Rumänische Ford-Arbeiter leisten Widerstand gegen erpresserischen Tarifvertrag

Von Jerry White und Eric London
5. Januar 2018

Zu Beginn des neuen Jahres versucht der Autokonzern Ford einen Tarifvertrag mit zweijähriger Laufzeit gegen die 4.200 Beschäftigten im rumänischen Craiova durchzusetzen. Die Arbeiter, die im dortigen Ford-Werk beschäftigt sind, kehrten aus der Weihnachtspause jedoch in rebellischer Stimmung zurück. Dem Autoarbeiter-Newsletter der WSWS wurde berichtet, dass die Arbeit vereinzelt stockte. Im Werk herrsche eine wachsende Entschlossenheit, dem Unternehmen kollektiv Widerstand zu leisten, hieß es.

Am 21. Dezember hatten etwa 1.000 Arbeiter in Craiova im Südosten Rumäniens einen wilden Streik begonnen, nachdem die Gewerkschaft Sindicatul Ford Automobile Craiova einen Deal mit dem Autokonzern unterschrieben hatte, der massive Angriffe auf die Arbeiter beinhaltet. Mit der Vereinbarung werden die Gehälter der langjährig Beschäftigten eingefroren und die Löhne der neu eingestellten Arbeiter auf einen Betrag abgesenkt, der noch unter dem Mindestlohn liegt. In einigen Fällen erhalten die neuen Beschäftigten nicht mehr als 300 Euro im Monat. Gleichzeitig werden die Zulagen für Überstunden gekürzt und „flexible“ Schichtpläne eingeführt, die immer dann greifen sollen, wenn „betriebliche Erfordernisse es nötig machen“.

Der Autoriese mit Sitz in den USA, dessen Gewinne sich auf 16,3 Milliarden Dollar im Jahr 2016 und auf 9,4 Milliarden in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres beliefen, kaufte der rumänischen Regierung im Jahr 2008 das Werk in Craiova ab, das zuvor der koreanischen Marke Daewoo gehörte. Die Löhne in Rumänien betragen oftmals nur zwei Euro pro Stunde und machen damit weniger als 15 Prozent der durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in der deutschen Autoindustrie aus. Die Arbeiter in Craiova fertigen den Kompakt-SUV EcoSport größtenteils für den westeuropäischen Markt. In der Grundausstattung kostet das Modell 14.000€ und damit viermal so viel, wie ein neu eingestellter Arbeiter in Rumänien im Jahr verdient.

Die Arbeiter haben sich den Erpressungsversuchen des Managements entgegengestellt. Der Vorstand hatte damit gedroht, Pläne für die Fertigung eines zweiten Modells einzustampfen und sie praktisch auf die Straße zu werfen, wenn sie sich den Forderungen des Unternehmens nicht fügen.

Sollten die Beschäftigten die Vereinbarung zurückweisen, so die Drohung aus der Führungsetage, werde Ford sie nicht für die hohen Einbußen entschädigen, mit denen die Arbeiter im neuen Jahr durch die Steuererhöhung der rumänischen Regierung konfrontiert sind. Die sozialdemokratische Regierung hat mit dem entsprechenden Gesetz den Arbeitgeberanteil an den Kosten für Gesundheitsversorgung und andere Sozialleistungen praktisch abgeschafft und diese den Beschäftigten aufgebürdet.

Wenn Ford sich weigert, einen Teil der gewaltigen Rücklagen des Unternehmens an die Arbeiter abzuführen, wären diese praktisch mit einer 25-prozentigen Lohnkürzung konfrontiert. Arbeiter und ihre Familien wären damit dem Hunger ausgesetzt.

Laut den Angaben eines Arbeiters in Craiova, der mit dem Autoarbeiter-Newsletter der WSWS in Kontakt steht, beläuft sich der Unterschied zwischen Annahme und Ablehnung der Vereinbarung auf 800 rumänische Lei (171,43 Euro) im Monat. „Wir würden dann 1900 Lei (407 Euro) bekommen, aber nur 1100 (236 Euro), wenn wir den Deal nicht akzeptieren.“ Doch im Fall der sogenannten Lohnerhöhung, die nur aus Zulagen und nicht aus einer Anhebung des Grundgehalts bestehen würde, kann von „Erhöhung“ nicht die Rede sein, da die „zusätzlichen“ 800 Lei für Sozialabgaben von den Gehaltsschecks der Beschäftigten abgezogen werden.

