World Wealth Report 2016

Zahl der Millionäre in Deutschland steigt

Von Marianne Arens
25. Juni 2016

Das Vermögen aller Millionäre der Welt hat im letzten Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen US-Dollar zugenommen. Im gleichen Zeitraum ist ihre Zahl um 4,9 Prozent auf 15,4 Millionen angestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt der World Wealth Report 2016 der Unternehmensberatung Capgemini.

Deutschland gehört mit den USA, Japan und China zu den vier Ländern mit den meisten Millionären weltweit. Ihre Zahl ist in Deutschland auf fast 1,2 Millionen angestiegen. In China hat sie erstmals die Millionengrenze überschritten. Während das Wachstum im asiatisch-pazifischen Raum mit zehn Prozent am größten war, stagniert die Zahl der Millionäre im kriegszerstörten Nahen Osten. In Lateinamerika und Afrika ist sie rückläufig.

Die Studie berücksichtigt nur Privatanleger mit einem anlagefähigen Vermögen von über einer Million US-Dollar. Sie kommt zum Schluss, dass sich das Vermögen der Superreichen dieser Welt in den letzten zwanzig Jahren trotz der Finanzkrise vervierfacht hat. Mehr als ein Drittel des gesamten Millionärsvermögens befindet sich der Studie zufolge in Händen von 0,9 Prozent der fünfzehn Millionen Superreichen, also einem verschwindend geringen Teil der Weltbevölkerung.

In ganz Nordamerika besaßen 4,8 Millionen Millionäre zusammen 16.6 Billionen US-Dollar. In Europa ist die Zahl der Dollar-Millionäre um fast fünf Prozent auf 4,2 Millionen Menschen angestiegen, die zusammen ein Vermögen von 13,6 Billionen Dollar besitzen. Ein Drittel davon entfällt vermutlich auf Deutschland. Ein Vergleich mit der Zahl des letztjährigen Berichts (1,14 Millionen Dollar-Millionäre) ergibt, dass im letzten Jahr in Deutschland etwa 58.000 Millionäre hinzugekommen sind.

Der Wealth Report macht keine Angaben darüber, wie hoch das Vermögen ist, das die 1,2 Dollar-Millionäre in Deutschland insgesamt besitzen. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn die Vermögenssteuer ist 1997 abgeschafft worden. Abgeleitet vom Gesamtvermögen der weltweit rund fünfzehn Millionen Millionäre, das nahezu sechzig Billionen US-Dollar beträgt, kann man jedoch davon ausgehen, dass sich ihr Gesamtvermögen in Deutschland auf vier bis fünf Billionen US-Dollar beläuft.

Der Zuwachs der Millionäre in Deutschland fiel mit über fünf Prozent überdurchschnittlich hoch aus, was nicht allein dem Börsenboom geschuldet ist. Auch ein überproportionaler Anstieg der Immobilienpreise soll dazu beigetragen haben, wie Klaus-Georg Meyer von Capgemini bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch in Frankfurt erklärte.

Obwohl die Studie die selbstgenutzten Häuser und Wohnungen nicht berücksichtigt, entfällt in Deutschland mehr als ein Fünftel des Millionärs-Vermögens auf Immobilien. Der Grund ist, dass angesichts der niedrigen Kapitalzinsen viele Superreiche ihr Geld in Immobilien anlegen. Das führt dazu, dass die Finanzoligarchie zunehmend den Wohnungsmarkt monopolisiert und so über das Wohnungsangebot und die Mietpreise bestimmen kann, von denen die ganze Bevölkerung abhängt.

Insgesamt wirft der Bericht ein grelles Licht auf die gewaltige, weltweite Polarisierung zwischen Arm und Reich. Gleichzeitig zeigt er, was von den ständigen Beteuerungen der Regierungen, für soziale Projekte sei „kein Geld da“, zu halten ist. In Wirklichkeit sind es die verheerenden Sparmaßnahmen, die Massenentlassungen, Lohnsenkungen, Deregulierungen, die Zerstörung aller sozialen Errungenschaften, sowie die Steuergeschenke an die Wohlhabenden, die in den letzten Jahren dafür gesorgt haben, dass sich der Reichtum an der obersten Spitze konzentriert.

Nach der weltweiten Börsenkrise von 2008 hat es die Finanzelite geschafft, ihr Vermögen massiv zu vermehren. Wie dem Wealth Report zu entnehmen ist, konnten die Superreichen seit der Finanzkrise 2008 ihr Gesamtvermögen von gut 32,8 Billionen in 2009 auf fast 60 Billionen US-Dollar in 2015 beinahe verdoppeln. In Europa waren es 9,5 Billionen im Jahr 2009 und fast vierzehn Billionen im Jahr 2015. Die Zahl der europäischen Millionäre stieg in dieser Zeit von 2,9 auf 4,2 Millionen. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Arbeitslosen offiziell auf 25 Millionen Menschen.

