Hunger und die katastrophale Lage der amerikanischen Jugend

14. September 2016

Zwei Analysen, die diese Woche veröffentlicht wurden, werfen ein grelles Licht auf die soziale Katastrophe in den Vereinigten Staaten und ihre Auswirkung auf Amerikas Jugend.

Die Berichte „Unmögliche Auswahlmöglichkeiten: Jugendliche und unsichere Ernährung in Amerika“ (Urban Institute) und „Den Tisch für die Jugend decken: Ein Fokus auf unsichere Ernährung in Amerika“ (Feeding America) stützen sich auf gemeinsame Forschungen der beiden Organisationen. Sie zeigen den verbreiteten Hunger und die katastrophalen Alternativen auf, vor denen junge Menschen stehen, die sich selbst, ihre Familien und ihre Freunde ausreichend zu ernähren versuchen.

2015 befanden sich 12,7 Prozent der amerikanischen Haushalte in einer prekären Ernährungslage, was bedeutet, dass sie irgendwann in dem Jahr Probleme hatten, allen ihren Mitgliedern aufgrund unzureichender Mittel ausreichend Nahrungsmittel zu gewährleisten. Zu diesen vierzig Millionen Menschen in Amerika, die kämpfen müssen, um genug zu essen zu haben, befinden sich schätzungsweise 6,8 Millionen junge Menschen im Alter von zehn bis siebzehn Jahren. 2,9 Millionen von ihnen befinden sich nach Angaben eines Experten für Ernährungssicherheit in einer sehr prekären Ernährungslage.

Die neuen Untersuchungen zeigen, dass zusätzlich zu den „traditionellen“ Überlebensstrategien wie dem Auslassen einer Mahlzeit und dem Essen billiger Nahrungsmittel diese Jugendlichen und älteren Kinder zunehmend gezwungen sind, Ladendiebstähle zu begehen, Drogen zu verkaufen, sich einer Gang anzuschließen oder ihre Körper für Geld zu verkaufen, um anständig essen zu können.

An der Studie beteiligte Forscher sprachen über einen Zeitraum von drei Jahren mit Teenagern in zehn verschiedenen Fokus-Gruppen aus benachteiligten Stadtteilen mit geringem Einkommensniveau in verschiedenen Teilen des Landes. Die Forscher sprachen mit Jugendlichen unterschiedlicher Hautfarbe und mit unterschiedlichem Hintergrund, die in Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigem Lohnniveau und unsozialen Arbeitszeiten leben. In anderen Stadtteilen gab es nur Arbeitsplätze, die Fertigkeiten erfordern, über die die Eltern der Jugendlichen nicht verfügen.

Infolge der jahrzehntelangen Kürzung von Sozialprogrammen und der langfristigen Folgen der Großen Rezession gehen vielen Eltern schon Mitte des Monats die Lebensmittel aus. Unter diesen Umständen fühlen sich viele Jugendliche, besonders solche mit jüngeren Geschwistern, in der Pflicht, zur Ernährung der Familie beizutragen. „Wenn es so ist, dann kann ich auf eine Mahlzeit verzichten,“ sagte ein Teenager, der in Chicago interviewt wurde. „Solange meine beiden jüngeren Geschwister wohlauf sind, ist alles gut, nur darauf kommt es an.“

Viele dieser Familien sind mit einer Verkettung unglücklicher Umstände bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln konfrontiert. Lebensmittelläden, die preisgünstige und nahrhafte Lebensmittel verkaufen, sind selten und die Kosten und der Zeitaufwand, bessere Läden aufzusuchen, sind unerschwinglich. Daher essen Jugendliche häufig in Fast Food Restaurants, an Tankstellen und in Krämerläden. „Wenn du pleite bist, dann nimmst du das Ein-Dollar-Menu“, sagte ein Junge aus San Diego.

Einige Jugendliche mit prekärer Lebensmittelversorgung suchen Arbeit, um zum Nahrungsmittelbudget der Familie beizutragen, müssen aber feststellen, dass sie in Konkurrenz zu Erwachsenen um eine begrenzte Zahl gering qualifizierter und niedrig bezahlter Arbeitsplätze stehen, meistens in Fast Food Restaurants und im Einzelhandel. Wenn sich diese Möglichkeiten zerschlagen, dann greifen einige Teenager in ihrer Verzweifelung auf Möglichkeiten „außerhalb der legalen Ökonomie“ zurück, um an etwas Geld zu kommen, so die Forscher.

Männliche Jugendliche in prekärer Lebensmittellage berichteten, dass Diebstahl und der Verkauf von Drogen Strategien sind, um Geld für den Kauf von Lebensmitteln und anderen Gütern des Grundbedarfs zu bekommen. Das bringt sie und andere in persönliche und juristische Schwierigkeiten. „Drogen, Alkohol, Alles“, sagte ein Mädchen aus dem ländlichen Oregon. „Schlimme Sachen, die früher erst an der High School genommen wurden, gibt es heute schon an der Junior High School oder sogar an der Grundschule.