Nun da sich die Beschäftigten der Vereinbarung standhaft widersetzen, schlug das Management in dieser Woche weniger aggressive Töne an. Der Vorstand besteht jedoch weiterhin darauf, dass der neue Vertrag in Kraft treten wird, auch wenn sich die Beschäftigten dem widersetzen. „Wir alle stehen vor Herausforderungen“, sagte der Vorsitzende von Ford Rumänien, John Oldham, am Mittwoch in einer offiziellen Erklärung, „aber ich möchte, dass Sie wissen, dass sich das Ford Management-Team einer starken Zukunft für das Werk in Craiova weiterhin verpflichtet fühlt. Es ist wichtig, zusammenzustehen und wie EIN TEAM zu handeln, damit wir auch weiterhin zeigen können, dass das Werk in Craiova eines der besten Werke von Ford Europa ist.“

Er bestand aber darauf, dass das Management trotzdem entschieden habe, „alle Maßnahmen so umzusetzen, wie sie am 20. Dezember 2017 ausgehandelt wurden.“ Der Vorsitzende versprach Lohnerhöhungen für alle Beschäftigten als Ergebnis einer „Übertragung von Beitragsleistungen vom Arbeitgeber zu den Arbeitnehmern.“ Er versprach Lohnerhöhungen für neu eingestellte Arbeiter und eine Erhöhung für andere Beschäftigte in sechs Monaten, so wie sie „in den Vereinbarungen der Verhandlungskommission ausgehandelt wurden.“ In einem Anflug von gespielter Großzügigkeit fügte Oldham hinzu, dass der Wert von Essensgutscheinen in diesem Monat um 64 Cent angehoben würde. Er schloss seine Bemerkungen, indem er den Beschäftigten und ihren Familien auf beleidigende Weise ein „frohes und finanziell erfolgreiches neues Jahr“ wünschte.

Da die Wut einen Siedepunkt erreicht hat, versuchen die Gewerkschaftsbürokraten sich von der Vereinbarung zu distanzieren. In einer Erklärung, die von der Gewerkschaft in dieser Woche ohne Unterschrift an die Arbeiter herausgegeben und von diesen an die WSWS weitergeleitet wurde, schreibt die Gewerkschaft: „Nach den heutigen Diskussionen mit dem Vorstand sind die Verhandlungen über den CCM [Tarifvertrag] aus Sicht der Gewerkschaft und entgegen den Informationen, die ihr vom Vorstand erhalten habt, noch nicht abgeschlossen. Der CCM für die Jahre 2018-2019 wurde nicht unterschrieben.“

Erklärung der unternehmensfreundlichen Gewerkschaft

Arbeiter sollten „Ergänzungen zu ihrem Individuellen Arbeitsvertrag (CIM)“ nicht unterschreiben, erklärte die Gewerkschaft. Dadurch würden sie sich implizit mit dem Angebot des Arbeitgebers einverstanden erklären. Die Gewerkschaft werde „rechtliche Schritte zum Abschluss eines CCM [einleiten], auf den sich alle Mitglieder einigen.“ In einem Versuch, ihre Glaubwürdigkeit bei den Arbeitern wiederherzustellen, behaupteten die Gewerkschaftsführer, ihre Unterschriften unter dem Vertrag seien gefälscht worden.

Während die Details noch unklar sind, informierten Arbeiter den Autoarbeiter-Newsletter, dass der nationale Gewerkschaftsbund in die Verhandlungen über einen neuen Vertrag eintreten würde. Die Beschäftigten reagierten mit großer Skepsis. „Alle sind unzufrieden“, erklärte ein Ford-Arbeiter gegenüber dem Newsletter. „Wir sagen alle, dass wir den Vertrag nicht unterschreiben werden, aber Ford versucht, uns zu erpressen, und hat mit einer Klage gegen die Gewerkschaft gedroht, wenn sie den Deal nicht anerkennt. Die Gewerkschaft hat die Verhandlungen heute, unterstützt von Anwälten, wieder aufgenommen.“

Er fügte hinzu: „Die Arbeiter werden heftig unter Druck gesetzt. Ihnen wurde gesagt, dass man ihnen Geld wegnehmen werde, wenn sie sich nicht mit dem Vorschlag von Ford einverstanden erklären. Alle sind wütend, aber auch verwirrt. Ford, die Gewerkschaft und die rumänische Regierung haben uns getäuscht. Im Moment scheint die Gewerkschaft auf unserer Seite zu stehen, aber man hat uns schon so oft für dumm verkauft. Wir wissen nicht, wem wir vertrauen können.“

Arbeiter im Werk haben die Artikel der World Socialist Web Site über ihren Kampf untereinander geteilt. „Immer mehr Leute haben damit angefangen, eure Artikel zu verbreiten“, erklärte der Arbeiter und fügte hinzu, dass der Aufruf des Newsletters, Arbeiter zur Verteidigung ihres Kampfs international zu mobilisieren, großes Interesse hervorgerufen habe.

