Streikende Hotelangestellte erhalten fast keine Unterstützung

Das Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft der amerikanischen Gewerkschaften

17. Oktober 2018

Mehr als 7.000 Arbeiter in den Hotels von Marriott International streiken derzeit in acht US-Städten. Die Angestellten im Zimmerservice, in der Gastronomie und anderswo verdienen oftmals nur 11 Dollar pro Stunde oder noch weniger. Sie kämpfen für höhere Löhne, einen Zuschuss zur Krankenversicherung und bessere Arbeitsbedingungen in der größten Hotelkette der Welt.

Die streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter wurden von der Gewerkschaft UNITE HERE auf Hungerstreikrationen gesetzt. Außerdem arbeitet die Gewerkschaft daran, die einzelnen Kämpfe zu isolieren und einer Niederlage zuzuführen. Nach einer Woche erhielten die Streikenden magere 300 Dollar Streikgeld, das entspricht 60 Dollar pro Arbeitstag – und dies auch nur, wenn sie mindestens 30 Stunden an den Streikposten gestanden hatten.

Die UNITE HERE-Webseite auf Hawaii weist die Arbeiterinnen und Arbeiter darauf hin, dass es an der Zeit ist, „mit einfachen Mitteln zu wirtschaften und Wege zu finden, um das Wesentliche abzudecken“ sowie „Familie und Freunde um emotionale und/oder finanzielle Unterstützung zu bitten“. Zudem heißt es, die Beschäftigten sollten „Geld sparen, indem sie etwas verkaufen oder auf Dinge verzichten, die nicht wesentlich sind“. Die Gewerkschaft stellt einen Musterbrief zur Verfügung, den die Beschäftigten an Gläubiger schicken können, um Unterbrechungen in der Strom- und Wasserversorgung oder den Verlust ihrer Autos oder Häuser zu verhindern.

Diese weisen Worte über die Vorzüge der Sparsamkeit kommen von einer Organisation, die massive Investitionen tätig und von Individuen geleitet wird, die mit ihrem Einkommen unter den Top 5 Prozent der amerikanischen Bevölkerung liegen. Laut öffentlich einsehbaren Zahlen erhielt UNITE HERE-Vorsitzende Donald R. Taylor im vergangenen Jahr 362.034 Dollar an Einkommen. Damit befindet er sich im obersten Prozent der individuellen Einkommensbezieher in den USA, wenn man die Zahlen des Wall Street Journal zugrunde legt.

Die Schatzmeisterin der Gewerkschaft Gwendolyn Mills verdiente 194.762 Dollar (damit unter den Top 2 Prozent), und die 50 leitenden Geschäftsführer der Gewerkschaft erhielten 188.337 Dollar (Top 3 Prozent) aus.

Diese Führungskräfte betreuen große Wirtschaftsunternehmen. Im Jahr 2016 kontrollierte UNITE HERE Vermögenswerte im Wert von über 150 Millionen US-Dollar, einschließlich marktgängiger Wertpapiere und anderer Investitionen in Höhe von 77,2 Millionen US-Dollar.

Noch aufschlussreicher sind die Ausgaben für das Jahr. Im Jahr 2016 wurden 95,5 Millionen Dollar verausgabt, darunter:

Im Vergleich dazu beliefen sich die Ausgaben für Streiks auf 772.000 US-Dollar oder 0,8 Prozent der gesamten Ausgaben für das Jahr.

Und das sind nur die nationalen Zahlen. UNITE HERE Los Angeles zum Beispiel gab 2016 18,8 Millionen Dollar aus – und dabei 0 Dollar für Streikgelder. UNITE HERE Detroit gab 3,8 Millionen Dollar aus – ebenfalls 0 Dollar für Streikgelder.

Aus der Sicht des Personals, das diese Organisationen kontrolliert, und ihrer Armee an Anwälten und Buchhaltern ist jeder Streik ein Verlust an Ressourcen. Es ist ein unerwünschter Ausgabeposten, egal wie gering er ist, denn die darauf verwendeten Gelder belasten die Gesamtbilanz und nehmen Geld direkt aus ihren eigenen Taschen.

Und UNITE HERE steht damit nicht alleine dar. Es gibt in den USA insgesamt 189.217 Gewerkschaftsfunktionäre und Mitarbeiter mit einer ausgewiesenen Gesamtvergütung von 3,6 Milliarden US-Dollar. Die Arbeiter zahlen 8,5 Milliarden Dollar an jährlichen Beiträgen, die oft automatisch von ihren Gehaltsschecks abgezogen werden, für das Privileg, von diesen Unternehmen verkauft zu werden.

Die Zahl der Beschäftigten in den Gewerkschaften ist stetig gesunken auf aktuell 14,8 Millionen, darunter 7,6 Millionen im privaten Sektor (nur 6,6 Prozent der Beschäftigten). Das Vermögen der Gewerkschaften und das Einkommen der Führungskräfte sind jedoch in die entgegengesetzte Richtung gegangen.

So verfügt beispielsweise die American Federation of Teachers, die zusammen mit der National Education Association in diesem Jahr daran gearbeitet hat, Streiks von Lehrern zu isolieren und zu unterdrücken, über 129 Millionen Dollar an Vermögenswerten, darüber hinaus kontrollieren sie etwa eine Billion Dollar an Pensionsfonds, die in Hedgefonds und den Aktienmarkt investiert sind.

