen über die Grenzen, 1,2 Millionen sind zu Binnenflüchtlingen geworden. Der Krieg im Irak vertrieb bis heute 4,9 Millionen Menschen, von denen der größte Teil im Inland vom UNHCR versorgt wird.

Besonderes Augenmerk richtet der UNHCR-Report auf die sich dramatisch zuspitzende Lage im Jemen. Dort sind innerhalb nur eines Jahres fast 10 Prozent der Bevölkerung in die Flucht getrieben worden. Rund 2,5 Millionen Menschen irren im Land umher, 169.900 sind über die Grenzen geflohen. Die Ursache dafür ist der von Saudi-Arabien, dem engsten US-Allierten im Nahen Osten, geführte Krieg. Nachdem im Januar 2015 Huthi-Rebellen den von Saudi-Arabien und den USA unterstützten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi gestürzt hatten, intervenierte die Saudi-Monarchie mit massiven Luft- und Bodenangriffen. Dadurch sind mehr als 6.000 Zivilisten ums Leben gekommen.

Ein weiterer Schwerpunkt der weltweiten Fluchtbewegung liegt in Zentralafrika, wo es neben den USA vor allem die europäischen Mächte sind, die ihre brutalen Militäreinsätze als „humanitäre Interventionen“ rechtfertigen, um wichtige Rohstoffe und Märkte unter ihre Kontrolle zu bringen.

Das UNHCR zählte 4 Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene aus dem Sudan, 2,5 Millionen aus dem Südsudan, 2,4 Millionen aus Somalia, 2,9 Millionen aus der Demokratischen Republik Kongo, eine Million aus der Zentralafrikanischen Republik, 2,4 Millionen aus Nigeria, 475.000 aus Eritrea, 450.000 aus Libyen und 280.000 aus Mali.

Und schließlich zwang der hauptsächlich von den USA und der deutschen Bundesregierung orchestrierte Staatsstreich in der Ukraine, mit dem faschistische Kräfte an die Regierung gespült wurden, fast 2 Millionen Menschen ihre Häuser und Heimat zu verlassen. Vor allem durch den erbitterten Sezessionskrieg in der Ostukraine, der eine direkte Folge dieses Putsches ist, sind 1,6 Millionen Menschen im Land zu Binnenflüchtlingen geworden.

Doch während die imperialistischen Mächte die weltweite Flüchtlingskatastrophe verursacht haben, tun sie kaum etwas, um die die Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen. Dem UNHCR-Bericht zufolge haben 86 Prozent der 21,3 Millionen internationalen Flüchtlinge in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen Schutz gesucht, die zudem unmittelbar an die Konfliktgebiete angrenzen. In den am wenigsten entwickelten Ländern wurden 4,2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

An der Spitze der Liste der Länder, die am meisten Flüchtlinge beherbergen, steht die Türkei, wo 2,5 Millionen Flüchtlinge ausharren. Allerdings hat die Türkei als Türsteher für die europäische Abschottungspolitik inzwischen die Grenzen für syrische Flüchtlinge geschlossen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet, dass seit Anfang des Jahres mindestens 60 syrische Flüchtlinge an der türkischen Grenze erschossen worden seien.

Im Libanon leben bei einer Gesamtbevölkerung von gerade einmal vier Millionen rund 1,1 Millionen Flüchtlinge, in Pakistan 1,6 Millionen, im Iran eine Million, in Äthiopien 750.000 und in Jordanien 700.000.

„Immer mehr Menschen werden durch Kriege und Verfolgung vertrieben. Das ist an sich schon beunruhigend, aber die Umstände, die Flüchtlinge gefährden, vervielfachen sich ebenfalls“, erklärte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge Filippo Grandi in einer Presseerklärung. „Auf dem Meer verlieren erschreckend viele Menschen ihr Leben, der Landweg ist durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert.“

Mit Besorgnis wird von Grandi die vor allem in der Europäischen Union erhobene Forderung registriert, zentrale Bestandteile der Genfer Flüchtlingskonvention abzuschaffen. Dafür macht er vor allem die rassistische Hetze durch führende Regierungsvertreter und Medien verantwortlich.

Dem steht laut Grandi die überwältigende Aufnahme- und Hilfsbereitschaft weiter Teile der Bevölkerung entgegen, die dem Trommelfeuer fremdenfeindlicher Hetze stand hält. Grandi sagte, „im Gegensatz zu den verfälschenden Erzählungen in den Medien erlebten wir ein großes Ausmaß an Großzügigkeit von Aufnahmegemeinschaften, Individuen und Familien, die ihre Häuser geöffnet haben. Diese ganz gewöhnlichen Leute haben die Flüchtlinge nicht als Bettler, Konkurrenten um Arbeitsplätze oder Terroristen gesehen – sondern als Menschen wie du und ich, deren Lebensläufe durch Kriege zerrissen worden sind. Ihre wie selbstverständlich erbrachten solidarischen Taten finden auf der ganzen Welt statt, jeden Tag.“

Grandi appelliert schließlich an die „internationale Staatengemeinschaft“, sowohl die finanziellen Mittel für die Flüchtlingshilfe als auch die Aufnahmebereitschaft erheblich zu steigern. Doch es ist gerade die aggressive Politik der imperialistischen Mächte und ihre rigide Grenzpolitik, die das Elend der Flüchtlinge produzieren.

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