„Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944“

Eine zeitgemäße Ausstellung in Berlin

Von Verena Nees
22. Oktober 2016

Eine kleine Ausstellung, aber gerade heute von großer Bedeutung: 75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Massaker von Babij Jar zeigt das Berliner Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ Dokumente, Fotos, Videos und Audiodokumente zu den Massenerschießungen, die deutsche Truppen und Polizeieinheiten auf dem Gebiet der Sowjetunion verübten.

Die Ausstellung „Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944“ richtet das Augenmerk auf die wenig bekannte Tatsache, dass unmittelbar nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 22. Juni 1941 eigens aufgestellte „Einsatzgruppen“ in Zusammenarbeit mit Wehrmacht und Polizei systematisch Erschießungen von Juden, anderen Zivilisten und Rotarmisten durchführten. Für Frauen und Kinder setzten die Kommandeure später spezielle Gaswagen ein, um den Soldaten der Erschießungskommandos den Anblick schreiender Kinder und Frauen zu ersparen.

Ein Aspekt, der gewöhnlich nicht thematisiert wird, ist die Tatsache, dass von den sechs Millionen ermordeten Juden Europas rund 2,1 Millionen in der Sowjetunion nicht in KZs, sondern durch solche massenhafte Exekutionen und Gaswagen ums Leben kamen.

Landkarte. Die schwarzen Punkte kennzeichnen Orte von Massenerschießungen. © Jürgen Sendel - Stiftung Topographie des Terrors

Erschüttert steht der Besucher vor einer Landkarte gleich am Eingang der Ausstellung. Das Massaker von Babij Jar vom 29. und 30. September 1941, dem fast 34.000 Juden aus Kiew zum Opfer fielen, ist den meisten ein Begriff. Aber das schiere Ausmaß der Massenerschießungen, auf der Karte durch schwarze Punkte gezeigt, ist wenig bekannt.

Eingezeichnet sind 573 Orte in einem breiten Landstrich vom lettischen Riga an der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Hier allein gab es nach bisherigem Forschungsstand etwa 1,52 Millionen Opfer. Wie neben der Karte erläutert wird, zeigen die schwarzen Punkte nur die Städte und Dörfer, in denen über 500 jüdische Kinder, Frauen und Männer erschossen wurden. Hinzu kämen an vielen Tatorten die Ermordung von Nichtjuden: „kommunistische Funktionäre, Roma oder Patienten psychiatrischer Anstalten“. Es gebe zudem noch eine Vielzahl weiterer Massaker mit kleineren Opferzahlen, die nicht eingezeichnet und auch noch unzureichend erforscht seien.

Die Dokumentation der Berliner Ausstellung reicht von schockierenden Fotos des Massakers in Babij Jar und anderer Massenerschießungen, die von beteiligten Wehrmachtsoldaten heimlich angefertigt und befehlswidrig nicht beim Kommandeur abgegeben wurden, über sogenannte Ereignismeldungen der Chefs der Einsatzgruppen, die akribisch die Zahlen der Erschossenen auflisteten, bis zur juristischen Aufarbeitung nach dem Krieg, bei der die meisten in Nürnberg verurteilten Kommandeure der Einsatzgruppen schnell wieder freigelassen wurden. Die Beteiligung der Wehrmacht an den Massenerschießungen wurde lange totgeschwiegen.

Einen großen Raum der Sonderschau nimmt die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Mizocz im westlichen sowjetischen Grenzgebiet Wolhynien ein. Der polnische Teil Wolhyniens, zu dem die Kleinstadt Mizocz gehörte, war als Teil des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 an die Sowjetunion gefallen. Allein in Wolhynien, das heute teilweise zur Ukraine gehört, wurden zwischen Mai und Dezember 1942 etwa 160.000 Juden ermordet.

Mit der Chronik der Ereignisse in Mizocz gibt die Ausstellung den Massenerschießungen ein Gesicht: Bilder aus der Zeit vor 1941, ein katholischer Kindergarten, Frauen beim Spaziergang, eine Zuckerfabrik, in deren Nähe im Oktober 1942 die Erschießungen stattfanden, Bilder aus Familienalben, Angehörige des sozialistisch-zionistischen Jugendverbands Gordonia mit einem Schild „Arbeitergruppe“.

Dokumentiert werden Exekutionen im Wald, öffentliche Hinrichtungen und schließlich die brutale Massenerschießung Mitte Oktober 1942, bei der allein 1500 jüdische Männer, Frauen und Kinder exekutiert wurden. Ein Gendarmerieposten hielt das Massaker auf Fotos fest. Dokumentiert werden auch die Rettungsversuche des leitenden Ingenieurs Gräbe der Firma Josef Jung, die viele jüdische Zwangsarbeiter einsetzte, sowie die Bildung einer Widerstandsgruppe von Jugendlichen im September 1942, die sich mit Äxten, Messern und Eisenstangen bewaffnete.

Außerdem wird die zentrale Rolle ukrainischer Nationalisten der UPA (Ukrainische Aufständische Armee) bei den Judenverfolgungen gezeigt. Sie waren es, die die Mizoczer Juden aus dem Ghetto und zu den Gruben trieben. In der Folgezeit machten Angehörige der UPA, die von heutigen ukrainischen Faschisten als Helden verehrt werden, immer wieder Jagd auf überlebende Juden.