Die AFT gab 2017 341 Millionen US-Dollar aus, darunter:

Die bestbezahlten Führungskräfte der AFT sind:

Alle drei befinden sich im obersten Prozent der Einkommensbezieher. Die AFT zählt fast 30 Mitarbeiter, die mehr als 200.000 Dollar pro Jahr verdienen, und weit über 200, die mehr als 100.000 Dollar pro Jahr verdienen. Gleichzeitig übernehmen Lehrer Nebenjobs als Uber-Fahrer, um über die Runden zu kommen.

Die Teamster-Transportarbeitergewerkschaft, die kürzlich mit UPS abschloss, obwohl die Arbeiter mehrheitlich mit „Nein“ gestimmt hatten, verfügen über ein Vermögen von rund 270 Millionen Dollar. Im Jahr 2015 wurden 190 Millionen US-Dollar ausgegeben, darunter weniger als 1 Million US-Dollar für Streikleistungen. Zu den am besten bezahlten Funktionären gehören der Vorsitzende James P. Hoffa (387.244 Dollar Einkommen), Schatzmeister Richard Hall (281.845 Dollar Einkommen) und der stellvertretende Vorsitzende Sean O'Brien (302.442 Dollar Einkommen). Hoffa befindet sich im obersten Prozent, während Hall und O'Brien „nur“ unter den obersten zwei Prozent der Einkommensbezieher sind.

Die Bezahlung bei einigen der weniger bekannten Gewerkschaften ist noch höher. Terrence O'Sullivan, Vorsitzender der Laborers' International Union of North America, hat ein Einkommen von 772.105 Dollar. In der International Brotherhood of Boilermakers hatte der Vorsitzende Newton Jones im Jahr 2017 ein Einkommen von 692.279 Dollar, und die nächsten sechs Funktionsträger erhielten zwischen 456.707 und 572.710 Dollar.

Darüber hinaus handeln die Gewerkschaften mit Hypotheken, Kreditkarten, sind beteiligt an Wohnungsbauinvestitionen, Baugewerbe und andere Unternehmen. Die Gewerkschaftsführer leiten aus diesen Unternehmen lukrative Einkommens- und Investitionsmöglichkeiten ab und haben einen direkten Anteil an der anhaltenden Inflation an der Börse. Die Börsenwerte verhalten sich umgekehrt proportional zum jahrzehntelangen Rückgang der Löhne und des Lebensstandards von Arbeitnehmern in den USA, und gerade die Gewerkschaften haben als Unternehmen von ihnen profitiert.

Nach Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in diesen Positionen, sind diese Geschäftsführer und andere Funktionäre in den Gewerkschaften zweifellos Millionäre und Multimillionäre.

Früher hieß es, dass die Gewerkschaften von einer „Arbeiterbürokratie“ geleitet wurden. Diesen Begriff zur Beschreibung der aktuellen Situation zu verwenden, bedeutet, die Realität zu verschleiern. Diese Führungskräfte stellen keine „Bürokratie“ dar, die in einem gewissen Verhältnis zu den Bedingungen der Arbeitnehmer steht, die sie angeblich vertreten. Vielmehr sind sie Unternehmensleiter und Führungskräfte, die Billigarbeiter und eine Industriepolizei beaufsichtigen.

Ebenso ist der Begriff „Trade Union“ (Gewerkschaft) so etwas wie ein historischer Anachronismus. Diese Organisationen sind nicht an der „Vereinigung“ (gemäß dem engl. Wort „Union“) von Arbeitnehmern beteiligt. Sie dienen vielmehr dazu, die Arbeiter voneinander zu trennen und einen Kampf gegen die Diktatur der Unternehmensführung zu verhindern. In den letzten vier Jahrzehnten haben sie daran gearbeitet, die elementare Widerstandsform der Arbeiterklasse - den Streik - praktisch zu beseitigen. Sie haben ein persönliches Interesse daran, den Klassenkampf zu verhindern und das kapitalistische System vor einer revolutionären Herausforderung durch die Arbeiterklasse zu schützen.

Wer die Gewerkschaften als „defensive Organisationen der Arbeiterklasse“ verteidigt, will die Interessen der Arbeiter den Bedürfnissen der oberen Mittelschicht und der herrschenden Klasse unterordnen. Alle Appelle an die Arbeitnehmer, die Gewerkschaften zu „reformieren“, sind zwangsläufig mit der Hoffnung verbunden, dass solche „Reformen“ mit lukrativen Posten innerhalb des Managementapparates verbunden sind.

Die Arbeiterklasse in den USA und auf der ganzen Welt tritt in den Kampf gegen die massive Ungleichheit und soziale Krise, zu deren Entstehung diese Organisationen beigetragen haben. Dieser Kampf und seine Entwicklung zu einer gemeinsamen Offensive gegen das kapitalistische System erfordert die Bildung neuer Organisationen, einschließlich Fabrik- und Betriebskomitees. Millionen von Arbeitnehmern beginnen, diese Schlussfolgerung zu ziehen.

Jerry White

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