Kriegswolken über Südasien

29. Mai 2017

Während die Medienberichte im Westen auf Trumps Ausfälle gegen den Iran und gegen Deutschland gerichtet sind, hat sich die Rivalität zwischen Indien und Pakistan in Südasien verschärft. Beide Länder besitzen Atomwaffen.

Letzte Woche haben sich die Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad erneut mit provokanten Militäraktionen bedroht. Am Dienstag veröffentlichte das indische Militär ein Video, das seine Behauptung belegen soll, es habe „Strafaktionen“ gegen Pakistan durchgeführt und vorgelagerte Stellungen von dessen Militär in der umstrittenen Region Kaschmir zerstört. Pakistan wies diese Behauptung zurück und veröffentlichte seinerseits ein Video, das belegen soll, dass sein Militär entlang der Line of Control (LoC) mit Artilleriebeschuss noch größeren Schaden verursacht habe. Die LoC ist die Demarkationslinie zwischen dem indischen und dem pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir.

Am Freitag erklärte Indien, seine Truppen hätten zwei pakistanische Soldaten getötet, die heimlich die Demarkationslinie überqueren wollten, währen die Regierung in Islamabad einen solchen Vorfall dementierte.

Vor dem Hintergrund all dieser Behauptungen und Gegenbehauptungen wird die Gefahr eines Kriegs zwischen den beiden Ländern immer größer. Pakistan hat alle seine vorgelagerten Luftwaffenstützpunkte in den Alarmzustand versetzt. Das sei angeblich die Reaktion auf einen Befehl der indischen Militärführung an 12.000 indische Luftwaffenoffiziere, sie sollten sich „für sehr kurzfristige Operationen“ bereithalten.

Am Freitag veröffentlichte die pakistanische Daily Times einen Leitartikel mit dem Titel „Droht ein Atomkrieg?“ Er enthielt folgende Warnung: Sollte Neu-Delhi seine Militärstrategie eines Kaltstarts umsetzen (womit ein massiver Blitzangriff auf das pakistanische Kernland gemeint ist), dann hätte Islamabad angesichts seiner unterlegenen konventionellen Streitkräfte „offensichtlich nur eine Option: den Einsatz von Kernwaffen“. Der pakistanische Verteidigungsminister hat schon mehrfach erklärt, das Land werde auf einen Überfall durch Indien mit dem Einsatz taktischer Kernwaffen reagieren.

Auch die Beziehungen Indiens zu seinem nördlichen Nachbarstaat China sind angespannt. Beide Länder bauen ihre Streitkräfte und Infrastruktur entlang der umstrittenen Grenze aus. Immer erbitterter wird ihre Konkurrenz um Bodenschätze, Märkte und geopolitischen Einfluss in Süd- und Südostasien, Afrika und dem Nahen Osten.

Die indische herrschende Elite verübelt es der chinesischen Regierung zutiefst, dass sie ihren Erzrivalen Pakistan militärisch und wirtschaftlich unterstützt.

Die Regierung in Beijing betrachtet dagegen die Rolle Indiens an der Seite des US-Imperialismus mit Missfallen. Die USA wollen Chinas Aufstieg eindämmen und nötigenfalls mit militärischen Mitteln unterbinden. Daher hat die Beijinger Regierung lange Zeit versucht, ihre Beziehungen zu Neu-Delhi zu verbessern. Gegen japanische Provokationen hat China zwar zurückgeschlagen, aber die Differenzen mit Indien spielte es herunter.

Seitdem jedoch Narendra Modi von der Bharatiya Janata Party (BJP) die indische Regierung leitet, lässt sich Indien immer vollständiger in Washingtons militärisch-strategische Offensive gegen China einbinden. Deshalb hat Beijing seine Haltung zu Indien deutlich geändert.

Seit zwei Jahren liefern sich Indien und China einen diplomatischen Schlagabtausch nach dem anderen und bedrohen sich immer offener auch militärisch. Als Indien vor kurzem seine Agni-Rakete testete, reagierte die Beijinger Regierung erbost. Diese Rakete hat eine Reichweite von 5.500 bis 8.000 Kilometern und könnte mit Atomsprengköpfen auf dicht besiedeltes chinesisches Terrain abgefeuert werden. General Bipin Rawat erklärte im Januar nach seiner Beförderung zum Oberbefehlshaber des indischen Militärs, Indien sei zu einem „Zweifrontenkrieg“ gegen China und Pakistan bereit.

Indiens Rivalitäten mit China und Pakistan gehen Jahrzehnte zurück. Doch der US-Imperialismus hat die geopolitischen Spannungen in Südasien enorm verschärft. Er versucht damit, den Folgen seines wirtschaftlichen Niedergangs zu entkommen und durch Aggression und Krieg seine Hegemonie über Eurasien zu erhalten.

Vor fünfzehn Jahren nutzten die USA ihren „Krieg gegen den Terror“ als Rechtfertigung für den Regimewechsel im Nahen Osten und zur Errichtung eines strategischen Brückenkopfs in Afghanistan. Schon damals erblickten das Pentagon und die CIA in Indien einen „strategischen Preis“. Sie behaupteten, Indien sei der beste Ort, um die Position der USA in Asien und Afrika zu stärken. Als Gründe nannten sie sein großes Militär, sein wachsendes wirtschaftliches Gewicht und seine strategische Position zur Kontrolle des Indischen Ozeans, des weltweit wichtigsten Seewegs.

