Drogen-Epidemie in den USA

19. Juli 2017

In der Washington Post erschien jüngst ein bemerkenswerter Artikel über Versuche, die außer Kontrolle geratene Drogenepideme in den USA in den Griff zu bekommen. Der Artikel berichtete, dass kommunale Entscheidungsträger angesichts der vielen Fälle von Überdosierung nicht mehr Rehabilitationsprogramme oder Notfallmaßnahme im Gesundheitswesen fordern, sondern vielmehr diskutieren, ob der Staat nicht Drogensüchtige einfach sterben lassen soll.

So äußerte beispielsweise Stadtrat Daniel Picard aus Middletown/Ohio, Rettungskräfte sollten das Medikament Naloxon, das zur Rettung von Patienten mit Überdosis eingesetzt wird, nicht öfter als zweimal einsetzen. Im Artikel heißt es, dass dieses Medikament oft „der einzige Grund ist, warum das Opfer einer Überdosis ins Krankenhaus kommt und nicht in die Leichenhalle“. Die Zeitung zeigt jedoch unbedingt Verständnis, dass eine vernünftige Politik darin bestehen kann, weniger Leute ins Krankenhaus als in die Leichenhalle zu befördern.

Faschistische Maßnahmen – man könnte sogar von der „Duterte-Lösung“ der Drogenepidemie in den USA sprechen – werden heute als vernünftige und legitime Beiträge zur politischen Debatte betrachtet. Hierin zeigt sich, wie verkommen die herrschende Klasse Amerikas mittlerweile ist. Wenn es nach der Wirtschafts- und Finanzelite geht, sind zehntausende Drogentote nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar eine Lösung.

Die Debatte wird vor dem Hintergrund einer landesweiten Krise im Gesundheitswesen geführt, wie sie zuletzt während der AIDS-Epidemie in den 1980ern und 90ern herrschte. Im Jahr 2015 starben 52.000 Menschen in den USA an einer Überdosis Drogen, allein 30.000 davon durch Opioide. Auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie 1995 starben 42.000 Menschen an der Krankheit. Wenn die Zahlen für 2016 vollständig vorliegen, zeigen sie wohl eine Steigerung um weitere zwanzig Prozent an, d.h. die USA zählen derzeit fast 170 Drogentote täglich.

In den am stärksten betroffenen Regionen sind Leichenhallen maximal belegt und Bestattungsinstitute ausgelastet. Die Gerichtsmedizin in Montgomery County/Ohio musste dieses Jahr bereits zweimal zusätzliche Kühleinheiten anmieten, um die Leichen aufnehmen zu können.

Die Zahl der Todesopfer durch Opioide ist im ganzen Land in die Höhe geschossen. Ländliche Gebiete sind ebenso davon betroffen wie Großstädte, ebenso alle Hautfarben. In Maryland hat sich die Zahl der Drogentoten seit 2010 fast vervierfacht. In Ohio ist sie von 296 im Jahr 2003 auf 2.590 im Jahr 2015 angestiegen - um 775 Prozent. In Florida waren im Jahr 2015 die drei Opioide Heroin, Fentanyl und Oxycodon direkt für den Tod von 3.896 Menschen verantwortlich.

Millionen Menschen sind direkt von der Krise betroffen, als Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, Rettungskräfte, Sozialarbeiter und so weiter. Viele Süchtige haben Kinder, die in ein mittelloses Pflegesystem gegeben werden oder bei Familienmitgliedern leben müssen, die nicht für sie sorgen können. Laut einer aktuellen Studie der Universität von Michigan wird jede Stunde ein Kind geboren, das bereits im Mutterleib eine Sucht nach Opiaten entwickelt hat.

Tausende arbeiten in der Behandlung von Drogensucht und müssen erleben, dass praktisch kein Geld für die Bekämpfung der Epidemie zur Verfügung steht. Pflegekräfte müssen Süchtige auf Entzug unbehandelt aus der Notaufnahme wegschicken; Sozialarbeiter müssen Kindern erklären, dass sie nicht wieder zu ihren Eltern können oder dass die Eltern gestorben sind; Rehakliniken sollen Süchtige mit weiteren Drogen und einem Zwölf-Schritte-Programm „heilen“.

Die Drogenepidemie zeigt eine Krise des öffentlichen Gesundheitswesens von unglaublicher Tragweite. Doch im gesamten politischen Establishment findet keine ernsthafte Diskussion darüber statt, was die notwendigen Maßnahmen sind, um den massenhaften Drogentod zu bekämpfen, oder wer dafür verantwortlich ist.

