Die „großen und verheerenden“ Kriege der Zukunft

5. Oktober 2016

Am 20. September veröffentlichte die einflussreiche geopolitische US-Denkfabrik Atlantic Council einen Bericht mit dem Titel The Future of the Army (Die Zukunft der Armee). Dieses Dokument schildert die weitreichenden Vorbereitungen der USA auf – so wörtlich – „große und verheerende“ Kriege zwischen „Großmächten“, die zu „beträchtlichen Opferzahlen“ und „Tod und Zerstörung in hohem Ausmaß“ führen würden.

Der Bericht bestätigt die Warnungen der World Socialist Web Site und der Kandidaten der Socialist Equality Party für die US-Präsidentschaftswahl 2016, dass die Welt so nahe am Rande eines Krieges steht wie zuletzt 1939.

Einer der Verfasser des Dokuments war Generalleutnant David Barno, der von 2003 bis 2005 die von den USA geführten Truppen in Afghanistan befehligt hatte. Zuvor war er bereits an den amerikanischen Invasionen in Grenada 1983 und in Panama 1988 beteiligt gewesen. Herausgeber des Dokuments ist das Brent Scowcroft Center on International Security, das zum Atlantic Council gehört und nach dem wichtigsten Militärberater der Regierungen von Gerald Ford, Richard Nixon, George H.W. Bush und Barack Obama benannt wurde.

Die nahe Zukunft der Jahre 2020 bis 2025 wird als eine erschreckende Dystopie geschildert, geprägt von immer weiter steigender Ungleichheit, wirtschaftlicher Unsicherheit und ständigem Krieg. Wörtlich heißt es: „Die heutigen Verhältnisse zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen werden sich stark verschärfen. Wer das Glück hat, einen Arbeitsplatz und Zugang zu fantastischer Technologie zu haben, wird im krassen Gegensatz zu hunderten Millionen Menschen leben, die in einem zerstörten Umfeld ums Überleben kämpfen.“

Diese Welt „wird geprägt sein vom Zusammenbruch der Ordnung, weit verbreitetem gewalttätigem Extremismus und aggressiven großen Staaten.“ Die internationale Situation wird beeinflusst werden von „unvorhergesehenen und unvorhersehbaren Ereignissen“, darunter der Möglichkeit eines „atomaren Schlagabtauschs.“ Der Atlantic Council prognostiziert, dass die Landkriegsführung zunehmend von „Kämpfen in bewohntem Gebiet“ dominiert sein wird. Armeen werden „in dicht besiedelten Stadtgebieten [operieren], in denen die Zivilbevölkerung Teil des Schlachtfelds ist.“

Über die derzeitige Lage heißt es in dem Bericht, die Vereinigten Staaten befänden sich „in einer Ära dauerhafter Kriegsführung.“ Er weist darauf hin, dass „die Kriege in Afghanistan und im Irak nach fünfzehn Jahren noch immer andauern.“ Zudem fänden „immer mehr Konflikte in der Grauzone statt, deren Hauptcharakteristikum ihre Unklarheit über ihre Ziele, Teilnehmer und Ergebnisse ist, da sie eindeutig keine klaren Endpunkte haben.“

Allerdings mahnt das Dokument an: „Das Militär darf sich nicht nur auf diese Art von Konflikten konzentrieren.“ Es muss sich auf das vorbereiten, „was wir den 'nächsten großen Krieg' nennen. Er wird gegen sehr fähige Gegner geführt werden, ein hohes Ausmaß von Tod und Zerstörung nach sich ziehen und möglicherweise werden hunderttausende US-Soldaten involviert sein.“

Als Grund für die Wahrscheinlichkeit eines solchen Kriegs nennt der Atlantic Council den „Wiederaufstieg Russlands“. Dieser würde die Nato dazu zwingen, „sich erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges ernsthaft auf die Möglichkeit eines Angriffs durch Russland auf eines oder mehrere Mitglieder vorzubereiten.“ Auch China ist laut dem Atlantic Council „zunehmend aggressiv geworden.“

