Was wusste die britische Regierung?

Britischer Geheimdienst erhielt Warnungen über Anschlagspläne des Attentäters von Manchester

Von Laura Tiernan
30. Mai 2017

Im Zusammenhang mit dem Selbstmordattentat von Manchester sieht sich der britische Geheimdienst MI5 mit brisanten Vorwürfen konfrontiert. Offenbar erhielt er im Vorfeld Warnungen, dass der Täter Salman Abedi einen Terroranschlag plane.

Am 22. Mai brachte Abedi beim Konzert der amerikanischen Sängerin Ariana Grande in der Manchester Arena einen improvisierten, mit Metallteilen gefüllten Sprengsatz zur Explosion. Bei dem Anschlag wurden 22 Menschen getötet, die meisten davon Kinder. Weitere 116 Personen wurden verwundet.

Laut Mail on Sunday hatte „das FBI dem MI5 mitgeteilt, dass Abedi Teil einer nordafrikanischen Zelle des Islamischen Staats sei, die einen Anschlag auf ein politisches Ziel in Großbritannien plane.“

Das FBI hatte den MI5 im Januar gewarnt, nachdem der amerikanische Inlandsgeheimdienst Abedi im Jahr 2016 auf seine Liste gefährlicher Terroristen gesetzt hatte. Wie die Daily Mail von einem „anonymen Informanten aus Sicherheitskreisen“ erfuhr, hatte das FBI den MI5 darüber informiert, dass Abedi zu einem „nordafrikanischen Terrornetzwerk aus Manchester gehörte, das nach einem politischen Anschlagsziel in diesem Land [Großbritannien] suchte.“

Der „Informant“ fügte hinzu: „Nach diesem Hinweis aus den USA wurden Abedi und andere Mitglieder des Netzwerks vom MI5 durchleuchtet. Man nahm an, dass Abedi eine politische Persönlichkeit ermorden wollte. Diese Untersuchung ist jedoch im Sande verlaufen. Tragischerweise rutschte er dann auf der Prioritätenliste der Ziele nach unten.“

Premierministerin Theresa Mays Behauptung, Abedi habe als „Einzeltäter“ gehandelt und sei den britischen Sicherheitsbehörden nur „bis zu einem gewissen Grad“ bekannt gewesen, liegt in Scherben. Dass jemand, der die Ermordung einer „politischen Persönlichkeit“ - bei der es sich durchaus um die Premierministerin, den Außenminister oder die Königin hätte handeln können - geplant haben soll, unbemerkt vorgehen konnte, ist schlicht nicht glaubwürdig.

Der MI5 hat Abedi bei der Durchführung eines Terroranschlags praktisch freie Hand gelassen. Die Enthüllungen der Daily Mail sind Teil einer wachsende Kette von Beweisen, dass die britischen Geheimdienste und Regierungen islamistische Terrornetzwerke gefördert und diese „Elemente“ im Rahmen ihrer Regimewechsel-Operationen in Libyen und Syrien geschützt haben.

Am Donnerstag veröffentlichte das Onlineportal Middle East Eye (MEE) einen Bericht über die „Politik der offenen Tür“ der früheren konservativen Regierung von David Cameron. Er hatte Mitgliedern der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG) im Jahr 2011 erlaubt, im Rahmen der Militäroperationen zum Sturz von Oberst Muammar Gaddafi nach Libyen zu reisen. May war damals Innenministerin. Abedis Eltern waren Mitglieder der LIFG. Diesen Personen wurde erlaubt, ungehindert zwischen Großbritannien, Libyen, Syrien und anderen Ländern hin und her zu reisen.