Jugendliche in prekärer Ernährungslage, besonders Mädchen sind anfällig für ein weiteres hinterhältiges Risiko: der sexuellen Ausbeutung. Jugendliche an allen Orten, an denen die Studie durchgeführt wurde, berichteten über Mädchen, die Sex für Geld hatten, um Lebensmittel und andere notwendige Dinge kaufen zu können.

Das nimmt oft die Form eines „Geschäftstermins“ an, bei dem sich die Jugendliche regelmäßig mit jemandem, meistens einem älteren Mann, trifft und Sex mit ihm hat und dafür Lebensmittel, eine Mahlzeit, Bargeld oder sonstige materielle Dinge bekommt. „Das ist, als ob du dich selbst verkaufst“, sagte eine Jugendliche in Portland, Oregon. „Du tust alles, um Geld oder etwas zu essen zu bekommen.“

Eine geringere Zahl von Jugendlichen greift zur Strategie, absichtlich verhaftet zu werden, um regelmäßig essen zu können – im Gefängnis.

Drogenhandel, Diebstahl, freiwilliger Gefängnisaufenthalt, sexuelle Ausbeutung: das sind die Alternativen einer beträchtlichen Zahl von Teenagern in Amerika, zu denen sie greifen, um Essen für sich und ihre Familien auf dem Tisch zu haben. Diese tragische Realität der Generation derer, die in dem neuen Jahrhundert geboren wurden, spricht Bände über die soziale Ungleichheit und den Zustand der Klassenbeziehungen in Amerika im Jahr 2016.

In einer rationalen Welt würde man dicke Schlagzeilen und eine nationale Debatte darüber erwarten, wie der Hunger unter Jugendlichen bekämpft werden kann. Aber in dem aktuellen politischen Klima, das von dem Wahlkampf der beiden Vertreter der Wirtschaftsinteressen bestimmt wird, haben die Untersuchungen kaum Aufmerksamkeit erhalten. Diese Krise findet in den Wahlkämpfen von Clinton und Trump keine Erwähnung. Sie ignorieren die soziale Katastrophe völlig, vor der die Arbeiterklasse im Amerika des 21. Jahrhunderts steht. Auch die Propagandisten der Identitätspolitik aus der oberen Mittelklasse im Umfeld der Demokratischen Partei interessieren sich nicht besonders für die schlimmen Umstände, die armen Mädchen aufgezwungen werden.

Der katastrophale Zustand des gesellschaftlichen Lebens in den Vereinigten Staaten, von dem die beiden Untersuchungen nur eine Momentaufnahme vermitteln, ist das Ergebnis jahrzehntelanger sozialer Konterrevolution, die von beiden Parteien der Wirtschaft vorangetrieben wurde. Die Clintons tragen dafür besondere Verantwortung, weil es die Regierung von Bill Clinton war, die das Sozialsystem der USA ausgeweidet hat und für eine enorme Zunahme von Armut und Hunger verantwortlich ist.

Obama hat seinerseits dafür gesorgt, dass bei der Ausgabe von Lebensmittelmarken (dem SNAP-Programm) 8,6 Mrd. Dollar eingespart wurden. Er hat wiederholt verkündet, dass das Leben in Amerika wunderbar sei. Eine Untersuchung vom Anfang des Jahres hatte herausgefunden, dass eine Million Menschen in den ganzen USA als Ergebnis von Clintons Reform der Sozialhilfe im Laufe des Jahres 2016 aus dem SNAP-Programm herausfallen werden.

Arbeiterfamilien hören immer, dass „kein Geld da ist“, um die Lebensmittelhilfen weiterzuführen. In Wirklichkeit müssen diese und andere Sozialprogramme gekürzt werden, um den Kriegshaushalt des Pentagon und neue Kriege zu finanzieren. Wer immer ab Januar im Weißen Haus sitzen wird, wird noch schärfere Sozialkürzungen durchführen.

Eine Gesellschaft sollte danach beurteilt werden, wie sie für die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Schwächsten und Jüngsten sorgt. In einer gerechten Gesellschaft sollten Kinder und Jugendliche ausreichend gesunde Nahrungsmittel zu ihrer Verfügung sowie ein Dach über dem Kopf haben. Sie müssen eine gute Ausbildung erhalten und die Gelegenheit haben, sich in den Künsten, dem Sport und anderen Interessen zu üben, während sie sich auf einen Beruf vorbereiten. Das sind unveräußerliche soziale Rechte, die garantiert sein müssen.

Während die Medien und das politische Establishment es vorziehen, die jüngste Untersuchung über prekäre Versorgung mit Lebensmitteln zu ignorieren, müssen Arbeiter und Jugendliche sie als besonders üble Folge des veralteten und barbarischen kapitalistischen Profitsystems verstehen.

Kate Randall

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