Der Bericht weist darauf hin, dass während des Irakkriegs 5.366 US-Soldaten getötet wurden. Daraufhin wird erklärt, im „nächsten großen Krieg“ würden die Gewalt und die Opferzahlen das Niveau des Irak, Afghanistans und Syriens weit überschreiten. Der Bericht kritisiert, dass das Militärpersonal „nicht durch persönliche Erfahrungen psychologisch auf die schwere Aufgabe vorbereitet wurde, sich auf dem Schlachtfeld durch schwere Verluste zum Sieg durchzukämpfen.“ Er warnt, die derzeitige Militärführung habe „kaum oder gar keine Erfahrungen mit den extremen Belastungen, die überrannte Einheiten und hohe Opferzahlen auf dem Schlachtfeld verursachen“, und fügt hinzu: „Diese Belastungen waren in früheren Konflikten der USA üblich und werden es vermutlich auch in einem künftigen großen Krieg sein.“

Laut dem Bericht könnte ein „künftiger großer Krieg gegen eine konkurrierende Großmacht eine vielfache Vergrößerung des Militärs erfordern, andernfalls könnte es sich nicht durchsetzen.“ Zu diesem Zweck müsse das Militär beginnen, eine „massive Mobilisierung“ zu planen. Der Atlantic Council erklärt, das Militär müsse aufgrund der „zunehmenden Bedrohungen in der modernen Welt [...] wieder einen Mobilmachungsplan entwerfen, um die Größe der Armee schnell erhöhen und auf eine existenzbedrohende nationale Krise reagieren zu können.“ Mit anderen Worten: es muss sich vorbereiten auf die Einführung der Wehrpflicht.

Zuletzt muss dem Bericht zufolge eine Intervention oder sogar eine Machtübernahme des Militärs im Inneren aktiv vorbereitet werden – für den Fall eines, wie es in dem Bericht euphemistisch heißt, „Zusammenbruchs der zivilen Ordnung“, d.h. einer politischen Gefahr für die Herrschaft der herrschenden Klasse von unten. Der Atlantic Council schreibt, im Falle einer „umfassenden Störung der zivilen Ordnung [...] würde mit Sicherheit ein Großteil des Militärs die zivilen Behörden im ganzen Land umfassend unterstützen.“

Die amerikanische Bevölkerung taucht in dieser Analyse nur als Zielscheibe der Unterdrückung durch das Militär auf. Den Beteiligten an der Vorbereitung einer solchen Politik kommt nie der Gedanke, die Bevölkerung dazu zu befragen. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass sie sich einer Vorgehensweise unterwirft, die zu Tod und Zerstörung von entsetzlichem Ausmaß führen wird.

Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl findet keinerlei Diskussion darüber statt, diese Fragen werden nicht einmal angedeutet. Die Medien und die Kandidaten des Establishments versuchen, die wirklich drängenden Angelegenheiten zu vertuschen. Die Fragen, bei denen es um Leben und Tod geht, werden vor den Kameras verborgen. Sie fallen in den Zuständigkeitsbereich des „tiefen Staates“ – des Pentagon, der Geheimdienste und den Denkfabriken aus ihrem Umfeld.

Für den 9. Oktober ist die zweite Schlammschlacht zwischen Hillary Clinton und Donald Trump angekündigt. Doch schon heute kann es als sicher gelten, dass keines der Themen aus dem Bericht des Atlantic Council bei der Fernsehdebatte angesprochen werden wird. Egal ob Trump oder Clinton die Wahl im nächsten Monat gewinnen, die Kriegsvorbereitungen werden weitergehen. Solange die USA von einer mächtigen Finanzoligarchie und deren riesigem nationalen Sicherheitsapparat kontrolliert werden, sind Wahlen wenig mehr als eine Fassade. In Wahrheit wird die Politik hinter den Kulissen entschieden und aus dem Sichtfeld der Öffentlichkeit herausgehalten.

Arbeiter können den Kriegskurs nicht aufhalten, indem sie Clinton oder Trump oder die Kandidaten der kleineren kapitalistischen Parteien wählen, wie der Grünen oder der Libertären.

Nur die Mobilisierung der internationalen Arbeiterklasse kann die Entwicklung hin zu einem Krieg aufhalten. Arbeiter und Jugendliche, die eine wirkliche Alternative zum Krieg suchen, sollten den Wahlkampf von Jerry White und Niles Niemuth unterstützen, die bei der Wahl 2016 als Präsidentschafts- bzw. Vizepräsidentschaftskandidaten der Socialist Equality Party antreten. Außerdem sollte jeder an der SEP-Veranstaltung „Sozialismus versus Kapitalismus und Krieg“ teilnehmen, die am 5. November in Detroit stattfindet.

Andre Damon