Beiträge wie der genannte in der Washington Post betrachten Drogenkonsum als persönliches Versagen; demnach verdienen die Süchtigen, die Folgen ihres Tuns zu spüren. Diese Betrachtungsweise ist sehr bequem für diejenigen, die ihre Brieftasche vor sozialen Problemen schützen wollen.

Die Drogenepidemie ist jedoch kein individueller Makel, sondern Symptom eines kranken Gesellschaftssystems. Sie ist das Ergebnis von Schritten, die die herrschende Klasse und ihre politischen Vertreter in beiden Parteien bewusst ergriffen haben.

Natürlich muss man auch die Pharmaunternehmen erwähnen, die jahrelang ungehindert einige der heftigsten Opioide vermarkten konnten und dabei riesige Profite machten. Diese Medikamente wurden in den 1990ern und frühen 2000ern leichtsinnigerweise als „missbrauchsresistent“ vermarktet, obwohl es zahlreiche Beweise für das Gegenteil gab. Die Zahl der Verordnungen für Opioide wie Perocet, Oxycontin und Vicodin stiegen von 76 Millionen im Jahr 1991 auf fast 259 Millionen im Jahr 2012 an, d.h. mehr als eine oder sogar zwei Flaschen voll Tabletten für jeden erwachsenen Amerikaner.

Die gleichen Pharmakonzerne profitieren weiterhin von der Krise, die sie geschürt haben. Einer der Gründe für die wachsenden Kosten beim Einsatz von Nalxon ist, dass einige Hersteller des Medikaments ihre Preise um bis zu 500 Prozent erhöht haben.

Im Grunde ist die Drogenepidemie ein Symptom der Zerstörung, die fast 40 Jahre soziale Konterrevolution angerichtet haben. Unabhängig von den spezifischen Umständen hinter jeder individuellen Tragödie ist die Krise das Produkt der unablässigen Angriffe auf Sozialprogramme, Löhne, das Bildungs- und Gesundheitswesen. Dazu kommt die Deindustrialisierung, die hunderttausende Arbeitsplätze zerstört und eine soziale Ungleichheit produziert hat, wie es sie seit den 1920ern nicht mehr gab.

Obama erklärte zum Ende seiner zweiten Amtszeit, dass „die Dinge [in den USA] nie besser standen“. Dies mag für die herrschende Elite gelten, der er dient, aber nicht für die breite Masse der Bevölkerung. Unter der Trump-Regierung führt das politische Establishment eine große „Debatte“ über die Zukunft des Gesundheitswesens, bei der es momentan im Wesentlichen darum geht, wie man am besten Medicaid zerstören kann – das staatliche Gesundheitsprogramm, das mindestens 80 Prozent der Drogenhilfsdienste finanziert.

Die neue Gesundheitsreform wird nichts anderes als gesellschaftlicher Mord sein, egal wie sie letzten Endes aussieht. In diesem Sinne spricht Stadtrat Picard aus Ohio lediglich aus, was die herrschende Klasse denkt. Für sie ist die Verringerung der Lebenserwartung ein wichtiges strategisches Ziel.

Eine Krise im Gesundheitswesen vom Ausmaß der Drogenepidemie erfordert eine sofortige Reaktion. Die Socialist Equality Party fordert die Bereitstellung von Milliarden Dollar für Reha-Zentren, in denen die modernsten wissenschaftlichen Methoden und Verfahren zum Einsatz kommen. Das Gesundheitssystem muss mit Entgiftungszentren ausgerüstet und mit Institutionen verbunden werden, die bei der langfristigen Erholung helfen. Alle Sozialarbeiter in diesem Bereich müssen einen angemessenen Lohn und die notwendige Beratung und Unterstützung erhalten. Kinder brauchen die beste Pflege, während sich ihre Eltern erholen.

Solche und viele weitere grundlegende Maßnahmen müssen verknüpft werden zu einem allgemeinen Wiederaufbau der Gesellschaft. Das Ziel muss sein, jedem das Recht auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz, Bildung und hochwertige Unterkunft zu garantieren. Nur auf diese Weise lassen sich die tieferen Ursachen von Drogensucht bekämpfen.

Keine dieser Maßnahmen ist möglich ohne einen Frontalangriff auf den Reichtum der Wirtschafts- und Finanzelite. Die Kontrolle über das ganze wirtschaftliche und politische System muss dieser Elite entrissen werden. Während Zehntausende sterben, gibt die herrschende Klasse Billionen für Krieg aus und sucht nach Wegen, um ihre Vermögen noch zu vergrößern.

Die Drogenepidemie ist Symptom eines kranken kapitalistischen Systems. Das einzige Heilmittel ist die Mobilisierung der gesamten Arbeiterklasse im Kampf für den Sozialismus.

Genevieve Leigh