Seither scheut Washington keine Mühen, um Indien zu einem „Frontstaat“ in seiner militärisch-strategischen Offensive gegen China zu machen. Demokratische und Republikanische Regierungen haben Indien mit strategischen Gefälligkeiten überhäuft. Um eine „globale indisch-amerikanische strategische Partnerschaft“ festzuklopfen, schuf die Bush-Regierung für Indien einen Sonderstatus, was den Handel mit Nukleartechnologie betrifft, und Obama erklärte Indien zum „wichtigen Verteidigungspartner“. Es erhielt Zugang zu hochmodernen Waffen, die die USA nur ihren engsten Verbündeten liefern.

Das Bündnis zwischen Indien und den USA hat das „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen Neu-Delhi und Islamabad zerstört. Während des Kalten Krieges war Pakistan der wichtigste Verbündete der USA in der Region, doch in den letzten Jahrzehnten wurde es auf den Stand eines armen Vetters herabgestuft.

Der indische Präsident Modi und seine hindu-chauvinistische BJP versuchen, diese Lage für eine aggressivere Politik gegen Pakistan zu nutzen. Im vergangenen September erklärte Modi nach dem Überfall indischer Spezialeinheiten auf der anderen Seite der Grenze, die Zeit der „strategischen Zurückhaltung“ gegenüber Pakistan sei beendet.

Für China entwickelt sich das indisch-amerikanische Bündnis zu einer immer größeren Bedrohung. Indien unterstützt die Ansprüche der USA im Südchinesischen Meer, es hat neue bilaterale und trilaterale Beziehungen zu Japan und Australien, den wichtigsten US-Verbündeten in der Region, aufgebaut, und es hat dem Pentagon seine Häfen und Luftwaffenstützpunkte als Nachschub- und Reparaturbasen für Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe zur Verfügung gestellt. Vor kurzem teilte der Befehlshaber des US Pacific Command, Admiral Harry Harris, mit, dass die Streitkräfte Indiens und der USA Aufklärungsdaten über die Bewegungen chinesischer Schiffe und U-Boote austauschten.

Pakistan und China sehen sich durch das indisch-amerikanische Bündnis einer gemeinsamen Bedrohung ausgesetzt. Also stärken sie ihre eigenen langjährigen Beziehungen auf militärischem, strategischem und wirtschaftlichem Gebiet. Beispielhaft dafür ist der Chinesisch-Pakistanische Wirtschaftskorridor, ein Bauprojekt über 50 Milliarden Dollar, das Westchina mit der Hafenstadt Gwadar am Arabischen Meer verbinden soll. Beijing will damit die Strategie des Pentagons durchkreuzen, das eine Wirtschaftsblockade gegen China errichten könnte, indem es mehrere Knotenpunkte im Indischen Ozean und im Südchinesischen Meer kontrolliert.

In Südasien zeichnet sich also geopolitisch eine immer stärkere Polarisierung ab: zwischen Indien, das mit dem US-Imperialismus verbündet ist, und dem von Beijing unterstützten Pakistan.

Diese Entwicklung hat die ohnehin schon brisanten Konflikte zwischen den Atommächten noch einmal deutlich verschärft.

In der Vergangenheit gab es Fälle, bei denen die amerikanische Regierung intervenierte, um die Spannungen zwischen Neu-Delhi und Islamabad zu entschärfen. Aber heute muss ihre Fähigkeit und Bereitschaft dazu stark bezweifelt werden.

Um ihr Bündnis gegen China nicht zu gefährden, haben die USA im letzten September die „chirurgischen Schläge“ Indiens gegen Pakistan erst stillschweigend, dann offen unterstützt. Hinzu kommt, dass das Washingtoner Establishment nicht nur die aufkeimenden Beziehungen Pakistans zu China, sondern auch zu den Taliban in Afghanistan mit wachsender Feindschaft betrachtet. Solche Verbindungen hat Pakistan als „Versicherung“ gegen die wachsende indisch-amerikanische Partnerschaft angeknüpft.

Die herrschende Elite Amerikas steht vor zahlreichen geopolitischen Krisen und vor wachsenden sozialen Spannungen im Inland. Die Trump-Regierung, dieses Produkt eines Vierteljahrhunderts an Krieg und sozialer Reaktion, verkörpert ihre Rücksichtslosigkeit, die Gewaltbereitschaft und den Verlust an historischer Perspektive. Man muss sich ernsthaft fragen, ob sich Trump und seine Berater bewusst sind, wie komplex und explosiv die Konflikte in Südasien sind, und wie schnell kleinere Kämpfe zwischen Indien und Pakistan in einen Krieg ausarten könnten, in den die USA und andere Großmächte schnell hineingezogen würden.

Zweifellos schüren die USA durch ihren Kurs auf globale Hegemonie weltweit Konflikte, und das provoziert die anderen imperialistischen Mächte, vor allem Deutschland und Japan, ihre eigenen Interessen aggressiver zu vertreten.

Die imperialistischen Brandstifter müssen davon abgehalten werden, die Welt in einen Flächenbrand zu verwandeln, der die beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert noch in den Schatten stellen würde. Dies erfordert den Aufbau einer internationalen Antikriegsbewegung gegen den Kapitalismus. Sie muss sich auf die Arbeiterklasse stützen und braucht ein sozialistisches Programm. Nur durch den Kampf für die sozialistische Revolution kann die Arbeiterklasse ihre sozialen und demokratischen Rechte verteidigen und den gefährlichen Nationalismus der rivalisierenden bürgerlichen Cliquen besiegen.

Keith Jones

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