Er beschrieb die Lebensbedingungen in dem verarmten Land und sagte: „Wir arbeiten, um Steuern zu bezahlen. In den Krankenhäusern brechen Seuchen aus. Wenn du ins Krankenhaus kommst, musst du alles bezahlen, was für die Behandlung nötig ist. Wenn du operiert wirst, musst du Medikamente und alles andere selbst bezahlen. Viele Fabriken sind geschlossen worden, ganze Industriezweige wurden zerstört und sie zwingen uns dazu, den Mindestlohn zu akzeptieren.“

Lange Zeit wurde Osteuropa als billige Werkbank und als Druckmittel benutzt, um Arbeiter im Westen zu Zugeständnissen zu zwingen. Im letzten Jahr kam es dann zu einer wachsenden Welle militanter Streiks, beispielsweise von Fiat-Arbeitern in Serbien und bei VW-Arbeitern in der Slowakei.

Außerhalb der WSWS wurde praktisch eine Nachrichtensperre zum Arbeitskampf in Rumänien verhängt. Die Presseabteilung der Ford-Zentrale in Detroit meldete sich auf eine Anfrage der WSWS zu der Auseinandersetzung nicht zurück. Weder die IG Metall in Deutschland noch die Gewerkschaft United Auto Workers in den USA haben irgendeine Erklärung abgegeben.

Das letzte, was die nationalistischen und wirtschaftsfreundlichen Gewerkschaften wollen, ist ein gemeinsamer Kampf gegen ihre „Partner“ in der Wirtschaft. Letztere haben damit begonnen, die von der Gewerkschaft unterstützten Zugeständnisse, die zu Rekordprofiten geführt haben, zu revidieren. Darüber hinaus blähten sie die Aktienportfolios und Bankkonten des Gewerkschaftsapparats auf.

Die Bedingungen zur Vereinigung des Kampfs der Autoarbeiter waren indessen noch nie so günstig. In Deutschland fordern 3,9 Millionen Arbeiter aus der Auto- und Stahlindustrie sowie aus dem Maschinenbau während der laufenden Tarifverhandlungen mit Nachdruck Lohnverbesserungen und kürzere Arbeitszeiten, während hunderte Beschäftigte von VW und Porsche in dieser Woche an einzelnen Streiks und Demonstrationen teilnehmen. In Frankreich stehen Autoarbeiter im Kampf gegen die Macron-Regierung, die ihre neuen Arbeitsmarkt-„Reformen“ dazu nutzt, Massenentlassungen nach amerikanischem Vorbild und Gelegenheitsarbeit bei PSA und anderen Konzernen durchzusetzen.

Autoarbeiter auf der ganzen Welt müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen und dazu Fabrikkomitees aufbauen. Sie müssen ihre Kämpfe gegen die global organisierten Unternehmen und gegen das internationale kapitalistische System untereinander koordinieren.

Diese Schlussfolgerung ziehen immer mehr Arbeiter. In einem Kommentar, den er an seine Klassenbrüder und -schwestern in Rumänien richtete, erklärte ein Arbeiter des Ford-Fertigungswerks in Chicago: „Kämpft für das, was euch zusteht, nicht für das, was sie euch geben wollen. Die Ausreden des Unternehmens und der Gewerkschaft sind immer die selben. Sie mögen nicht die gleiche Sprache sprechen und es mag an verschiedenen Orten leicht variieren, aber am Ende ist es die gleiche Ausrede.“

„Sie sagen: ,Wir – das Unternehmen und die Gewerkschaften – wollen mehr, viel mehr, für weniger. Wir – die Unternehmen und die Gewerkschaften – nehmen uns alle Gewinne, während du, der Arbeiter, leiden musst.' Das Unternehmen und die Gewerkschaft sind immer die Gewinner und die Verliererin ist immer die Arbeiterklasse. Die Dinge müssen sich ändern“, erklärte er gegenüber dem Newsletter.

„Wir müssen die selbe Strategie gegen die Unternehmen anwenden, die sie sie gegen uns anwenden. Wir müssen global werden. Eine globale Arbeiterklasse, die vereint für das kämpft, was uns zusteht. Die Unternehmen sind global geworden und spielen die Arbeiter eines Landes gegen die Arbeiter eines anderen Landes aus. Die einzige Antwort darauf ist die globale Vereinigung der Arbeiterklasse. Wir können es uns nicht mehr länger erlauben, über uns selbst als isolierte Gruppe in einem bestimmten Land nachzudenken. Wir müssen global denken und global kämpfen.“

Abonniert die Autoarbeiter Info

Auto-Arbeiter brauchen neue Organisationen zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze und Löhne! Beteiligt euch am Aufbau von Aktionskomitees, unabhängig von der IG Metall! Abonniert kostenlos die regelmäßige Autoarbeiter Info.