Zehn Jahre nach dem Finanzcrash

Wall Street Profite steigen um 13 Prozent, Löhne der Arbeiter stagnieren

Von Barry Grey
22. September 2018

Der Rechnungshofs des Bundesstaates New York berichtete am Montag, dass die Profite und Einkommen von Wertpapierhändlern an der Wall Street im vergangenen Jahr im zweistelligen Prozentbereich in die Höhe geschnellt sind. 2018 setzten sie ihren spektakulären Anstieg fort. Schon vorherige Finanzberichte haben gezeigt, dass die Konzentration des Reichtums an der obersten Spitze der Gesellschaft zehn Jahre nach dem Wall Street Crash vom September 2008 weiter zunimmt.

Rechnungsprüfer Thomas P. DiNapoli verkündete bei der Bekanntgabe des Berichts stolz: „Die Wall Street hat jedes Jahr seit dem Ende der Rezession 2009 profitiert. Im vergangenen Jahr erreichten die Einkommen seit der Finanzkrise ihren Höhepunkt.“

Der durchschnittliche Bonus eines Aktienhändlers und Spekulanten stieg in New York City im vergangenen Jahr um 17 Prozent auf 184.220 Dollar und damit auf den höchsten Wert seit zehn Jahren. Das durchschnittliche Gehalt inklusive Bonus stieg um 13 Prozent auf 422.500 Dollar, was ebenfalls der höchste Wert seit 2008 ist. Diese Zahlen platzieren diese Personen eindeutig in der Einkommensgruppe des obersten Prozents in Amerika. Sie verdienen fünfeinhalb mal mehr als die übrigen privatwirtschaftlich Beschäftigten in New York City.

Die Vorsteuerprofite im Wertpapierhandel beliefen sich 2017 auf 24,5 Milliarden Dollar, dem höchsten Wert seit 2010. Das ist gegenüber 2016 ein Anstieg von 42 Prozent, im Zeitraum davor lag die Steigerung bei 21 Prozent. In der ersten Hälfte 2018 beliefen sich die Profite auf 13,7 Milliarden Dollar - ein Anstieg von elf Prozent und wiederum der höchste Wert seit 2010.

Nach der Krise, die durch die kriminellen Machenschaften von Wall Street Bankern, Finanzoligarchen und Spekulanten ausgelöst wurde, inszenierten Republikaner und Demokraten (Bush, Obama und Trump) eine sogenannte „Erholung“. Es handelte sich um einen systematischen Versuch, die Wirtschaft zugunsten der Finanzoligarchie und auf Kosten der Arbeiterklasse umzustrukturieren.

In enormem Ausmaß wurde Vermögen von der Arbeiterklasse zu den Reichen und die Superreichen umgeleitet. Auf diese Weise hat die Finanzelite die Verluste, die sie durch den globalen Zusammenbruch erlitten hatte, nicht nur vollständig wieder wettgemacht, sondern ihr Vermögen sogar enorm vergrößert. 2008 besaßen die 400 reichsten Personen in Amerika netto 1,5 Billionen Dollar. Diese Zahl hat sich seitdem auf fast drei Billionen Dollar erhöht.

Vor zehn Jahren besaß der Amazon CEO Jeff Bezos 8,7 Milliarden Dollar. Heute sind es 160 Milliarden Dollar, d. h. 18mal so viel.

Die Löhne der Arbeiter sind in diesem Zeitraum stagniert oder gesunken. Von 2016 bis 2017 stieg der Lohn eines typischen amerikanischen Arbeiters um unbedeutende 0,3 Prozent. Dieses Jahr halten die Löhne kaum mit der Inflation Schritt. Einem Bericht des Economic Policy Institute (Instituts für Wirtschaftspolitik) vom vergangenen Monat zufolge stieg die durchschnittliche Entlohnung eines Vorstandmitglieds der 350 größten amerikanischen Konzerne von 2016 bis 2017 um nicht weniger als 17,6 Prozent. Der typische Vorstandsvorsitzende erhielt im Jahr 18,9 Millionen Dollar.