Die Ausstellung bleibt jedoch nicht bei der Schilderung des Grauens stehen: Sie macht deutlich, dass die Massenerschießungen nicht Exzesse einzelner Kommandeure waren, sondern eine gewollte und bewusst geplante Politik der NS-Führung.

An prominenter Stelle zeigt sie den „Kommissarbefehl“ vom 6. Juni 1941. Mehr als zwei Wochen vor Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ erging er an die Wehrmachtsführung und wies sie an, politische Kommissare in der Roten Armee „grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen“.

„Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen“, heißt es als Begründung in dem Schreiben des OKW (Oberkommando der Wehrmacht), das von Alfred Jodl unterzeichnet ist. „Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme diesen Elementen gegenüber“ sei deshalb falsch. Und weiter: „Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese muss daher sofort und ohne Weiteres mit aller Schärfe vorgegangen werden. …“

Am 2. Juli 1941 richtete der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, eine ergänzende Weisung an die höheren SS- und Polizeiführer: „Zu exekutieren sind alle Funktionäre der Komintern (wie überhaupt die kommunistischen Berufspolitiker schlechthin); die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre der Partei, der Zentralkomitees, der Gau- und Gebietskomitees; Volkskommissare; Juden in Partei- und Staatsstellungen; sonstigen radikalen Elemente (Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer usw.)“

Zwei Dinge werden hiermit klar: Erstens stand für Hitler von Anfang an das Ziel im Mittelpunkt, die „jüdisch-bolschewistische“ Führungsschicht der Sowjetunion zu vernichten. Die Juden hasste Hitler in erster Linie deshalb, weil sie in der Oktoberrevolution und der Arbeiterbewegung eine führende Rolle spielten. Ein linker Journalist der Weimarer Republik, Konrad Heiden, brachte diese Tatsache auf den Punkt: „Nicht Rothschild der Kapitalist, sondern Karl Marx der Sozialist schürte Adolf Hitlers Antisemitismus.“ (zitiert nach David North: „Antisemitismus, Faschismus und Holocaust“).

Zweitens war der Krieg gegen die Sowjetunion anders als der Krieg im Westen von vornherein als Vernichtungskrieg geplant. Dies unterstrich auch der Auftaktvortrag zur Ausstellung unter dem Titel „Barbarossa: Strategische Planungen und politische Vorentscheidungen, Juni 1940–Juni 1941“, den der Freiburger Historiker Ulrich Herbert hielt. Schon im Juli 1940, ein knappes Jahr nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts, habe Hitler der Wehrmachtsführung seinen Entschluss mitgeteilt, „Russland zu erledigen“.

Herbert betonte, dass Hitler unter dem Motto „Lebensraum im Osten“ ein Kolonialgebiet für die deutsche Wirtschaft erobern wollte, um Rohstoffe auszubeuten und Siedlungsraum für die Nahrungssicherung zu schaffen. Lange vor dem Krieg habe daher SS-Führer Himmler eine Gruppe Wissenschaftler an der Berliner Universität unter Leitung des Agrarwissenschaftlers Konrad Meyer beauftragt, den „Generalplan Ost“ auszuarbeiten. Er sah für die eroberten Gebiete menschenleere Regionen vor, die die Ermordung und Deportation der Zivilbevölkerung voraussetzten.

Die Behauptung des Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte, der in den 80er Jahren den Vernichtungskrieg als präventive Maßnahme und verständliche Reaktion auf die Gewalt der Bolschewiki bezeichnete und damit einen Historikerstreit auslöste, wies Herbert ausdrücklich zurück.

Der Große Terror Stalins, der sich gegen die bolschewistischen Führer der Oktoberrevolution 1917 richtete und dem auch die Führung der Roten Armee zum Opfer fiel, hat in Wirklichkeit Hitler in die Hände gespielt. Als die Wehrmacht einmarschierte, war die Rote Armee völlig überrascht und erlitt riesige Verluste. Die Opfer mit 27 Millionen Toten allein in der Sowjetunion, davon 14 Millionen in der Zivilbevölkerung, sprechen für sich.

Nolte begründete seine Position fast wortgleich wie der „Kommissarbefehl“ der Nazis: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ‚asiatische‘ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ‚asiatischen‘ Tat betrachteten?“ (zitiert nach Christoph Vandreier: „Jörg Baberowskis Geschichtsfälschung“).

Heute wird diese Geschichtsrevision durch den Inhaber des Osteuropa-Lehrstuhls an der Humboldt-Universität Jörg Baberowski wiederbelebt und verschärft: In seinen Büchern Verbrannte Erde und Räume der Gewalt attackiert er die „Massengewalt“ der Bolschewiki, die die Grundlage für die Gewalttaten der Wehrmacht gelegt habe. Und in einer Publikation von 2007 behauptet Baberowski sogar: „Stalin und seine Generäle zwangen der Wehrmacht einen Krieg neuen Typs auf, der die Zivilbevölkerung nicht mehr verschonte.“ („Kriege in staatsfernen Räumen“, zitiert nach ebd.) Baberowski lässt allerdings anders als Nolte das Fragezeichen weg.

Die Ausstellung zu den Massenerschießungen ist eine schlagende Widerlegung dieser Geschichtsfälschung und zeigt, wie sehr sie den Propagandalügen der NS-Führung ähnelt.

„Massenerschießungen. Der Holocaust zwischen Ostsee und Schwarzem Meer 1941–1944“
28. September 2016 bis 19. März 2017
Täglich 10 bis 20 Uhr. Eintritt frei.
Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin

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