Türkische Zeitung macht US-General hinter gescheitertem Putsch aus

Von Johannes Stern
29. Juli 2016

Vor zwei Wochen scheiterte der Militärputsch in der Türkei, mit dem der gewählte Präsident Recep Tayyip Erdogan gestürzt und ermordet werden sollte. Seither werden immer mehr Einzelheiten über die tiefe Verstrickung der USA in das brutale Vorgehen bekannt, bei dem das Parlament bombardiert wurde und 246 Menschen ums Leben kamen.

In einem Artikel mit dem Titel „US-Kommandeur Campbell: Der Mann hinter dem gescheiterten Putsch“ bezeichnet die konservative türkische Zeitung Yeni Safak den General John F. Campbell als „eine der hochrangigen Persönlichkeiten, die die Soldaten hinter dem Putschversuch in der Türkei organisiert und gesteuert haben“. Nach Angaben der Zeitung kommen die Informationen aus Quellen im Umfeld der laufenden Verfahren gegen Häftlinge, die am Putsch beteiligten waren.

Campbell ist ein pensionierter US-General und hat einige Erfahrung mit militärischen Interventionen und Kriegsverbrechen. Er war von August 2014 bis Mai 2016 Befehlshaber der Nato-Mission „Resolut Support“ und der Streitkräfte der USA in Afghanistan. Eines der größten Verbrechen der USA in dieser Zeit war der grausame Angriff auf ein Krankenhaus in Kundus im letzten Oktober. Dutzende unschuldige Patienten und medizinisches Personal wurden dabei getötet.

Laut Yeni Safak haben die laufenden Ermittlungen ergeben, dass Campbell vor dem Putschversuch seit Mai 2016 mindestens zweimal heimlich in die Türkei gereist ist. Militärquellen berichteten außerdem, der US-General habe auf dem Militärstützpunkt in Erzurum und dem Luftwaffenstützpunkt bei Incirlik eine Reihe von streng geheimen Treffen abgehalten. Campbell war der Mann, „der den Prozess anführte, Offiziere des Stützpunkts zu befördern oder auf die ‚schwarze Liste‘ zu setzen“.

Die türkische Zeitung beschreibt eine gewaltige, vom Pentagon und der CIA unterstützte Operation, die sich über mehrere Monate hinzog und bei der Milliarden Dollar flossen, um den Putsch gegen Erdogan vorzubereiten. Laut Angaben der Zeitung wickelte Campbell über die Bank UBA in Nigeria Transaktionen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Dollar ab. Auch soll er Verbindungen der CIA genutzt haben, um Geld an Militärangehörige in der Türkei weiterzuleiten, die den Putsch unterstützten.

Gestützt auf ihre Quellen berichtet die Zeitung weiter, dass „eine 80-köpfige Spezialeinheit der CIA“ mit Kräften innerhalb des türkischen Militärs zusammengearbeitet hat, die den Putsch unterstützten und dem in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen nahestehen. Es wird weithin angenommen, dass der Geistliche mit der CIA zusammenarbeitet. Erdogan selbst hat seinen ehemaligen Verbündeten und heutigen Erzfeind beschuldigt, der Drahtzieher des Putsches zu sein.

Laut Yeni Safak führten die Pro-Gülen-Offiziere auf dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik bereits im Jahr 2015 Vorbereitungsarbeiten durch. So begannen sie, alle ihrem Kommando unterstehenden Soldaten in drei Gruppen einzuteilen: Gegner, Neutrale und Unterstützer. Soldaten, die man als Gegner einer Militärjunta einschätzte, wurden von der „finanziellen Unterstützung“ ausgeschlossen. Armeeangehörigen, die als „diejenigen, die mit uns gehen werden“ eingestuft wurden, ließ man die größten Geldbeträge zukommen.

Der Zeitung zufolge begannen die Geldtransaktionen mit Hilfe eines beauftragten „Kuriers“ im März 2015.

Eine Tasche mit einer großen Summe Geld wurde im Zimmer des Brigadegenerals Mehmet Dişli gefunden, einer der hochrangigen Militärs, die wegen Beteiligung am Putschversuch verhaftet wurden.

