Nach Trumps Wahlsieg: Michael Eric Dyson attackiert die „weiße Arbeiterklasse“

Von Fred Mazelis
28. Dezember 2016

Mit seiner Kolumne vom 18. Dezember setzt der US-Autor Michael Eric Dyson den Feldzug der Identitätspolitiker gegen all jene fort, die Kritik an der Ansicht wagen, dass die wichtigste Trennlinie in der amerikanischen Gesellschaft durch Hautfarbe bestimmt sei.

Dyson ist Professor an der Universität Georgetown, Schriftsteller und freiberuflicher Mitarbeiter der New York Times. Sein Artikel in der Times-Sonntagsausgabe trägt die Überschrift: „Donald Trumps rassistische Ignoranz“. Schon nach wenigen Absätzen wird jedoch deutlich, dass sich sein Angriff in Wirklichkeit nicht gegen Donald Trump, sondern gegen die Arbeiterklasse richtet.

Führende Demokraten haben sich große Mühe gegeben, eine Erklärung für Hillary Clintons überraschende Wahlniederlage zu finden, nachdem sie so zuversichtlich ihren Sieg vorausgesagt hatten. Laut der vorherrschenden Erklärung, die die Times und auch Bill und Hillary Clinton seit Wochen postulieren, haben „russische Hackerangriffe“ und die Einmischung von FBI-Direktor James Comey wegen Clintons E-Mails, nur wenige Tage vor der Wahl, dem Republikanischen Kandidaten den Sieg in wichtigen Bundesstaaten gesichert.

Doch diese Erklärung ist unwahrscheinlich, und viele Millionen Menschen glauben sie nicht. In den Wochen seit der Wahl ist es immer klarer geworden, dass der Hauptgrund für Trumps Erfolg seine Fähigkeit war, als „Anti-Establishment“-Kandidat aufzutreten. Dies wiederum war nur aufgrund der reaktionären Bilanz der Obama-Regierung und Hillary Clintons rechter Kampagne möglich.

Im Wahlkampf haben bedeutende Teile der Mainstreammedien und der herrschenden Elite auf Identitätspolitik gesetzt. Zusammen mit der Kriegstreiberei gegen Russland hat diese Politik den gesamten Inhalt von Clintons Wahlkampf ausgemacht. Diese auf Hautfarbe und Geschlechterfragen gegründete Politik verteidigen sie auch jetzt noch, wobei sich der Schwerpunkt auf die hysterischen Vorwürfe gegen Russland wegen der Hackerangriffe verschoben hat.

Dyson beteiligt sich aktiv an der Identitäts-Offensive. Das einzige Thema, über das er diskutieren will, ist Hautfarbe. Er wirft Trump vor, er „kenne“ die Schwarzen nicht, und fährt fort: „Die Forderungen der Linken nach der Wahl, die Identitätspolitik aufzugeben, zeigen, dass Trump mit dieser bewussten Unwissenheit nicht alleine dasteht … Vor uns liegt kein leichter Weg, hauptsächlich, weil Trumps Unwissenheit über Rassenfragen, sein eklatanter Mangel an Nuancen und seine Lernunfähigkeit zu dem Thema auch unter Liberalen und weißen Linken existiert.“

Dyson attackiert den Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders, der im Vorwahlkampf, als er sich als „demokratischer Sozialist“ bezeichnet und zu einer „politischen Revolution“ gegen die Milliardäre aufgerufen hatte, über dreizehn Millionen Stimmen erhalten und nur knapp gegen Clinton verloren hatte.

Dyson schreibt über ihn: „Bernie Sanders hat im Präsidentschaftswahlkampf 2016 auf Rassenfragen von Anfang an empfindlich reagiert. Eine offene, fordernde Schwarzheit war ihm unangenehm; er war nicht gewillt, seine Vorliebe aufzugeben und einmal nicht über Klassenfragen, sondern auch über Rassenfragen zu diskutieren … Sanders war offenbar im Herzen ein Mann des Volkes geblieben, vor allem wenn dieses Volk die weiße Arbeiterklasse war.“

Man muss den Sarkasmus beachten, mit dem Dyson die Phrase „Mann des Volkes“ benutzt. Er selbst stellt sich zwar als Vertreter des „schwarzen Amerika“ dar, vertritt aber in Wirklichkeit nur eine kleine Schicht der afroamerikanischen Bevölkerung, nämlich das wohlhabende Kleinbürgertum. Der Times-Kolumnist steht auf der Seite der herrschenden Elite und hat unabhängig von Hautfarbe und ethnischer Herkunft nur Verachtung für die Arbeiterklasse übrig.