Der durchschnittliche Vorstandsvorsitzende in den USA verdient heute 312mal so viel wie der typische Arbeiter. In den 1960er Jahren war es noch 20mal so viel. Das heißt, dass ein CEO durchschnittlich an einem Tag fast so viel verdient wie ein Arbeiter im ganzen Jahr.

Diese enorme Umleitung von Reichtum und Besitz auf die Bankkonten einer parasitären Elite hat schwerwiegende Folgen für die Menschen. Die Lebenserwartung nimmt in den USA heute ab. Kinder- und Müttersterblichkeit nehmen zu. Drogenmissbrauch und Selbstmorde stehen auf einem Rekordniveau. Schwere Stürme zerstören regelmäßig ganze Regionen. Die Infrastruktur befindet sich in einem beklagenswerten Zustand. Millionen Arbeiter sind gezwungen, zwei oder drei Arbeitsplätze zu haben und oft Teilzeit- oder Zeitarbeitjobs anzunehmen.

Arbeiter sind immer häufiger mit brutalen Ausbeutungsbedingungen wie bei Amazon konfrontiert, die seit dem Crash von 2008 enorm zugenommen haben. Systematisch werden gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze zerstört. Im Amerika des Jahres 2018 gibt es das Phänomen der obdachlosen Amazon-Arbeiter.

Die Zunahme sozialer Ungleichheit ist das Ergebnis eines parteiübergreifenden Angriffs auf die Arbeiterklasse. Die Umverteilung der Vermögen wurde unter der Obama-Regierung enorm beschleunigt. Diese hatte auf den Finanzkrach von 2008 mit politischen Maßnahmen reagiert, die im Endergebnis zur größten Umverteilung von Vermögen von den untersten Schichten der Gesellschaft zu den obersten Schichten führte.

Zu den bekanntesten Maßnahmen gehörten die mehrere Billionen Dollar teure Bankenrettung, die Nullzinspolitik und das Gelddruckprogramm mit der Bezeichnung „quantitative Lockerung“. Mit diesen Maßnahmen wurden Billionen in die Finanzmärkte gepumpt. Den Banken und Hedgefonds wurde kostenloses Geld hinterher geworfen. Mit diesem Geld konnten sie neue spekulative Operationen umsetzen, die 2008 den Finanzzusammenbruch und die Große Rezession verursacht hatten.

Die Inflation der Aktienpreise und anderer Finanzwerte wurde durch die Unterdrückung des Klassenkampfs und den Druck auf die Arbeitslöhne durch die Gewerkschaften ermöglicht. Die Gewerkschaften unterdrückten nach dem Wall Street-Crash praktisch alle Streiks. Lohnsenkungen und die Zunahme von schlecht bezahlten Jobs und Teilzeitarbeitsplätzen haben die soziale Lage der Arbeiterklasse dramatisch verschlechtert. Das ging einher mit Kürzungen bei der Krankenversorgung, den Renten, den Bildungsausgaben, einer Verschlechterung der Wohnraumversorgung, der Kürzung von Lebensmittelbeihilfen und anderen wichtigen Sozialprogrammen.

Die Selbstbereicherungorgie der Finanzoligarchie hat sich unter der Trump-Regierung mit den Billionen schweren Steuersenkungen für Konzerne und Reiche fortgesetzt und verschärft. Trumps Steuersenkungen haben eine neue Runde von Firmenzusammenschlüssen und Aufkäufen, Aktienrückkäufen und Dividendenzahlungen ausgelöst, die den Reichtum der CEOs und Investoren bis Ende 2018 um ca. 2,5 Billionen Dollar vermehren werden.