General Campbell wies die Anschuldigungen der türkischen Zeitung empört zurück. Er sagte gegenüber dem Wall Street Journal, der Bericht sei keine Antwort wert und „absolut lächerlich“. Präsident Barack Obama hatte bereits in der letzten Woche erklärt: „Sämtliche Berichte, dass wir im Voraus irgendwelche Kenntnisse über den Putschversuch hatten, dass es irgendeine US-Beteiligung daran gab und dass wir irgendetwas anderes getan haben, als die türkische Demokratie zu unterstützen, sind absolut und eindeutig falsch.“

Es ist nicht möglich zu beurteilen, ob alle Details im Bericht von Yeni Safak der Wahrheit entsprechen. Aber weit davon entfernt, „lächerlich“ oder „absolut falsch“ zu sein, steht außer Zweifel, dass das Pentagon und die CIA in dem Putschversuch eine wichtige Rolle spielten.

Mittlerweile gilt es als relativ sicher, dass der Luftwaffenstützpunkt Incirlik das Zentrum des Putsches war. Auf Incirlik sind zirka 5.000 US-Soldaten der Luftwaffe stationiert, hier lagert das umfangreichste US-Atomwaffenarsenal in Europa, und es dient als Basis für die von den USA geführten Bombenangriffe auf Syrien und den Irak.

Während des Putschversuchs starteten und landeten türkische Kampfflugzeuge der Putschisten vor den Augen des US-Militärs auf Incirlik. Nachdem klar war, dass der Putsch scheitern würde, ersuchte der Befehlshaber des Stützpunkts General Bekir Ercan Van die USA um Asyl. Von den Hintermännern in Washington jedoch offensichtlich im Stich gelassen, wurden er und andere am Putsch beteiligte Soldaten des Stützpunkts verhaftet.

Kurz nach dem gescheiterten Putsch, behauptete der türkische Arbeitsminister Suleyman Soylu in dem Sender Haberturk direkt: „Die Vereinigten Staaten stehen hinter dem Putsch.“

Tatsache ist, dass die USA eine lange und blutige Geschichte in der Unterstützung von Militärputschen in der Türkei hat. Damit verteidigt das Land seine geostrategischen Interessen. 1960 haben die USA den Putsch gegen den damaligen Premierminister Adnan Menderes unterstützt, nachdem er sich um Wirtschaftshilfe an Moskau gewandt hatte. Der Putsch von 1980 begann nur Stunden, nachdem der Chef der Luftwaffe von einer offiziellen Reise nach Washington zurückgekehrt war. Das US-Außenministerium gab den Putsch noch vor der türkischen Regierung öffentlich bekannt.

Die erste Reaktion der US-Regierung auf den jüngsten Putschversuch war in hohem Maße suspekt. Während der Putsch noch im Gange war, rief Außenminister John Kerry in sehr allgemein gehaltenen Worten zu „Stabilität und Kontinuität innerhalb der Türkei“ auf. Wie im Fall von Ägypten, wo die USA 2013 den Militärputsch gegen den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi unterstützt hatten, rief Washington nicht dazu auf, den demokratisch gewählten Präsidenten zu verteidigen, und äußerte keinerlei Besorgnis über dessen persönliche Sicherheit oder gar Überleben.

Die Tatsache, dass die Regierung Obamas eigentlich einen erfolgreichen Putsch wollte und sich Erdogan lieber tot als lebendig wünschte, kommt am deutlichsten in der Reaktion der amerikanischen Medien zum Ausdruck. Kaum, dass der Putsch gescheitert war, begannen die Zeitungen mit einer konzertierten Propagandakampagne gegen Erdogan und seine Regierung. Um nur einige Beispiele zu nennen: The Economist beschuldigte den türkischen Präsidenten, er „inszeniere seinen eigenen Putsch gegen den türkischen Pluralismus“. The Hill beschwerte sich darüber, dass der „gescheiterte Putsch Putin hilft“, und die New York Times öffnete ihre Kommentarspalten für Gülen.

Je mehr Beweise für eine Beteiligung der USA am Putsch auftauchen, umso angespannter werden die Beziehungen zwischen Ankara und Washington. Am Dienstag forderte die türkische Regierung die Vereinigten Staaten erneut öffentlich auf, Gülen sofort auszuliefern. Außenminister Mevlut Cavusoglu erklärte in einem bei Al-Jazeera veröffentlichten Artikel, dass das „türkische Volk entsetzt darüber ist, dass die USA darauf bestehen, ihm Unterschlupf zu gewähren“. Er warnte davor, dass die Entscheidung über die Auslieferung „die zukünftigen Beziehungen“ zwischen den USA und der Türkei „beeinflussen könnten“. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Andy-Ar vom 26. Juli 2016 ergab, dass fast zwei Drittel der Bevölkerung des Landes glauben, dass der von den USA geschützte Geistliche den Putsch inszeniert hat.

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