Sanders' zurückhaltender Vorschlag, wenn nötig auch „über Identitätspolitik hinauszugehen“, erregt Dysons Zorn. Er zitiert Sanders' Aussage, es sei „für viele Amerikaner sehr leicht zu sagen: Ich hasse Rassismus, ich hasse Homophobie, ich hasse Sexismus“, während es „Menschen aus der Mittelschicht oder der gehobenen Mittelschicht schwerer fällt, zu sagen: Vielleicht müssen wir etwas gegen die Gier der Wall Street unternehmen“. Dies nennt Dyson ein „raffiniertes Stück Geschichtsrevisionismus“, denn: „Lange Zeit herrschte unter liberalen Eliten wenig Interesse an Diversität.“

In Wirklichkeit ist es Dyson, der Revisionismus oder noch Schlimmeres betreibt. Die herrschende Klasse der USA hat bereits vor mehr als vierzig Jahren das Mantra der Diversität für sich entdeckt und Programme wie Affirmative Action eingeführt. Die liberalen Eliten haben diese Herangehensweise keineswegs abgelehnt, vielmehr war sie ein entscheidendes Element der sozialen Konterrevolution der letzten vier Jahrzehnte: Gleichzeitig mit dem Angriff auf Arbeitsplätze und den Lebensstandard der Arbeiterklasse wurde eine privilegierte Schicht von Schwarzen, Latinos, Frauen und Homosexuellen in Chefetagen, politische Ämter, akademische Kreise, die Gewerkschaftsbürokratie und die Medien aufgenommen.

Die herrschende Klasse und beide kapitalistischen Parteien fördern schon seit Nixons Programm des „schwarzen Kapitalismus“ eine Spaltung der Bevölkerung nach Hautfarbe. Nixon verband seinen zynischen Einsatz für „Affirmative Action“ mit der berüchtigten „Southern Strategy“ (Südstrategie), mit welcher er die letzten Reste des Rassentrennungs-Establishments zum Eintritt in die Republikanische Partei bewegen wollte. Darauf folgten u.a. die Law-and-Order-Kampagnen der 1980er und 1990er Jahre.

Die Demokraten kamen derweil zum Schluss, dass jedes Programm zur Einführung auch nur ganz bescheidener Sozialreformen aufgrund des Niedergangs des amerikanischen Kapitalismus unmöglich geworden sei. Sie gaben jeden Anschein auf, sich auf die Arbeiter zu stützen und die Sozialprogramme der 1930er und 1960er zu verteidigen oder auszubauen. Insgeheim betrieben die beiden Parteien eine schmutzige Arbeitsteilung: Die Demokraten durften sich als Verteidiger der Schwarzen, Hispanics und Einwanderer inszenieren, während die weißen Arbeiter zunehmend als „privilegiert“ abgestempelt und den Republikanern überlassen wurden.

Natürlich ist Bernie Sanders kein Vertreter der Arbeiterklasse. Seine Differenzen mit Clinton und Dyson sind nur taktischer Natur. Sanders hat Clintons Nominierung unterwürfig akzeptiert und sich bei ihren Wahlkampfhelfern eingereiht. Und diese Bemühungen setzt er seit der Wahlniederlage der Demokraten fort, indem er versucht, den massiven Widerstand gegen Trump und die Wall Street in die Kanäle dieser Partei des Großkapitals und der Kriegsbefürworter zu lenken.

Bernie Sanders selbst ist nicht der Hauptgrund, warum Dyson besorgt ist. Er kann nicht vergessen, dass Millionen Menschen Sanders eben deshalb gewählt haben, weil er „über Klassen- statt über Rassenfragen“ sprach, wie Dyson es formuliert. Alle diese Wähler, fast alles Arbeiter und Jugendliche, hat die „Klassenfrage“ nicht abgeschreckt. Das gilt auch für die vielen Millionen, die überhaupt nicht wählten, weil beide Parteien des Großkapitals sie abgrundtief abgestoßen hatten. Dass Dyson Sanders angreift, weil er es wagt, über die „Gier der Wall Street“ zu sprechen, macht deutlich, auf welcher Seite er steht: auf der Seite der Wall Street.

Dysons Artikel endet mit einem Angriff auf die „Solidarität der Arbeiterklasse“. Er bezeichnet sie als „Tarnung für den Kampf gegen Fortschritte in Fragen von Hautfarbe, Sexualität und Geschlecht“. Hier zeigt er offen, dass er die Arbeiterklasse ablehnt und dass sein Einsatz für eine Klassenspaltung durch Identitätspolitik den Interessen der herrschenden Elite dient.

Jahrzehntelang hat nur die marxistische Bewegung die Identitätspolitik angegriffen, doch diese Periode neigt sich dem Ende zu. Das ist es, was Dyson und die ganze Schicht, für die er spricht, beunruhigt. Der ganze Identitätsbetrieb hat sehr vielen Akademikern enorme Vergünstigungen und Privilegien verschafft. Aber diese Politik wird von links angegriffen, sobald eine echte Bewegung der Arbeiterklasse entsteht und der Klassenkampf wiederauflebt.

Nicht nur weiße Arbeiter waren von Clintons Gender-Wahlkampf angewidert und haben teilweise aus Protest oder Abscheu für Trump gestimmt. Millionen von schwarzen und lateinamerikanischen Arbeitern und Einwanderern sind zuhause geblieben, und auch von ihnen haben sogar einige für Trump gestimmt. Auch sie reagierten mit Abscheu auf die Tatsache, dass unter Obama die Ungleichheit weiter zunahm, dass er ständig Kriege führte und dass Clinton eine Fortsetzung dieser Politik versprach.

Über diese Regungen der Arbeiterklasse sorgt sich Dyson, wie auch die Redakteure und Verleger der New York Times und anderer Medien, in wachsendem Maß. Sie arbeiten mit Hochdruck an einem Themenwechsel: von Klassenfragen hin zu Rassenfragen, und von den massiven Stimmverlusten für die Partei der Wall Street zur angeblichen „Rache der Weißen“, die Trump gewählt haben.