Obama schützte die Banker, deren betrügerische Aktivitäten zu der Großen Rezession geführt hatten. 2011 erstellte ein Senatsausschuss einen 650 Seiten starken Bericht über den Wall Street-Crash, der die kriminellen Praktiken großer Banken und ihre Zusammenarbeit mit Rating-Agenturen und Regulierern der Regierung bei diesen Machenschaften dokumentierte. Der Vorsitzende des Ausschusses Carl Levin sagte auf einer Pressekonferenz, die Senatoren hätten „eine Schlangengrube an Gier, Interessenkonflikten und Fehlverhalten aufgedeckt“.

Der Bericht war allerdings ab dem Tag seiner Veröffentlichung ein Papiertiger. Nicht ein einziger Banker wurde wegen Fehlverhaltens angeklagt, geschweige denn verurteilt. Stattdessen wurden sie immer reicher. Die Vorstandsvorsitzenden von JPMorgan Chase Jamie Dimon und Lloyd Blankfein von Goldman Sachs wurden Milliardäre, obwohl sie eine entscheidende Rollen bei der Schaffung des Sub Prime Schneeballsystems gespielt und sich dann 2008 an seinem Zusammenbruch bereichert hatten

Die Vereinigten Staaten werden von einer Wirtschafts- und Finanzoligarchie regiert, die beide großen kapitalistischen Parteien und alle offiziellen Institutionen, den Kongress, die Gerichte, die Wissenschaft und die Medien beherrscht. Dieses Jahr erleben wir erste Anzeichen für ein Wiederaufleben des Klassenkampfs und eine Zunahme von anti-kapitalistischen und pro-sozialistischen Stimmungen in der Arbeiterklasse in den USA und weltweit.

Die Reaktion der herrschenden Klasse darauf hat zwei Aspekte. Erstens greift sie auf autoritäre Herrschaftsformen zurück. Das zeigt sich an Trumps faschistoiden Angriffen auf Einwanderer und der Ermutigung extrem rechter politischer Kräfte. Die Demokraten wiederum preisen das FBI, die CIA und das Militär als angebliche Alternative zu Trump. In dem politischen Krieg, der im amerikanischen Staatsapparat wütet, gibt es auf keiner Seite einen demokratischen oder fortschrittlichen Inhalt. Beide Seiten befürworten Krieg, sind anti-demokratisch und arbeiterfeindlich.

Die Demokraten lehnen Trump ab, weil er angeblich nicht entschieden genug gegen Russland vorgeht und den amerikanischen Krieg in Syrien nicht entschlossen vorantreibt. Sie haben zig ehemalige CIA-Agenten und Militärs bei den Zwischenwahlen als Kandidaten aufgestellt. Ihre Helden sind der Ex-CIA-Direktor und Erfinder des Drohnenkriegs John Brennan und der verstorbene Kriegstreiber John McCain. Sie stehen an der Spitze der Kampagne für die Zensur linker und Anti-Kriegs-Webseiten im Internet im Namen des Kampfs gegen russische „Einmischung“ und „Fake News“.

Das andere Vorgehen der herrschenden Klasse gegen die wachsende Militanz und anti-kapitalistische Stimmungen in der Arbeiterklasse zeigt sich in den falschen „Progressiven” und „Sozialisten” sowie Organisationen wie den Demokratischen Sozialisten von Amerika (DSA). Diese arbeiten mit den Demokraten zusammen und versuchen den Widerstand der Arbeiterklasse auf die Mühlen dieser Partei des amerikanischen Imperialismus zu leiten.

Die Alternative für Arbeiter und Jugendliche ist die Socialist Equality Party. Sie kämpft dafür, die Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms gegen das kapitalistische Zwei-Parteien-System zu mobilisieren. Der Wahlkampf des SEP-Kandidaten Niles Niemuth für einen Sitz im Kongress zielt darauf ab, den Widerstand der Arbeiterklasse auszuweiten und mit einem unabhängigen, revolutionären Programm auszustatten. Arbeiter und Jugendliche: Unterstützt den Wahlkampf und werdet Mitglied der SEP!

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