Loveparade-Prozess: Das Leid der Opfer und Hinterbliebenen

Von Konrad Kreft
17. Januar 2018

Seit Anfang Dezember letzten Jahres findet in der Messehalle Düsseldorf der Loveparade-Prozess statt. Am Donnerstag vergangener Woche begannen die ersten Zeugenaussagen der Opfer und ihrer Angehörigen. Die traumatischen, in Todesangst durchgemachten Erlebnisse hinterließen zahllose schmerzende Spuren in der Psyche der Menschen, die sie unentwegt verfolgen.

Am 24. Juli 2010 wraen bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen gestorben und über 600 verletzt worden, als im Gedränge eine Massenpanik ausgebrochen war. Sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent sind wegen fahrlässiger Tötung und fährlässiger Körperverletzung angeklagt. Bis Ende 2018 sind offiziell 111 Verhandlungstage angesetzt.

Von den politisch Verantwortlichen für die Katastrophe sitzt indessen niemand auf der Anklagebank. Das betrifft vor allem den ehemaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU), sein Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe (CDU) und den McFit- und Lopavent-Besitzer Rainer Schaller. Sie hatten die Veranstaltung gegen alle Hindernisse durchgesetzt.

Der Umzug des Gerichts von Duisburg nach Düsseldorf wurde mit Platzerfordernissen begründet. Im Verhandlungssaal in der Düsseldorfer Messehalle wurden 120 Plätze für Nebenkläger und Anwälte eingerichtet sowie etwa 320 Sitzmöglichkeiten für Zuschauer und die Presse. Die Medien berichten ausführlich über den Prozess. Auf drei großen Leinwänden können die anwesenden Zuschauer Aussagen und die Verhandlung verfolgen, Mikrofone fangen alles Gesprochene ein.

Über den Auftakt hat die WSWS bereits berichtet. Die ersten Verhandlungstage sahen eine Flut von Anträgen der Verteidigung, die von Kritik an der Auswahl der Strafkammer bis hin zur Forderung einer Einstellung reichten. Allgemein wurde dies als eine Verschleppungstaktik der Verteidigung angesehen, da bereits im Juli 2020 die Verjährung der Vorwürfe eintritt. Alle diese Anträge wurden vom Richter abgelehnt.

Die erste Zeugin, die 31-jährige Auszubildende Rosalinda B., erinnert sich mit gebrochener Stimme, dass sie den Kontakt zu ihrer Schwester verlor, mit der sie die Loveparade besucht hatte. Plötzlich fand sie sich in einem immer weiter zunehmenden Gedränge wieder.

„Ich konnte keinen einzigen Schritt mehr zurück oder vorgehen“, erzählt sie. „Ich habe mich gefühlt wie in einer Sardinenbüchse und habe keine Luft mehr bekommen.“ Als sie zusammen mit anderen Menschen eine Treppe hochgedrückt wurde, stürzte sie. Weil sich immer mehr Leute über sie hinweg drängelten und auf sie stürzten, konnte sie sich nicht aufrichten, ebenso wie ein junges Mädchen, das neben ihr lag. Es war vor Angst und Bestürzung in Tränen ausgebrochen und rief um Hilfe. Es war die Stelle, an der später die meisten Leichen gefunden wurden. Rosalinda plagen Schuldgefühle: „Ich konnte nicht helfen, ich konnte mich nicht bewegen. Ich weiß nicht, ob das Mädchen noch lebt. Ich fühle mich schuldig.“

Anschließend wurde Rosalinda B. ohnmächtig und wachte erst Stunden später auf der Intensivstation eines Krankenhauses auf. Fragen des Richters zu genaueren Zeitangaben kann Rosalinda B. nicht beantworten, da sie „jegliches Zeitgefühl“ für diesen Tag verloren hat.

