Der Gonski-Plan zur „bedarfsgerechten“ Schulfinanzierung in Australien

Teil 2: Wie mit dem „sozio-ökonomischen Status“ Geschäfte gemacht werden

Von David Cohen und Linda Tenenbaum
22. Dezember 2017

Dies ist der zweite und letzte Teil eines Artikels über die Finanzierung der Schulen Australiens nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Hier geht es zu Teil 1.

Bei ihrem Kniefall vor „Gonski“ haben weder die Lehrergewerkschaften noch die Sozialdemokraten oder Grünen ernsthaft die Legitimität der enorm hohen öffentlichen Förderung für kirchliche und reiche Privatschulen in Zweifel gezogen. Und doch verstößt diese Art der Finanzierung gegen das demokratische Prinzip der Trennung von Kirche und Staat.

Bei der Gonski-Finanzierungsformel wird kaum noch zwischen öffentlichen, katholischen und privaten Schulen unterschieden. Der einzige Unterschied bleibt, dass Privatschulen einen gewissen Prozentsatz der nach der Standardformel (SRS) errechneten Mittelausstattung aus privaten Zuwendungen einholen müssen: aus Schulgeld, Schenkungen und Spenden. Allerdings ist dieser Anteil gering und beläuft sich in manchen Fällen auf nur 10 Prozent.

Hier kommen wir zur nächsten Ebene des „Gonski“-Betrugs. Wie viel Geld eine Privatschule aus privaten Zuwendungen generieren kann, wird auf der Grundlage eines Schlüssels berechnet, der auf dem soziökonomischen Status (SES) basiert – und nicht auf den realen privaten Zahlungen, die die Schule tatsächlich erhält.

Der SES-Schlüssel wurde 2001 von der Koalitionsregierung aus National Party und Liberal Party unter John Howard eingeführt, um hinter einer Nebelwand der „Gleichbehandlung“ mehr staatliches Geld an Eliteschulen zu schleusen. Zur Ermittlung dieses Schlüssels werden das Durchschnittseinkommen, der Bildungsgrad und die Beschäftigungsquote innerhalb des Wohngebiets herangezogen, in dem sich die Wohnanschrift der Schüler befindet. Diese Daten stammen aus nationalen Erhebungen.

Mit anderen Worten, der reale sozio-ökonomische Status der Schülerfamilien ist irrelevant, außer dass er zum Durchschnitt ihrer Wohngegend beiträgt. Ebenso bleiben die bereits existierenden schulischen Vermögensbestände und Einrichtungen zusammen mit anderem Eigentum, das durch Gebühren, Schenkungen und Nachlässe sowie durch Spendenaktionen aufgebaut worden ist, unberücksichtigt.

Das System führt zu vielfältigen Verzerrungen. Wenn sich zum Beispiel eine wohlhabende Familie aus einer Provinzstadt entscheidet, ihre Kinder auf ein Eliteinternat im Zentrum von Sydney oder Melbourne zu schicken, wird der SRS-Schlüssel anhand der für gewöhnlich viel ungünstigeren Zensusdaten der Provinzstadt berechnet. Damit wird der SRS-Schlüssel der Eliteschule gesenkt, was bedeutet, dass sie mehr öffentliche Gelder pro Schüler erhält, als wenn die Familie in der Wohngegend der Oberschicht in der Nähe der Schule wohnen würde.

Ebenso trifft der umgekehrte Fall zu. Wenn eine arme Arbeiterfamilie, die in einem durchschnittlichen Vorort der Mittelklasse wohnt, ihre Kinder auf eine der örtlichen staatlichen Schulen schickt, wird der SRS-Schlüssel für diese Kinder anhand des durchschnittlichen Einkommens der Mittelschicht aus dem Vorort errechnet, und nicht anhand des ärmeren Stadtteils, in dem die Schule liegt. Dies hebt den SRS-Schlüssel der örtlichen staatlichen Schule an, was dazu führt, dass sie weniger Zuschüsse pro Schüler erhält, als wenn die betreffende Arbeiterfamilie in dem ärmeren Stadtteil wohnen würde, wo das durchschnittliche Einkommen viel stärker mit ihrigen übereinstimmt.

In beiden Fällen begünstigt das System die wohlhabenderen Schüler auf Privatschulen.

Zusätzliche Mitnahmeeffekte für elitäre Privatschulen

Nehmen wir zum Beispiel die King’s School in Sydney. Die Schulgebühren für ältere Schüler betragen zurzeit 34.000 Dollar jährlich. Die Website der Schule prahlt, dass die Schule „als Jungenschule gegründet wurde, welche die folgende Generation der Führungskräfte für Australien bereitstellt … Kronprinzen, Schriftsteller, Parteiführer, Schauspieler, Spitzenjuristen, Mediziner und die ganze Bandbreite anderer Berufe, sie alle wurden am King’s erzogen.“

Die King’s-Schule brüstet sich auf ihrer Website mit Grundbesitz von inzwischen über 1,2 Millionen Quadratmetern einschließlich ausgedehnter Parkanlagen, Rasenflächen im Stil von Oxford und Cambridge, Gebäuden mit anmutigen Kolonaden und Terracotta-Säulen, offenen Veranden und Sandstein, einem Lerncenter für Führungskräfte einschließlich Bibliothek und Konferenzzentrum, Hörsälen, einem Musiksaal, Klassenräumen, Theatersaal und Turnhalle. Zu den Sporteinrichtungen gehören ausgedehnte Spielfelder, ein Studio für Muskelaufbau und Konditionstraining, Tennisplätze, Rudermöglichkeiten, Schießstand, Basketballfelder und Schwimmbecken.