Ehemalige Rebellenkämpfer erklärten gegenüber MEE, wie die britischen Sicherheitsbehörden sie bei ihren Reisen unterstützt habe, indem sie ihnen Reisepässe ausgestellt und sie vor dem Abflug abgefertigt habe. Belal Younis, der 2011 nach Libyen gereist war, berichtete, ein Beamter des MI5 habe ihn Anfang 2011 nach einer Reise nach Libyen beim Verhör gefragt: „Wollen Sie in den Kampf ziehen?“

Younis erklärte gegenüber MEE: „Während ich noch nach einer Antwort suchte, sagte er mir, die britische Regierung habe kein Problem mit Leuten, die gegen Gaddafi kämpfen.“

Bei einer darauf folgenden Reise nach Libyen im Mai 2011 sei er in der Lounge eines britischen Flughafens von einem Polizeibeamten der Terrorabwehr befragt worden. Ein MI5-Beamter sei dazwischen gegangen und man habe ihn „durchgewunken“. Der Beamte rief Younis danach an, um ihm zu sagen, dass er „die Sache geklärt“ hätte.

Viele der Kämpfer, die nach Libyen gereist sind, waren zuvor Kontrollen der Terrorabwehr unterworfen. Ihre Reisefreiheit und Internetaktivitäten waren stark eingeschränkt. Diese Kontrollen wurden jedoch 2011 aufgehoben, als Großbritannien die USA und Frankreich beim Sturz Gaddafis unterstützte.

Manchester war eines der Operationszentren, von denen aus Rebellenkämpfer nach Libyen geschleust wurden. Die britische Bevölkerung, darunter auch die Angehörigen der Todesopfer vom letzten Montag, wusste nichts davon. Younis erklärte gegenüber Reportern von MEE: „Die Mehrheit derjenigen, die von hier [nach Libyen] reisten, kamen aus Manchester.“ Ein weiteres Mitglied des Terrornetzwerks erklärte, er sei im selben Jahr bei seinem Besuch in einem Rebellenlager in Misrata jungen Rekruten begegnet, die allesamt mit „ordentlichem Manchester-Akzent“ sprachen.

Ein weiterer Kämpfer britischer Herkunft erklärte gegenüber MEE, man habe ihnen auch erlaubt, nach Syrien zu reisen. Dort versuchen islamistische Gruppen, die aus Al-Qaida hervorgegangen sind und von den USA und Großbritannien unterstützt werden, seit Jahren die Regierung von Baschar al-Assad zu stürzen. Auch Abedi selbst durfte nach Syrien reisen. „Es wurden keine Fragen gestellt“, erklärte Younis dazu. Ein weiterer Libyer erklärte, er habe in Bengasi für die britische Spezialeinheit SAS Rekrutierungsvideos und Marketingpakete bearbeitet, die Kämpfern gezeigt wurden, welche vom SAS und irischen Spezialeinheiten ausgebildet wurden.

Peter Oborne, der Mitherausgeber des Spectator und ehemalige leitende Politikjournalist des Daily Telegraph, deutete am Samstag in der Daily Mail eine direkte Zusammenarbeit zwischen dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 und Terrororganisationen in Libyen und Syrien an. Oborne schreibt: „Beamte des MI6 waren an der Entstehung einer Generation von Dschihadisten britischer Herkunft beteiligt, die bereit sind, alles zu tun und jeden zu töten, selbst kleine Kinder, um dieses Land zu zerstören.“

„Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass sich Salman Abedis übles Handwerk in der Manchester Arena am Montagabend zum Teil unmittelbar aus der Einmischung des MI6 in die Angelegenheiten im Nahen Osten und in Nordafrika ergab.“

Oborne hebt die Rolle des MI6 unter der Labour-Regierung von Tony Blair hervor. Die damaligen Vorsitzenden der Behörde, Sir Richard Dearlove und Sir John Scarlett, hätten „zugelassen, dass [der MI6] für die Clique von Kriegstreibern um den Labour-Premier zu einem Propagandawerkzeug wurde.“

Scarlett war der Verfasser des berüchtigten Dossiers über Saddam Husseins nicht existierende Massenvernichtungswaffen, das Blair dann als Rechtfertigung dafür diente, Großbritannien in den Krieg zu schicken.