Bis heute hat sie unregelmäßig wiederkehrende Atemnot, wenn sie durch eine zufällige sinnliche Wahrnehmung an die Ereignisse erinnert wird. Ihre damalige Ausbildung zur Frisörin musste sie abbrechen. Sie verbrachte sieben Wochen in einer psychosomatischen Klinik, zog von Duisburg nach Kaiserslautern, und wieder zurück, da dies nichts half, und blieb bis 2017 arbeitsunfähig. Wegen der jungen Frau, die neben ihr lag, und der sie nicht helfen konnte, verfolgen sie Schuldgefühle.

Als zweiter Zeuge spricht der 34-jährige Lehrer Manfred B. aus dem Raum Stuttgart, der im Juli 2010 noch Student war und bei der Loveparade zuschauen wollte. Er hatte sich am Unglückstag wenige Meter von Rosalinda B. befunden und mit seinem Handy die Ereignisse gefilmt, damit „Beweismittel“ vorhanden sind, wie er sagte.

Sein Film wird auf den großen Leinwänden im Saal vorgeführt. Auf den Bildern ist zu sehen, wie ohnmächtig gewordene Menschen über die Köpfe hinweg weitergereicht werden. Außer den schockierenden Bildern der einander erdrückenden Massen haben vor allem die Schreie und verzweifelten Hilferufe der in dem „Labyrinth der Absperrzäune“ eingeschlossenen Menschen eine beklemmende Wirkung auf die Zuschauer im Gerichtssaal. „Ich hatte Glück, weil ich recht groß bin, die Kleineren hatten sichtbar Probleme“, sagte Manfred B. Er hatte damals versucht, mit Mund-zu-Mund-Beatmung zwei der Opfer wiederzubeleben, doch ohne Erfolg.

Die seelische Verarbeitung der traumatischen Ereignisse ist für die überlebenden Opfer und die Hinterbliebenen der zumeist sehr jungen Toten ohne professionelle Hilfe nicht möglich. Die Bilder und die Schreie, die den Zuschauern im Film vorgeführt wurden, haben sich den Opfern ins Gedächtnis eingebrannt und sie werden sie nicht mehr los.

Mehrere Betroffene haben sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen, um besser zurechtzukommen. Viele von ihnen sind seit Jahren arbeitsunfähig, konnten häufig ihre Beziehungen nicht aufrechterhalten, leben abgeschieden und werden wegen posttraumatischen Störungen von Psychologen behandelt.

Die Deutsche Welle führte im Jahr 2015 ein Interview mit einem Rettungssanitäter, der im Juli 2010 privat bei der Loveparade war und während der Katastrophe Ohnmächtige versorgte. Ein junges Mädchen starb in seinen Armen. Er hat sich von den Erlebnissen nicht mehr erholt und seine Arbeitsstelle verloren, da die Zulassungsbehörde „die Gefahr eines Rückfalls in die psychische Krise und des Versagens in einer Notfallsituation“ als zu groß einschätzte. Infolge seiner Arbeitslosigkeit verlor er seine Wohnung und seine Frau.

„In den ersten drei Jahren war ich kurz davor, mir das Leben zu nehmen“, sagte er. Dank des Trostes, den ihm die Eltern des verstorbenen Mädchens spendeten, war er in der Lage sich wieder zu fangen.

Im Jahr 2014 meldete der Selbsthilfeverein LoPa-2010 in Duisburg, dass mindestens sechs der Überlebenden mit ihren psychischen Problemen nicht fertig wurden und sich das Leben genommen haben.

Dutzende private Klagen von Opfern, die Entschädigungen für das ihnen zugefügte Leid haben wollten, wurden abgewiesen. Angesichts der großen medialen Aufmerksamkeit, den der Düsseldorfer Prozess jetzt erhält, hat das Land Nordrhein-Westfalen beschlossen, in diesem Jahr 300.000 Euro an Landesmitteln an die Stiftung „Duisburg 24.07.2010“ zu überweisen. Damit sollen Angehörige „während des Verfahrens“ psychologisch versorgt werden.

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