Auch in Deutschland haben die Millionäre Kanzlerin Angela Merkels Aufforderung, die „Krise als Chance“ zu nutzen, offenbar beim Wort genommen. Hier hat sich ihre Anzahl im Vergleich von etwa 860.000 (2009) auf 1,2 Millionen um fast fünfzig Prozent erhöht.

Gleichzeitig hat sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Sogar die Bundesregierung muss in ihrem jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht feststellen, dass die ungleiche Verteilung der Vermögen der Haushalte stetig zunimmt. Die obersten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte (51,9 Prozent) des Reichtums. Die ärmere Hälfte wiederum besitzt gerade einmal ein Prozent.

Im Jahr 2014 galt jeder sechste Deutsche als arm, wie der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes Anfang dieses Jahres konstatierte. Einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit für das Jahr 2015 war vor kurzem zu entnehmen, dass jedes siebte Kind unter fünfzehn Jahren von den Hartz-IV-Bezügen seiner Eltern abhängig ist; in Bremen und Berlin sogar fast jedes dritte Kind.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind alle etablierten Parteien von CDU/CSU über SPD und Grüne bis hin zur Linkspartei und den Gewerkschaften. Eine besondere Verantwortung trägt die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder (SPD), die in der Zeit von 1999 bis 2005 mit den Hartz-Gesetzen und der Agenda 2010 die Weichen stellte. Seither wurde die soziale Ungleichheit unter der CDU-FDP-Regierung, der amtierenden Großen Koalition und auch den Landesregierungen unter Beteiligung der Linkspartei in Berlin, Brandenburg und Thüringen immer weiter verschärft.

Dies zeigt sich am deutlichsten an der Zahl jener, die nicht mehr über die Runden kommen, obwohl sie einer Erwerbsarbeit nachgehen. Ihre Zahl ist seit 2008 um über ein Viertel angestiegen. Betrug die Zahl der so genannten „Working Poor“ 2008 noch rund 2,5 Millionen, war sie Ende 2013 schon auf 3,1 Millionen angestiegen. In der gleichen Zeit konnten die „oberen Zehntausend“ ohne Einschränkung profitieren.

Da präzise Informationen über Kapitaleinkommen wie Zinsen, Dividenden und Spekulationsgewinne vor der Öffentlichkeit systematisch verschleiert werden, sind Statistiken über die Reichtumsentwicklung nur selten exakt. Die Capgemini-Studie berücksichtigt nur so genannte „High Net Worth Individual“ (HNWI), deren investierbares Vermögen, ohne die selbstgenutzten Immobilien, über einer Million Dollar liegen.

Dabei kann man davon ausgehen, dass der IT-Dienstleister Capgemini, der den World Wealth Report 2016 seit zwanzig Jahren jedes Jahr erstellt, einen guten Einblick in die Welt des Superkapitals hat. Es ist die größte Unternehmensberatung europäischen Ursprungs, arbeitet eng mit der französischen Sogeti zusammen und hat vor sechzehn Jahren die Consultingsparte von Ernst & Young übernommen.

Andere Statistiken, wie der Global Wealth Report der Crédit Suisse, kommen zu ähnlichen, wenn nicht noch höheren Zahlen. Mehrere Statistiken bestätigen, dass mittlerweile das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr Reichtum besitzt als die übrigen 99 Prozent. Wie eine Studie von Oxfam vor wenigen Monaten aufzeigte, verfügen 62 Einzelpersonen über genauso viel Vermögen wie die 3,6 Milliarden Menschen der ärmeren Hälfte der Menschheit.

Der World Wealth Report spekuliert darauf, dass die kombinierten Vermögen der Dollar-Millionäre bis zum Jahr 2025 die hundert-Billionen-Marke übertreffen könnten. Dies könnte sich als Fehlkalkulation erweisen. Am gleichen Tag, als der Bericht erschien, sagte Yannick, ein Autoarbeiter von PSA Peugeot-Citroën, auf einer Demonstration in Paris zu einem WSWS-Reporter: „Früher oder später gibt es eine Reaktion. Man kann einen Dampfkochtopf nicht immer mehr aufheizen – es gibt eine Temperaturgrenze, bei der er explodiert. Die Bosse sind auf der ganzen Welt gleich. Früher oder später werden sie es so weit treiben, dass es zur sozialen Revolution kommt.“

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