Oborne schreibt weiter: „Der MI6 hat seine Lektion aus diesem Debakel nicht gelernt“ und verwies auf „Hunderte“ von britischen Staatsbürgern, denen erlaubt wurde, „ins Ausland zu reisen und sich dschihadistischen Organisationen anzuschließen.“

Die Spur der schmutzigen Deals zwischen dem britischen Staat und der LIFG und anderen Al-Qaida-nahen Gruppen beginnt bereits in den 1990er Jahren. Die LIFG ging aus den Mudschaheddin hervor, die von den USA in Afghanistan aufgebaut wurden, um die Sowjetunion zu destabilisieren. Seither entwickelte sich das Schicksal der LIFG getreu den Kursänderungen in der britischen und amerikanischen Außenpolitik.

Hochrangige Mitarbeiter des französischen Geheimdienstapparats sowie der ehemalige MI5-Beamte David Shayler gaben Informationen weiter, laut denen der britische Geheimdienst Anführern der LIFG im Jahr 1996 enorme Geldbeträge für Mordversuche auf Gaddafi gezahlt hat. Im Jahr 2004, kurz nach der Aussöhnung der Blair-Regierung mit dem libyschen Regime, half der MI6 bei der Verhaftung des LIFG-Führers Abdel-Hakim Belhaj und seines Stellvertreters Sami al-Saadi. Laut dem britischen Historiker und Autor Mark Curtis wurde Belhaj der CIA übergeben, gefoltert und nach Tripolis zurückgeschickt. Dort saß er sechs Jahre in Einzelhaft, während der er Berichten zufolge erneut vom MI6 befragt wurde.

Als Reaktion auf den Arabischen Frühling setzten die USA und Großbritannien im Jahr 2011 seit langem bestehende Pläne für Regimewechsel-Operationen im Nahen Osten um. Kontrollmaßnahmen gegen LIFG-Führer wurden aufgehoben, weil die britische Regierung laut Curtis „wieder einmal festgestellt hat, dass sich ihre Interessen - hauptsächlich in Bezug auf Öl - mit denen der islamistischen Kräfte in Libyen deckten.“

Die 22 Todesopfer und die zahlreichen Verwundeten sind ebenso Opfer der Intrigen des britischen Imperialismus wie die Menschen in Syrien, Libyen, dem Irak und Afghanistan und zahllosen anderen Ländern, die überfallen und besetzt wurden. Sie werden als „Kollateralschäden“ betrachtet.

Aus diesen brisanten Enthüllungen ergeben sich eine Reihe von Fragen, die nach einer Antwort verlangen:

Warum hat der MI5 seine Ermittlungen gegen Salman Abedi eingestellt und wer hat dies angeordnet?

Warum konnte er ungehindert durch die Europäische Union und den Nahen Osten, einschließlich zu bekannten Drehkreuzen der Terrornetzwerke, reisen?

Hat der MI5 die Regierung von Theresa May über die Gefahr eines Anschlags auf ein politisches Ziel in Großbritannien informiert?

Wie konnte Abedi tausende Pfund als Studiendarlehen erhalten, um seine Aktivitäten im Vorfeld des Anschlags vom letzten Monat zu finanzieren, u.a. Reisen und mehrere Mietwohnungen, obwohl er nicht studierte?

Letzte Woche zog der Vorsitzende der Labour Party, Jeremy Corbyn, die feindselige Aufmerksamkeit der Medien auf sich, weil er auf den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Großbritanniens Teilnahme an neokolonialen Kriegen und der wachsenden Gefahr des Terrorismus hinwies. An der Spitze der Angriffe stand eine Kolumne im Guardian. Jonathan Freedland betonte darin: „Man täuscht sich, wenn man glaubt, bei Terroranschlägen gehe es nur um Außenpolitik.“ Paul Mason fügte hinzu: „Die 'Blowback'-Theorie, die die Expeditionskriege des Westens direkt für islamistischen Terrorismus verantwortlich macht, ist in diesem Fall oberflächlich und irrelevant.“

Corbyn verschwieg jedoch, dass die aufeinanderfolgenden Labour- und Tory-Regierungen die politische Verantwortung für die Angriffskriege tragen. Der Labour-Chef versprach stattdessen sogar, dem Militär und den Sicherheitsbehörden zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Zu den Enthüllung, dass der MI5 in Bezug auf Abedis Anschlag vorgewarnt war, hat Corbyn bisher geschwiegen.

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