Zusätzlich zu den Elterngeldern wird die King’s-Schule in den nächsten zehn Jahren insgesamt eine um 19,3 Millionen Dollar erhöhte staatliche Finanzierung erhalten. Die SRS-Mittelzuweisung pro Schüler wird bis zum Jahr 2027 von heute 4.527 Dollar auf 6.849 Dollar erhöht, ein Anstieg von 50% in einem Jahrzehnt!

Ein ganz anderes Bild ergibt sich für die öffentliche Girraween-Schule, nur 15 Autominuten von der King’s entfernt. In dieser Schule, wie in unzähligen anderen in Australien, mangelt es an den elementarsten Einrichtungen – vom neuesten Stand der Technik, wie ihn die Kinder der Superreichen an der King’s genießen, ganz zu schweigen.

Die öffentliche Girraween-Schule wird hauptsächlich von Kindern der örtlichen Arbeiterfamilien besucht, ihre Schüler kommen zu 93 Prozent aus nicht-Englisch-sprachigem Hintergrund. Hier ist die Schülerzahl in die Höhe geschossen, eine direkte Folge des Versagens der Regierung, wegen des Bevölkerungswachstums mehr Schulen zu bauen. Im Ergebnis hat Girraween nun mobile Bauten für 29 Klassen auf einem Gelände aufgestellt, das früher für Spiele und zur Erholung der Schüler diente. Sie verfügt über nur 16 Klassenräume im Schulgebäude. Es gibt also kaum noch Platz zum Spielen, und die Schüler unterschiedlicher Jahrgänge nutzen nun staffelweise die Pausen und Mittagszeiten, damit sie auf den Hof Platz finden.

Die Anmeldezahlen haben sich seit 2010 fast verdoppelt, ungefähr elfhundert Schüler besuchen jetzt die Schule. Doch wurde in diesem Zeitraum keine einzige neue Toilette installiert, ganz abgesehen von anderen dringend benötigten Ausrüstungen.

Die australische Bildungsgewerkschaft (AEU) gab im vergangenen Jahr eine Pressemitteilung heraus, in der sie dreist behauptete, dass die staatliche Girraween-Schule als eine der vielen „benachteiligten Schulen in New South Wales“ von ‚Gonski‘ profitiere. Nachdem sie berichtet hatte, dass die Schule 2015 unter ‚Gonski‘ Extrazuschüsse von lächerlichen 784.000 Dollar erhalten habe, rühmte die AEU Bundesvorsitzende Corinna Haythorpe, dass „‚Gonski‘ mehr Mittel in die Schulen leitet, die den größten Bedarf haben – diejenigen, die unsere am stärksten benachteiligten Schüler unterrichten“.

Diese völlig falsche Darstellung drückt die ganze Gleichgültigkeit und Verachtung der Gewerkschaftsbürokratie und des politischen Establishments gegenüber Schülern aus der Arbeiterklasse an staatlichen Schulen aus, gegenüber ihrem Recht auf eine hochwertige staatliche Bildung mit allen erforderlichen Ressourcen. Sie zeigt, dass die Gewerkschaft bei der Verschleierung der sozial rückschrittlichen Agenda, die dem Modell zugrunde liegt, eine entscheidende Rolle spielt.

Was es eigentlich geben sollte – und die Mittel dafür sind vorhanden – ist ein einheitliches Bildungssystem, das jedem Schüler im Land die Qualität und die reichhaltigen Möglichkeiten bietet, die gegenwärtig an der King’s, Knox, Kambala, Geelong Grammar oder irgendeiner anderen privaten Eliteschule zu finden sind. Mit anderen Worten, jeder Schüler, egal, ob aus einer Großstadt, Kleinstadt oder einer abgelegenen Gegend, hat ein Recht darauf, sein Potential maximal zu entwickeln – geistig, körperlich, kulturell und künstlerisch. Darüber hinaus sollte jeder – Kind, Teenager, Erwachsener und älterer Mitbürger – das Recht darauf haben, lebenslang das öffentliche Bildungssystem im gewünschten Ausmaß zu nutzen.

Solch eine Transformation der Bildungsangebote erfordert jedoch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft durch die Errichtung einer Arbeiterregierung, die ein sozialistisches und internationales Programm verwirklicht. Das würde die Überführung der der Banken, großen Konzerne und Betriebe in öffentliches Eigentum unter Kontrolle der Arbeiterklasse bedeuten, damit den gesellschaftlichen Bedürfnissen der Mehrheit Vorrang vor dem parasitären Reichtum der wenigen Privilegierten eingeräumt wird.

Wer dem zustimmt, sollten sich dem Committee For Public Education (‚Komitee für öffentliche Bildung‘) anschließen, das vor kurzem von der Socialist Equality Party ins Leben gerufen wurde, um für diese Perspektive zu kämpfen.

Ende der zweiteiligen Serie

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